Perchtoldsdorf ist eine Marktgemeinde mit Einwohnern (Stand ) im Bezirk Mödling in Niederösterreich und einer der zahlreichen Weinorte im Umkreis von Wien. Umgangssprachlich wird Perchtoldsdorf auch als Petersdorf oder als P’dorf bezeichnet.
Geografie Perchtoldsdorf liegt an der südlichen Stadtgrenze von Wien. Im Westen grenzt die Marktgemeinde an den Wienerwald. Nach der Bezirkshauptstadt Mödling ist sie der größte Ort des Bezirkes Mödling.
Naturpark Föhrenberge, Perchtoldsdorfer Heide Der Westen von Perchtoldsdorf besteht aus dem Naturpark Föhrenberge, der ein beliebtes Naherholungsgebiet für die Wiener Bevölkerung ist und mit dem Franz-Ferdinand-Schutzhaus auf dem Parapluieberg, der Teufelstein-Hütte und der Kammersteinerhütte auch mehrere Gaststätten aufweist. Zum Naturpark gehört die Perchtoldsdorfer Heide, ein Trockenrasenbereich mit seltenen Tieren und Pflanzen. Dieser Bereich war bis in die 1960er-Jahre als Weideland und durch mehrere Steinbrüche genutzt. Er war eines der ersten Wintersportgebiete im Raum von Wien (1910 wurden bereits Benützungsgebühren für Rodler eingehoben, was zu entsprechenden Protesten führte).Illustriertes Österreichisches Sportblatt vom 15. Jänner 1910 (zitiert nach: Mitterwenger, Winterfreuden, S. 5.)
Im Bereich des Saugrabens an der Grenze zu Rodaun (ehem. Steinbruch Lutterwände) fanden von 1955 bis 1960 auch Motocross-Rennen statt. Die „Rablhütte“ , ein in den 1920er-Jahren entstandenes Gasthaus am Westrand der Heide, wurde zur Vermeidung von Bauspekulationen von der Gemeinde Perchtoldsdorf erworben, 1986 abgebrochen und das Gelände renaturiert.Christine Mitterwenger: Winterfreuden auf der Perchtoldsdorfer Heide. Zum Après-Ski in die Rablhütte. In: Perchtoldsdorf Rundschau Heft 2–3/2015, S. 4–5. Ebenso sind die Orte und Aussichtspunkte der ehemaligen Begrisch-Hütte ,Monica Skidelsky: Begrischhütte und Rablhütte. Zwei (un)vergessene Plätze. In: Perchtoldsdorf Rundschau, September 1998, S. 4–6.Mit diesem Bau ist auch der Ort eines Feuerwehrfestes am 13. August 1876 in der „Begrisch-Hütte“ am Gaisberg gemeint, weil die Erhebung südlich des Saugrabens auch Gaisberg genannt wurde und nicht mit dem Gaisberg bei Kaltenleutgeben verwechselt werden darf. des nach Christine Spina benannten Christinen-Blicks und des Ella-Blicks (späterer Ort der Waldandacht) am Osthang der Föhrenberge verwachsen und nicht mehr genau erkennbar.Orte der genannten Stellen in der Wanderkarte aus 1901.Monica Skidelsky: Vergessene Plätze. In: Perchtoldsdorf Rundschau, Oktober 1997, S. 4–5, abgerufen am 5. Mai 2026. Wegen der forstlichen Nutzung des Waldes auch nicht mehr in Resten erkennbar sind Gruppen von Bildbäumen in diesem Gebiet, die mit Heiligenbildern geschmückt waren und die auf das Ende des 19. und den Beginn des 20. Jhdts. zurückgeführt werden.Monica Skidelsky: Die Bildbäume. Zeugnisse religiöser Volkskultur. In: Perchtoldsdorf Rundschau, März 1998, S. 4–5.
Tirolerhof Der Tirolerhof ist ein Siedlungsgebiet im Südwesten zum Höllenstein, am oberen Ende der Weinbau-Riede des Herzogbergs (genannt bereits im 16. Jhdt.), an Gießhübl angrenzend. Es befindet sich auf dem Gebiet des früheren gleichnamigen Landgutes. Dieses Landgut war 1877 von Herrenhaus-Mitglied Anton Haßlwanter, der aus Tirol stammte, so benannt worden. Zu seiner Zeit wurden dort auch „Tirolerabende“ mit Jodelgesang veranstaltet. Ab 1884 war Besitzer Alfred Fürst Wrede.Gregor Gatscher-Riedl: Ein Stück Tirol in Perchtoldsdorf. In: Niederösterreichische Nachrichten. 100 Jahre Niederösterreich, Meine Region. Nr. 42/2022, S. 38. Er und Lothar Ritter von Neuhauser betrieben am Landgut eine Molkerei, die für ihr Obers bekannt wurde. Dadurch wurde der Tirolerhof auch namensgebend für ein Innenstadtkaffeehaus in Wien, Führichgasse. Später gehörte das ca. 50 ha große Landgut zur Familie Esterházy. Das Landgut wurde nach 1945 aufgelassen. Das Gebiet lag zunächst in der Gemeinde Kaltenleutgeben auf dem Gebiet des Melker Waldes und wurde erst 1956 mit seinem größten Teil an Perchtoldsdorf angeschlossen. Die Bausparkasse Wüstenrot förderte ab 1952 den Bau von Eigenheimen auf den preislich günstigen Grundstücken, die damals noch (als Teil des 25. Bezirkes von Groß-Wien) zur russischen Besatzungszone gehörten. Die Grundstückseinteilung beruhte teilweise noch auf Planungen für Heime der Landarbeiter des Landgutes. Die Siedlung hatte nur geringe Infrastruktur. So beruhte die Wasserversorgung anfangs auf den Zisternen des alten Landgutes, eine Autobusverbindung bestand nur dreimal täglich. Die Siedlung umfasste ursprünglich nur 15 Häuser und erweiterte sich in den folgenden Jahrzehnten, nicht zuletzt aufgrund der steigenden Motorisierung, auf fast 300 Häuser. Das Konzept zur „autolosen Gartenstadt“ mit Standard-Haustypen am Tirolerhof stammte vom Planer Theodor Schöll.
