Der Österreichische Feldzug gegen das Herzogtum Warschau, auch Weichselfeldzug genannt, war Bestandteil des Fünften Koalitionskrieges. Er begann am 15. April 1809 mit dem Einmarsch österreichischer Truppen in das Herzogtum Warschau. Es folgte eine polnische Gegenoffensive in das österreichische Galizien bzw. Westgalizien. Ab Ende Mai besetzte Russland die östlichen Teile dieser Gebiete. Österreichs Feldzug endete mit dem Abschluss des Znaimer Waffenstillstandes Mitte Juli 1809, als seine Truppen nur noch die Gegend südlich von Krakau besetzt hielten. Am 14. Oktober 1809 beendeten Österreich und Frankreich den Krieg im Frieden von Schönbrunn.

Vorgeschichte Österreich beabsichtigte 1809, die Vorherrschaft Napoleons in Europa durch Volkskriege nach dem Vorbild des seit 1808 entbrannten Spanischen Unabhängigkeitskrieges zu beseitigen. Beim Einmarsch in Bayern am 9. April 1809 wurde das Volk zum Aufstand gegen Napoleons Fremdherrschaft im Sinne einer nationalen Befreiung aufgerufen.

Problematisch war ein derartiges Vorgehen auf dem Nebenkriegsschauplatz Herzogtum Warschau. Dort sollte eher aus politischen als aus militärstrategischen Gründen ebenfalls eine Offensive stattfinden. Dieser nördliche Nachbar Österreichs war ein Satellitenstaat Frankreichs. Das Herzogtum war im Tilsiter Frieden 1807 infolge einer Einigung Russlands und Frankreichs über die Gebietsgewinne Preußens aus den Teilungen Polens entstanden. Österreich wollte das Herzogtum besetzen, um es Russland oder Preußen bei Bündnisverhandlungen anzubieten.Zu den österreichischen Absichten siehe Alois Veltzé: Kriegsbilder aus Polen, Steiermark und Ungarn 1809. Wien o. J. (1909) (= Emil von Woinowitch, k. u. k. General der Infanterie, Direktor des k. u. k. Kriegsarchivs, und k. u. k. Hauptmann Alois Veltzé [Hrsg.]: Das Kriegsjahr 1809 in Einzeldarstellungen, 11. Band), S. 1 f.

Im noch geteilten Polen galt Napoleon als Befreier und nicht als Usurpator. Zu Polen hatte auch das 1772 von Österreich annektierte Galizien gehört, wie auch das ihm 1795 angeschlossene Westgalizien, Österreichs Gewinn aus der Dritten Teilung. Als sich im Frühjahr 1809 der Krieg abzeichnete, sah man in Warschau dies als Gelegenheit, unter Frankreichs Schutz den unerträglichen Zustand zu beenden, dass es noch polnischen Boden gibt, über den Deutsche befehlen und Galizien zu befreien.Minerva. Ein Journal historischen und politischen Inhalts. Hamburg, Februar 1810, S. 242.

Dennoch ließ der österreichische Oberkommandierende Erzherzog Ferdinand Karl beim Einmarsch in das Herzogtum am 15. April eine Proklamation verbreiten, worin er den Polen zurief, Napoleon sei ein Betrüger und seine Befreiung Polens bestünde darin, dass Eure jungen Krieger die Spanische Erde mit ihrem Blute befruchtet haben. Nun aber komme er als der wahre Befreier und man wolle gemeinsam die Franzosen verjagen.Wortlaut in: Minerva. Ein Journal historischen und politischen Inhalts. Hamburg, Februar 1810, S. 245. Von einer Wiederherstellung Polens war nicht die Rede.

Eine solche Perspektive war unterblieben, weil sie das durch den Allianzvertrag von ErfurtZum Allianzvertrag vom 12. Oktober 1808 siehe Helmuth Rönnefarth: Konferenzen und Verträge. Vertrags-Ploetz. Ein Handbuch geschichtlich bedeutsamer Zusammenkünfte, Vereinbarungen, Manifeste und Memoranden. Teil II: 1493–1952. Ploetz, Würzburg 1952, S. 107 f. mit Frankreich verbündete Russland zu unvorhersehbaren Schritten gegen Österreich hätte veranlassen können. Die Möglichkeit eines Seitenwechsels Russlands wollte Österreich von Anfang an offenhalten. Unklar war auch die Haltung Preußens, das zwar einen Aufstand gegen Napoleon vorbereitete, jedoch schwerlich ein Polen in den Grenzen von 1772 hinnehmen würde. Verbündete Österreichs waren Großbritannien, Spanien, Portugal und das Königreich Sizilien. Auf keinem der Kriegsschauplätze konnte Österreich mit militärischer Unterstützung seiner Alliierten rechnen.

