mini|hochkant=2.2|Auszug aus einem Manuskript der Rede mit der namensgebenden Formulierung:„I believe that we are today crossing the Rubicon. There can be no turning back.“(„Ich glaube, dass wir heute den Rubikon überschreiten. Es gibt kein Zurück mehr.“)
Als Rubikon-Rede, englisch Rubicon speech beziehungsweise afrikaans Rubicon-toespraak, wird die politische Rede bezeichnet, die der damalige südafrikanische Präsident Pieter Willem Botha am 15. August 1985 im Rathaus von Durban während einer Versammlung der Nationalen Partei der Provinz Natal hielt. Themen waren vor allem die durch die als Apartheid bezeichnete Rassentrennung in Südafrika entstandenen wirtschaftlichen und sozialen Probleme sowie Bothas Vorstellungen zu deren Lösung.
Die Benennung der Ansprache geht zurück auf eine Aussage an ihrem Ende: „Ich glaube, dass wir heute den Rubikon überschreiten. Es kann keine Umkehr geben.“ Dabei handelte es sich um eine Metapher, die auf die Überquerung des Flusses Rubikon durch Gaius Iulius Caesar mit seinen Truppen im Jahr 49 v. Chr. Bezug nimmt und das Übertreten einer bedeutsamen Grenze beschreibt, hinter der es kein Zurück mehr gibt. Im Gegensatz zur Bedeutung dieser Metapher kündigte Botha jedoch in der Rede, die weltweit live übertragen wurde, keine substantiellen gesellschaftlichen Reformen an und erfüllte damit die im Vorfeld entstandenen innen- und außenpolitischen Erwartungen nicht.
In der Folge kam es in Südafrika zu Turbulenzen am Finanz- und Aktienmarkt sowie einer weiteren Verschlechterung der sozioökonomischen Verhältnisse. Aus diesem Grund gilt die Ansprache als einer der größten Fehlschläge in Bothas politischer Laufbahn und als prägendes Ereignis für die Entwicklung des Landes in der Endphase der Apartheid-Ära. Die Rubikon-Metapher wurde im Kontext der politischen Geschichte Südafrikas zu einem Synonym für den individuellen und kollektiven Umgang mit dem Apartheidsystem.
Die Rede Vorgeschichte und Kontext
Die Ankündigung von Bothas Rede traf im Vorfeld sowohl in Südafrika als auch im Ausland auf großes Interesse, da in deren Rahmen mit der Bekanntgabe grundlegender Reformen zur Lösung der sozialen und wirtschaftlichen Probleme des Landes gerechnet wurde, die infolge der Apartheid entstanden waren. Hierzu zählten seit dem Amtsantritt Bothas und verstärkt seit dem Beginn der 1980er Jahre eine Intensivierung des bewaffneten Widerstandes des African National Congress (ANC) in Form von Anschlägen vor allem auf die Infrastruktur und auf staatliche Einrichtungen, ein Anstieg an gewalttätigen Unruhen in den Townships und an Streiks sowie ein zunehmend repressives polizeiliches und militärisches Vorgehen gegen Apartheidgegner. Darüber hinaus war es zu einer Verschärfung des internationalen Drucks gekommen, der zu einer verstärkten diplomatischen Isolation des Landes sowie Sanktionen im wirtschaftlichen, kulturellen und sportlichen Bereich geführt hatte. Die Erwartungen, dass Botha in seiner Rede Vorschläge für Reformen zur Lösung dieser Probleme präsentieren würde, beruhten auf vorherigen Aussagen des damaligen Außenministers Roelof Frederik Botha in diplomatischen KreisenHermann Giliomee in: New Contree. A Journal of Historical and Human Sciences for Southern Africa. 55/2008, S. 2 und auf Spekulationen in den Medien aufgrund von vorab an die Presse gelangten Auszügen aus dem Manuskript.Dries Van Heerden: How history will treat PW Botha. In: Mail & Guardian online. Artikel vom 2. November 2006
