Alfred Franke-Gricksch (* 30. November 1906 in Berlin; † 18. August 1952 in Moskau) war während der Weimarer Republik ein Parteifunktionär und -publizist des nationalrevolutionären Flügels der NSDAP. Er verließ 1930 die Partei und emigrierte 1933. 1934 zurückgekehrt, wurde er im Deutschen Reich SS-Offizier im Rang SS-Obersturmbannführer. In der frühen Nachkriegszeit war er einer der Organisatoren der rechtsnationalistischen Gruppierung „Bruderschaft“. 1952 wurde er wegen seiner SS-Tätigkeit in der Sowjetunion hingerichtet. In den frühen 1930er-Jahren führte er das Pseudonym Hildebrand.

Leben Politische Aktivitäten bis 1934 Alfred Franke-Gricksch stammte aus einer Berliner Kaufmannsfamilie, war zunächst in der Jugendbewegung aktiv und begann ein Lehramtsstudium in Berlin. Zum 1. November 1928 trat er der NSDAP bei (Mitgliedsnummer 102.121).Bundesarchiv R 9361-III/524709Arsenij Roginskij u. a. (Hrsg.): „Erschossen in Moskau …“ Die deutschen Opfer des Stalinismus auf dem Moskauer Friedhof Donskoje 1950–1953. Berlin 2006, S. 158f. Bei seiner Heirat war der NS-Ideologe und Hitler-Rivale Gregor Strasser einer der Trauzeugen. Die in der Literatur mehrfach zu findende Behauptung, Franke-Gricksch habe eine Tochter Gregor Strassers geheiratet, ist dagegen unrichtig. 1933 wurde sein Sohn Ekkehard geboren. Seine laut Aussagen des Sohnes unpolitische Frau Else ließ sich 1936 von ihm scheiden.Ekkehard Franke-Gricksch: Richtigstellungen … auf memopress.ch; abgerufen am 27. Juni 2012. Ekkehard Franke-Grickschs Aussagen über seinen Vater sind allerdings stark tendenziös und insbesondere bei der Schilderung politischer Ereignisse nur unter Vorbehalt verwendbar.Who’s who in Germany. München 1972, S. 300.

Franke-Gricksch war Anhänger Otto Strassers, der 1930 die NSDAP im Streit mit Hitler verließ und die nationalbolschewistische Splittergruppe Kampfgemeinschaft Revolutionärer Nationalsozialisten gründete, aus der die von Strasser geführte Schwarze Front hervorging. Franke-Gricksch war Mitunterzeichner des Strasser-Aufrufs Die Sozialisten verlassen die NSDAPAls Grieksch-Franke, s. Aufruf v. 4. Juli 1930. und wurde einer der Gründer und Führer der „Nationalsozialistischen Arbeiter- und Bauernjugend“, der Nachwuchsorganisation der „Kampfgemeinschaft“.Siehe Otto-Ernst Schüddekopf: Nationalbolschewismus in Deutschland 1918–1933. Frankfurt/M. u. a. 1972, S. 329 u. 516 Anm. 25. 1933 folgte er Otto Strasser ins Exil nach Österreich und in die Tschechoslowakei.Otto Strasser: Mein Kampf. Eine politische Biografie. Frankfurt/M. 1969, S. 89f. Dort war er als enger Vertrauter Strassers Pressechef und Chefredakteur des Kampfblattes Deutsche Revolution.„Verräter Hildebrand“ schult die „Bruderschaft“. (PDF; 211 kB) In: Sozialdemokratischer Pressedienst, 27. März 1950, S. 1 f.Siehe auch Lieselotte Maas: Handbuch der deutschen Exilpresse 1933–1945. München 1976, S. 176. Seinem Sohn Ekkehard zufolge wurde er in dieser Zeit in Deutschland wegen Landesverrats in Abwesenheit zum Tode verurteilt, was sich allerdings durch keine zeitgenössische Quelle belegen lässt.

1934 brach er mit Strasser und kehrte über die Schweiz nach Deutschland zurück. Später wurde Franke-Gricksch vorgeworfen, er sei schon in seiner Emigrationszeit als Gestapo-Spitzel tätig gewesen und habe sich seine eigene Straffreiheit durch den Verrat von zahlreichen Mitgliedern der in Deutschland illegalen Strasser-Organisation erkauft.Vergleiche Friedrich Beer-Grunov: Über die Gründe meiner Trennung von Dr. Otto Strasser, dem bisherigen Führer der Schwarzen Front. [Paris 1938].Ein „Kanzler“ prophezeit Machtübernahme 1953. (PDF; 231 kB) In: Sozialdemokratischer Pressedienst, 11. Oktober 1950, S. 6. Anfang der 1950er-Jahre eröffnete die Staatsanwaltschaft in Bielefeld wegen dieser Vorwürfe ein Ermittlungsverfahren gegen ihn, das aufgrund des Verschwindens Franke-Grickschs im Jahr Herbst 1951 aber nicht fortgeführt wurde.Karl Otto Paetel: Versuchung oder Chance? Zur Geschichte des deutschen Nationalbolschewismus. Göttingen 1965, S. 223.Die entschleierte „Bruderschaft“. (PDF; 253 kB) In: Sozialdemokratischer Pressedienst, 26. Februar 1951, S. 6 f.