Auf der anderen Seite hatte Napoleon Österreichs Entschlossenheit zum Kriege unterschätzt. Die Masse seiner Truppen befand sich auf der iberischen Halbinsel oder war dorthin unterwegs. Er selbst war erst am 23. Januar 1809 in Paris erschienen und versammelte alle verfügbaren Truppen, speziell die des Rheinbundes, am Main mit der Spitze nach Süddeutschland, wo auch Österreich die Entscheidung suchte. Russlands Eingreifen war zunächst nicht zu erwarten, denn sein Heer stand auf zwei weit auseinander liegenden Kriegsschauplätzen in Finnland und an der Donaumündung mit Schweden und der Türkei im Krieg.

Die gegnerischen Kräfte Österreich hatte neun Armeekorps aufgestellt. Das 1. bis 6. Korps marschierte in Böhmen und am Inn auf, die Korps Nr. 8. und 9. gegen das Königreich Italien und das Korps Nr. 7 nordwestlich von Radom gegen das Herzogtum Warschau. Es bestand aus sieben Infanterie-, zwei Grenzer- und sieben Kavallerieregimentern sowie bespannter und reitender Artillerie. Alle Regimenter waren kampferprobt. Die Infanterie war durch neu aufgestellte Landwehrbataillone verstärkt. Insgesamt verfügte Ferdinand über etwa 36.000 Mann, davon über 5000 Reiter, und etwa 70 Feldgeschütze. In seinem Stab befanden sich die Generäle Neipperg, Mohr, Schauroth, Mondet und Trauttenberg. Etwa ein Drittel seiner Soldaten waren Polen oder Ruthenen.

Die Armee des Herzogtums Warschau hatte ihre vorgesehene Stärke von 30.000 Mann noch nicht erreicht. Das Herzogtum war auf einen Einfall nicht vorbereitet. Auf einen Krieg zwischen Österreich und Frankreich war zwar gehofft worden, jedoch hatte Napoleon im März dem in Warschau anlässlich einer Reichstagssitzung anwesenden König von Sachsen und Herzog von Warschau Friedrich August versichern lassen, die Gefahr eines österreichischen Einfalls bestünde nicht. Am 26. März war Friedrich August abgereist, ohne Anordnungen für den Kriegsfall und Instruktionen für den Kriegsminister und Oberkommandierenden Fürsten Poniatowski hinterlassen zu haben.

Alle Regimenter des Herzogtums mit Kampferfahrung, rund 18.000 Mann, hatte Napoleon in Spanien zur Bekämpfung des Volksaufstandes eingesetzt – sie mussten ständig ergänzt werden. Im Herzogtum und als Besatzer in Danzig befanden sich etwa 10.000 Mann mit 20 bis 30 Feldgeschützen, zum Teil unter Dąbrowski bei Posen noch in Aufstellung, zum Teil in den Festungen Serock, Modlin und Thorn.

Anfang April, als Österreichs Angriffsabsichten offenbar wurden, zog Poniatowski alle Truppen – ohne die Garnison in Danzig – in Warschau zusammen. Seine Generäle waren bekannte Heerführer und die Soldaten von Kampfesmut erfüllt, wenn auch unerfahren. Etwa 2200 Sachsen, drei Bataillone unter dem Kommando General Dyherrns mit wenig Reiterei und 14 Geschützen, die bereits den Befehl zum Abmarsch in die Heimat erhalten hatten, blieben bei ihm.

Raszyn und die Folgen Nachdem Ferdinand, seine Proklamation verbreitend, am 15. April die Pilica bei Nowe Miasto mit nahezu seiner gesamten Armee überschritten hatte und auf Warschau marschierte, rief Poniatowski im Herzogtum ein Volksaufgebot aus. Ferdinands Proklamation ohne einen Hinweis auf Österreichs Verantwortung als Teilungsmacht fand dagegen in der polnischen Öffentlichkeit kein positives Echo. Poniatowski ging Ferdinand mit seinen 12.500 Mann entgegen und bezog bei Raszyn, etwa 8 Kilometer südlich von Warschau, eine Riegelstellung hinter einem versumpften Wasserlauf. Am 19. April nachmittags griff Ferdinand ihn an und eröffnete damit die Schlacht von Raszyn. Der folgende Kampf war das erste und letzte Treffen beider Hauptkräfte in diesem Feldzug. In der Nacht zum 20. April musste sich Poniatowski nach Warschau zurückziehen und das sächsische Korps marschierte in die Heimat ab.