Inhalt und Aussagen miniatur|hochkant=1.5|Der Ort, an dem Botha die Rede hielt: Das 1910 im Renaissance-Stil errichtete Rathaus von Durban (Durban City Hall), Sitz der Stadtverwaltung, einer Bibliothek, eines Naturkundemuseums und einer Kunstgalerie
Die rund einstündige Ansprache, die Botha am Abend des 15. August 1985 im Rathaus von Durban vor rund 1800 Mitgliedern der Nationalen Partei der Provinz Natal hielt,Alan Cowell: Botha rules out wide concessions to black demands. In: The New York Times. Ausgabe vom 16. August 1985, S. 1 wurde von 33 ausländischen Rundfunkstationen live übertragen und weltweit von rund 200 bis 300 Millionen Menschen verfolgt.Hermann Giliomee in: New Contree. A Journal of Historical and Human Sciences for Southern Africa. 55/2008, S. 35Leo Barnard, Jan-Ad Stemmet in: Journal for Contemporary History. 27(1)/2002, S. 119–135 Neben den Parteimitgliedern waren auch Vertreter ausländischer Botschaften vor Ort anwesend. Trotz der von ihm am Ende verwendeten Rubikon-Metapher verweigerte sich Botha in der Rede nahezu allen Forderungen nach substantiellen Veränderungen. Vielmehr beschränkte er sich auf die Zusammenfassung bisheriger Maßnahmen seiner Regierung sowie auf die unbestimmte Ankündigung von Empfehlungen, für deren Umsetzung er sich die Entscheidungsgewalt vorbehielt. Zu den weitreichendsten unter seinen Vorschlägen zählten die Möglichkeit einer einheitlichen südafrikanischen Staatsbürgerschaft und des Verbleibs der Homelands als Teil Südafrikas sowie die Rücknahme der umstrittenen Passgesetze. Gleichwohl bezeichnete er seine Ausführungen als „Manifest für die Zukunft unseres Landes“ und ging von tiefgreifenden Konsequenzen bei der Umsetzung seiner Vorstellungen aus.
Demgegenüber wiederholte er seine zuvor bereits im Parlament verkündete Forderung an Nelson Mandela und den ANC nach einer Aufgabe des bewaffneten Kampfes zur Durchsetzung politischer Ziele als Vorbedingung für Mandelas Freilassung. Darüber hinaus lehnte er die Durchführung von allgemeinen und freien Wahlen mit Beteiligung aller Einwohner Südafrikas ab, auch machte er keine Zusagen bezüglich der vielfach geforderten Wiederzulassung des ANC. An alle von ihm als Feinde seiner Regierung und des Landes wahrgenommenen Personen und Organisationen, zu denen er unter anderem die Medien, revolutionäre Bewegungen in Afrika, eine kommunistische Verschwörung im Land sowie die ausländische Einmischung in innere Angelegenheiten zählte, richtete er mit erhobenem Zeigefinger die Worte „Ihnen sage ich: In eurem eigenen Interesse, treibt uns nicht zu weit!“.Siehe Manuskript der Rede unter Text of PW Botha’s Rubicon Speech August 15 1985, S. 17 Mit Bezug auf den Druck aus dem Ausland erklärte er, dass die Lösung von Südafrikas Problemen durch Südafrikaner und nicht durch Ausländer erfolgen würde, und betonte: „Wir haben niemals Forderungen von außen nachgegeben und werden es auch jetzt nicht tun“.Siehe Manuskript der Rede unter Text of PW Botha’s Rubicon Speech August 15 1985, S. 19 Ein zentrales Argument von Botha war die Aussage, dass die Sichtweise, Südafrika würde aus einer weißen Minderheit und einer schwarzen Mehrheit bestehen, „antiquiert, simplifizierend und rassistisch“ sei. Er bezeichnete das Land vielmehr als „multikulturelle Gesellschaft“, als „ein Land von Minderheiten – von weißen Minderheiten und schwarzen Minderheiten“, und betonte die Notwendigkeit des Schutzes von Minderheiten, mit der er sowohl seine Ablehnung von allgemeinen Wahlen als auch die Schaffung der Homelands begründete.
