Der Artikel Energiewirtschaft Litauens beschreibt die Lage der Energiegewinnung, des Energiehandels, des Energieverbrauchs und der Energiereserven in Litauen unter Berücksichtigung der historischen Entwicklung.
Das EU-Mitglied Litauen weist als baltischer Staat, der von 1940 bis 1991 von der Sowjetunion okkupiert war, eine besondere Situation in der Energiegewinnung auf. Dreh- und Angelpunkt war das Kernkraftwerk Ignalina, das in den Jahren 1977 bis 1985 (Blöcke 1 und 2) gebaut wurde und für die Energieversorgung im gesamten Nordwesten der Sowjetunion vorgesehen war. Seine von der EU im Rahmen der Beitrittsverhandlungen geforderte und von Litauen umgesetzte Stilllegung zum 31. Dezember 2009 machte aus dem Atomstrom-Exporteur einen Importeur, der fortan für viele Jahre stark auf Lieferungen fossiler Brennstoffe oder Stroms aus Russland und Belarus angewiesen war und sich nur langsam aus der daraus resultierenden Abhängigkeit befreien kann. Entsprechend hoch ist seither die politische und soziale Brisanz der Energieversorgung in Litauen. 2021 lieferte Russland noch 16 % des in Litauen verbrauchten Stroms. Im Mai 2022 stellte Litauen den Import aus Russland vollständig ein.
Litauen hat in den letzten Jahren die Nutzung erneuerbarer Energien erheblich ausgeweitet, sodass es bereits im Jahr 2017 an zweiter Stelle des Germanwatch-Reportes zum Klimaschutz steht – direkt hinter dem Klima-Primus Schweden und weit vor Deutschland, welches durch Braunkohlenutzung wesentlich schlechter abschneidet. Auch 2018 und 2019 belegt Litauen einen der vordersten Plätze. Bis 2021 ist Litauen jedoch auf Platz 15 zurückgefallen, mit weiter fallender Tendenz, findet sich damit aber noch immer bei den Ländern mit guter Klimabilanz.
Strategische Ausrichtung
Seit Juni 2018 gibt es eine neue Energie-Strategie, die alle Bereiche (Wärme- und Kälteerzeugung, Mobilität und Stromerzeugung) auf regenerative Energien als wichtigste Energiequelle festlegt; sie wurde vom litauischen Parlament verabschiedet. Damit strebt Litauen auch weiterhin nach Unabhängigkeit von Energieimporten. So soll bis zum Jahr 2050 Strom zu 100 % im eigenen Land erzeugt werden, und er soll zu 80 % aus regenerativen Energiequellen stammen. Ein weiteres wesentliches energiepolitisches Ziel ist die vollständige Integration der litauischen Energienetze (Gas und Strom) in die Westeuropäischen.
Gesamtenergiemarkt Litauen hatte 2017 einen Primärenergieverbrauch von 6,2 Millionen Tonnen Öläquivalent (mtoe) nach 6,0 mtoe im Jahr 2016 und 7,9 mtoe im Jahr 2006. Das entsprach 2016 einem Energieverbrauch von 2,54 Tonnen pro Kopf gegenüber 3,76 Tonnen pro Kopf in Deutschland. Für 2006 waren es in Litauen ebenfalls schon etwa 2,5 Tonnen pro Kopf gewesen im Vergleich zu noch etwa 6,1 Tonnen pro Kopf in Deutschland. Bei einem damaligen Import von 12,2 mtoe und einem Export von 6,5 mtoe Primärenergie werden also fast zwei Drittel des heimischen Verbrauchs im Ausland gedeckt. Dabei macht Erdöl einen Anteil von 71 % und Erdgas von 20 % aus, der Rest verteilt sich unter anderem auf Erdölerzeugnisse (4 %) und feste Brennstoffe (2 %).
