mini|Außenansicht der Stadtkirche Göppingen mini|Stadtkirche Göppingen, Innenraum von Süd nach Nord mini|Stadtkirche Göppingen, Innenraum von Nord nach Süd Die Stadtkirche Göppingen steht in der Kreisstadt Göppingen des Landkreises Göppingen in Baden-Württemberg. Sie gehört zur Evangelischen Kirchengemeinde Göppingen und ist die Hauptkirche des evangelischen Kirchenbezirks Geislingen-Göppingen der Evangelischen Landeskirche in Württemberg. Die Stadtkirche liegt in der Mitte der Göppinger Innenstadt nördlich der Hauptstraße und südlich vom Schloss und ist die größte protestantische Renaissance-Kirche im deutschen Sprachgebiet und die östlichste Station auf der Heinrich-Schickhardt-KulturstrasseHeinrich-Schickhardt-Kulturstrasse – Die Straße In: heinrich-schickhardt-kulturstrasse.de, abgerufen am 9. Oktober 2018. des Europarats. Heute finden in ihr neben zentralen und besonderen Gottesdiensten hauptsächlich Konzerte, Vorträge, Jugendkulturtage der Schulen (school@church) sowie Ausstellungen statt. Außerdem veranstaltet das Evangelische Jugendwerk Bezirk Göppingen dort regelmäßig die Jugendgottesdienste. „Festlich, in dezentem Maße feierlich und in gewisser Weise sogar heiter, das sind die Eigenschaften, die dem Innenraum der Göppinger Stadtkirche heute sein Gepräge geben.“Denkmalpfleger Bodo Cichy in der Festschrift zur Wiedereinweihung der renovierten Kirche im April 1976.
Geschichte mini|Philipp Schickhart 1620: Titelblatt dreier Predigten (Abbruch der Kapelle, Grundsteinlegung und Einweihung der Stadtkirche Göppingen) Wo heute die Stadtkirche steht, gab es wohl mehrere Vorgängerbauten, zuletzt die im Jahr 1348 anlässlich der Stiftung einer Messe erstmals erwähnte Johanneskapelle.Werner Lipp: Alt-Göppingens bauliche Entwicklung – Eine historische Untersuchung des Stadtbildes, verbunden mit vergleichenden Studien zu den Städtegründungen der Staufer. Veröffentlichungen des Stadtarchivs Göppingen, Band 2. Göppingen 1962. Nachdem in Göppingen 1534 die Reformation eingeführt worden war, wurde die nach dem Stadtbrand von 1425 gotisch wiedererrichtete Kapelle als einziges Kirchengebäude innerhalb der Stadt zur Stadtkirche, denn einige Chorherren des vor der Stadt gelegenen Stifts Oberhofen (gotische Kirche von 1436) wollten zunächst noch am katholischen Glauben und am Gottesdienst in ihrer Kirche festhalten.
Kirchenbau Nach der Entdeckung der Göppinger Mineralquelle (urkundlich erstmals 1404 erwähnt, bis 2020 im Christophsbad eine der ältesten Firmen Deutschlands), der wachsenden Bedeutung Göppingens als Heilbad und dem folgenden Bau des Göppinger Schlosses genügte die in der Stadt gelegene kleine Johanneskapelle nicht mehr. Deshalb beauftragte Herzog Friedrich Karl den Landesbaumeister Heinrich SchickhardtNach dem Baumeister (Um- und Ausbau Badherberge, Neubau Stadtkirche, Bau der ersten Göppinger Filsbrücke) wurde der Göppinger Kulturpreis benannt, der 1965 erstmals verliehen wurde – siehe: Archiv und Museen der Stadt Göppingen (Hg.): Göppinger Geschichten. Von Menschen, Ereignissen und Bauwerken. Veröffentlichungen des Stadtarchivs Göppingen. Band 44. Göppingen 2005, S. 294. mit dem Bau einer neuen Kirche, was nach jahrelangen Vorarbeiten dann beim Reformationsjubiläum 1617 öffentlich mitgeteilt wurde.Moser (Hrsg.): Beschreibung des Oberamts Göppingen. Neuausgabe. Unveränd. photomechan. Nachdr. [d. Ausg.] Cotta, Stuttgart/Tübingen 1844. Horst Bissinger Verlag und Druckerei, Magstadt (bei Stuttgart) 1973. (= Die württembergischen Oberamtsbeschreibungen, Bd. 20), ISBN 3-7644-0019-6, S. 112 f. Schickhardt hatte in Göppingen bereits 1610 die Badherberge zu einem komfortablen Badhotel umgebaut und aufgestockt, und sollte nun für den Herzog, seine Schloss- und Badegäste und natürlich die Stadtgemeinde innerhalb der Stadtmauer ein repräsentatives Kirchengebäude errichten – für „Standespersonen“ und Badegäste sollte genügend Komfort vorhanden sein. Die ältere Oberhofenkirche lag außerhalb.
