Die Kathedrale der Unbefleckten Empfängnis der Heiligen Jungfrau Maria (/Sobor Neporotschnowo Satschatija Preswjatoj Dewy Marii, im Volksmund auch einfach Костёл/Kostjol oder Кирха/Kircha – „die katholische Kirche“) ist eine neugotische Kirche im Zentrum Moskaus und die Kathedrale des Erzbistums Mutter Gottes von Moskau. Sie ist eine von zurzeit nur zwei geöffneten katholischen Kirchen in Moskau und die größte katholische Kathedrale in ganz Russland.

Erbaut 1911 nach einem Entwurf von Tomasz Bohdanowicz-Dworzecki als Filialkirche der polnischen Gemeinde, wurde die Kirche 1938 von der kommunistischen Regierung geschlossen, umgebaut und fast 60 Jahre lang für profane Zwecke genutzt. Erst 1996 wurde sie nach jahrelangen Verhandlungen wieder ihrer religiösen Bestimmung als Kirche übergeben und nach einer umfassenden Renovierung 2001 neu geweiht. Den Status einer Kathedrale erhielt sie 2002.

In der Kathedrale finden regelmäßige Gottesdienste auf Russisch, Polnisch, Koreanisch, Englisch, Französisch, Spanisch, Armenisch und Latein sowie Wohltätigkeitskonzerte der Orgel- und Kirchenmusik statt. Der Kathedrale angeschlossen ist eine Bibliothek, die Hauptredaktion der russischen katholischen Zeitschrift „Der katholische Bote – das Licht des Evangeliums“ (russ. „Католический вестник — Свет Евангелия“) sowie das Büro des örtlichen Caritasverbandes.

Die Kathedrale ist in die Liste des Kulturerbes der Russischen Föderation eingetragen und steht unter Denkmalschutz.

Geschichte Vorgeschichte und erste Bauperiode mini|Der veröffentlichte Entwurf des Architekten Tomasz Bohdanowicz-Dworzecki.

Ende des 19. Jahrhunderts gab es in Moskau nur zwei katholische Kirchen: die Kirche des Heiligen Ludwig der französischen und die Peter-und-Paul-Kirche der polnischen Gemeinde. Letztere war auf rund 30.000 Mitglieder angewachsen, und die kleine Kirche reichte bei weitem nicht aus. 1894 beschloss der Gemeinderat, eine neue Kirche zu errichten und reichte eine entsprechende Petition beim Generalgouverneur Moskaus ein. Die Erlaubnis wurde erteilt, allerdings unter der Auflage, „das Bauwerk weit vom Stadtzentrum und nicht in unmittelbarer Nähe von besonders verehrten orthodoxen Heiligtümern zu errichten“. Am 16. Mai 1895 kaufte die Gemeinde ein zehn Hektar großes Grundstück in der Malaja-Grusinskaja-Straße, das diese Auflage erfüllte. Damals lag das Grundstück noch ganz am Stadtrand und war von Feldern und Gemüsegärten umgeben. Heute liegt es, stark verkleinert und von Hochhäusern umringt, mitten in der Millionenstadt im Zentralen Verwaltungsbezirk und nur knapp außerhalb der „Ringlinie“ der Metro, die das Stadtzentrum umschließt. Das Grundstück kostete seinerzeit 10.000 Rubel in Gold (entspricht nach damaliger Kaufkraft heute etwa 200.000 Euro), der Kauf wurde durch Spenden finanziert. In den Stadtarchiven Moskaus und Sankt Petersburgs sind der Kaufvertrag und die vollständigen Listen aller Spender bis heute erhalten geblieben.

Eine weitere Auflage der Stadt lautete: „Angesichts der beiden vorhandenen römisch-katholischen Kirchen soll die neu zu errichtende ein vergleichsweise großes Gebetshaus darstellen. Mit einem Kreuze auf dem Giebel, doch ohne Türme und Außenskulpturen“. Der vom russischen Architekten polnischer Abstammung Tomasz Bohdanowicz-Dworzecki vorgelegte Entwurf entsprach zwar nicht der letzten Bedingung, wurde aber angenommen. Der Entwurf sah Platz für bis zu 5000 Gläubige vor.

mini|Die Kirche kurz nach ihrer Eröffnung 1911. Die Fialen der Fassade wurden erst später errichtet.

Die Grundsteinlegung fand 1899 statt, doch die eigentlichen Bauarbeiten wurden erst 1901 aufgenommen und dauerten bis 1911. Der Bau kostete 290.000 Rubel in Gold (entspricht heute etwa 5.800.000 Euro). Ein Großteil der Gelder wurde von der polnischen Gemeinde selbst zusammengetragen. Weitere Spenden kamen von katholischen Gemeinden im ganzen Russischen Reich.

