mini|hochkant=1.5|Die Piazza Mercatello in Neapel während der Pest von 1656, Gemälde von Domenico Gargiulo Die Geschichte der Pest umfasst vor allem die Ursachen und Folgen der historischen Pest-Seuchen. Die großen Seuchenzüge der Pest durchliefen von der Bronzezeit bis zum Ende des 19. Jahrhunderts weite Landstriche und sind ein zentrales Thema der Medizingeschichte. Ihre Erforschung in der Epidemiologie ermöglichte der Medizin (im engeren Sinne der Inneren Medizin und des Spezialgebietes Infektologie/Infektiologie) große Behandlungsfortschritte. Die Seuchen haben nicht selten die politische Landschaft verändert.

Geschichte

Vorgeschichtliche Pest Die ältesten Nachweise von Yersinia pestis stammen aus bis zu 5000 Jahre alten Skeletten aus der pontischen Steppe.Simon Rasmussen et al.: Early Divergent Strains of Yersinia pestis in Eurasia 5,000 Years Ago. In: Cell. Band 163, Nr. 3, 2015, S. 571–582, doi:10.1016/j.cell.2015.10.009Pest erreichte schon in der Steinzeit Mitteleuropa und Teile Deutschlands. Max-Planck-Institut für Menschheitsgeschichte, 22. November 2017 shh.mpg.de Die Pest betraf bereits steinzeitliche Gesellschaften, ihr Erreger ließ sich in einem Zeitraum „von vor 4800 bis etwa vor 3800 Jahren in Skeletten aus ganz Europa nachweisen“. Er war allerdings noch nicht vollständig identisch mit dem Erreger der spätantiken und mittelalterlichen Beulenpest, da ihm einige die Virulenz steigernde Gene – welche späteren Erregerstämmen ermöglichen sollten, im Magen von Flöhen zu überdauern – noch fehlten. Denkbar könnte dennoch sein, dass diese frühe Pest bereits starke demographische Auswirkungen auf die damaligen neolithischen, kupferzeitlichen und frühbronzezeitlichen Gesellschaften hatte, möglicherweise als Infektion über die Atemwege, die auf Populationen mit genetisch unterschiedlich ausgeprägter Empfindlichkeit gegenüber dem Erreger stieß.

Antike bis Frühmittelalter Die meisten Forscher nahmen bis zu Beginn des 21. Jahrhunderts an, dass es sich bei den im Altertum im Mittelmeerraum auftretenden Seuchen vor 541 nicht um die Pest handelte. 2011 konnte erstmals das Genom eines Pesterregers von 1349 vollständig rekonstruiert werden. Die von menschlichen Überresten eines Londoner Pestfriedhofs stammenden genetischen Informationen zeigten, dass dieser mittelalterliche Peststamm Vorläufer aller heute noch vorkommenden Pestbakterien ist. Die Forscher schließen daraus, dass der Ursprung der Pest in Ostasien im 13. Jahrhundert liegt. Der erste sicher belegte Ausbruch der Seuche, die Justinianische Pest, ist hingegen von einer im 8. Jahrhundert ausgestorbenen Variante des Pesterregers verursacht worden.Genom des Schwarzen Todes vollständig rekonstruiert. (PDF; 861 kB) Universität Tübingen, Pressemitteilung, 12. Oktober 2011. A draft genome of Yersinia pestis from victims of the Black Death, doi:10.1038/nature10549David M. Wagner et al.: Yersinia pestis and the Plague of Justinian 541–543 AD: a genomic analysis. In: The Lancet. Infectious Diseases. Band 14, Nr. 4, 2014, S. 319–326.

Im Alten Ägypten Vom Ausbruch großer Seuchen wird bereits in der Bibel berichtet: Eine „Pest“ gehört zu den Plagen, die Ägypten vor dem Auszug der Israeliten heimsuchen , wobei sie an dieser Stelle ausschließlich Vieh befällt, und sie löst auch das Massensterben der Philister aus, die sich der jüdischen Bundeslade bemächtigt hatten .Henrike Frey-Anthes: Krankheit und Heilung (AT). In: Das Wissenschaftliche Bibellexikon im Internet (wibilex.de), 2007, Abschnitt 6.1; bibelwissenschaft.de abgerufen am 7. Januar 2014.

