Wolfram [] ist ein chemisches Element mit dem Elementsymbol W und der Ordnungszahl 74. Es zählt zu den Übergangsmetallen, im Periodensystem steht es in der 6. Nebengruppe (Gruppe 6) oder Chromgruppe. Wolfram ist ein weißglänzendes Schwermetall hoher Dichte, das bereits bei sehr geringen Verunreinigungen spröde wird. Es ist das chemische Element mit dem höchsten Schmelz- und Siedepunkt. Seine bekannteste Verwendung ist daher die Glühwendel in Glühlampen. Wolfram gilt als sogenannter Konfliktrohstoff, weil sein Abbau in Entwicklungsländern mit Menschenrechtsverletzungen, Korruption und Geldwäsche in Verbindung gebracht wird. Seit 2021 müssen EU-Importeure deshalb besondere Auflagen entlang der Lieferkette erfüllen.
Geschichte mini|links|Carl Wilhelm Scheele Wolframhaltige Erze waren den Bergleuten im Erzgebirge und in Cornwall schon seit dem 16. Jahrhundert bekannt. Erstmals erwähnt werden diese von Georgius Agricola als spumen lupi, Wolfsschaum. Später wurde es unter anderem von Johannes Mathesius und Lazarus Ercker als wolform, wolfrumb, wolfferam oder wolffram bezeichnet. Diese Bezeichnung als Wolfsspucke oder WolfsdreckWolfram. In: Wolfgang Pfeifer et al.: Etymologisches Wörterbuch des Deutschen, 1993, abgerufen am 28. Oktober 2025. kam daher, da Wolframerze, die mit Zinnerzen vergesellschaftet sind, Einfluss auf die Zinngewinnung hatten. Bei der Verhüttung bildete das Wolframerz eine Schlacke, in der ein Teil des Zinns gebunden blieb und damit die Zinnausbeute senkte.Erik Lassner, Wolf-Dieter Schubert: Tungsten. 1. Auflage, Springer, 1999, ISBN 978-1-4613-7225-7.Tim Young, Sean Taylor: ‘Wolf rahm’: archaeological evidence for the veracity of an old term. In: Historical Metallurgy. Band 49, Nr. 2, 2021, S. 96–109 (online). Das Wolfram fraß somit das Zinn gleichsam auf.
1751 beschrieb Axel Frederic Cronstedt zwei Minerale aus Bispberg bei Säter und Bastnäs, die er beide auf Grund der hohen Dichte tungsten („schwerer Stein“) nannte. Im Mineral aus Bastnäs konnten 1803 Wilhelm Hisinger und Jöns Jakob Berzelius das Cer entdecken, es wurde später Cerit genannt.Jan Trofast: The Discovery of Cerium - A Fascinating Story. In: C.H. Evans (Hrsg.): Episodes from the History of the Rare Earth Elements. Band 15, Kluwer Academic Publishers 1996, ISBN 978-94-009-0287-9, S. 13–36. Den tungsten aus Bispberg untersuchte ab 1780 Carl Wilhelm Scheele. Er löste das Mineral in Salpetersäure und fand neben Calciumnitrat einen unbekannten gelben Niederschlag, der in Ammoniak löslich war. Die von ihm gefundene Säure, die er tungsten-syra (Wolframsäure) nannte, war der von Scheele zuvor entdeckten Molybdänsäure ähnlich. Es handelte sich somit um Calciumwolframat CaWO4.C.W. Scheele: Tungstens bestands-delar. In: Kongliga Vetenskapsakademiens Nya Handlingar. Band 2, 1781, S. 89–95 (online auf Commons, pdf, schwedisch)Anders Lennartson: Carl Wilhelm Scheele and Torbern Bergman. Springer, 2020, ISBN 978-3-030-49194-9, S. 222–224. Das Mineral wurde 1821 von Karl Cäsar von Leonhard zu Ehren von Scheele Scheelit benannt.Hans Lüschen: Die Namen der Steine. Das Mineralreich im Spiegel der Sprache. 2. Auflage. Ott Verlag, Thun 1979, ISBN 3-7225-6265-1, S. 336.
1782 besuchte der spanische Chemiker Juan José Elhuyar Scheele, arbeitete in seinem Labor und lernte die Wolframsäure kennen. Nachdem er nach Spanien zurückgekehrt war, untersuchte er 1783 zusammen mit seinem Bruder Fausto Elhuyar das als Wolfram (heute Wolframit) bekannte Mineral. Sie fanden darin ebenfalls die von Scheele gefundene Säure. Ihnen gelang es aber auch, durch Reduktion mit Holzkohle in einem geschlossenen Tiegel metallisches Wolfram in Form von kleinen metallischen Kugeln zu gewinnen.J. J. D’Elhuyar, F. D’Elhuyar: Analisis quimico del wolfram y examen de un nuevo metal que entra en su composicion. In: Extractos de las Juntas Generales celebradas por la Real Sociedad Bascongada de los Amigos del País. 1783, S. 46–88. Dabei durfte die Temperatur nicht zu hoch oder tief sein, da ansonsten entweder die Reaktion nicht abläuft oder sich Wolframcarbide bilden.
Nachdem die Elhuyar-Brüder Volfram (den Buchstaben W gab es zu dieser Zeit im Spanischen noch nichtPilar Goya, Pascual Román: Wolfram vs. Tungsten. In: Chemistry International. Band 27, Nr. 4, 2005, S. 26–27, doi:10.1515/ci.2005.27.4.26.) als Namen für das Element verwendetenPaweł Miśkowiec: Name game: the naming history of the chemical elements—part 1—from antiquity till the end of 18th century. In: Foundations of Chemistry. 2022, Band 25, Nummer 1, S. 29–51, doi:10.1007/s10698-022-09448-5., blieb die Namensgebung des Elements lange Zeit unbestimmt. Im Deutschen wurde Scheelium als Name vorschlagen, setzte sich jedoch nie durch. Schließlich etablierten sich in verschiedenen Sprachen unterschiedliche Bezeichnungen. So setzte sich im Englischen, Französischen, Italienischen und Portugiesischen Abarten von tungsten durch, während im Deutschen, Schwedischen und Spanischen Wolfram oder Volfram verwendet wird. 1949 legte die IUPAC Wolfram als offiziellen Namen fest, was jedoch nach Protesten vor allem amerikanischer Chemiker zurückgezogen wurde. Seit 1950 waren sowohl Wolfram als auch Tungsten offizielle IUPAC-Namen.Tungsten Favored Over Wolfram By English-Speaking Scientists. In: Chem. Eng. News. Band 28, Nr. 46, 1950, S. 4002, doi:10.1021/cen-v028n046.p4002. Dies änderte sich 2005, als die IUPAC nur noch Tungsten als offiziellen Namen wählte. In den Sprachen, in denen bislang Wolfram als Name verwendet wurde, wurde dies allerdings beibehalten.
Mitte des 19. Jahrhunderts wurde die Bedeutung von Wolfram in der Stahlindustrie erkannt und dass der Zusatz von Wolfram Eisen bedeutend härter macht. 1868 patentierte Robert Forester Mushet „RMS“ (Robert Mushet's Special Steel), den ersten Werkzeugstahl, der 7 % Wolfram enthielt.Ronald H. Limbaugh: Tungsten in Peace and War, 1918–1946. University of Nevada Press, 2010, ISBN 978-0-87417-821-0, S. 8 1893 entdeckte Henri Moissan den Hartstoff WolframcarbidHenri Moissan: Preparation au four électrique de quelques mètaux réfractaires: tungstène, molybdène, vanadium. In: Comptes Rendus. Band 116, 1893, S. 1225–1227 ()., der ab den 1920er Jahren in größeren Mengen etwa unter dem Namen Widia für Bohrer und andere Werkzeuge eingesetzt wurde. 1903 erfanden Franjo Hanaman und Alexander Just ein Verfahren, mit dem dünne Fäden aus Wolfram hergestellt werden konnten, die in Glühbirnen eingesetzt werden konnten. Diese lösten bald darauf andere Materialien wie Edisons Kohlefäden oder Auer von Welsbachs Osmiumfäden ab.Roland Adunka, Mary Virginia Orna: Carl Auer von Welsbach: Chemist, Inventor, Entrepreneur. Springer, 2018, ISBN 978-3-319-77904-1, S. 89.
Durch die große Bedeutung in der Stahlindustrie war Wolfram während der Weltkriege ein kriegswichtiges Metall. So verstaatlichte die Britische Regierung im Ersten Weltkrieg ein von einer deutschen Firma betriebenes Bergwerk in Cumbria und deutsche Unternehmen eröffneten mittelalterliche Zinnminen wieder, um Wolfram zu fördern.<ref>Greig Watson: [https://www.bbc.com/news/uk-england-25596167 World War One: Tungsten 'the armour plate of conflict.'''] BBC News, 6. Juni 2014, abgerufen am 29. Oktober 2025.</ref> Im Zweiten Weltkrieg war die Bedeutung des Wolframs in der Rüstungsindustrie etwa für Panzerplatten oder Wuchtgeschosse mit einem Kern aus Wolframcarbid noch mal höher. Die wichtigsten europäischen Wolframvorkommen lagen in Spanien und Portugal, die während des Krieges neutral blieben und somit zunächst beide Seiten belieferten. Daraufhin führten die Alliierten 1943–44 einen Wirtschaftskrieg mit politischem und ökonomischem Druck gegen die beiden Staaten, bis diese Mitte 1944 Abkommen zustimmten, die die Ausfuhr von Wolfram nach Deutschland stark einschränkten und bald beendeten.Donald G. Stevens: World War II Economic Warfare: The United States, Britain, and Portuguese Wolfram. In: The Historian. Band 61, Nr. 3, 1999, S. 539–556, doi:10.1111/j.1540-6563.1999.tb01036.x.Joan Maria Thomàs: Roosevelt, Franco, and the End of the Second World War. Palgrave Macmillan, New York 2011, ISBN 978-1-349-28668-3, S. 202–205.
Vorkommen mini|links|Scheelit auf Muskovit Wolfram ist ein seltenes Element, die kontinentale Erdkruste besitzt einen Wolframgehalt von 1,3 ppm. Vergleichbar häufig vorkommende Elemente sind Germanium, Molybdän sowie die Seltenen Erden Holmium und Terbium. Ein wesentlicher Grund hierfür ist, dass Wolfram ein moderat siderophiles (eisenliebendes) Element ist, so dass bei der Entstehung der Erde große Mengen des Elementes in den Erdkern gelangt ist.George R. Helz: Tungsten. In: William White (Hrsg.): Encyclopedia of Geochemistry. Springer, 2018, ISBN 978-3-319-39311-7, S. 1455–1458. Es wird geschätzt, dass sich über 90 % des auf der Erde vorhandenen Wolframs im Erdkern befinden und dieser einen Wolframgehalt von 0,55 ppm aufweist.Rebecca A. Fischer, William F. McDonough: Earth's core composition and core formation. In: Ariel Anbar, Dominique Weis (Hrsg.): Treatise on Geochemistry. 3. Auflage, Elsevier, 2025, ISBN 978-0-323-99763-8, S. 27–31.
Wolfram ist ein inkompatibles Element, das sich in Magma anreichern kann und sehr spät auskristalliert, wodurch der Erdmantel nur geringe Mengen des Elementes enthält. Über die Geochemie von Wolfram in magmatischen Systemen und die Verteilung in primären magmatischen Gesteinen ist relativ wenig bekannt.Florian Kurzweil, Carsten Münker, Michaela Grupp, Ninja Braukmüller, Lena Fechtner, Mike Christian, Simon V. Hohl, Ronny Schoenberg: A reconnaissance view of tungsten reservoirs in some crustal and mantle rocks: Implications for interpreting W isotopic compositions and crust-mantle W cycling. In: Geochimica et Cosmochimica Acta. Band 251, 2019, S. 176–191, . Wahrscheinlich reichert es sich insbesondere in titanreichen Phasen wie Rutil und Titanit aber auch in Biotit, Amphibol und Phlogopit sowie Olivin und Orthopyroxen an.Jingao Liu, D. Graham Pearson, Thomas Chacko, Yan Luo: A reconnaissance view of tungsten reservoirs in some crustal and mantle rocks: Implications for interpreting W isotopic compositions and crust-mantle W cycling. In: Geochimica et Cosmochimica Acta. Band 233, 2018, S. 300–318, . Unter den Gesteinen steigt der Gehalt an Wolfram von den basischen und ultrabasischen Gesteinen über neutralem Gestein hin zu sauren Gesteinen an. Insbesondere Granit enthält Wolfram, auch die meisten sekundären Wolframlagerstätten sind in Granit entstanden.Haisheng Han, Wei Sun, Junhao Fu: Geochemistry and Mineralization of Tungsten Ore. In: Wei Sun, Haisheng Han, Zhiyong Gao (Hrsg.): Flotation Chemistry of Tungsten Minerals and Its Application. Springer, 2025, ISBN 978-981-96-5077-4.
Hydrothermale Lösungen können das Wolfram aus dem Gestein lösen und es bilden sich verschiedene, gut lösliche Wolframate wie Orthowolframat [WO4]2-, Polywolframsäuren (z. B. H6W6O21) oder Heteropolywolframsäuren (z. B. H4[Si(W3O10)4]). Diese können sich in Rissen und Klüften im Gestein sammeln und anreichern. Enthält die Lösung zusätzlich Calcium, fällt das schwerlösliche Calciumwolframat aus und es bildet Scheelit (CaWO4). Ist dagegen nur wenig Calcium, dafür aber Eisen und Mangan vorhanden, bildet sich Wolframit, ein Mischkristall aus Ferberit (FeWO4) und Hübnerit (MnO4).