Der Etikettierungsansatz (auch: Definitions- oder sozialer Reaktionsansatz, Etikettierungsperspektive, Kontrollparadigma; englisch: labeling approach/theory) ist eine soziologische bzw. kriminologische Denkrichtung, infolge dessen sich abweichendes Verhalten bzw. Kriminalität vor dem Hintergrund sozialer Normen erklären lässt. Der „Abweichung“ kommt demnach keine ontologisch begründbare Eigenschaft zu, sie ist vielmehr sozial zugeschrieben und nicht objektiv vorhanden. Der Etikettierungsansatz unterscheidet sich grundlegend von ätiologischen Abweichungs- und Kriminalitätserklärungen. Der Etikettierungsansatz wurde ursprünglich hauptsächlich von der kritischen Kriminologie aufgegriffen, wurde jedoch bereits vor längerer Zeit auch (als einer von mehreren Ansätzen) in den kriminologischen Mainstream integriert.
Deobjektivierung von Abweichung „Klassische“ Kriminal- und Devianzsoziologie geht von der Gegebenheit sozialer Normen und der damit prinzipiell eindeutig möglichen Feststellung von Abweichung aus. In ihr sind Normen soziale Tatsachen, die im Vergleich mit sozialem Handeln eine eindeutige Einordnung einer solchen Handlung als kriminell oder abweichend erlauben. Auf Basis dieser Annahme fragen klassische Ansätze danach, warum diese Handlung vollzogen wurde; sie fragen nach den Ursachen, warum eine Person kriminell oder abweichend geworden ist. Daher wird diese Position auch ätiologische, d. h. ursachenforschende Perspektive genannt.vgl. als Vertreter ätiologischer Perspektiven Robert King Merton (1969): Sozialstruktur und Anomie, in Sack F./König R. (Hrsg.): Kriminalsoziologie, Frankfurt am Main, S. 283–313; Edwin Sutherland (1969): Theorie der differentiellen Kontakte, in Sack F./König R. (Hrsg.): Kriminalsoziologie, Frankfurt am Main, S. 395–399; Albert Cohen. 1955. Delinquent Boys: The Culture of the Gang. Glencoe, IL: Free Press. Zur Unterscheidung von ätiologischen- ggü. Reaktionsansätzen vgl. Helge Peters. Devianz und soziale Kontrolle. Weinheim 2009.
Der Labeling-Ansatz geht nicht länger von einer solchen Eindeutigkeit von Abweichung aus. Frühe Vertreter des Ansatzes kommen in den USA aus der Schule des symbolischen Interaktionismus.Michael Dellwing: Das Label und die Macht. Der Etikettierungsansatz von Pragmatismus zur Gesellschaftskritik und zurück. Kriminologisches Journal 41: 162–178. Dieser steht auf der Basis der Prämisse, dass soziale Phänomene jedweder Art nicht bereits Bedeutungen mit sich bringen, sondern in sozialen Aushandlungsprozessen mit Bedeutung belegt werden.Herbert Blumer: Symbolic Interactionism. Berkeley 1969. Auf die Abweichung bezogen bedeutet dies, dass Handlungen nicht bereits für sich kriminell oder abweichend sind, sondern in einem sozialen Aushandlungsprozess erst als solche definiert werden müssen.
Das lässt die Frage nach den Gründen und Bedeutungen, die das jeweilige Individuum für sein Handeln benennen könnte, zunächst in den Hintergrund treten. Wenn das Verhalten nicht bereits eine objektive Bedeutung „abweichend“ mit sich bringt, sondern diese ihre Bedeutung erst in einem Aushandlungsprozess gewinnt, ist die Frage „warum wird die Person kriminell?“ verkürzend. Die im Zuge dieser Perspektive für wichtig erachteten Fragen lauten daher vielmehr: Makro - Wozu werden bestimmte Kategorien von Verhalten als „kriminell“ oder als „abweichend“ definiert? Mikro - Weshalb wurde genau dieses konkrete Verhalten in diese Kategorie erfolgreich eingeordnet? Wer hat diese Einordnung, von welcher sozialen Position aus, vorgenommen? Mit welcher Autorität und welcher Definitionshoheit? Mit welchen Folgen, für wen? Gegen wessen Widerstand? Die Perspektive richtet ihren Blick also zunächst einmal weg von der als „abweichend“ etikettierten Person, hin auf die Interessen und praktischen Folgen, die mit der Produktion und der Vergabe solcher Etiketten für „abweichendes Verhalten“ einhergehen.