Zu Jahresbeginn 2012 führten Perchtoldsdorf und Kaltenleutgeben einen Gebietstausch in der Größe von 58 Hektar durch, wodurch sich die Gemeindegrenzen etwas verschoben und die Gemeinde nun im Südwesten ein kurzes Stück an die Katastralgemeinde Weissenbach der Gemeinde Hinterbrühl grenzt. Einige Grundstücke der mittlerweile stark angewachsenen Tirolerhofsiedlung lagen davor noch auf Kaltenleutgebener Gebiet, obwohl die Bewohner alle Einrichtungen der Marktgemeinde Perchtoldsdorf und nicht ihrer Heimatgemeinde nutzten. Kaltenleutgeben war auf direktem Weg für sie nicht erreichbar. Perchtoldsdorf trat im Gegenzug eine ebenso große Fläche auf den Grundstücken der ehemaligen Perlmooser AG an Kaltenleutgeben ab.Alle Tirolerhofer nun „Landsleute“ in der NÖN Ausgabe Mödling: Woche 04/2012.
Theresienau Im Osten der Gemeinde liegt das Gebiet des früheren adeligen Landgutes Theresienau. Es umfasst den Bereich der früheren Unteren Speich-Mühle (Spach-Mühle) am Petersbach,Friedrich Widter: Speichmühle, Außenansicht (von Nordwesten), um 1910. In: bildarchivaustria.at, (Inventarnummer 173.735 B), abgerufen am 8. September 2020;Friedrich Widter: Speichmühle, Außenansicht (von Osten), um 1910. In: bildarchivaustria.at, (Inventarnummer 173.736 B), abgerufen am 8. September 2020. die in der 2. Hälfte des 18. Jahrhunderts von Johann Georg Widter erbaut wurde, der auch der Bauherr der Brauerei Schellenhof in Siebenhirten und der Waldmühle in Rodaun war. Das Gut wird seit 1866 so genannt. Der Name hat nichts mit der „Kaiserin“ Maria Theresia zu tun, sondern verweist auf Therese von Orlando, die Gattin des Gutsbesitzers Franz von Orlando, der bereits vor der Namensänderung auf dem Gutsgebiet eine Musterlandwirtschaft geführt hatte. In diesem Zusammenhang war ihm 1872 das Ritterkreuz des Franz-Josephs-Ordens verliehen worden.Oesterreichisch-ungarischer Veterinär, Nr. 19 Jahrgang 1872, 1. Juli 1872, S. 1. Der Dichter Fritz von Herzmanovsky-Orlando war mit den Gutsbesitzern verwandt. Es ist die Ansicht publiziert, dass eine der skurrilen Figuren im Roman Herzmanovsky-Orlandos „Der Gaulschreck im Rosennetz“, nämlich Baron Nadir von Semlin, auch auf Anregungen aus dem Gutsbesitz zurückgeht (es soll sich bei ihm um einen getauften Sohn des Schahs von Persien gehandelt haben, der im Rahmen seines ländlichen Refugiums bei Mödling einen Harem unterhalten und Totenköpfe gesammelt habe). Das Landgut wurde 1882 an die Familie Brenner-Felsach verkauft.
Nachbargemeinden
Geschichte Geologie mini|Gemeindeamt, Marktplatz 11 Der Bereich Hochstraße-Walzengasse war vor ca. 15 Mio. Jahren, in der Zeit des Badeniums im Miozän, eine Brandungsterrasse des damaligen Meeres, der Paratethys. Bei der Anlage eines Kellers wurden 1995 Versteinerungen gefunden (See-Igel, Haifischzahn und Jakobsmuschel).Die ersten Gäste waren Fische. In: „Ausg'steckt.“ Perchtoldsdorfs Gästemagazin Nr. 52, 14. Jahrgang Nr. 2/2012, S. 1 und 10–12.