Nun forderte Ferdinand ihn zur Übergabe Warschaus auf. Die Verhandlungen endeten am 21. April mit der Verpflichtung Poniatowskis, Warschau zu räumen und kampflos über die Weichsel zu gehen. Im Gegenzug räumte Ferdinand ihm dazu zwei Tage Zeit ein und verpflichtete sich, auf eine Überquerung der Weichsel zu verzichten. Zwei volle Tage lang ließ Poniatowski alle Waffen, Munition und andere Kriegsvorräte, sämtliche Kassen, Archive und das Regierungspersonal mit tausenden Pferden und Wagen über die Weichselbrücke nach Praga schaffen, begleitet von Schmähungen und Verwünschungen der von ihm entwaffneten Warschauer. Sie meinten, er hätte sich an Ferdinand verkauft.Joseph a. Graf Raczynski (Hrsg. u. Übers.): Noch ist Polen nicht verloren. Aus den Tagebüchern des Athanasius Raczynski. 1788 bis 1818. Berlin 1984, S. 47. Poniatowski zog sich über den Bug in die Festungen Modlin und Serock zurück, während Ferdinand am 23. April in die feindlich schweigende Stadt einrückte.

Unterdessen war unter dem Kommando General Mohrs ein österreichisches Korps von 2000 Mann östlich der Weichsel vor Praga erschienen. Dort stand nur ein polnisches Bataillon. Mohr verlangte die Übergabe der Stadt. Der Kommandant bat Poniatowski um Hilfe. Dieser sandte den General Michał Sokolnicki, der am 25. April Mohr in Sichtweite des Warschauer Publikums bei Grochów schlug. Nur mit Mühe konnten sich die Österreicher auf das linke Weichselufer retten.

Poniatowskis Offensive bis zur Wiedergewinnung Warschaus Nunmehr befanden sich, abgesehen von einigen Garnisonstruppen und Festungsbesatzungen, keine österreichischen Truppen rechts der Weichsel. Das nutzte Poniatowski aus und begann Ende April mit einem Vormarsch ins österreichische Westgalizien. Ferdinand verließ Warschau, um bei Góra Kalwaria über die Weichsel zu gehen und Poniatowski zu stellen. Dieser stürmte jedoch am 3. Mai den dort schon errichteten Brückenkopf des Generals Schauroth. Mit einem Verlust von 1500 Mann musste Ferdinand links der Weichsel bleiben. Somit lag Westgalizien offen vor Poniatowski.

Als die Nachrichten aus Süddeutschland von den französischen Siegen bei Regensburg, Abensberg, und Eggmühl eintrafen, rief Poniatowski zur allgemeinen Erhebung, zum Abschütteln des deutschen Jochs in ganz Galizien auf und ließ Waffen an das Volk ausgeben.Teilweise Wiedergabe des Wortlauts in: Minerva. Ein Journal historischen und politischen Inhalts, Hamburg, März 1810, S. 425ff. Getragen von allgemeiner Zustimmung erreichte er am 14. Mai Lublin, drang in Altgalizien ein, wo am 20. Mai Zamość fiel, die einzige größere Festung der Österreicher, am 24. war seine Armee in Jaroslaw und am 28. zog sie im Triumph in Lemberg, der Hauptstadt Galiziens, ein. Ein Korps unter Potocki hatte am 18. Mai den links der Weichsel liegenden befestigten Brückenkopf Sandomierz erobert, wobei die Österreicher 2.000 Mann an Toten und Gefangenen verloren.

Ferdinand hatte inzwischen vergeblich versucht, den polnischen Brückenkopf Thorn einzunehmen, dann aber sich ebenso ergebnislos auf Kalisch bewegt. Ein Teil seiner Truppen musste wegen latenter Aufstandsgefahr immer in Warschau bleiben. Ein anderer Teil unter Neipperg bekämpfte 8000 Irreguläre, die teils unter General Zajączek über die Pilitza in Westgalizien eingesickert waren, teils aus Einheimischen bestanden.

Die Aufstellung eines sächsischen und eines polnischen Freikorps durch Ferdinand blieb in Anfängen stecken. Die Anziehungskraft der Freikorps erwies sich als gering, zumal verurteilte Straftäter aus den Haftanstalten des Herzogtums sich zum Eintritt verpflichten durften. Wegen der nach den Misserfolgen zunehmenden Desertionen und Gehorsamsverweigerungen büßten die Österreicher ständig an Kampfkraft ein. Viele Soldaten polnischer Herkunft weigerten sich zu kämpfen, wenn es zum Gefecht kam, oder liefen truppweise über.