mini|hochkant=1.4|Synagoge Worms, Teil des UNESCO-Welterbes SchUM (innen, um 2016) mini|hochkant=1.4|Heiliger Sand in Worms, Teil des UNESCO-Welterbes SchUM
Als SchUM (auch SCHUM, ) wird der Verbund bezeichnet, den die jüdischen Gemeinden der oberrheinischen Städte Speyer, Worms und Mainz im Mittelalter bildeten. In hebräischen Quellen werden diese seit dem 12. Jahrhundert als Kehillot (= Gemeinden) Spira, Warmaisa, Magenza oder auch als „die Heiligen Gemeinden“ benannt.
SchUM mit Mainz als Muttergemeinde wurde zu einem besonderen Bund, der seine herausragende Stellung in Aschkenas (= Deutschland) durchaus betonte. Der Verbund beeinflusste die Architektur von Synagogen und Mikwaot (Mikwen); prägte zutiefst Kultur, religiöse Strömungen und die halachische Rechtsprechung der mittel- und osteuropäischen jüdischen Diaspora. Bis heute zeugen Synagogen, jüdische Friedhöfe und Ritualbäder gemeinsam mit der religiösen Überlieferung von der immensen Bedeutung der SchUM-Städte. Das Ansehen der Gemeinden ist seit dem Mittelalter in der jüdischen Welt ungebrochen.
Die Bedeutung und Erhabenheit der mittelalterlichen Gemeinden in SchUM spiegelt sich heute wider in den archäologisch nachgewiesenen oder wiederaufgebauten Bauten sowie in den nach wie vor praktizierten religionspraktischen Überlieferungen.
Das jüdische Erbe in diesen Städten am Rhein ist einzigartig, weltweit bekannt und lebendiger Bestandteil des aschkenasischen Judentums: Seit dem 27. Juli 2021 sind die SchUM-Stätten von Speyer, Worms und Mainz eingeschriebenes UNESCO-Weltkulturerbe. Der Monumentenantrag berücksichtigte zwar auch das geistige Erbe, dieses ist jedoch nicht ausschlaggebend gewesen für die Einschreibung.
Baulich zählen zu diesem UNESCO-Welterbe in Speyer als Ensemble das Gemeindezentrum Judenhof mit Mikwe, Synagoge, Frauenschul, Synagogenhof und archäologischer Jeschiwa; in Worms das Ensemble Gemeindezentrum Synagogenbezirk mit Synagoge, Frauenschul, Judenratsstube mit Vorhalle zur Frauenschul, „Raschi-Jeschiwa“, Synagogenhof, Mikwe und den mittelalterlichem Fundamenten des einstigen Gemeindehauses (heute Raschi-Haus mit Jüdischem Museum, Stadtarchiv sowie Unterer Denkmalpflege), sowie der alte jüdische Friedhof „Heiliger Sand“. In Mainz ist es der alte jüdische Friedhof „auf dem Judensand“ mit dem einzigartigen Denkmalfriedhof.
Um diesem Erbe weltweit Anerkennung zu verleihen, engagierte sich das Land Rheinland-Pfalz seit 2004 gemeinsam mit den drei Städten und den jüdischen Gemeinden in Mainz und Speyer sowie dem Landesverband der Jüdischen Gemeinden Rheinland-Pfalz und dem SchUM-Städte e. V. dafür, dass die SchUM-Stätten am 27. Juli 2021 zum UNESCO-Weltkulturerbe ernannt werden konnten.Andreas Landwehr: SchUM-Städte werden Weltkulturerbe. UNESCO erklärt Zeugnisse jüdischen Lebens zur 50. Welterbestätte in Deutschland. In: Jüdische Allgemeine. 27. Juli 2021, abgerufen am 16. September 2022.
Wortbedeutung Das Wort SchUM ist ein Akronym aus den hebräischen Anfangsbuchstaben der im Mittelalter in der hebräischen Sprache verwandten Namen der drei Städte: Schin (Sch ש) für Schpira (Speyer), Waw (U ו) für Warmaisa (Worms) und Mem (M מ) für Magenza (Mainz).
Geschichte Mittelalter Entstehung mini|Raschi-Skulptur vor der Synagoge Worms
Seit dem 10. Jahrhundert bildeten sich am Rhein jüdische Gemeinden; in Mainz Mitte des 10. Jahrhunderts, in Worms um 1000 und in Speyer spätestens 1084. Diese jüdischen Gemeinden (Kehillot) entstanden vermutlich durch die Ansiedlung jüdischer Fernhändler aus Italien und Frankreich, die enge Verbindungen zueinander unterhielten. Zu ihnen gehörten u. a. Mitglieder der bedeutenden italienischen Familie der Kalonymiden, die zu den Gründungsmitgliedern der Gemeinden in Mainz und Speyer und später zu den führenden jüdischen Familien entlang des Rheins zählten. Auch religiöse Gelehrte ließen sich früh in den Rheinstädten nieder. Bereits Anfang des 11. Jahrhunderts stand der aus Metz stammende Gelehrte Gerschom ben Jehuda (geb. um 960 in Metz, gest. 1028 oder 1040 in Mainz) einer Talmudakademie vor, die als religiöses und geistliches Zentrum in Aschkenas galt. Als Die Weisen von Speyer wird eine Gruppe der zehn berühmtesten Gelehrten der Talmudschule in Speyer bezeichnet, die 1084 im Jahr der Ansiedlung der Jüdischen Gemeinde Speyer durch Bischof Rüdiger Huzmann mitbegründet wurde. Zu ihnen gehört Samuel ben Qalonymus he-Chasid.
