mini|Stéphane Hessel (2012)

Stéphane Frédéric Hessel (* 20. Oktober 1917 als Stefan Friedrich Kaspar HesselZum Tod von Stéphane Hessel - Glück im Widerstand Der Tagesspiegel, 27. Februar 2013, abgerufen am 21. September 2018. in Berlin; † 27. Februar 2013 Zeit Online, 27. Februar 2013. in Paris) war ein französischer Diplomat, Lyriker, Essayist und politischer Aktivist. Er ist der Sohn des Autors Franz Hessel, kämpfte für die Résistance und überlebte das KZ Buchenwald,Stefan Simons: Zum Tode Stéphane Hessels: Ein Leben lang links. Spiegel Online, 27. Februar 2013. weil er im Lager den Namen eines ermordeten Mitgefangenen annahm.Uwe Wittstock: Marseille 1940. Die große Flucht der Literatur. C.H.Beck Verlag, 7. Auflage, München 2024, ISBN 978-3-406-81490-7, S. 329.

Nach seiner KZ-Haft trat Hessel 1945 in den diplomatischen Dienst des französischen Außenministeriums ein. Seine diplomatische Laufbahn begann als Büroleiter des UN-Vize-Generalsekretärs Henri Laugier, der zu jener Zeit mit dem Entwurf der Allgemeinen Erklärung der Menschenrechte der UN befasst war. Es folgten bis 1982 weitere Stationen bei den Vereinten Nationen, aber auch auf anderen Posten und teilweise im Ausland. Danach wurde er in die Haute Autorité de la communication audiovisuelle (Regulierungsbehörde für Funk und Fernsehen) und danach in eine Arbeitsgruppe zur Ausländerintegration berufen. Im Ruhestand setzte er sich weiterhin für Frieden und Menschenrechte ein.

Große Aufmerksamkeit erregte im Jahr 2010 Hessels Essay Empört Euch!, in dem er scharfe Kritik an aktuellen politischen Entwicklungen übt und zum Widerstand aufruft. Bis Ende 2011 wurden davon in Frankreich über zwei Millionen Exemplare verkauft und in mehr als 40 Sprachen übersetzt.Manfred Flügge: Stéphane Hessel, ein glücklicher Rebell, Aufbau Verlag, Berlin, 2012, ISBN 978-3-351-02744-5. Siehe dort Vorwort: Später Stern Die Protestbewegung in Spanien gegen die Folgen der Finanzkrise, die entsprechenden griechischen, französischen und portugiesischen sozialen Protestbewegungen sowie die Occupy-Bewegung„That is why I am so happy about what happens these days in Wall Street, because they’re indeed very peaceful. They are not throwing any bombs or any stones, but they’re there determined to see that their values are to be respected.“ beriefen sich teilweise auf ihn.Indignados en la calle. In: El Pais, 17. Mai 2011 (spanisch). Abgerufen am 21. Mai 2011: „El pasado domingo, las principales ciudades españolas fueron escenario de manifestaciones convocadas en la estela del panfleto publicado por el francés Stéphane Hessel, ¡Indignaos!“ (auf Deutsch: „Am vergangenen Sonntag waren die wichtigsten spanischen Städte Schauplatz von Demonstrationen, die sich auf das Pamphlet des Franzosen Stéphane Hessel ‚Empört Euch!‘ beriefen.“).

Leben Stéphane Hessel wurde 1917 als Stefan Friedrich Kaspar Hessel in Berlin geboren.Moritz Reininghaus: In: Jüdische Zeitung (Berlin) auf j-zeit.de, Januar 2011; Porträt Seine Eltern waren der deutsche Schriftsteller Franz Hessel, der aus einer assimilierten jüdischen Bankiersfamilie stammte, und die aus einer deutschen protestantischen Familie stammende Journalistin Helen Grund. Sein Bruder Ulrich wurde 1914 geboren. 1924 zog die Familie nach Paris, 1937 wurde Stéphane Hessel französischer Staatsbürger.

