Der Armeesportklub Vorwärts Oberhof (ASK Oberhof) war ein in Oberhof im Thüringer Wald ansässiger Wintersportclub im DDR-Sportsystem. Er wurde im Jahre 1956 gegründet und nach der Deutschen Wiedervereinigung 1990 aufgelöst. Nachfolger ist der WSV Oberhof 05. Der Armeesportklub entwickelte sich zu einem der erfolgreichsten Wintersportclubs der Welt. Sportler des ASK Oberhof gewannen bei Olympischen Winterspielen, Welt- und Europameisterschaften über 100 Goldmedaillen, darunter bei fünf Olympischen Winterspielen 16-mal Gold durch 23 Athleten.WinterSportVerein Oberhof 05 e. V. (Hrsg.): Oberhof-Magazin – Wintersport hat einen Namen. S. 21. Der ASK hatte je nach Jahrgängen wechselnd 300 aktive Athleten und Trainer.Jan Knapp u. a.: 100 Jahre Wintersport in Oberhof. S. 45. 100 inoffizielle Mitarbeiter der Staatssicherheit waren als Spitzel im Sport und dessen Umfeld eingesetzt.
Geschichte mini|hochkant|Wolfgang Hoppe und Dietmar Schauerhammer – Olympiasieger im Zweier- und Viererbob 1984
Nach der Gründung der Nationalen Volksarmee (NVA) am 18. Januar 1956 übernahm das Ministerium für Nationale Verteidigung auch die Sportorganisation und richtete Sportklubs für den Leistungssport ein, um den Sportlern ein intensives Training zu ermöglichen. So wurde auch der Armeesportklub (ASK) Oberhof, zunächst als Skisportabteilung des Armeesportklubs Erfurt, am 25. August 1956 gegründet und später ausgegliedert. Leiter des ASK war zu diesem Zeitpunkt der Oberst der NVA Manfred Kowark.Rolf Hackel: Oberhof – Vom Hospiz der Johanniter zur Stadt am Rennsteig. S. 148. Wenig später wurde der Verein in ASK Vorwärts Oberhof umbenannt. Am 1. Oktober 1956 wurde die Armeesportvereinigung Vorwärts (ASV Vorwärts) gegründet, der alle Armeesportklubs (ASK) der DDR angehörten. Unmittelbar danach wurde die ASV Mitglied des Sportkomitees der befreundeten Armeen (SKDA).Gerd Falkner: Chronik des Skisports in der Deutschen Demokratischen Republik. S. 46. Vorwärts Oberhof bildete seither das Wintersport-Leistungszentrum der Armeesportvereinigung Vorwärts. Das Prinzip war, nur Sportarten zu fördern, in denen Aussicht auf Erfolge bei internationalen Veranstaltungen, vor allem bei olympischen Winterspielen, bestand. Deshalb wurde der alpine Sektor, der zunächst noch einige Zeit in Eigenregie weiter betrieben wurde, in Oberhof eingestellt.Rolf Hackel: Oberhof – Vom Hospiz der Johanniter zur Stadt am Rennsteig. S. 149.
mini|Hans-Georg Aschenbach – Olympiasieger 1976 im Skispringen
Die Leistungssportler des ASK, die vorher in verschiedenen Standorten untergebracht waren, bezogen im Jahre 1961 das Armeeobjekt am Grenzadler, die heutige Kaserne am Rennsteig, jetzt Sitz einer Sportfördergruppe der Bundeswehr.Rolf Hackel: Oberhof – Vom Hospiz der Johanniter zur Stadt am Rennsteig. S. 151. Der Grenzadler ist ein etwa zwei Meter hoher Grenzstein mit preußischem Adler, 837 MeterThüringer Landesvermessungsamt (Hrsg.): Oberhof und Umgebung. 1:25.000. Erfurt 2002. ISBN 3-86140-183-5. über Normalnull hoch gelegen, wo sich auch ein großer Parkplatz mit gleichem Namen und die Lotto Thüringen Arena am Rennsteig befinden. Walter Ulbricht hatte darauf bestanden, die Sporteinrichtung des ASK außerhalb der Ortschaft anzusiedeln, da er der Ansicht war, dass Oberhof selbst nicht förderlich für die Entwicklung eines Athleten sei. Ulbricht verhinderte damit zu seinen Lebzeiten den Bau einer Jugend- und Kindersportschule in Oberhof. Für eine weitere Optimierung von Training und Lehrgängen wurde im Jahre 1973 die Sportschule des Deutschen Turn- und Sportbundes (DTSB), heute Sporthotel Oberhof, eröffnet. Nach dem Tode von Walter Ulbricht im Jahre 1973 kam in den Kreisen der Sportfunktionäre die Diskussion zu einem Bau einer Kinder- und Jugendsportschule in Oberhof auf. Der mehrere Gebäude umfassende Baukomplex wurde durch elf Millionen Mark Fördergelder des Bildungsministeriums, die etwa die Hälfte der Bausumme ausmachten, gefördert. Die Bauplanungen und die Standortsuche erstreckten sich über mehrere Jahre. Im Jahre 1981 konnte die Schule, die im Jahre 1979 gegründet wurde und nun optimale Bedingungen für den Sportnachwuchs erfüllte, voll arbeiten.Rolf Hackel: Oberhof – Vom Hospiz der Johanniter zur Stadt am Rennsteig. S. 173–174. Von 1981 bis 1990 leitete Gerhard Grimmer den ASK. Im Jahre 1990 wurde die Sportschule in das Sportgymnasium Oberhof umgewandelt und bildet heute 350 Schüler zwischen 10 und 19 Jahren aus.WinterSportVerein Oberhof 05 e. V. (Hrsg.): Oberhof-Magazin – Wintersport hat einen Namen. S. 35.