Ursprünge und Weiterentwicklungen des Etikettierungsansatzes Als ursprünglichste Quelle wird i. d. R. Frank Tannenbaums Satz „The young delinquent becomes bad because he is defined as bad“ (1938)Frank Tannenbaum: Crime and the Community. New York and London: Columbia University Press. 1938. genannt, wenn auch Tannenbaums Einfluss auf die weitere Entwicklung des Etikettierungsansatzes als relativ gering eingeschätzt wird.Siegfried Lamnek: Theorien abweichenden Verhaltens – I. „Klassische Ansätze“. 10. Auflage, Paderborn 2018, S. 225. Sodann wird vorgebracht, dass die Perspektive des Etikettierungsansatzes, sich im Rahmen der Kriminologie nicht nur mit den Gesetzesübertretungen, sondern auch mit Fragen der Normsetzung und Normanwendung zu beschäftigen, implizit bereits bei Edwin H. Sutherland angelegt gewesen sei. Sutherland bezeichnete diese Prozesse als drei Aspekte einer ziemlich eng verbundenen Interaktionskette.Siegfried Lamnek: Theorien abweichenden Verhaltens – I. „Klassische Ansätze“. 10. Auflage, Paderborn 2018, S. 223.
Eine frühe soziologische Formulierung findet sich dann bei Edwin M. Lemert, der 1951 zwischen „primärer“ und „sekundärer“ Devianz unterscheidet und damit einen Grundstein für die Karrierethese legt. Als frühe Kernquelle des Ansatzes gilt eine Sammlung von in den 1950er Jahren erschienenen und 1963 im Buch Outsiders zusammengefassten Aufsätzen von Howard S. Becker, in dem der meistzitierte Abschnitt des Ansatzes zu finden ist:
(Devianz ist nicht die Tat an sich, sondern vielmehr die Folge der Anwendung von Regeln und Sanktionen auf einen „Straftäter“. Der Deviante ist jemand, dem das Etikett erfolgreich aufgeklebt wurde; deviantes Verhalten ist Verhalten, das von der Gesellschaft als solches definiert wird.)
Jedoch unterschied Becker weiterhin zwischen „Normbrüchen“ einerseits und „Abweichung“ andererseits, was Abweichung zur Zuschreibung, Normbruch jedoch zur Tatsache machte. Lemert argumentierte ganz ähnlich, als er „primäre Abweichung“ von „sekundärer“ unterschied und damit die Zuschreibung hinter die Abweichung treten ließ (bzw. das so gelesen wurde). Gegen beide argumentierten Malcolm Spector und John I. Kitsuse, dass die Neuausrichtung hin zu Zuschreibungsprozessen hier nur teilweise erfolgt sei.Kitsuse, John I. und Malcolm Spector (1975): Social Problems and Deviance: Some Parallel Issues, in: Social Problems 22(5), 584–594, doi:10.2307/799692, . In Deutschland ist derselbe Kritikpunkt bei Wolfgang Keckeisen zu finden.Keckeisen, Wolfgang (1974): Die gesellschaftliche Definition abweichenden Verhaltens. Perspektiven und Grenzen des labeling approach, München. Richtig verstanden seien Normbrüche im Etikettierungsansatz ebenso wie Abweichung nicht vorhanden, sondern in sozialen Aushandlungsprozessen zugeschrieben.
Auf der Basis, dass alle Abweichung Zuschreibung sei, kommen in der Folge zwei Diskussionen auf. (1) Stigmatisierungsvorwurf: Wenn Abweichung „nur“ zugeschrieben ist, sind die „Täter“ – d. h. die, denen Kriminalität oder Abweichung zugeschrieben wurde – nun als Opfer von Stigmatisierungsprozessen zu verstehen? (2) Relativismusvorwurf: Wenn alle Abweichung, in der Tat alle Benennung, Zuschreibung ist, wird dadurch das Feld in den Raum größtmöglicher Beliebigkeit gestürzt?