Am 21. Dezember 1911 (dem 8. Dezember des julianischen Kalenders, auf den ihr Patronatsfest fiele, wenn es nach diesem gefeiert würde) wurde die Kirche geweiht. Sie erhielt den Namen „Kirche der Unbefleckten Empfängnis der Heiligen Jungfrau Maria“ und den Status der Filialkirche der Peter-und-Paul-Gemeinde. Die Weihe fand ein großes Echo in der russischen und polnischen Tagespresse. So schrieb zum Beispiel die Moskauer Zeitung „Russkoje Slowo“:

mini|Der ursprüngliche Altar der Kirche, der nach ihrer Schließung 1938 verloren ging.

In den Jahren 1911–1917 wurden zusätzliche Gelder für die Inneneinrichtung gesammelt. Die Innenausbauarbeiten dauerten bis 1917. Die Ausstattung der Kirche blieb jedoch bis in die 1930er-Jahre vergleichsweise spärlich, vom prunkvollen Hauptaltar abgesehen. Teile des ursprünglichen Entwurfs wurden gar nicht verwirklicht: Im Inneren war der Boden nicht wie geplant mit Marmor ausgelegt, sondern aus schlichtem Beton gegossen; außen fehlten die Fialen der Fassade. Nach einigen Quellen wurden die Fialen 1923 errichtet und im Zweiten Weltkrieg zum Teil wieder zerstört, zum Teil absichtlich demontiert; nach anderen QuellenFernsehdokumentation über die Kathedrale aus der Reihe „Mythen und Legenden“ des Fernsehsenders Stoliza; online auf smotri.com (russisch), abgerufen am 30. März 2009 wurden sie erst bei der Renovierung der Kathedrale 1999 vollendet.

Schließung und Umbauten 1929 wurde die Peter-und-Paul-Gemeinde von der kommunistischen Regierung formal aufgelöst. In der Kirche der Unbefleckten Empfängnis durften keine Messen mehr gefeiert werden. 1935 wurde das Grundstück der Kirche stark verkleinert. Sie verlor dabei einen Großteil ihrer Gartenanlage, auf deren Gelände 1936 eine Schule gebaut wurde. Am 30. Juli 1938 wurde die Kirche endgültig geschlossen (neun Tage zuvor ereilte das gleiche Schicksal die Peter-und-Paul-Kirche, das andere Moskauer Gotteshaus der polnischen Gemeinde). Nach der Schließung wurde die Kirche geplündert, dabei gingen unter anderem der Hauptaltar und die Orgel unwiederbringlich verloren. Einige Monate lang wurde die Kirche zunächst als Gemüselager genutzt, dann zu einem Wohnheim umgebaut. Dabei wurde der Innenraum in vier Stockwerke neu aufgeteilt.

Während der Schlacht um Moskau im Zweiten Weltkrieg wurde die Spitze des Hauptturms demontiert, um den Bombern der Luftwaffe die Orientierung zu erschweren. Kurz nach dem Krieg verlor die Kirche einen weiteren Teil ihres Grundstücks an ein benachbartes Wohnhaus.

Nach einem Brand im Jahre 1956, bei dem die Kuppel des Hauptturms einstürzte, wurden die Mieter des Wohnheims einer nach dem anderen in Neubauten umgesiedelt; an deren Stelle zog nach und nach das Forschungsinstitut Mosspezpromprojekt (russ. Мосспецпромпроект) in die Kirche ein. Dabei wurde sie erneut umgebaut. Das Forschungsinstitut beschäftigte sich in erster Linie mit der Projektierung von Industrieanlagen, entwarf unter anderem aber auch die Fackel für das Olympiastadion Luschniki zu den Olympischen Sommerspielen 1980.

mini|Die heruntergekommene Kirche um 1980, aufgenommen aus dem Haus, in dem Wladimir Wyssozki lebte.

In den 1960er- und 1970er-Jahren verfiel das Bauwerk zusehends. Der Anblick der entweihten und heruntergekommenen Kirche drückte unter anderem dem russischen Barden Wladimir Wyssozki aufs Gemüt„Durch das Moskau Wladimir Wyssozkis und seiner Literaturhelden“, ein Essay von Ljubow Ossipowa, Mai 1985; online unter kulichki.com (russisch), abgerufen am 30. März 2009, der von 1975 bis zu seinem Tod 1980 im Haus auf der anderen Straßenseite wohnte. 1976 gab es Pläne der Stadtverwaltung, das Kirchengebäude zu renovieren, zu einem Konzertsaal für Orgelmusik umzufunktionieren und an das Hauptamt für Kultur zu übergeben. Das Vorhaben scheiterte jedoch am Widerstand des Forschungsinstituts.