mini|Bernhard Glass – Olympiasieger 1980 im Rennrodeln
Die ersten Medaillen wurden bei den Nordischen Skiweltmeisterschaften 1966 und 1970 durch Dieter Neuendorf im Skispringen sowie Gerhard Grimmer und Axel Lesser im Skilanglauf erzielt. Die ersten beiden Goldmedaillen und eine Bronzemedaille bei Olympischen Winterspielen errangen Sportler vom ASK 1972 im Rennrodeln. Bei den Olympischen Winterspielen 1976 in Innsbruck gewannen Sportler des ASK fünfmal Gold, einmal Silber und dreimal Bronze. Dadurch wurde der Verein der erfolgreichste Wintersportclub der Welt. Bei den nachfolgenden Olympischen Spielen wurden für den ASK jeweils mindestens zwei und bis zu fünf Goldmedaillen gewonnen. Nach der Wiedervereinigung am 3. Oktober 1990 übernahm die Bundeswehr den Verein, der am 23. November 1990 in den erfolgreichen WSV Oberhof 05 überging,Rolf Hackel: Oberhof – Vom Hospiz der Johanniter zur Stadt am Rennsteig. S. 215. dem heute etwa 700 Mitglieder angehören. Aus dem WSV 05 löste sich im am 10. Juni 1993 der Kufensportbereich als BSR Rennsteig Oberhof heraus.
Beschreibung mini|Hans Rinn – Olympiasieger 1976 und 1980 im Rennrodeln
Der ASK hatte durch die Konzentration vieler Wintersportanlagen auf engstem Raum, wie die Schanzenanlage im Kanzlersgrund, die Thüringenschanze, die Schanzenanlage am Wadeberg, die Rennrodelbahn Oberhof, das Biathlonstadion am Rennsteig und die Langlaufloipen am Rennsteig im Bereich des Grenzadlers optimale Trainingsbedingungen. Die Anlagen wurden ständig modernisiert, ergänzt und ausgebaut. Ein zielstrebiges und systematisches Training führte zu einer kontinuierlichen Steigerung der Leistungen. Der Staat widmete dem ASK eine optimale Fürsorge sowohl im Leistungssport als auch im Nachwuchsbereich. Durch ein effektives System der Sichtung, Auswahl und Förderung des Nachwuchses entstand eine harmonische Zusammenarbeit.
Der ASK richtete viele Wintersportveranstaltungen mit internationaler Beteiligung auf den heimischen Sportstätten aus, beispielsweise die Rennrodel-Weltmeisterschaften in den Jahren 1973 und 1985, die Europameisterschaften 1979 und zahlreiche Weltcups im Rennrodeln, einen Skisprung-Weltcup im Jahre 1989 und Biathlon-Weltcups in den Jahren 1984, 1985 und 1986. Bis zur Auflösung des Vereines im Jahre 1990 errang der ASK bei Olympischen Winterspielen sechzehnmal Gold, zwölfmal Silber und zehnmal Bronze. Bei Welt- und Europameisterschaften gab es insgesamt 85-mal Gold, 72-mal Silber und 45-mal Bronze. Die Jugendabteilung des ASK war ebenfalls erfolgreich. Bei Welt- und Europameisterschaften der Junioren gewannen Sportler des ASK 47 Gold-, 36 Silber- und 25 Bronzemedaillen.