Die abschließende Aussage über die Überschreitung des RubikonSiehe Manuskript der Rede unter Text of PW Botha’s Rubicon Speech August 15 1985, S. 20 entstammte einem Entwurf, an dem neben Außenminister Roelof Frederik Botha auch Justizminister Hendrik Jacobus Coetsee und der Minister für Verfassungsangelegenheiten Jan Christiaan Heunis mitgearbeitet hatten.Patti Waldmeir, New Brunswick 1998, S. 55 Diese Vorlage hatte allerdings auch einige zu dieser Metapher passende konkrete Ankündigungen schrittweiser Veränderungen wie die Wiederherstellung der Bürgerrechte der afrikanischen Bevölkerungsmehrheit, Verhandlungen mit deren Führern einschließlich des ANC und ihre Beteiligung an der Regierung sowie die Abschaffung jedweder Diskriminierung enthalten. Pieter Willem Botha übernahm jedoch diese Vorschläge nicht, sondern ließ den Entwurf in weiten Teilen von einem engen Mitarbeiter umschreiben. Diese Darstellung wurde allerdings von Botha später bestritten,Patti Waldmeir, New Brunswick 1998, S. 54 der vielmehr seinem Außenminister vorwarf, die internationalen Erwartungen an die Rede bewusst gesteigert zu haben, um ihn in Verlegenheit zu bringen.Hermann Giliomee in: New Contree. A Journal of Historical and Human Sciences for Southern Africa. 55/2008, S. 32 Aufzeichnungen über die Kabinettssitzungen in den Tagen vor dem 15. August 1985 sind wie einige andere Dokumente aus Bothas Regierungszeit in den entsprechenden Archiven nicht auffindbar.Christelle Terreblanche: Missing PW documents mystery. In: Sunday Tribune. Ausgabe vom 5. November 2006, S. 5
Auswirkungen Sozioökonomische und politische Folgen miniatur|350px|Der Wechselkurs des US-Dollars (USD) zu einem südafrikanischen Rand (ZAR) im Verlauf des Jahres 1985Wechselkursdaten: Economagic.com: Economic Time Series Page, South Africa / U.S. Foreign Exchange Rate: South African Rand to One U.S. Dollar. Abgerufen am 2. März 2009 Rot: Der Monat August, in dem Botha die Rubikon-Rede hielt
Die Rede, welche ursprünglich die zunehmende Kritik aus den Regierungen und der Bevölkerung der westlichen Welt an der Apartheid-Politik der südafrikanischen Regierung eindämmen sollte, hatte weitreichende Folgen für die weitere Entwicklung des Landes. Da es Botha mit seinen Ausführungen nicht gelang, die innen- und außenpolitisch in ihn gesetzten Erwartungen zu erfüllen, verschlechterten sich sowohl die diplomatischen Beziehungen Südafrikas zu anderen Ländern als auch die wirtschaftliche und soziale Situation im Inland erheblich. Der Wert der Landeswährung gegenüber dem US-Dollar und anderen Währungen, der sich nach einer seit dem Anfang der 1980er Jahre stattfindenden kontinuierlichen Abwertung ab dem Jahresbeginn 1985 stabilisiert hatte, stürzte infolge der Rede ab. Bereits einen Tag später verlor der südafrikanische Rand auf den internationalen Finanzmärkten 20 Prozent seines Wertes,Laurence Harris: South Africa’s External Debt Crisis. In: Third World Quarterly. 8(3)/1986. Taylor & Francis, S. 793–817, (speziell Abschnitt From Rubicon Speech To Debt Freeze, S. 797/798) zwölf Tage nach der Rede hatte er die Hälfte seines Wertes verloren und gegenüber dem US-Dollar einen neuen Rekordtiefstand erreicht.Jeff Rubin: Challenging Apartheid’s Foreign Debt. In: Comparative Studies of South Asia, Africa and the Middle East. Alternative Information & Development Centre, Kapstadt 1997