Er absolviert die Elitehochschule École normale supérieure in Paris. Zu Beginn des Zweiten Weltkriegs geriet Hessel als Offizier der französischen Armee in deutsche Kriegsgefangenschaft, konnte aber über Südfrankreich, Marokko und Portugal nach London fliehen. Dort schloss er sich im Mai 1941 der französischen Résistance an und wurde mit einem Lastensegler in Frankreich abgesetzt. Im Juli 1944 wurde er von der Gestapo in Paris verhaftet, gefoltert und in das Konzentrationslager Buchenwald deportiert. Der als Spion zum Tode verurteilte Hessel überlebte nur, weil der Kapo Arthur Dietzsch ihm die Identität eines kurz zuvor verstorbenen Gefangenen verschaffte. Unter dessen Namen wurde Hessel in das Außenlager Rottleberode und später nach Mittelbau-Dora überstellt, wo u. a. die von Wernher von Braun entwickelten V2-Raketen produziert wurden.Stéphane Hessel: Wie ich Buchenwald und andere Lager überlebte. In: FAZ, 21. Januar 2011, S. 35.„Drei Offiziere kamen mit dem Leben davon“. In: Die Zeit, 1/1960. In Buchenwald lernte er den Schriftsteller Eugen KogonEugen Kogon beschreibt das Schicksal Hessels in Buchenwald ausführlich im Kapitel „Exekution alliierter Fallschirmspringer und Geheimagenten.“ seines Buches Der SS-Staat (Taschenbuchausgabe, Heyne-Sachbuch, ISBN 3-453-00671-2, S. 266–274). kennen, mit dem ihn eine lebenslange Freundschaft verband. Beim Bahntransport in das KZ Bergen-Belsen konnte Hessel am 6. April 1945 flüchten.Julia Jüttner: Der glückliche Lebenskünstler. Spiegel Online, 7. Mai 2009.

Nach Ende des Zweiten Weltkrieges wurde Hessel 1946 in New York Büroleiter des UN-Vize-Generalsekretärs Henri Laugier. In Sitzungen der neu geschaffenen Menschenrechtskommission und auch bei den UNO-Generalversammlungen war er präsent, entgegen anderslautenden Presseberichten aber weder Mitglied der Kommission noch an der Erklärung der Menschenrechte beteiligt.Manfred Flügge: Stéphane Hessel, ein glücklicher Rebell, Aufbau Verlag, Berlin, 2012, ISBN 978-3-351-02744-5. S. 107. Hessel: La Déclaration des droits de l’homme, témoin de l’audace de l’époque. Centre d’Actualités de l’ONU, 10 décembre 2008 un.org.lemonde.fr. Anschließend trieb er im Auftrag der UNO und des französischen Außenministeriums die Entkolonialisierung voran und vermittelte in Konflikten.

Entwicklungshilfe, Demokratie und Menschenrechte gehören zu den Themen, die Hessel besonders am Herzen lagen und für die er bis zuletzt kämpfte. 1962 gründete er in Frankreich die Vereinigung für die Ausbildung von afrikanischen und madagassischen Arbeitnehmern (Association de formation des travailleurs africains et malgaches, AFTAM), die sich für die Rechte von Afrikanern einsetzt, außerdem war er Mitglied der französischen Sektion der UN-Menschenrechtskommission. Vom französischen Staat erhielt er den Titel „Ambassadeur de France“.

Nach den Terroranschlägen am 11. September 2001 erregte Hessel Aufsehen, als er das „Collegium international“ zur Verhinderung eines Kriegs zwischen den Zivilisationen mitbegründete. Dabei forderte er auch die Regierung Israels zu einer anderen Politik auf („Dass Juden ihrerseits Kriegsverbrechen begehen können, ist unerträglich.“) und schloss sich der Forderung nach einem Boykott israelischer Produkte an.Jürg Altwegg: Bestseller Empörung. In: FAZ, 6. Januar 2011, abgerufen am 7. Oktober 2012. mini|Grab von Stéphane Hessel auf dem Pariser Friedhof Montparnasse Anlässlich der im März 2009 kurz bevorstehenden Durban-Review-Konferenz sprach er von Fortschritten bei der Verwirklichung der universellen Menschenrechtsdeklaration, da Kolonialismus, Totalitarismus oder Militärregime in mehreren Ländern ihr Ende nähmen. Zugleich warnte er vor Einschränkungen der Rede- und Meinungsfreiheit durch die Gefahr von Medienmonopolen, Übermacht von Konzernen und insbesondere das Bestreben größerer Religionen, die Kritik an der Religion zu unterbinden. Er sprach sich somit gegen ein Verbot der religiösen Diffamierung aus. Die Probleme seien durch Dialog zwischen den größeren Kulturen und Zivilisationen zu lösen.Simon Bradley: Menschenrechtsanwalt Stéphane Hessel sieht Redefreiheit in Gefahr. In Swissinfo, 11. März 2009 (Interview).

In seinem Buch Empört Euch! aus dem Jahr 2010, das bis zum Januar 2011 bereits mehr als 900.000 Mal gedruckt wurde,Jakob Augstein: Sarrazin-Debatte: Im Land der Niedertracht. Spiegel Online, 13. Januar 2011. spricht er sich für die Wiederbelebung der Werte der Résistance aus.Political essay by 93-year-old tops Christmas bestseller list in France. In: The Guardian, 26. Dezember 2010 Er kritisiert in dem Buch außerdem den Finanzkapitalismus, die Behandlung von Minderheiten wie den Roma oder sogenannten illegalen Einwanderern, plädiert für Gewaltlosigkeit und sieht eine Lösung des Konflikts im Nahen Osten als für die Befriedung weiterer Konflikte elementar an. 2011 wurde er mit dem Prix de l’Académie de Berlin ausgezeichnet. In: Zürcher Unterländer, Schweizerische Depeschenagentur am 29. November 2011