Kleinasien, Osteuropa bis Altai Im späten 14. Jahrhundert v. Chr. wütete im Hethiter-Reich eine Seuche, die nach damaligen Schriftdokumenten mindestens 20 Jahre anhielt und der u. a. der Großkönig Šuppiluliuma I., sein Nachfolger Arnuwanda I. sowie dessen Sohn und vorgesehener Thronfolger erlagen. Auch unter dem nächsten Großkönig Muršili II. hielt diese Seuche noch jahrelang an, wie aus den erhaltenen Pestgebeten hervorgeht, in denen Muršili die Götter anfleht, der Pest doch endlich ein Ende zu bereiten.Abgedruckt sind die Pestgebete u. a. in TUAT II S. 803ff., 808ff. Aus den Texten geht hervor, dass der König die Seuche als Strafe der Götter für frühere Verfehlungen ansieht. Daher versucht er, von seinen Vorgängern begangenes Unrecht zu sühnen, begreift im Laufe der Zeit aber immer weniger, weswegen die Seuche trotzdem anhält und warum die Strafe der Götter dermaßen hart ausfällt.

Diese Pest ist aber nur ein Ausläufer der bronzezeitlichen Pest, die sich paläogenetisch in zahlreichen Gräbern zwischen Osteuropa und dem Altai nachweisen lässt. Allerdings war der Erreger noch nicht an die vergleichsweise effiziente Übertragung durch den Rattenfloh angepasst, und auch die Symptomatik dürfte noch anders ausgesehen haben.Marcel Keller: Den Seuchen auf der Spur, in: Archäologie in Deutschland 02 | 2017, S. 28 f.

In Griechenland mini|hochkant=1.4|Apollo und Artemis schießen Pestpfeile auf die Kinder der Niobe. Gemälde von Abraham Bloemaert.

In der griechischen Mythologie wurde die Pest durch göttliche Pestpfeile verursacht. So sandte Apollo vor Troja die Pest ins Lager der Griechen. Dass der Pfeil mit der Pest in Verbindung gebracht wurde, führte dazu, dass der Hl. Sebastian zum Pestheiligen erklärt wurde.

Auch Hippokrates (etwa 460–370 v. Chr.) hat wohl, wie aus den hippokratischen Schriften hervorgeht, die Pestplage in Griechenland gesehen.Georg Sticker: Hippokrates, Der Volkskrankheiten erstes und drittes Buch (um das Jahr 434–430 v. Chr.). Aus dem Griechischen übersetzt, eingeleitet und erläutert. Verlag von Johann Ambrosius Barth, Leipzig 1923 (= Klassiker der Medizin. Band 28), S. 104. Eine in den Jahren 430 bis 426 v. Chr. in Athen wütende Epidemie zieht seit vielen Jahren das Interesse von Historikern und Medizinern auf sich. Unter anderem wird sie als Attische Seuche und – in einer missverständlichen Übertragung des lateinischen pestis (Seuche) – auch als „die Pest des Thukydides“ bezeichnet. Viele Wissenschaftler unterstellten lange Zeit, dass es sich entweder um die Pest selbst oder um die Pocken handelte. Dass diese Seuche durch Pesterreger ausgelöst wurde, wird heute jedoch stark bezweifelt, da Thukydides die typischen Charakteristika wie Pestbeulen und schwärzliche Flecken auf der Haut nicht beschrieb. Nachdem die geschilderten Symptome in ihrer Gesamtheit auf keine heute bekannte Krankheit passen, werden von Historikern und Medizinern seit langer Zeit auch andere Erreger – inzwischen insgesamt 29 – als mögliche Auslöser diskutiert.

Bei neuen Grabungen 1994/95 unter der Leitung des Archäologen Effie Baziotopoulou-Valavani und der nachfolgenden Untersuchung durch Manolis Papagrigorakis und Mitarbeiter wurde 2005 mittels DNA-Untersuchungen der Erreger Salmonella enterica serovar Typhi identifiziert.

Welche Ursache die Seuche auch immer hatte – in Athen führte die Epidemie zu einem dramatischen Bevölkerungsrückgang und zum Zusammenbruch des sozialen Gefüges mit fatalen wirtschaftlichen Konsequenzen und einem militärischen und politischen Niedergang – durchaus vergleichbar mit den Auswirkungen späterer, eindeutig belegter Pestepidemien.

Im Römischen Reich Das Römische Reich wurde mehrfach von großen Epidemien getroffen. Als erste große Epidemie gilt die sogenannte Antoninische Pest zur Zeit des Kaisers Mark Aurel (161–180), die nach 165 von den aus einem Feldzug gegen das Partherreich zurückkehrenden Soldaten verbreitet wurde. Ob es sich bei dieser Epidemie um die Pest handelte, ist allerdings unklar und gilt als unwahrscheinlich. Seuchenzüge mit tiefgreifenden Auswirkungen auf das Römische Reich traten insbesondere in der Zeit zwischen 250 (Cyprianische Pest) und 650 n. Chr. auf.