Primärenergieverbrauch Litauens(nach Energiequellen) Energiequelle absolut in ktoe Anteil am Gesamtverbrauch Jahr 2000 2006 2009 2012 2015 2018 2021 2000 2006 2009 2012 2015 2018 2021 Erdöl 2168,7 2690,5 2495,3 2527,0 2515 3071 - 30,16 % 31,28 % 28,71 % 34,20 % 36,0 % 40,6 % - Erdgas 2064,3 2454,5 2181,6 2654,7 2067 1917 - 28,71 % 28,54 % 25,10 % 35,93 % 29,7 % 25,4 % - Kernenergie 2079,1 2217,7 2576,1 0,00 0 0 - 28,91 % 25,79 % 29,64 % 0,00 % 0 % 0 % - Kohle & Koks 88,5 256,0 155,4 219,8 181 210 - 1,23 % 2,98 % 1,79 % 2,97 % 2,6 % 2,8 % - Torf 11,2 17,9 14,7 16,9 - 0,16 % 0,21 % 0,17 % 0,23 % - Holz & Abfälle 619,8 729,9 940,6 1003,3 1332 1388 - 8,62 % 8,49 % 10,82 % 13,58 % 19,1 % 17,7 % - Biogas 0,00 22,9 56,9 74,7 - 0,00 % 0,27 % 0,65 % 1,01 % - Wasserkraft 29,1 34,2 36,5 36,3 30 37 - 0,40 % 0,40 % 0,42 % 0,49 % 0,4 % 0,5 % - Wind- & Geothermalenergie 0,00 2,9 18,7 50,5 77 106 - 0,00 % 0,03 % 0,22 % 0,68 % 1,1 % 1,4 % - Chem. Prozessenergie 130,5 173,7 214,6 235,9 221 829 - 1,81 % 2,02 % 2,47 % 3,19 % 3,2 % 11 % - Stromimporte 0,00 0,00 0,00 569,3 548 - 0,00 % 0,00 % 0,00 % 7,71 % 7,9 % - Gesamt 7191,2 8600,2 8690,4 7388,4 6971 7558 -
Verbraucher Lässt man die nichtenergetische Nutzung außer Betracht, teilt sich der Endenergieverbrauch in Litauen in drei etwa gleich große Anteile von Transportwesen, privatem Verbrauch, Industriebetrieben, Landwirtschaft, Institutionen der Öffentlichen Hand, Bauwesen (zusammengenommen).
Endenergieverbrauch Litauens(nach Sektoren) Sektor absolut in ktoe Anteil am Gesamtverbrauch Jahr 2000 2006 2009 2012 2015 2018 2000 2006 2009 2012 2015 2018 Industrie 823 1055,8 783,8 960,8 - 1110 17,2 % 19,1 % 15,3 % 15,8 % - 20,1 % Bauwesen k. A. 37,9 39,8 - k. A. 0,7 % 0,7 % - Transportwesen 1304 1550,8 1506,4 1574,5 - 2060 27,2 % 28,0 % 29,3 % 25,9 % - 37,4 % Landwirtschaft 101 114,4 104,6 110,8 - 109 2,1 % 2,1 % 2,0 % 1,8 % - 2,0 % gewerbliche und öffentliche Einrichtungen 485 615,9 599,8 614,1 - 675 10,1 % 11,1 % 11,7 % 10,1 % - 12,2 % private Haushalte 1367 1429,3 1377,6 1537,1 - 1156 28,5 % 25,8 % 26,8 % 25,3 % - 28,3 % nichtenergetische Verwendung 718 771,4 726,3 1232,2 - k. A. 15,0 % 13,9 % 14,1 % 20,3 % - k. A. Gesamt 4798 5537,6 5136,4 6069,3 - 5514
k. A. = keine Angabe
Energiereserven Litauen ist arm an fossilen Brennstoffen. Lediglich in Žemaitėjė und vor der Küste in der Ostsee gibt es gesicherte Erdöl- und Erdgasvorkommen in geringen Mengen. 2009 wurden in Litauen 6.333 Barrel Erdöl täglich gefördert bei einem Verbrauch von 74.000 Barrel. Zum Vergleich: Deutschland verbrauchte 2009 etwa 2.437.000 Barrel täglich, Polen 545.500 und Belarus 173.000 Barrel. Eine Förderung von Erdgas findet nicht statt; zwar enthält fast jede Ölquelle auch Erdgas, aufgrund der geringen Fördermenge wäre die Errichtung der nötigen Infrastruktur jedoch (extrem) unwirtschaftlich. An dieser Situation wird sich in absehbarer Zeit nichts ändern, womit Litauen sehr abhängig von Importen und den jeweiligen Preisschwankungen bleibt.
Erdgas
Leitungsnetz Das Gasleitungsnetz wird mit Ausnahme eines kleinen Gebiets im Süden des Landes vom ehemals staatlichen Gasversorger Lietuvos dujos betrieben. Es besteht aus 1800 km Hauptleitungen und 7500 km regionaler Leitungen. Das Gerüst des Netzes bilden zwei Ost-West-Magistralen – eine von Belarus über Vilnius und Kaunas nach Kaliningrad in Russland, die andere von Panevėžys über Šiauliai nach Klaipėda –, die von einer Nord-Süd-Magistrale verbunden werden (von Lettland kommend über Panevėžys nach Vilnius). Über Stichleitungen sind so gut wie alle größeren Städte Litauens an die Gasversorgung angeschlossen, die Ausnahme bildet das Memelland (siehe nachstehend). Der äußerste Süden des Landes wird über das belarussische Netz versorgt, das das Unternehmen UAB Haupas betreut (0,6 % des Gasimports im Jahre 2007). Lietuvos dujos muss das Leitungsnetz anderen Anbietern zur Verfügung stellen. Für die Preise der Nutzung des Leitungsnetzes legt die staatliche Preiskommission VKEKK Höchstgrenzen fest, die jährlich neu verhandelt werden. Dafür muss Lietuvos dujos die Funktionsfähigkeit des Netzes gewährleisten und in die Modernisierung investieren. Wichtigstes Projekt der jüngsten Zeit war der Bau einer Gaspipeline von Šakiai nach Klaipėda und damit der Anschluss des Memellandes an das litauische Gasnetz.