Skiabteilungen Skispringen
Die Abteilung Skispringen wurde mit der Gründung des ASK 1956 in Brotterode aufgebaut und blieb dort bis etwa 1975. Dort starteten die Athleten des ASK Vorwärts Brotterode, der später in ASK Vorwärts Oberhof umbenannt wurde. In den 1960er Jahren formierte sich eine erfolgreiche Springergarde, die bei vielen Veranstaltungen siegte. Dieter Bokeloh gewann 1963 das Skispringen bei den Skispielen in Oslo. Manfred Wolf stellte im Jahre 1969 mit 165 Metern beim Skifliegen in Planica einen Weltrekord auf. Die Abteilung wurde in den 1970er Jahren immer stärker, nachdem sich in Oberhof mit der Jugendschanze, der Thüringenschanze und der Großschanze im Kanzlersgrund gute Trainingsbedingungen ergeben hatten. Hans-Georg Aschenbach wurde im Jahre 1974 Doppelweltmeister in Falun. Bei den Olympischen Winterspielen 1976 gab es mit Hans-Georg Aschenbach und Jochen Danneberg einen Doppelsieg. Bis 1980 gehörte Martin Weber und später Ingo Lesser ebenso zur Weltspitze. In den 1980er Jahren fielen die Athleten etwas hinter die Weltspitze zurück und gewannen bei Olympischen Winterspielen und Weltmeisterschaften keine Medaillen mehr.
Nordische Kombination Die Skiabteilung blieb mit dem Spezialsprunglauf in den ersten Jahren in Brotterode. Sie hatte in den Anfangsjahren des ASK trotz der guten Trainingsbedingungen geringen sportlichen Erfolg und blieb lange Zeit hinter den Kombinierten aus dem Bezirk Karl-Marx-Stadt zurück. Die erste Medaille für den ASK gewann Ingolf Hüther im Jahre 1986 mit Bronze bei der Junioren-Weltmeisterschaft. Die beste Platzierung bei Olympischen Winterspielen war ein fünfter Platz der Mannschaft bei den Winterspielen 1988 in Calgary. Im Juniorenbereich gewann Marco Frank bei den Weltmeisterschaften 1987 die Goldmedaille mit der Staffel. Der Durchbruch zur Weltspitze gelang nicht mehr unter Führung des ASK, sondern erst Ende der 1990er Jahre mit Ronny Ackermann und Marko Baacke als WSV 05.
Skilanglauf Auch die Erfolge dieser Skiabteilung blieben in den Anfangsjahren des ASK hinter den Erwartungen zurück, die Aktiven des benachbarten SC Motor Zella-Mehlis erbrachten bessere Leistungen. Walter Ulbricht, Staatsratsvorsitzender der DDR, der mehrmals bei Wettkämpfen in Oberhof anwesend war, gefiel es nicht, dass die „Soldaten des Volkes“ hinter den „Zivilisten“ lagen.Roland Sänger: Chronik des Thüringer Skisports. S. 139. Er ordnete die Einberufung der Athleten des SC Motor zur Armee an, damit diese beim ASK starten konnten. Dabei waren unter anderen die mehrmaligen DDR-Meister im Skilanglauf Cuno Werner und Werner Moring.Jan Knapp u. a.: 100 Jahre Wintersport in Oberhof. S. 33. Damit hatte der ASK eine starke Mannschaft im Langlaufbereich. Aber auch mit dieser namhaften Truppe blieben die Erfolge zunächst aus. Vereinzelt gab es vordere Platzierungen, was aber den Ansprüchen des ASK nicht genügte. Erst in den 1970er Jahren stellten sich mit dem Skilanglauftrainer Horst Wagner um den mehrmaligen Weltmeister Gerhard Grimmer, Axel Lesser und Carola Anding sportliche Erfolge ein. In den 1980er Jahren gab es Erfolge nur noch im Juniorenbereich, dessen Athleten mehrmals Gold für den ASK gewannen.
Biathlon
mini|hochkant|Frank Ullrich – Olympiasieger 1980 im Biathlon
Biathlon hatte beim ASK am Anfang einen schweren Stand, diese Sportart war damals noch nicht olympisch. Im Frühjahr 1959 hatte das Komitee der Armeesportvereinigung beschlossen, eine eigene Biathlonmannschaft im ASK zu formieren. Dafür wurden anfangs nur Athleten rekrutiert, die im Skilanglauf nicht den Durchbruch schafften. Die zehn leistungsstärksten Läufer des ASK kamen zur Skilanglaufabteilung, die anderen zum Biathlon. Für die Abteilung gab es Unterbringungsprobleme, die 15 Athleten wurden ab September 1959 abseits des Ortes, im Kammerbacher Pirschhaus, untergebracht.Sieghart Zitzmann u. a. und WSV Oberhof 05: 1958/1998 – 40 Jahre Biathlon in Oberhof. Seite 15. Als 1960 Biathlon olympisch wurde, festigte sich die Position der Abteilung innerhalb des ASK nachhaltig. Nach dem Einzug in das 1961 eröffnete Armeeobjekt am Grenzadler hatten die Biathleten bessere Bedingungen. Der internationale Durchbruch erfolgte 1970, als Hans-Gert Jahn bei der Weltmeisterschaft (WM) mit der Staffel die erste Bronzemedaille gewann.