Frühe Besiedlung bis zur Römerzeit Nach den heutigen Erkenntnissen war der ebene Teil von Perchtoldsdorf bereits 6000 vor Christus besiedelt. Archäologische Ausgrabungen belegen eine Besiedlung des Gemeindegebietes seit der Jungsteinzeit, unter anderem zwei KreisgrabenanlagenKreisgrabenanlagen. und Gräber der Spätantike.Dorothea Talaa, Ingomar Herrmann: Spätantike Grabfunde in der niederösterreichischen Thermenregion (Bezirke Mödling und Baden). 2.1. Gräberfeld Perchtoldsdorf – Aspetten. S. 14–76. Karin Wiltschke-Schrotta: Perchtoldsdorf – Aspetten, Grabung 1998–2000: Anthropologische Auswertung. S. 193–221. In: Römisches Österreich. Jahresschrift der Österreichischen Gesellschaft für Archäologie – ÖGA. Jahrgang 27. Wien 2004. Im Selbstverlag der Österreichischen Gesellschaft für Archäologie.
In einigen Publikationen wird vermutet, dass die ehemalige römische Wasserleitung zum Legionslager Vindobona u. a. aus der Quelle des Petersbaches beim früheren Zell-Bad (Herkulesquelle, Herkulesbad, heute Park beim Kulturzentrum) gespeist worden sein könnte. Konkrete Funde oder andere Belege gibt es dafür jedoch nicht.
Mittelalter Weitere Ausgrabungen, bei denen auch Reste einer Weinpresse gefunden wurden, belegen die wirtschaftliche Nutzung des Gebietes im Mittelalter.Johann Rudorfer: Von Winzern und Söldnern. Ergebnisse der archäologischen Untersuchungen am Marktplatz 17 in Perchtoldsdorf, Niederösterreich. In: Fundberichte aus Österreich. Band 48, Jahrgang 2009. Wien 2010, S. 171–264.
Der Name Perchtoldsdorf wird 1140 das erste Mal urkundlich erwähnt. Die Besiedlung erfolgte durch die ab dem 11. Jahrhundert entstehende, bis heute bestehende, Turmburg Perchtoldsdorf aus Stein, als Teil einer Befestigungskette am Rand des Wiener Walds hin zu Ungarn. In Folge wurde die Burg mit Wall, Graben und Palisadenzaun ausgebaut und der vorgelagerte Marktplatz ebenfalls mit einer, noch heute in Teilen aus dem 13. Jahrhundert bestehenden, zusätzlichen Steinmauer umgeben. Auf der Burg Perchtoldsdorf waren zur Zeit der Babenberger die einflussreichen Herren von Perchtoldsdorf. Von wem der Name genau abstammt, ist historisch nicht belegt. Nach den Herren von Perchtoldsdorf gingen die Herrschaftsrechte im Jahr 1286 an die Habsburger über. Die Burg Perchtoldsdorf wurde ab 1340 als Witwensitz der Habsburger benutzt, der Ort nahm einen neuerlichen Aufschwung und erreichte 1400 das Marktrecht.
Als die Ungarn unter Matthias Corvinus Niederösterreich unter ihre Herrschaft brachten, war Perchtoldsdorf stark betroffen und die Besitzverhältnisse wechselten oft. Erst unter Kaiser Maximilian erholte sich der Ort wieder. Der Wehrturm wurde fertiggestellt und einige Bürgerhäuser, die heute noch bestehen, wurden damals gebaut.
Ab dem 16. Jahrhundert Während der ersten Wiener Türkenbelagerung 1529 wurde der Ort durch Streifscharen, die neben dem Hauptheer zogen, zwar verwüstet, die Bewohner konnten sich jedoch in der befestigten Wehrkirche verschanzen (der dazugehörige Wehrturm war erst 1521 fertiggestellt worden) und kamen so glimpflich davon. Erst in der Zeit der zweiten Wiener Türkenbelagerung 1683 wurde auch der Ort Perchtoldsdorf, der vorher schon wirtschaftlich sehr schwach war, einschließlich seiner Kirchenfestung verwüstet. Fast die gesamte Bevölkerung wurde dabei von den osmanischen Truppen ermordet (vor allem bei einem Massaker am Hauptplatz am 16. Juli 1683), verschleppt oder vertrieben. Bei einer Bevölkerung von 2000 Personen dürfte die Zahl der Opfer in der Größenordnung von 300 bis 400 Personen liegen, die anderen Bewohner hatten sich in die Wälder um die Föhrenberge westlich des Ortes geflüchtet oder waren in Gefangenschaft geraten, aus der sie erst Jahre, in Einzelfällen Jahrzehnte später zurückkehrten.Gertrude Ostrawsky: Geschichte des Marktes Perchtoldsdorf 1683–1983. Verlag der Marktgemeinde Perchtoldsdorf, Perchtoldsdorf 1983, S. 3–10. Ob ein Erdwall westlich des Parapluieberges , der als Schanze bezeichnet wird, auf eine provisorische Verteidigungsanlage der Geflüchteten aus dieser Zeit zurückzuführen ist, ist nicht belegbar. Erst langsam erholte sich der Ort wieder.