Stéphane Hessel lebte mit seiner zweiten Frau, Christiane Hessel-Chabry, in Paris. Er liegt auf dem Cimetière Montparnasse begraben. Nachdem der Weimarer Stadtrat es wegen „mangelndem Bezug zu Weimar“ abgelehnt hatte, Hessel zu seinem 95. Geburtstag die Ehrenbürgerschaft zu verleihen, hat die Stadt Weimar am 9. August 2019 den Platz vor dem neuen Bauhaus-Museum als Stéphane-Hessel-Platz der Öffentlichkeit übergeben.https://www.thueringen24.de/weimar/article212132407/Nach-diesen-Personen-werden-die-Strassen-um-das-neue-Bauhausmuseum-benannt.htmlhttps://www.bauhaus100.de/programm/veranstaltungsdetails/1541/

Position zum israelisch-palästinensischen Konflikt Hessel trat oft als Kritiker der Politik des Staates Israel, besonders der militärischen Besatzung und des Siedlungsbaus in den palästinensischen Gebieten hervor. Am 20. Januar 2011 äußerte er sich in der FAZ zum israelisch-palästinensischen Konflikt, indem er ihn am Ende eines längeren Essays zur inneren Verfassung der Konzentrationslager mit der deutschen Besetzung Frankreichs verglich:

Dieser Aussage widersprach Jonathan Hayoun, Präsident der Vereinigung jüdischer Studenten in Frankreich, am 11. Juli 2012 in der Wochenzeitschrift Nouvel Observateur unter der Überschrift Hessel und die „harmlose“ deutsche Besetzung. Er kritisierte, dass Hessel von einer „Geschmeidigkeit“ der Okkupation sprach,Hayoun wörtlich: suplesse; Hessel dagegen, der perfekt Deutsch spricht, verwendete das Wort „durchlässig“, siehe Zitat oben die „positiv wirken wollte“Hayoun: voulait agir positivement und „ziemlich harmlos“Hayoun: relativement inoffensive gewesen sei. Hessel stelle beide Verwaltungen auf eine Stufe; die Deportationen von Juden und Résistants blende er aus. Der jüdische Staat sei für Hessel der Feind. Die Gesamtheit der Zionisten sei schuld an allen Übeln; der Nazismus sei nicht so schlimm gewesen, weil es Theater gab.Jonathan Hayoun: Stéphane Hessel et l’occupation nazie «inoffensive»: quel indigné est-il vraiment? In: Le Nouvel Observateur, 11. Juli 2012 (französisch). Hessel antwortete in derselben Ausgabe unter dem Titel: Die „harmlose“ Nazi-Besetzung: Israel kritisieren, ist das Antisemitismus?Stéphane Hessel: Occupation nazie «inoffensive»: critiquer Israël, est-ce de l’antisémitisme? In: Le Nouvel Observateur, 11. Juli 2012 (französisch). Er stand im Kern zu seinen Aussagen und warf Hayoun vor, ihn missverstanden zu haben: Er habe nur die Besatzung Frankreichs mit der israelischen Besatzung der palästinensischen Gebiete verglichen, dies sei nicht mit den Verbrechen des Nationalsozialismus als Ganzes oder mit einer Verharmlosung des Holocaust zu verwechseln. Er fand außerdem im Nachhinein seine Wortwahl zu aufgeregt: „Meine Ausdrücke waren vielleicht vorschnell, fix hingeschrieben, zu blitzartig.“

Bibliographie mit Manfred Flügge und Ulrich Hessel: Le Tourbillon de la vie, la véritable histoire de Jules et Jim en collaboration. Albin Michel, Paris 1994, ISBN 2-226-07475-9. Danse avec le siècle. Seuil, Paris 1997, ISBN 2-02-023556-0. Deutsch: Tanz mit dem Jahrhundert. Erinnerungen. Arche, Zürich 1998, ISBN 3-7160-2238-1. Dix pas dans le nouveau siècle. Le Seuil, Paris 2002. Ô ma mémoire. La poésie, ma nécessité. Seuil, Paris 2006, ISBN 2-02-087393-1. Deutsch: Ô ma mémoire. Gedichte, die mir unentbehrlich sind. Übersetzt von Michael Kogon. Grupello, Düsseldorf 2010, ISBN 978-3-89978-124-3. mit Jean-Michel Helvig: Citoyen sans frontières. Conversations avec Jean-Michel Helvig. Fayard, Paris 2008, ISBN 978-2-213-63372-5. Indignez-vous! Indigène, Paris 2010, ISBN 978-2-911939-76-1. Deutsch: Empört Euch! Übersetzt von Michael Kogon. Ullstein, Berlin 2011, ISBN 978-3-550-08883-4.