Der knappe Bauplatz beim Schloss ließ nur eine Süd-Nord-Ausrichtung zu (eine Ostung war selbst im Katholizismus in Innenstädten schon längst nicht mehr zwingend, im evangelischen Kirchenbau erst recht nicht), wobei der ursprünglich innerhalb der Stadtmauer vorgesehene Baukörper noch nach Baubeginn nach Westen vergrößert wurde durch Nutzung der inneren Stadtmauer als westliches Fundament. Dadurch wurde der Kirchenraum selbst und der profan nutzbare Dachraum wesentlich vergrößert. Nach der programmatischen Ankündigung beim hundertjährigen Reformationsjubiläum 1617 fand die Grundsteinlegung am 13. Februar 1618 statt. In die Südwestecke der Kirche wurde ein vorhandener Turm einbezogen, der ursprünglich zur Stadtbefestigung, später zur Johanneskapelle gehört hatte und 1619 über das neue hohe Dach hinaus erhöht werden musste. Die finanziellen Mittel für den Bau dieser Kirche organisierte der damalige Spezialsuperintendent Philipp Schickhart, der Bruder des Baumeisters, Pfarrer zunächst an Oberhofen, in Zusammenarbeit mit dem Apotheker und Bürgermeister von Göppingen, Benedikt Mergenthaler d. Ä. (1567–1640). Dabei wurden auch die umliegenden Gemeinden der Region mit Baubeiträgen in Form von Geld-, Sach- und Dienstleistungen belastet, wogegen es erheblichen Widerstand gab. Auch der Mangel an Handlangern und Handwerkern zu Beginn des Dreißigjährigen Krieges machte sich ungut bemerkbar. Der Auftraggeber und repräsentationsbedürftige Landesherr übernahm mit ungefähr 11.000 von gesamt 14.000 Gulden den wesentlichen Kostenanteil. Die Kirche wurde am 7. November 1619, am Sonntag vor Martini,Philipp Schickhart: Vom Kirchenbaw ins Gemein. Und dann Sonderlich Von Christlicher Evangelischer Einweyhung oder Beziehung und Erstem Gebrauch der Newen SchloßKirchen zu Göppingen. Drey underschiedliche Predigten […] / Dieterich Werlin, Tübingen 1620. Als Microfiche in der Württembergischen Landesbibliothek Stuttgart, Bestand Schickhard 6184, S. 29 ff. Das Datum im Dokument bezieht sich auf den bis 1700 in Württemberg noch gültigen Julianischen Kalender. Der bereits 1582 eingeführte Gregorianische Kalender wurde insbesondere von den protestantischen Gebieten europaweit nur schrittweise übernommen. nach nur zwanzigmonatiger Bauzeit von Philipp Schickhart persönlich eingeweiht, der dann erster Pfarrer der Kirche wurde.
Dreißigjähriger Krieg Obwohl die Stadtkirche in den nach ihrer Einweihung beginnenden Kriegsjahren bei allen Truppendurchzügen, Einquartierungen und Brandschatzungen kaum Gebäudeschäden zu erleiden hatte, wurde sie nach der Schlacht bei Nördlingen 1634 in anderer Weise hart bedrängt: Der Sieg der kaiserlichen Truppen bedeutete, dass neben anderen württembergischen Teilgebieten auch das Amt Göppingen unter die österreichische Herrschaft der katholischen Erzherzogin Claudia von Tirol kam, die auch von den Göppingern verlangte, sich zum katholischen Glauben zu bekennen. Begründet wurde dies mit dem Restitutionsedikt von 1629, wonach die Regelung des Augsburger Religionsfriedens von 1555 auch nach einem Herrschaftswechsel und in Zukunft gelten sollte: Wer das Land regiert, bestimmt auch die Konfession seiner Einwohner; also katholische Regentin – katholische Bürger. Stadtkirchensperrung, Tumulte und Handgreiflichkeiten im Jesuiten-Gottesdienst, Strafandrohung und Gefängnisvollzug für andernorts evangelisch vollzogene Taufen und Trauungen waren an der Tagesordnung. Protest- und Bettelbriefe sowie Stadtratsdelegationen nach Innsbruck brachten ebenso wenig wie die Hinweise auf Kriegsplünderungen der Kaiserlichen, die zu leistenden Tributzahlungen und die Seelsorgenöte der Sterbenden.Quelle: Stadtarchiv Göppingen - Zahlreiche Dokumente sowie die Chronik des Elias Laichinger Erst der Westfälische Frieden 1648 bereitete dieser zwangsweisen Rekatholisierung ein Ende.
