Die Tagebücher der Eva Braun gelten bis auf wenige Einzelblätter seit 1945 als verschollen. Die unter Titeln wie The Diary of Eva Braun bis heute immer wieder veröffentlichten, angeblichen Aufzeichnungen beruhen dagegen auf einer Ende der 1940er Jahre von Luis Trenker verbreiteten Fälschung.
Die Originaltagebücher
mini|Eva Braun und Adolf Hitler, Aufnahme aus dem Bundesarchiv Überlieferungsgeschichte Von den schriftlichen Erzeugnissen Eva Brauns, der Geliebten Adolf Hitlers, die ihn einen Tag vor ihrem gemeinsamen Selbstmord heiratete, haben sich zahlreiche Briefe und Notizhefte in privaten Nachlässen und Sammlungen sowie in deutschen und ausländischen Archiven erhalten.Nerin E. Gun: Eva Braun-Hitler. Leben und Schicksal. Blick + Bild, Velbert/Kettwig 1968. Ihre Tagebücher, die sie spätestens ab 1935 geführt hat, gelten dagegen seit Kriegsende als verschwunden und wurden aller Wahrscheinlichkeit nach auf ihre Anweisung hin vernichtet.Anna Maria Sigmund: Eva Braun. In: Dies.: Die Frauen der Nazis. München 2000, S. 229–278. Lediglich der umstrittene Nazi-Forscher und -Apologet David Irving behauptete in den 1970er Jahren ohne Belege, er hätte ihren Verbleib geklärt.David Irving: Hitler’s War. London 1977. Hieß Hitler Fridolin? In: Die Zeit Nr. 20/1983.
Nachweislich erhalten sind von Eva Brauns Tagebüchern lediglich 22 Seiten handschriftlicher Einträge. Die Aufzeichnungen beginnen am 6. Februar 1935, Brauns 23. Geburtstag, und enden am 28. Mai 1935, kurz bevor sie einen Suizidversuch fingierte. Brauns Schwester Ilse hatte die Tagebuchblätter nach der Entdeckung des Suizidversuchs aus dem Originaltagebuch gerissen und an sich genommen, sie später aber an ihre Schwester zurückgegeben, die sie dann auf dem Obersalzberg verwahrte. Diese Einzelseiten wurden nicht vernichtet, sondern zusammen mit anderen privaten Gegenständen von Eva Brauns Familie versteckt. Geheimdienstmitarbeiter der 3. US-Armee beschlagnahmten später das Material, das zunächst in die Akten des Office of Military Government for Germany aufgenommen wurdeEinträge in der OMGUS-Datenbank des Instituts für Zeitgeschichte. und später in den Bestand der National Archives, Washington, gelangte.Bestandsnachweis National Archives, Washington.
Auf Deutsch wurden sie erstmals 1968 von dem Autor und Journalisten Nerin E. Gun in teilweise fehlerhafter Transkribierung veröffentlicht. Als Faksimiledruck erschienen sie 1971 in neuer Transkribierung und mit sparsamer Kommentierung in Werner Masers Werk Adolf Hitler. Legende-Mythos-Wirklichkeit.Werner Maser: Adolf Hitler. Legende-Mythos-Wirklichkeit. Köln , S. 293–337.
Anton Joachimsthaler stellte 2003 in seinem Buch Hitlers Liste die Existenz eines Tagebuchs von Eva Braun grundlegend in Frage.Anton Joachimsthaler: Hitlers Liste. Ein Dokument persönlicher Beziehungen. Herbig, München 2003, S. 450.