Die engen Verbindungen der drei Gemeinden untereinander führten zu einem regen intellektuellen Austausch und so entwickelten sich die SchUM-Städte zur Wiege des aschkenasischen Judentums. Aus allen Teilen Europas kamen Studenten, um bei den Gelehrten aus SchUM zu lernen. Es wurden Religionsgesetze formuliert, die teilweise bis heute im Judentum verbindlich sind, etwa das Verbot der Vielehe.
Einer der berühmtesten Gelehrten, die in SchUM studierten, Schlomo ben Jizchak, genannt Raschi, kam aus Frankreich nach Worms und Mainz. Ruhm erlangte er vor allem mit seinen Kommentaren zur hebräischen Bibel (Tanach) und zum babylonischen Talmud. Raschis Kommentare sind in nahezu jeder gedruckten hebräischen Bibel zu finden.Joseph Jacobs, Morris Liber, M. Seligsohn: Rashi (Solomon Bar Isaac). In: JewishEncyclopedia.com, 2019, (englisch).Artikel: Rashi. In: Encyclopaedia Judaica. 2. Auflage. Band 17, S. 101–106. Der Ruhm vor allem des jüdischen Worms geht wesentlich auf Raschi und seinen Kommentar zurück, obgleich er dort nur wenige Jahre verbrachte.
„Aus Worms leuchtete einst ein hehres Licht Israels, der grosse Lehrer der Thora – Rasi, dessen Wort unvergänglich bleibt, solange sich das Judentum für Gottes Wort bekennt, solange Juden auf der Erde vor Gottes Antlitz stehen werden.“Brief des Ungarisch-Jüdischen Landesmuseums an das Präsidium der Israelitischen Kultusgemeinde in Worms, 24. Juni 1934, in: Stadtarchiv Worms.
Versammlungen der SchUM-Gemeinden Ein Mittel der Kommunikation der führenden Personen der SchUM waren Versammlungen, in denen gemeinsame Angelegenheiten besprochen wurden. Quellenmäßig belegt sind Versammlungen 1120Rainer Josef Barzen (Hrsg.): Taqqanot Qehillot Šum. Die Rechtssatzungen der jüdischen Gemeinden Mainz, Worms und Speyer im hohen und späten Mittelalter (= Monumenta Germaniae Historica. Hebräische Texte aus dem mittelalterlichen Deutschland, Band 2). 2 Bände. Harrassowitz, Wiesbaden 2019, ISBN 978-3-447-10076-2, S. 45–47. – außer den Vertretern der SchUM-Gemeinden waren auch Mitglieder der Gemeinden Köln, Boppard und Hornbach anwesend. 1160Barzen: Taqqanot Qehillot Šum, S. 47–51. und zwischen 1165 und 1197.Barzen: Taqqanot Qehillot Šum, S. 51. Eine weitere, in der älteren Literatur für 1196 angenommene, Versammlung beruht auf einem Fehler in der Lesung der Quelle.Barzen: Taqqanot Qehillot Šum, S. 58. 1220Barzen: Taqqanot Qehillot Šum, S. 141 ff. in Mainz, 1223Barzen: Taqqanot Qehillot Šum, S. 159 ff., zwischen 1286 und 1291Die Versammlung beriet in erster Linie über die exorbitanten Lösegeldforderungen König Rudolfs I. zur Freilassung Meir von Rothenburgs, wobei auch Teilnehmer, die nicht zu den SchUM-Gemeinden gehörten, anwesend waren. Es ist deshalb unsicher, ob die Versammlung hier eingereiht werden soll (Barzen: Taqqanot Qehillot Šum, S. 71 f.)., ca. 1300 in WormsBarzen: Taqqanot Qehillot Šum, S. 69., 1306/07 in WormsOb die Versammlung der „Medinath Worms“ eine Versammlung der drei Gemeinden war, ist unklar. Sie vollzieht aber eine Erneuerung der Taqqanot (Barzen: Taqqanot Qehillot Šum, S. 73). und 1381.Barzen: Taqqanot Qehillot Šum, S. 75–79.
Anzunehmen sind weitere Versammlungen, zu denen Quellen aber nicht mehr existieren.