18. und 19. Jahrhundert mini|Inneres nach der Renovierung von 1909 mini|260x260px|Grundriss der Stadtkirche, Darstellung von 1924 1708 musste die Decke erneuert werden – sie war durch die Nutzung als Fruchtschütte stark durchgebogen. Das hielt aber nicht vor: Am 9. April 1769 krachte es während des Karfreitag-Gottesdienstes laut im Dachstuhl – eine Panik entstand – und vier Menschen kamen beim Andrang auf die nach innen zu öffnenden Türen ums Leben.
Ein verstärkter und im Vergleich mit der Schickhardt-Konstruktion nur scheinbar verbesserter Dachstuhl wurde 1770 unter ausgiebiger Verwendung von Konstruktionsholz aus der Schickhardt-Zeit (auch so genanntes Floßholz aus dem Schwarzwald) durch Werkmeister Johann Christian Adam Ezel (1743–1801) und Balier (Polier) Frank neu aufgerichtet, die hölzerne Kirchendecke im Stil des Rokoko neu bemalt und mit neuem Kranzgesims versehen. Auch wurden in die östliche Langseite zwei weitere Portale eingebaut – unverständlicherweise auch wieder nach innen öffnend. Sie sind seit 1976, seit der Anlegung des neuen Haupteingangs vom westlichen Kirchgarten her, dauerhaft verschlossen, da sie sich nicht als Fluchtweg eignen. Die bis ins letzte Drittel des 19. Jahrhunderts ohne Überlastung reichende Nutzung der Kornböden richtete keine Dachwerkschäden mehr an. Da für die Dachstuhlerneuerung wieder, wie beim Neubau, ein stabiles Innengerüst unerlässlich war, mussten auch die Emporen von 1619 abgebaut werden. Der anschließende Innenausbau der Kirche 1772 nahm keine Rücksicht auf die bisherige Querkirchen-Konzeption, sondern schuf den heute vorfindlichen Innenraum. Kirchenrats-Baumeister Wilhelm Friedrich Goez aus Ludwigsburg konzipierte 1772 die Emporenanlage dem Zeitgeschmack entsprechend völlig neu: Im Zuge der Schaffung einer Umlauf-Empore (siehe Darstellung von 1924) wurde – unter Aufgabe der ursprünglichen und reformationstheologisch begründeten Raumfassung – die Kanzel von der südöstlichen Langseite an die nordöstliche Schmalseite verlegt. Das Innere und das Gestühl bekam dadurch eine Längsausrichtung mit nun gleichwertiger Betonung von axial angeordneter Hochkanzel (Predigt des Wortes Gottes) und unten davor frei stehendem Altar. Die Empore wird noch heute getragen von den fast zierlichen, eichenen „Frey-Säulen“, wie Baumeister Goez die Rundsäulen aus Eichenholz als Emporestützen bei allen seinen Kirchen nennt, also von Säulen, die frei stehend große Lasten tragen. Die Herstellung solcher Säulen (bis 4 Meter Länge, nach oben mit leichter Wölbung sich verjüngend) war damals nur mit Drehbänken denkbar, die von einem Mühlrad angetrieben wurden. Die Marmorierarbeiten in weiß, rot, blau und gold am Holzwerk der Emporenbrüstung und der Säulen besorgte ein Mitglied der überregional bedeutenden Degginger Stuckateurfamilie Schweizer. Die bisher in der Stadtkirche hängenden Epitaphien wurden 1770 von zwei Zimmerleuten in der Stadtkirche aus- und in der Oberhofenkirche eingebaut, um einen ruhigeren und schöneren Raumeindruck zu haben.
1838 bis 1845 wurde der baufällige Turm in der Südwestecke des Kirchenraums, noch aus Zeiten der Stadtbefestigung und Johanneskapelle, beseitigt und der heutige Turm mittig an den Südgiebel gebaut. Dafür musste das von Schickhardt entworfene Südportal weichen. Der 52 Meter hohe Turm passt mit seinem neoromanischen Stil nicht recht zur Renaissancekirche und hat die ehemaligen, auch die Südfassade gliedernden Renaissance-Proportionen (Goldener Schnitt) zerstört. Er wurde aber indirekt zum schriftstellerischen Protestort gegen die antidemokratische Politik des damaligen Königs Wilhelm I. von Württemberg: Mehrere demokratisch-„aufrührerische“ Schriften des beliebten Göppinger Schulmeisters, Journalisten und späteren Ehrenbürgers Johannes Betz (1784–1881)Johannes Betz, Ehrenbürger von Göppingen. In: goeppingen.de. wurden in der Turmkugel und im Mauerwerk versteckt und Ende des 20. Jahrhunderts aufgefunden.
20. Jahrhundert