Inhalt und Bewertung mini|Erste Seite der verbliebenen Tagebucheinträge Die Einträge wurden, so Werner Maser, „ohne Publikations- und Stilisierungsabsichten“ verfasst. Die Historikerin Anna Maria Sigmund beschreibt die Texte so: „Ohne Interpunktion, ungelenk im Ausdruck und mit der Diktion eines Teenagers erzählt die 23-Jährige von ihren kleinen trivialen Alltagssorgen.“Anna Maria Sigmund: Eva Braun. In: Dies.: Die Frauen der Nazis. München 2000, S. 245. Die Aufzeichnungen verdeutlichen die Naivität und egomane Weltsicht der jungen Eva Braun und ihr rein privates Verhältnis zu Adolf Hitler, das sie in banaler Harmlosigkeit schildert: „Ich bin so unendlich glücklich, dass er mich so lieb hat und bete, dass es immer so bleibt. Ich will nie Schuld haben, wenn er mich einmal nicht mehr gern hat.“ (18. Februar 1935) So wünscht sie sich zum Geburtstag „ein Hunderl“, „dann wäre ich nicht so ganz allein“, und ist enttäuscht, als sie von Hitler keinen bekommt: „nun ists wieder nichts.“ (6. Februar 1935). Als Hitler mit dem Gedanken spielt, dass sie ihre Anstellung als Verkäuferin aufgeben soll, notiert sie froh: „Ich müsste nicht mehr unseren ‚ehrenwerten Kunden’ die Türe öffnen und Ladenmädchen machen. Lieber Gott gib, dass es wirklich wahr ist und in absehbarer Zeit Wirklichkeit wird.“ (18. Februar 1935) Selbst dramatische politische Ereignisse, so die brutalen Säuberungen im Rahmen der Röhm-Affäre, nimmt sie nur in Bezug auf ihre eigene private Befindlichkeit wahr: „Ist das seine wahnsinnige Liebe die er mir schon so oft versichert hat, wenn er mir 3 Monate kein gutes Wort gibt. / Gut er hat den Kopf voll gehabt in dieser Zeit mit politischen Problemen aber ist jetzt nicht eine Entspannung da? Und wie war es im letzten Jahr? Hat ihm da nicht Röhm u. Italien auch viel zu schaffen gemacht und trotzdem hat er Zeit für mich gefunden.“ (28. Mai 1935) Eva Braun ordnete sich in der Beziehung völlig unter, litt aber unter der Vernachlässigung und wollte lieber sterben, als eine Trennung von Hitler hinzunehmen. „Das Wetter ist so herrlich u. ich, die Geliebte des größten Mannes Deutschlands und der Erde sitze und kann mir die Sonne durchs Fenster begucken.“ (10. Mai 1935) „Ich wünsche mir nur eines schwer krank sein und wenigstens 8 Tage von ihm nichts mehr zu wissen. Warum passiert mir nichts, warum muß ich alles das durchmachen. Hätte ich ihn doch nie gesehen. Ich bin verzweifelt.“ (11. März 1935) „Lieber Gott hilf mir dass ich ihn heute noch sprechen kann morgen ist es zu spät. / Ich habe mich für 35 Stück entschlossen es soll diesmal wirklich eine ‚totsichere‘ Angelegenheit werden. / Wenn er wenigstens anrufen lassen würde.“ (28. Mai 1935)
Das Desinteresse der Hitlerforschung an Eva Brauns Person, das sich in dem geringen Umfang an biografischer Literatur ausdrückt, beruht nicht zuletzt auf Brauns in ihren privaten Aufzeichnungen überdeutlich werdendem Desinteresse an überindividuellen Vorgängen. „Sie hatte keine der schillernden Eigenschaften der konventionellen Tyrannenmaitresse. Sie war weder eine Theodora, noch eine Pompadour, noch auch eine Lola Montez“, so urteilte aus eigener Anschauung Albert Speer.zit. n. Marcel Atze: Unser Hitler. Der Hitler-Mythos im Spiegel der deutschsprachigen Literatur nach 1945. Göttingen 2003, S. 236. Ihr Tagebuch und Briefwechsel liefern kaum neue historische oder psychologische Erkenntnisse. Der britische Historiker Hugh Trevor-Roper fasste deshalb zusammen: „Eva Braun ist eine Enttäuschung der Geschichte.“zit. n. Anna Maria Sigmund: Eva Braun. In: Dies.: Die Frauen der Nazis. München 2000, S. 278.
Die „Trenker-Fälschung“ mini|Französische Ausgabe der Trenker-Fälschung 1948 Veröffentlichungsgeschichte Unmittelbar nach Kriegsende rissen die Spekulationen über den Verbleib von Hitler und Eva Braun nicht ab. Viele bezweifelten die Meldungen ihres Todes in Berlin. Man spekulierte über eine Flucht des Paares per U-Boot nach Südamerika, Tibet oder ins antarktische Neuschwabenland und das FBI sammelte Meldungen, nach denen Hitler auf einem Linienflug von Spanien in die USA, im jugoslawischen Örtchen Bobovo und am U-Bahn-Eingang Houston Street in New York gesehen wurde oder in einer riesigen unterirdischen Hacienda in Argentinien leben sollte.Tilmann Berger: Hitler lebt in Oklahoma! In: Junge Freiheit Nr. 35 vom 21. August 1998.
Ebenso begierig war die Öffentlichkeit auf vermeintlich „intime Details“ aus der Welt der Naziprominenz, die vor Kriegsende nur als Gerüchte oder Propagandameldungen kursierten. In diesem Klima stießen erste Zeitungsnotizen, Eva Braun habe ein privates Tagebuch hinterlassen, auf dankbare Aufnahme. Die Veröffentlichungen bezogen sich dabei auf Aussagen von Luis Trenker, der behauptete, das Tagebuch 1944 in Kitzbühel von Eva Braun persönlich erhalten zu haben. Den verschnürten und versiegelten Umschlag mit den Aufzeichnungen habe er dann 1945 in Bozen in Gegenwart eines Notars öffnen lassen, 89 Seiten in „Ich-Form“, maschinengeschrieben und unsigniert, dazu Hitler-Fotos. Überdies sei das Manuskript von Angehörigen des amerikanischen War Departments geprüft worden, wobei Trenker allerdings nie angab, von wem und wann das geschehen sein soll.Le Journal intime d’Eva Braun. Paris: Société française des éditions du cheval ailé 1948.Bunte Welt. In: Hamburger Abendblatt vom 20. Oktober 1948, S. 2 (abendblatt.de (PDF; 2,0 MB) ).