Auseinandersetzung um die Rückgabe 1989 stellte ein Zusammenschluss von Moskauer Katholiken und dem Kulturverein „Das Polnische Haus“ (russ. Дом Польский) erstmals die Frage nach der Rückgabe des Bauwerks an die katholische Kirche. Mit Genehmigung der Stadtverwaltung wurde am 8. Dezember 1990, anlässlich des Festes der Mariä Empfängnis, auf der Treppe der Kirche die erste Heilige Messe seit 60 Jahren gefeiert. Mehrere Hundert Menschen beteten in der Dezemberkälte für die Rückgabe der Kirche.Geschichte der Kathedrale auf ProCatholic.ru (russisch); abgerufen am 30. März 2009 Die Messe leitete der polnische Priester Tadeusz Pikus, seit 1999 Weihbischof im Erzbistum Warschau.

Im Januar 1990 gründete eine Gruppe Moskauer Katholiken formal die Kirchengemeinde der Unbefleckten Empfängnis der Heiligen Jungfrau Maria. Am 13. April 1991 errichtete Papst Johannes Paul II. mit der Apostolischen Konstitution Providi quae die „Apostolische Administratur für das Europäische Russland“. Am 21. April 1991 erließ deren Apostolischer Administrator Tadeusz Kondrusiewicz ein Dekret zum Wiederaufbau der Kirche der Unbefleckten Empfängnis. Am 3. Mai, dem polnischen Nationalfeiertag, fand mit Genehmigung der Stadtverwaltung erneut eine Messe auf der Treppe der Kirche statt. Am 31. Mai wurde die Satzung der Gemeinde von der Justizverwaltung des Stadtrates offiziell anerkannt. Dabei blieb es aber vorerst auch. Unterdessen wurden Teile der Kirche von Mosspezpromprojekt an diverse Firmen untervermietet.

Ab dem 7. Juni 1991 wurden jeden Sonntag im Hof der Kirche Messen gefeiert. Am 15. Juli 1991 wurde Josef Sanewski, Salesianer Don Boscos, zum Gemeindepriester ernannt. Ab dem 29. November 1991 fand regelmäßiger Religionsunterricht unter der Leitung von Don-Bosco-Schwestern statt. Gleichzeitig entstanden erste wohltätige Projekte zur Krankenpflege und Armenhilfe.

mini|Betende im ersten zurückgegebenen und provisorisch eingerichteten Raum (um 1993). mini|Das Gebäude vor der Renovierung (Mitte der 1990er-Jahre). Auf dem Transparent über dem Eingang steht: „Gebt uns die Kirche zurück“. mini|Die renovierte Kathedrale bei Nacht. Die Außenbeleuchtung wurde Ende 2005 installiert.„Die Moskauer Regierung installiert die Außenbeleuchtung der katholischen Kathedrale“, Artikel auf NEWSru.com vom 9. November 2005 (russisch); abgerufen am 30. März 2009

Am 1. Februar 1992 unterzeichnete der Vize-Bürgermeister von Moskau Juri Luschkow einen Beschluss, nach dem das Institut das Gebäude schrittweise an die katholische Gemeinde übergeben und binnen zwei Jahren vollständig räumen sollte. Der Beschluss wurde jedoch nicht umgesetzt. Bereits die Frist zur ersten Teilübergabe ließ das Institut verstreichen. Daraufhin betraten Gemeindevertreter am 2. Juli 1992 das Gebäude und besetzten die Institutswerkstatt. Nach Gesprächen mit dem Stadtrat wurde der besetzte Raum der Gemeinde zugesprochen und von den restlichen Räumlichkeiten des Instituts durch eine Wand getrennt. In diesem Raum fanden fortan regelmäßige Gottesdienste statt.

Am 7. März 1995 trugen einige Gemeindemitglieder die Trennwand zum Institut wieder ab; andere fingen auf eigene Faust mit der Räumung des Dachstuhls an. Das Institut rief die Spezialkräfte der Polizei, OMON, zur Hilfe. Am darauffolgenden Tag gab es eine erneute Auseinandersetzung mit der Polizei, dabei wurden mehrere Gemeindemitglieder, darunter eine Nonne, verletzt. Andere wurden festgenommen, darunter ein Priester und ein Seminarist; sie wurden am nächsten Tag wieder freigelassen.

Im Licht dieser Ereignisse bat der Apostolische Administrator Tadeusz Kondrusiewicz am 9. März 1995 den damaligen Staatspräsidenten Boris Jelzin in einem offenen Brief, sich der Situation um die Kirche der Unbefleckten Empfängnis anzunehmen. In dem Brief hieß es unter anderem: „Es schien, als gehörte die Verfolgung der Kirche der Vergangenheit an. Doch ist dem so? Wann wurde zuletzt ein Priester verhaftet? Wann wurde zuletzt eine Nonne zusammengeschlagen?“Zeitung „Russkaja Mysl“ vom 16. März 1995, Offener Brief des Apostolischen Administrators Tadeusz Kondrusiewicz an den Präsidenten Boris Jelzin. Onlinearchiv unter www.rm-news.eu (Seite nicht mehr abrufbar)