Die sogenannte Justinianische Pest zur Zeit des oströmischen Kaisers Justinian (527–565), die 542 in Konstantinopel wütete, trug möglicherweise zum Misserfolg der Restauratio imperii bei und gilt als die größte antike Pestepidemie Europas bzw. erste Pestpandemie. Wie 2013 nachgewiesen werden konnte, war die eigentliche Pest an dieser Pandemie zumindest prominent beteiligt: Dies war das erste Auftreten der Krankheit in Europa. Sie brach zunächst 541 in Ägypten aus, von wo aus sie sich rasant im ganzen Mittelmeergebiet und sogar bis nach Irland ausbreitete.Perry RD, Fetherston JD. Yersinia pestis – Etiologic Agent of Plague. Clin Microbiol Rev. 1997 Ob die Seuche tatsächlich aus Indien eingeschleppt wurde, wie man früher meist annahm, oder eher nilabwärts aus Subsahara-Afrika nach Ägypten gelangt war, ist heute umstritten.

Anhand der detaillierten Schilderungen des spätantiken griechischen Historikers Prokopios sowie aufgrund von DNA-Untersuchungen bei Gräbern des 6. Jahrhunderts, die Hinweise auf den Pesterreger lieferten, konnte inzwischen nachgewiesen werden, dass es sich bei dieser Seuche tatsächlich um die Beulenpest handelte, die aber möglicherweise zusammen mit anderen Krankheiten auftrat. So zeigte Anfang 2013 eine an verschiedenen Labors parallel durchgeführte internationale Studie unter der Leitung von Michaela Harbeck und Holger C. Scholz anhand von DNA-Material aus Gräbern aus Aschheim, die eindeutig in das spätere 6. Jahrhundert datiert werden können, dass tatsächlich ein Erreger vom Stamm Yersinia pestis an der Justinianischen Pest beteiligt war.Yersinia pestis DNA from Skeletal Remains from the 6th Century AD Reveals Insights into Justinianic Plague Nach Prokopios starb ein Viertel der Einwohner von Konstantinopel in den Jahren 541 und 542.William Bernstein: A Splendid Exchange – How Trade shaped the World. Atlantic Books, London 2009, ISBN 978-1-84354-803-4, S. 136. 544 ließ Justinian, der eine eigene Erkrankung überlebt hatte, das Ende der Pestepidemie verkünden. Diese brach jedoch 557 erneut aus, kehrte im Jahre 570 nochmals wieder und trat bis zur Mitte des 8. Jahrhunderts in etwa zwölfjährigem Rhythmus immer wieder in Erscheinung. In der Folge der Pest und ihrer weitreichenden Auswirkungen auf die Bevölkerungszahlen entstand im Mittelmeerraum und Nahen Osten nach Ansicht einiger Gelehrter ein geopolitisches Machtvakuum. Auch Persien war laut dem Bericht des Prokopios von der Pest stark betroffen. Mehrere Forscher betonen aber, dass die tatsächlichen demographischen Auswirkungen der Seuche aufgrund der problematischen Quellenlage kaum abzuschätzen seien. Dass die Krankheit Ostrom und Persien entscheidend schwächte, kann bislang zumindest nicht belegt werden.

636 unterlagen die Römer den Arabern in der Schlacht am Jarmuk; Anfang 638 siegten muslimische Heere über die Perser in der Schlacht von Kadesia und besetzten anschließend Mesopotamien.William Bernstein: A Splendid Exchange – How Trade shaped the World. Atlantic Books, London 2009, ISBN 978-1-84354-803-4, S. 137. Ob die Pest an dieser Entwicklung einen Anteil hatte, wie immer wieder vermutet wird, ist allerdings schwer zu belegen und eher unwahrscheinlich (nach Ansicht vieler Historiker war von größerer Bedeutung für die Siege der Araber der Umstand, dass sich Ostrom und Persien seit 540 in jahrzehntelangen Kriegen gegeneinander aufgerieben hatten). Die Seuche fand ihre Opfer jedenfalls auch in islamischen Heeren. Einem Pestausbruch in Syrien fielen beispielsweise angeblich über 25.000 muslimische Soldaten zum Opfer.William Bernstein: A Splendid Exchange – How Trade shaped the World. Atlantic Books, London 2009, ISBN 978-1-84354-803-4, S. 138. Die Zahl der Opfer war im Oströmischen Reich und in Persien jedoch vermutlich höher gewesen als auf der Arabischen Halbinsel mit ihrer ganz anderen Siedlungsstruktur.