Taqqanot Qehillot SchUM Diese Versammlungen wurden auch dazu genutzt, eine gemeinsame Rechtsgrundlage zu schaffen. Ergebnis war in mehreren Redaktionsdurchgängen, die mit der Versammlung 1220 begannen, eine gemeinsame Sammlung von Taqqanot („Rechtssatzungen“), die die Gemeinden für sich als verbindlich erklärten.
Auf dem Gebiet des jüdischen Rechts übernahmen die Kehillot SchUM damit eine Vorreiterrolle im europäischen Judentum. Die Taqqanot Qehillot Šum sind die umfangreichste Sammlung jüdischer Gemeindesatzungen aus dem aschkenasischen Mittelalter. Jedes Gemeindemitglied musste die Rechtsgültigkeit unter Androhung des Banns anerkennen. Die Taqqanot Qehillot Šum trugen wegen der daran beteiligten großen Gelehrten dazu bei, dass das rheinische Judentum für seine Schriften zur Rechtsprechung berühmt wurde und bis heute mit jüdischer Gelehrsamkeit verknüpft wird. Bis heute findet sich auch auf jeder aschkenasischen Ketubba (Ehevertrag) ein Verweis auf die Taqqanot Qehillot Šum.
Verfolgungen und Zerstörungen Die SchUM-Gemeinden am Rhein wurden wiederholt Ziele von Gewalt, Pogromen und völliger Zerstörung.
Im Umfeld des ersten Kreuzzugs kam es zu einem „Volkskreuzzug“: Menschen aus Westeuropa – vor allem aus verarmten Unterschichten – sahen das als Chance, eine Alternative aus ihrer hoffnungslosen Lebenssituation in einer seit 1090 anhaltenden Hungerperiode zu finden.Eva Haverkamp (Hrsg.): Hebräische Berichte über Judenverfolgungen während des Ersten Kreuzzuges = Monumenta Germaniae Historica: Hebräische Texte aus dem mittelalterlichen Deutschland 1: Hebräische Berichte über die Judenverfolgungen während des Ersten Kreuzzugs. Hahnsche Buchhandlung, Hannover 2005. ISBN 3-7752-1301-5, S. 4. Bereits im April 1096 bildete sich daraus ungeplant eine Massenbewegung, die eigenständig nach Jerusalem aufbrechen wollte, sich zunächst aber mordend und plündernd gegen die jüdischen Gemeinden im Rheintal, angrenzenden Gebieten und entlang der Donau wandte. Diese Serie von Pogromen 1096 haben in der jüdischen Erinnerung als „Geserot Tatnu“ sowie in mittelalterlichen liturgischen Dichtungen tiefe Spuren hinterlassen.
Am 3. Mai 1096 zog der Mob durch Speyer. 11 Menschen starben.
Während es dem Bischof in Speyer gelang, die Jüdische Gemeinde Speyer größtenteils zu schützen, entglitt die Lage in Worms und Mainz der Obrigkeit völlig und jeweils mehrere hundert Juden wurden ermordet.
In Mainz erlitten die Juden am 27. und 28. Mai 1096 das gleiche Schicksal. Auch diese Gemeinde wurde völlig ausgelöscht. Zwar kehrten die ersten Juden bereits 1097 nach Mainz zurück, doch erreichte die Mainzer Gemeinde nie wieder den herausragenden Status wie vor den Massakern.
Mit den folgenden Kreuzzügen kam es erneut zu Pogromen und Zerstörungen in den SchUM-Städten, wenn auch in geringerem Umfang. Bekannt ist insbesondere der Überfall auf die Familie des Wormser Gelehrten Eleasar ben Juda ben Kalonymos („Rokeach“) im Jahr 1196, dem seine Frau und seine beiden Töchter zum Opfer fielen, worüber Eleasar selbst einen Bericht und ein poetisches Klagelied verfasste. Berühmt ist das darin enthaltene Lob auf seine Frau Dulza.
Im Zuge der Judenverfolgungen zur Zeit des Schwarzen Todes zwischen 1348 und 1351, angefeuert von der judenfeindlichen Beschuldigung der Brunnenvergiftung, kam es am 30. Januar 1349 in Worms zu gewaltsamen Ausschreitungen. Der Synagogenbezirk samt Judengasse wurde in Brand gesteckt und rund 400 Juden erschlagen. Bei den Pestpogromen in Mainz und Speyer wurden auch die dortigen jüdischen Gemeinden völlig zerstört. Somit endete Mitte des 14. Jahrhunderts die Blütezeit des SchUM-Verbundes.
Juden kehrten zwar zu unterschiedlichen Zeiten in alle drei Städte zurück und belebten die Gemeinden neu. Doch von Worms abgesehen war die Kontinuität von Lehren und Lernen sowie die Bedeutung für und in Aschkenas gebrochen.
Spätmittelalter und Frühe Neuzeit