Trenker, der als Schauspieler und Regisseur gute Medienkontakte besaß, war in der Verlagsszene auch als Bestsellerautor bekannt. Allerdings galt sein Verhältnis zum Urheberrecht als nicht besonders ausgeprägt, denn er hatte zahlreiche der unter seinem Namen erschienenen Bücher nicht selbst geschrieben und war deshalb immer wieder in juristische Auseinandersetzungen mit Ghostwritern und Koautoren verwickelt.Werner Fuld: Tagebücher. In: Ders.: Das Lexikon der Fälschungen. Frankfurt/M. 1999, S. 254–258, hier: S. 257. Nach Kriegsende fand er nur schwer wieder Anschluss in seinem Beruf und hatte erhebliche Geldsorgen. Die Hitler-Geliebte als Zeuge für ein exzentrisches Privatleben Hitlers öffentlich zu präsentieren, versprach in dieser Situation schnellen Profit.vgl. Marcel Atze: »Die unsichtbare Frau«. Eine kleine Literaturgeschichte der Eva Braun. In: Ders.: Unser Hitler. Der Hitler-Mythos im Spiegel der deutschsprachigen Literatur nach 1945. Göttingen 2003, S. 235–252. Bekannt ist, dass Trenker deshalb schon 1946 Fotomaterial und detaillierte Informationen über Eva Braun und die Schauspielerin und Regisseurin Leni Riefenstahl suchte, um dieses Material für Veröffentlichungen zu nutzen.Leni Riefenstahl: Trenker und das Tagebuch der Eva Braun. In: Dies.: Memoiren. Köln 2000, S. 448–462.
Die ab 1947 erscheinenden ersten Meldungen über eine mögliche Veröffentlichung des Tagebuchs erzeugten besonders in Frankreich einen großen Pressewirbel, bei dem auch über eine Hollywood-Verfilmung des Stoffes spekuliert wurde. Bezeugt ist, dass Trenker bereits 1946 versuchte, das Manuskript in Europa und den USA zu verkaufen. So wandte er sich an den deutsch-amerikanischen Künstleragenten Paul Kohner,Heike Klapdor: Ich bin ein unheilbarer Europäer: Briefe aus dem Exil. Berlin 2007, S. 461. den amerikanischen Filmautor Géza Herczeg sowie einen schweizerisch-amerikanischen Filmverleih und legte das Manuskript dem New Yorker Verlagshaus Reynal & HitchcockAn anderer Stelle wird der Verlag „Farrar & Rinehart“ genannt, der unter diesem Namen aber nur bis 1946 existierte. vor, das bei dem bekannten Publizisten Hans Habe ein Gutachten bestellte und auch erhielt.Um das „Tagebuch“ der Eva Braun. In: Aufbau Nr. 38 vom 17. September 1948, S. 17 (Faksimile). Öffentlich beschwor Habe im Februar 1948 die Authentizität des Textes und befürwortete eine Veröffentlichung: Er kenne Schreiben Eva Brauns, und der „halbgebildete, kleinbürgerlich geschraubte und verschrobene Stil der Briefe“ finde sich im Tagebuch wieder. Auch Eintragungen Brauns wie die, sie habe „nichts anzuziehen“, da sich „Adi nie um meine Kleidung kümmere“, sprächen für die Echtheit. Diese vorschnelle Stellungnahme sorgte noch jahrelang für hämische Attacken gegen Habe.
In Buchform erschien der Text 1948 zunächst in Frankreich und Italien, 1949 dann auf Englisch und Holländisch.Eva Braun. Il mio diario. Rom: Faro 1948; The Private Life of Adolf Hitler. The Intimate Notes and Diary of Eva Braun. London: Aldus Publications ; Eva Braun: Het intieme dagboek. Den Haag: Confidentia .
Inhalt Das angebliche Tagebuch von Ende 1937 bis Sommer 1944 bestand aus 89 Schreibmaschinenseiten, die keinerlei Korrekturen und auch keine eigenhändige Unterschrift von Eva Braun aufwiesen. Inhaltlich dominierten im Werk zahlreiche sexuelle Anspielungen gemischt mit wüster Kolportage, eine geschwätzige Chronique scandaleuse, Bettgeschichten des Führers und seines Konsortiums: