mini|hochkant=1.4|Ungefähre Siedlungsgebiete der baltischen Stämme im 12. Jahrhundert. Ostbalten in braun, Westbalten in grün mini|hochkant=1.4|Prußische Stämme im 13. Jahrhundert anhand der Encyclopaedia Lithuanica; grau: Galinder als Balten, aber nicht Prußen,Sassen und Lubava prußisch-slawische Mischgebiete

Die Prußen oder Pruzzen, nach der Eigenbezeichnung *Prūsai, waren der baltische Volksstamm, auf den der deutsche geografische Name Preußen und der Name des Staates Preußen zurückgehen. Das Siedlungsgebiet der Prußen im 13. Jahrhundert lag an der Ostsee, etwa zwischen der Weichsel und der Memel. Sprachlich und ethnisch bestand zwischen den späteren, überwiegend deutschsprachigen Bewohnern Preußens und den ursprünglichen, rein baltischen Prußen nur teilweise eine Verbindung; dagegen blieb der Name des gemeinsamen Siedlungsgebietes noch lange Zeit erhalten.

Überblick Die Prußen waren in Stammesverbänden organisiert und hingen dem baltischen Glauben an. Zahlreiche Feldzüge polnischer Herzöge zur Christianisierung der Prußen und Eroberung ihrer Siedlungsgebiete ab dem 10. Jahrhundert blieben ohne dauerhaften Erfolg. Der politisch ambitionierte polnische Herzog Konrad von Masowien bat 1228 schließlich den Deutschen Orden um Hilfe bei der Sicherung seiner Ländereien und überließ ihm 1230 als Gegenleistung das Kulmerland.

Nach ihrer erfolgreichen Unterwerfung durch den Deutschen Orden 1283, die mit der vollständigen Zerstörung prußischer Besitztümer einherging, wurden die Prußen von den meist rheinischen, westfälischen und niederländischen Zuwanderern seit der Hochmittelalterlichen Ostsiedlung assimiliert. Christliche Masowier wanderten außerdem in die Landesteile ein, die an das Herzogtum Masowien grenzten, und zwar teilweise vor, aber hauptsächlich während der Reformationszeit. Nach ihnen wurde ab dem 18. Jahrhundert diese Region als Masuren bezeichnet. In das nur noch spärlich besiedelte Gebiet der Schalauer, Nadrauer und Sudauer wanderten ab dem Ende des 15. Jahrhunderts Litauer ein.

Die Sprache der Prußen, das mit dem Litauischen und Lettischen verwandte Altpreußische, ist im 17. Jahrhundert ausgestorben und nur fragmentarisch dokumentiert.

Eigenname der Prußen In altpreußischen Texten ist das Adjektiv prūsiskan (Akkusativ, Singular femininum) überliefert, woraus der Volksname *Prūsas (für der Pruße) und *Prūsai (für Prußen) (lit. Prūsai, mit Stoßton auf dem langen /u/) erschlossen werden kann.Reinhold Trautmann: Die altpreußischen Sprachdenkmäler. 1910. Der Name kann von einem Gewässernamen abgeleitet werden und ist vermutlich mit lit. praūsti (für [das Gesicht] waschen) verwandt; vgl. auch altpruß. prusnas für des Gesichtes.Rainer Eckert: Altpreußisch. In: Miloš Okuka (Hrsg.): Lexikon der Sprachen des europäischen Ostens. Klagenfurt 2002, ISBN 3-85129-510-2, S. 590 f. Eine alternative Etymologie stellt den Namen zu litauisch prusti (für anwachsen), also etwa Volksmenge.Wolfram Euler: Das Altpreußische als Volkssprache im Kreise der indogermanischen und baltischen Sprachen. Innsbrucker Beiträge zur Sprachwissenschaft; Vorträge und kleinere Schriften. Innsbruck 1988, ISBN 3-85124-595-4.

Der Eigenname erscheint erstmals im 9. Jahrhundert beim anonymen Geographus Bavarus als Bruzi. Im Mittelniederdeutschen lautete der Name Prûsse und im Mittelhochdeutschen Priuzen, woraus sich der spätere Name Preußen entwickelte. Die Polen nutzten den Namen Prusy. Geläufige latinisierte Formen waren Pruzi, Prutheni oder Borussi. Der entsprechende lateinische Landschaftsname Prussia oder Borussia ging im 18. Jahrhundert auf den vom König von Preußen (lat. Rex Boruss. [-orum] od. [-iae]) regierten Staat Preußen über.

Die in der Literatur manchmal noch heute verwendete Form Pruzzen stammt aus einer Zeit, als der Buchstabe z intervokalisch oft zur Bezeichnung des stimmlosen s benutzt wurde. Daher wird die Aussprache durch die Schreibweise Prußen korrekter wiedergegeben.

Stämme Das Siedlungsgebiet der Prußen, wie auch das der anderen Balten, war ursprünglich wesentlich größer als in historischer Zeit und ist durch archäologische Funde ununterbrochen von der Eisenzeit (5. Jh. v. Chr.) bis zur sukzessiven Eroberung durch Slawen seit Beginn der Völkerwanderung (ab 6. Jh. n. Chr.) belegt. Durch mehrfache Eroberungsversuche des polnischen Königs Boleslaus I. und seiner Nachfolger gingen die Randgebiete des prußischen Siedlungsgebietes verloren.

Das verbliebene prußische Gebiet, das im 13. Jahrhundert vom Deutschen Orden in Besitz genommen wurde, wird in Regionen unterteilt, die ungefähr mit den Siedlungsgebieten der dort lebenden prußischen und slawischen Stämme übereinstimmen. Die Namen werden meist latinisiert oder eingedeutscht gebraucht, altpreußische Namen in ihrer ursprünglichen Form sind dagegen nicht überliefert. Die Samen (Sami, Sambitae, nicht zu verwechseln mit den skandinavischen Samen) wohnten auf der Halbinsel Samland (Sambia). Auf ihrem Gebiet wurde 1255 die Handelsstadt Königsberg gegründet. Erstmals werden sie von Adam von Bremen als Sembi genannt, der insbesondere über ihre Ernährungsgewohnheiten schrieb. Die Warmier (Varmienses, Hermini) wohnten am Frischen Haff zwischen der Podarge und dem Pregel. Auf ihrem Gebiet lag später die Stadt Braunsberg. Der Volksname lebt im Landschaftsnamen Ermland weiter. Die Natanger (Nattangi) wohnten zwischen den Warmiern und der Alle. Die Barter (Barthi) siedelten östlich der Alle. Nach ihnen ist der Ort Bartenstein benannt. Die Pogesanen (Pogesani) wohnten südlich der Warmier und Natanger. Zum bedeutendsten Ort dieser Region wurde die Stadt Heilsberg. Das Gebiet der Pomesanen (Pomesani) schloss sich westlich an das der Pogesanen an und erstreckte sich bis zur Weichsel. Als städtisches Zentrum bildete sich Marienburg heraus. Die Sassen im Kulmerland waren den Eroberungsversuchen von Süden am meisten ausgesetzt und nahmen früh slawische Zuwanderer auf. Die Galinder (Galinditae) wohnten auf der Masurischen Seenplatte, südlich der Barter, zwischen der Alle und dem Spirdingsee. Möglicherweise wurden sie bereits vom antiken Geographen Ptolemäus erwähnt („Galindae“, griech.: Γαλίνδαι).Claudius Ptolemäus: Geographiae libri octo. Graece et Latine ad codicum manu scriptorum fidem, Fasciculus 3: Librum tertium continens. Baedeker, Essen 1842, S. 201, Zeile 6. (Digitalisat der Bayerischen Staatsbibliothek). Die Sudauer (Sudavi) wohnten östlich der Galinder bis an die Memel. Möglicherweise sind sie mit den Sudini (Σουδινοί) identisch, die in der Antike zusammen mit den oben genannten Galindae erwähnt werden. Die Sudauer werden auch Jatwinger (Jatvingi) genannt, deren historisches Gebiet jedoch viel weiter nach Süden reichte. Die Nadrauer (Nadroviti) siedelten am oberen Pregel. Die Schalauen (Scaloviti) wohnten beidseits der unteren Memel und waren kulturell durch die unmittelbare Nachbarschaft der Litauer geprägt. In die prußischen Grenzgebiete Kulmerland und Löbau zogen, wie in Sassen, ebenfalls slawische Stämme.

Religion der Prußen Prußisches Heidentum

Der Chronist Peter von Dusburg beschrieb die prußische Religion als Naturreligion: Als Gottheiten sind der Wissenschaft der Donnergott Percunis, der Fruchtbarkeitsgott Curche, der Wassergott Natrimpe und der Totengott Patollo bekannt. Weitere Götternamen, die seit dem 16. Jahrhundert in Listen auftauchen, werden von der Forschung unterschiedlich bewertet. Mit dem Criwe kannten die Prußen auch eine Art Oberpriester, dessen genaue Funktion aber in der Forschung noch diskutiert wird.

Die Prußen glaubten an ein Weiterleben nach dem Tod. Nach den Quellen schien der Tote in eine andere Welt überzugehen und dort in derselben Aufmachung weiterzuleben wie im Diesseits. Der Verstorbene wurde standesgemäß verbrannt; manchmal wurde ihm neben Waffen, Werkzeug oder Schmuck auch ein Pferd für das Leben nach dem Tod mitgegeben.

Ab dem 16. Jahrhundert ist die Bockheiligung oder das Waideln überliefert, doch wird angenommen, dass dabei ursprünglich ein traditioneller Festakt gemeint war, der erst im Vorfeld der Reformation religiös aufgeladen und dann als heidnischer Akt fehlinterpretiert wurde.Michael Brauer: Die Entdeckung des ‚Heidentums‘ in Preußen. Akademie Verlag, Berlin 2011, ISBN 978-3-05-005078-2.

Christentum mini|Prußen töten Adalbert von Prag, Darstellung auf der Gnesener Bronzetür aus dem 12. Jahrhundert Die Missionierung der Prußen begann 997, als der böhmische Bischof Adalbert von Prag, unterstützt vom polnischen Fürsten und späteren König Boleslaus dem Tapferen, bei den Prußen missionierte, wobei er von den Prußen getötet wurde, ebenso wie sein Nachfolger, der sächsische Bischof Brun von Querfurt 1009.

Mit der Unterwerfung der Prußen durch den Deutschen Orden seit dem Jahr 1231 wurden die Prußen christianisiert. Wie lange noch das alte Heidentum weiterlebte, ist aus den Quellen nicht zu entnehmen. Am längsten sollen sich heidnische Bräuche bei den abgelegenen Sudauern gehalten haben. Im 16. Jahrhundert entstand so das Sudauerbüchlein, das eine Götterliste, ‚heidnische‘ Feste und die Bockheiligung beschrieb. Doch wird in der Forschung die Meinung vertreten, dass dieses Büchlein traditionelle Volksbräuche im Rahmen der Reformation als ‚heidnisch‘ missinterpretierte.Michael Brauer: Die Entdeckung des ‚Heidentums‘ in Preußen. Akademie Verlag, Berlin 2011, ISBN 978-3-05-005078-2.

Zugleich mit der Errichtung des Herzogtums Preußen führte Herzog Albrecht im Jahre 1525 die Reformation ein, während das Bistum Ermland, das zu Polen gehörte, katholisch blieb. Im Herzogtum kam es zu Verurteilungen wegen Hexerei, Waidlerei und Bockheiligung. Katholische und traditionelle Volksbräuche wurden verfolgt und als ‚unchristliche‘ Bräuche verboten.

Um das Luthertum der prußischen Landbevölkerung näherzubringen, wurde 1545 der Kleine Katechismus erstmals in prußischer Sprache veröffentlicht.

An Adalbert von Prag erinnerte in Tenkitten ein Denkmal in Form eines großen Eisenkreuzes, welches vor allem von Gräfin Wielopolska finanziert wurde. Das Adalbertkreuz wurde nach 1945 von den Sowjets zerstört und 1997 zum tausendsten Todestag von Adalbert wieder errichtet.Gisela Graichen, Matthias Gretzschel: Die Prussen: Der Untergang eines Volkes und sein preußisches Erbe. Scherz Verlag, Frankfurt am Main 2010, ISBN 978-3-502-15172-2. An Bruno von Querfurt erinnert das 1909 errichtete Brunokreuz in Lötzen.

Altpreußische Sprache

Aus dem 14. Jahrhundert stammt der älteste altprußische Text. Simon Grunau führt eine Liste mit 89 Wörtern und ein Vaterunser an, welches aber als „korrumpiertes Lettisch“ zu betrachten ist.Reinhold Trautmann: Die altpreußischen Sprachdenkmäler. 1910, S. XXVI. Auch Grunaus Wortliste ist nur bedingt für die Erforschung des Altprußischen brauchbar. Die wichtigsten Zeugnisse sind das Elbinger Deutsch-Preußische Vokabular (um 1350) und drei Katechismen (16. Jh.).

Für das Altprußische können mehrere Dialekte festgestellt werden, am deutlichsten können das Pomesanische und das Samländische erschlossen werden. So lauten „Vater, Mutter, Bruder“ auf pomesanisch tōwis, mōthe, brōte und auf samländisch tāws, mūti, brāti.Wolfram Euler: Das Altpreußisch als Volkssprache im Kreise der indogermanischen und baltischen Sprachen. Innsbruck 1988.