Als SS-Führer 1935 wurde Franke-Gricksch Mitglied der SS (SS-Nummer 276.830), wo er es in der SS-Verfügungstruppe und ab Oktober 1939 in der Waffen-SS bis 1941 zum SS-Hauptsturmführer brachte, zuletzt als Nachrichtenoffizier (Ic) im Divisionsstab der SS-Division Totenkopf unter SS-Brigadeführer Theodor Eicke, dem vormaligen „Inspekteur der Konzentrationslager“. Ab März 1941 fand Franke-Gricksch, der sich selbst als Protegé Reinhard Heydrichs sah,Charles W. Sydnor: Soldiers of Destruction. The SS Death’s Head Division, 1933–1945. Princeton NJ 1990, S. 81 Anm. 28. Verwendung beim Sicherheitsdienst (SD) im Reichssicherheitshauptamt. Der Versetzung lag keine Verwundung oder Frontuntauglichkeit zugrunde, sondern sie war Teil eines Personalrotationsplans von Heinrich Himmler („Austausch von Führern zwischen Front und Heimat“), durch den leitende SS-Kader umfassende Front-, Sicherheitspolizei- und Verwaltungserfahrungen erwerben sollten.Charles W. Sydnor: Soldiers of Destruction. The SS Death’s Head Division, 1933–1945. Princeton NJ 1990, S. 337 f.

Von August 1942 an war Franke-Gricksch bei der SS-Polizei-Division in Russland im Einsatz. Im Januar 1943 traten bei ihm Nierensteine auf. Er wurde ins SS-Personalhauptamt versetzt, wo er zuletzt als SS-Obersturmbannführer das Persönliche Büro des Personalhauptamtschefs Maximilian von Herff führte sowie Leiter des Amts I (Zentralamt) wurde.s. des Bundesarchivs. Seinem Vorgesetzten galt er bald als „zweitbester“ Mann des Hauptamtes.

mini|Maximilian von Herff 1943 im Warschauer Ghetto. Links hinter ihm Jürgen Stroop. Im Mai 1943 nahm Franke-Gricksch an einer Inspektionsreise seines Vorgesetzten Herff im Generalgouvernement teil. Sie besichtigten dabei die Konzentrationslager Auschwitz und Majdanek, die Zwangsarbeitslager Trawniki, Janowska und Poniatowa sowie die SS-Garnison in Lublin.Alfred Franke-Gricksch: A Report on the Duty Journey through Poland from the 4th–16th May 1943. Original in: National Archives Kew – WO 309/2241. Franke-Gricksch schrieb nach seiner Rückkehr nach Berlin als Bericht:

mini|Franke-Gricksch-Report 1943 (auszugsweise Abschrift). Am 15. Mai beobachtete er mit Herff die Niederschlagung des Warschauer Ghetto-Aufstandes. Über seine während dieser Reise vorgenommene Besichtigung der Vernichtungsanlagen im KZ Auschwitz-Birkenau verfasste Franke-Gricksch ein spezielles Memorandum unter dem Titel „Umsiedlungs-Aktion der Juden“, in dem er die Selektion und Vergasungen beschrieb:Umsiedlungs-Aktion der Juden. Faksimile u. ; Erstdruck in: Jean-Claude Pressac: Auschwitz. Technique and Operation of the Gas Chambers. New York 1989, S. 236–239 / vollständig abgedruckt in: * Gerald Fleming: Hitler und die Endlösung : "es ist d. Führers Wunsch ..." Ullstein TB 33083, Frankfurt/M., Berlin 1987, ISBN 3-548-33083-5; S. 155–158.

Das Dokument, das nur noch in einer auszugsweisen Abschrift der „War Crimes Branch“ der 3. US-Armee existiert, wird von Geschichtsrevisionisten und Holocaustleugnern als Fälschung bezeichnet.Siehe zum Beispiel Brian A. Renk: The Franke-Gricksch ‘Resettlement Action Report’: Anatomy of a Fabrication. In: The Journal of Historical Review 11 (3) 1991, S. 261–279.