Zugang zu neuen Bezugsquellen Als Alternative zum Bezug russischen Gases über die seit Sowjetzeiten bestehenden Pipelines wurde 2015 ein schwimmendes Terminal für verflüssigtes Erdgas in der Ostsee vor Klaipėda in Betrieb genommen. Litauen zielte damit auf eine Befreiung aus der historisch bedingten Abhängigkeit von Russland unter energiewirtschaftlichen Aspekten, aus der bis dahin auch nach der Wiedererlangung seiner staatlichen Souveränität 1990 in letzter Konsequenz eine fortwährende politische Abhängigkeit resultierte. Das Terminal verfügt mit einem Speichervolumen von 170.000 m³ über genügend Kapazität, um nicht nur Litauen, sondern das gesamte Baltikum zu 90 % mit dem benötigten Gas zu versorgen. Zudem wurde Ende 2019 mit dem Bau der GIPL-Pipeline mit einer Gesamtlänge von 508 km zwischen Litauen und Polen begonnen, der auf polnischer Seite (343 km) im ersten oder zweiten Quartal 2022 abgeschlossen sein wird. Auf litauischer Seite (165 km) steht der Bauabschluss unmittelbar bevor. Die neue Pipeline soll eine maximale Übertragungsleistung von 27 (21) TWh pro Jahr bzw. 74 (58) GWh pro Tag (richtungsabhängig) ermöglichen.
Handel Den Handel mit Erdgas wickeln in Litauen im Wesentlichen Lietuvos dujos (der ehemalige staatliche Erdgasversorger) und Dujotekana ab. Lietuvos dujos versorgt dabei 99 % der litauischen Privathaushalte (Stand 2007). Außerdem treten der Düngemittelhersteller AB Achema (27 %) und das Heizkraftwerk Kaunas (10 %) als Gasimporteure auf, allerdings nur für den Eigenverbrauch. Lieferant des Gases war zu 100 % der staatliche russische Gasversorger Gasprom, das Gas wurde per Pipeline aus Belarus bzw. Lettland importiert. Insgesamt betrug der Import 2007 3,6 Milliarden m³ und lag damit deutlich über den Vorjahreswerten. Grund war der stark gestiegene Gasbedarf der AB Achema (siehe Abschnitt Verbrauch). Lietuvos dujos transportierte 2007 darüber hinaus 1,2 Milliarden m³ durch das eigene Leitungsnetz von Belarus nach Kaliningrad. Das war nur ein leichter Anstieg im Vergleich zu 2006, aber mehr als doppelt so viel wie 2003. Versorger im litauischen Gasmarkt(in Prozent vom Gesamtverbrauch) Versorger 2002 2006 2007 Gesamtimport (in Mrd. m³) 2,68 3,01 3,56 Transit nach Kaliningrad (in Mrd. m³) 0,57 1,20 1,22 Lietuvos Dujos 22 46 39 Dujotekana - 17 13 AB Achema 28 27 39 Kauno TE - 10 8
Verbrauch Der Gasverbrauch in Litauen kann in Abhängigkeit vom Bedarf der Industrie stark schwanken. 1996–2002 lag er zwischen 2,2 Mrd. m³ (1998; Rezession aufgrund der Rubelkrise in Russland) und 2,6–2,7 Mrd. m³ (1996, 2001, 2002). Die gute Wirtschaftsentwicklung der letzten Jahre hat den Verbrauch deutlich steigen lassen, er lag 2006 bei 3,1 Mrd. m³ und 2007 sogar bei 3,7 Mrd. m³. Letzterer Anstieg wurde vor allem durch die gesteigerte Nachfrage des Düngemittelproduzenten AB Achema hervorgerufen. Gas wird in Litauen in erster Linie von Kraftwerken verbraucht (Heizkraftwerke in Kaunas und Vilnius), 2006 waren es 50 % des Gesamtverbrauchs; 37 % werden von der Industrie abgenommen und nur 6 % von Privathaushalten.
Gasverbrauch in Litauen(in Prozent vom Gesamtverbrauch) Branche 2002 2006 2007 Gesamtverbrauch (in Mrd. m³) 2,7 3,1 3,7 Kraftwerke 51 50 40 Düngemittelproduktion 28 27 40 sonstige Industrie 12 10 11 Privathaushalte 5 6 5
Liberalisierung Der Gasmarkt Litauens ist praktisch seit der wieder erlangten Unabhängigkeit frei zugänglich. Seit 1992 können Verbraucher den Gaslieferanten frei wählen, der einstige staatliche Gasversorger Lietuvos dujos muss den Transport und die Verteilung gewährleisten, die staatliche Preiskommission legt die Preise dafür fest. Seit 1. Juli 2007 ist der Gasmarkt de jure für alle Abnehmer der freien Preisbildung unterworfen, in der Praxis wird der Preis für Privathaushalte weiterhin sehr stark staatlich gelenkt.
Gaspreis