Stigmatisierungsvorwurf Die Analyse von Zuschreibungen und Stigmatisierungen ließ schnell Sympathien für die Stigmatisierten aufkommen. Erving Goffman analysiert den Umgang mit der „beschädigten Identität“,Erving Goffman. 1967. Stigma. Über Techniken der Bewältigung beschädigter Identität. Frankfurt. und Howard Becker stellt fest, dass der Soziologe, der ethnographische Arbeit mit Außenseitern mache, gar nicht umhinkomme, Sympathien für diese an den Rand gedrängten Menschen zu entwickeln und sie oft als „more sinned against than sinning“ wahrzunehmen.Becker, Howard S. 1967. Whose Side Are We On?, in: Social Problems 14, 239–247, doi:10.2307/799147, . (Das zeugt von der Nähe der Labeling-Schule zur ethnographischen Chicagoer Schule, aus deren Kontext der Interaktionismus und damit der Labeling-Ansatz stammt.) Die Behauptung, Abweichler seien nur jene, die dieses Etikett in einem sozialen Prozess erhalten, rief scharfe Kritik hervor. Wenn die „Täter“ in Wahrheit Empfänger öffentlicher Etikettierungen seien, degradiere sie das zu „Reaktionsdeppen“,Trutz von Trotha. 1977. Ethnomethodologie und abweichendes Handeln. Anmerkungen zum Konzept des ‘Reaktionsdeppen’, in: Kriminologisches Journal 6. die ohne eigene Verantwortung in eine stigmatisierte Rolle gedrängt wurden. Ronald Akers stellte beißend fest: Ronald Akers (1968): „Problems in the Sociology of Deviance: Social Definitions and Behavior“, Social Forces 4: 455–465, doi:10.1093/sf/46.4.455, , übersetzt sinngemäß: „Beim Lesen dieser Literatur bekommt man den Eindruck, Leute würden einfach sich um sich selbst kümmern und dann – bamm – kommt die böse Gesellschaft und zieht ihnen ein Stigma über.“ Die „Befreiung“ der Stigmatisierten kann große öffentliche Zustimmung erfahren, geht es um sexuelle Individualitäten oder persönlichen Drogenkonsum. Allerdings fragt Helge Peters: „Wer sähe Skinheads gerne als Adressaten der Stigmatisierung von Instanzen sozialer Kontrolle, als deren Konstrukt?“Peters, Helge (1996): Als Partisanenwissenschaft ausgedient, als Theorie aber nicht sterblich: der labeling approach, in: Kriminologisches Journal 28, 107ff. Das war jedoch nicht die Zielsetzung des Ansatzes. Edwin Lemert hat sich von dieser Stigmatisierungslesart des Ansatzes deutlich distanziert und nennt sie „a disservice to Mead“,Edwin Lemert (1974): Beyond Mead: The Societal Reaction to Deviance. Social Problems 21: 457–468, doi:10.2307/799985, nämlich ein Zurücktreten hinter die pragmatistische und interaktionistische Idee, dass alle Bedeutung eine soziale Zuschreibung ist, die in einem sozialen Aushandlungsprozess aufkommt, in dem alle Beteiligten als Handelnde aufgefasst werden. Dass Menschen nur in eine abweichende Rolle gelangen, wenn ihnen von ihrem sozialen Umfeld eine solche zugeschrieben wird, d. h. wenn sie verlieren, macht diese Zuschreibung zudem nicht richtig oder falsch; Zuschreibungen sind im Labeling-Ansatz nicht als richtig oder falsch vormarkiert (dann wären sie wieder objektiviert), sondern einfach nur vorhanden oder eben nicht, in unterschiedlichen Gruppen auch regelmäßig unterschiedlich vorhanden. „Der LA bringt aber nicht bereits eine Verurteilung einer Stigmatisierung mit, schließt eine (irgendeine) solche Verurteilung (d. h.: die Stigmatisierung einer bestimmten Stigmatisierung) jedoch auch niemals aus.“Michael Dellwing (2008): Reste: Die Befreiung des Labeling Approach von der Befreiung. Kriminologisches Journal 40: 162 ff. Das macht solche Zuschreibungen konfliktisch und damit politisch; Edwin Schur spricht hier von „stigma contests“, Stigmawettbewerben, in denen verschiedene Gruppen über die Benennung von Handlungen Einfluss zu gewinnen suchen.Edwin Schur: The Politics of Deviance. Englewood Cliffs. 1980
Relativismusvorwurf Aufgrund der Position des Etikettierungsansatzes, dass nichts bereits von sich aus abweichend ist, sondern erst in einem sozialen Prozess der Benennung seine Bedeutung als abweichend erfährt, wurde dem Ansatz der Vorwurf der absoluten Beliebigkeit gemacht.Jack P. Gibbs (1966): Conceptions of Deviant Behavior: The Old and the New. The Pacific Sociological Review 9: 9–14, doi:10.2307/1388302, ; Karl-Dieter Opp (1972): Die ‚alte‘ und die ‚neue‘ Kriminalsoziologie. Kriminologisches Journal 4: 32–52.
Beispiel Helge Peters bietet hier das berühmte Beispiel der zwei Frauen – eine arm, eine reich –, die eine Flasche Parfum im Geschäft in ihre Tasche stecken und die Räume verlassen, ohne zu zahlen.Vgl. Birgit Mensel und Kerstin Ratzke (Hrsg.): Grenzenlose Konstruktivität? Standortbestimmung und Zukunftsperspektiven konstruktivistischer Theorien abweichenden Verhaltens. Festschrift für Helge Peters. Leske und Budrich, Opladen 1997. Im Alltagsumgang würden wir von beiden als Ladendiebinnen sprechen und dies als objektive Tatsache der Situation gelten lassen wollen.