Kurz vor Kriegsende war Franke-Gricksch mit der Entwicklung von „Methoden der Untergrundarbeit nach einer Niederlage“ beschäftigt.Margret Chatwin: In: Informationsdienst gegen Rechtsextremismus (IDGR), 2000, Anm. 2. Er gilt als Autor oder Initiator eines am 3. April 1945 innerhalb der SS-Führung erstellten Programmentwurfs unter dem Titel „Die deutsche Freiheitsbewegung (Volksgenössische Bewegung)“, in dem eine Säuberung der NSDAP gefordert wurde:

Für die innerstaatliche „Erneuerung“ wurde der Einklang von „Führung und Gefolgschaft“, „die Mitentscheidung des Volkes“, die Verwirklichung eines „Bruderschafts“-Konzepts, ein auf dem Eliteprinzip beruhender Staatsaufbau und eine außenpolitische Umorientierung hin zu einem germanisch-europäischen Großreich gefordert.Siehe auch Marlis G. Steinert: Die 23 Tage der Regierung Dönitz. Düsseldorf/Wien 1967, S. 19.

Nach 1945 Von 1945 bis 1947 befand Franke-Gricksch sich in britischer Internierung, wo er einer englischen Veröffentlichung nach für den britischen Geheimdienst MI6 angeworben wurde, mit dessen Hilfe er auch die obligatorische Entnazifizierung umging.Stephen Dorril: MI6. Inside the Covert World of Her Majesty’s Secret Intelligence Service. London 2002, S. 103. Anstatt seinen alten SS-Rang zu benutzen, bezeichnete er sich in der Nachkriegszeit lieber als „Oberst a. D.“ und arbeitete als „Wirtschaftsberater“ für ein Textilhaus in Gelsenkirchen.

1948 diktierte Franke-Gricksch seiner zweiten Frau Liselotte eine Rechtfertigungsschrift unter dem Titel „Aus dem Tagebuch eines gefallenen SS-Führers“, in dem er die Probleme und Diskussionen innerhalb der SS-Führung schildert, die sich aus dem Betrieb der Konzentrationslager und der Vernichtung der Juden ergaben. So beschreibt er ein Gespräch mit Heinrich Himmler, in dem dieser die Geheimhaltung der Massentötungen rechtfertigt:

Die Aufzeichnungen wurden 1965 von seiner Frau als Zeugin im 1. Frankfurter Auschwitz-Prozess („Strafsache gegen Mulka u. a.“) und im 2. Treblinka-Prozess gegen Kurt Franz u. a. verlesen.Siehe (PDF) Fritz Bauer Institut, Frankfurt/M. Juli 2002, S. 15, Nr. 88. Sie nannten ihn den „Todesengel“. In: Die Zeit, Nr. 26/1965.Georg Meyer: Zur Situation der deutschen militärischen Führungsschicht im Vorfeld des westdeutschen Verteidigungsbeitrages 1945–1950/51. In: Militärgeschichtliches Forschungsamt (Hrsg.): Anfänge westdeutscher Sicherheitspolitik 1945–1956. Band 1. München/Wien 1982, S. 714 ff.

„Bruderschaft“ Ab den späten 1940er-Jahren lag Franke-Grickschs Haupttätigkeit in dem Aufbau und der Führung einer Kaderorganisation unter dem Namen „Bruderschaft“, die ganz programmatisch auch als „Europäische Bruderschaft Deutscher Nation“ auftrat. Diese hatte sich bereits unmittelbar nach Kriegsende gebildet als „Zellen“-Organisation in britischer Kriegsgefangenschaft um ihn und Helmut Beck-Broichsitter (1914–2000),vgl. Kabinettssitzung der Bundesregierung v. 29. Juli 1952. einen ehemaligen Major der Division Großdeutschland.Krafft Freiherr Schenck zu Schweinsberg: Die Soldatenverbände in der Bundesrepublik. In: Georg Picht (Hrsg.): Studien zur politischen und gesellschaftlichen Situation der Bundeswehr. Bd. 1. Witten/Berlin 1965, S. 149ff.; s. a. Profil: Bruderschaft; Naumann-Kreis auf apabiz.de. Zunächst reichte der Wirkungsbereich der „Bruderschaft“ kaum über Hamburg hinaus. 1949 erschienen in der Auslandspresse erste Berichte über die Vereinigung, die als „verschworene Generalsclique mit großdeutschen, neofaschistischen Machtbestrebungen“ dargestellt wurde. Deutsche Zeitungen übernahmen die Meldungen und machten die „Bruderschaft“ damit öffentlich bekannt.

Nach außen gab sich die in ihrer Hochzeit nicht mehr als etwa zweihundert Mitglieder und einige tausend Unterstützer zählende Organisation als rein militärpolitisch orientierte Offiziersvereinigung. In der Presse wurde deshalb gemutmaßt, die „Bruderschaft“ habe den Zweck, die Remilitarisierung Deutschlands vorzubereiten. Dieser Eindruck wurde noch dadurch verstärkt, dass das „Aushängeschild“ der „Bruderschaft“, der Ex-Panzergeneral Hasso von Manteuffel, Kontakte zum Kanzler Konrad Adenauer hatte.Wilma Ruth Albrecht: Liberalismus und Entnazifizierung. München/Ravensburg 2008, S. 30ff.