Bei der Geiselnahme im Moskauer Dubrowka-Theater am 23. Oktober 2002 brachten 40 bis 50 bewaffnete Personen, die sich selbst der separatistischen Bewegung Tschetscheniens zurechneten, 850 Menschen in ihre Gewalt und verlangten den Rückzug der russischen Truppen aus Tschetschenien.
Nachdem die Geiselnahme in Moskau bereits zweieinhalb Tage angedauert hatte, pumpten Spezialeinheiten des russischen Inlandsgeheimdiensts FSB eine Gasmischung aus Carfentanyl und Remifentanil in das Ventilationssystem des Theaters und stürmten das Gebäude Minuten später. Die betäubten Terroristen wurden an Ort und Stelle von den Spezialeinheiten durch Kopfschüsse getötet. 130 Geiseln starben, 5 durch die Geiselnehmer, 125 aufgrund unzureichender medizinischer Behandlung an den Folgen des Gaseinsatzes.Russland muss Einsatz bei Geiseldrama untersuchen. In: Österreichischer Rundfunk. vom 2. November 2012, geladen am 4. Juli 2017.Susan B. Glasser, Peter Baker: . In: The Washington Post. 27. Oktober 2002, abgerufen am 29. Oktober 2016. (englisch)
Geiselnahme Die Geiselnahme fand im Dubrowka-Theater statt, ungefähr vier Kilometer südöstlich des Kreml.Moscow hostage death toll soars, BBC News, 26. Oktober 2002 Während des zweiten Aktes einer ausverkauften Vorstellung des Musicals Nord-Ost fuhren um 21:05 Uhr Ortszeit 40 bis 50 schwer bewaffnete und maskierte Männer und Frauen mit einem Bus zum Theater, stürmten die Vorstellung und schossen mit Sturmgewehren in die Luft.. In: CNN, 24. Oktober 2002.
Die maskierten Angreifer, die sich als Tschetschenen identifizierten,Nick Paton Walsh, Jonathan Steele: Chechen gunmen storm Moscow theatre. In: The Guardian. 24. Oktober 2002. nahmen Darsteller und Besucher als Geiseln, insgesamt mehr als 850 Menschen. Unter den Geiseln war auch ein General des russischen Innenministeriums. Einige Darsteller konnten durch ein offenes Fenster im hinteren Teil des Theaters fliehen und die Polizei rufen. Insgesamt konnten etwa 90 Menschen aus dem Gebäude flüchten oder sich verstecken. Sie berichteten unter anderem von der ungewöhnlichen Tatsache, dass viele der Angreifer Frauen waren (siehe Smertnizy).
Die Anführer der Angreifer, die sich als Selbstmordattentäter der 29. Division bezeichneten, erklärten den Geiseln, dass sie keinen Groll gegen anwesende Ausländer hätten, und versprachen jeder Geisel, die einen ausländischen Reisepass zeigen konnte, die Freilassung. Ungefähr 75 ausländische Geiseln aus 14 Ländern, darunter Australien, Deutschland, den Niederlanden, der Ukraine, dem Vereinigten Königreich und den Vereinigten Staaten waren anwesend.Russian forces enter siege theatre. In: BBC News, 26. Oktober 2002. (englisch) Die russischen Vermittler lehnten dieses Angebot jedoch ab und forderten, dass alle Geiseln unabhängig von ihrer Nationalität befreit werden müssten., The Moscow Times, 22. Oktober 2007.
Forderungen Die Angreifer wurden von Mowsar Barajew, einem Neffen des getöteten tschetschenischen Milizkommandanten Arbi Barajew, angeführt. Er drohte, die Geiseln zu töten, wenn die russischen Truppen nicht sofort und bedingungslos aus Tschetschenien zurückgezogen würden. Es wurde eine Frist von einer Woche gesetzt, danach würde mit der Tötung der Geiseln begonnen. Zunächst erklärten die russischen Behörden wahrheitswidrig, die Angreifer würden die Zahlung von „enormen Mengen“ von Lösegeld verlangen.
Ein Videoband wurde den Medien zugespielt, in denen die Terroristen ihren Willen erklärten, für ihre Sache zu sterben. In ihrem Statement erklärten sie, dass Russland den Tschetschenen das Recht auf ihre eigene Nation genommen habe und dass sie dieses Recht, welches ihnen Allah gegeben habe, zurückerobern wollten. Sie hätten sich entschieden, hier in Moskau zu sterben., CNN, 25. Oktober 2002
Nach Angaben von Sergei Jastrschembski, einem Berater des Kremls, verlangten die Terroristen neben dem Rückzug der russischen Truppen aus Tschetschenien auch den Stopp der Verwendung von Artillerie und Luftwaffe ab dem nächsten Tag. Zur Zeit der Geiselnahme lagen die durchschnittlichen Verluste der russischen Armee bei drei Soldaten täglich.Hostage crisis refuels Chechnya debate, The Christian Science Monitor, 25. Oktober 2002
Geiselkrise Handygespräche zwischen den Geiseln im Gebäude und deren Familienangehörigen enthüllten, dass die Geiselnehmer mit Handgranaten, Minen und improvisierten Sprengladungen ausgestattet waren, die teilweise direkt an ihre Körper geschnallt waren, andere Sprengsätze waren im Theater verteilt. Der Großteil der Sprengsätze stellte sich im Nachhinein als Attrappen heraus, by John B. Dunlop, Radio Free Europe Reports, 18. Dezember 2003., Hudson Institute, 23. November 2004. die anderen hatten keine Detonatoren oder Batterien.Норд-Ост: 5 лет, Echo Moskwy, 21. Oktober 2007. Die Angreifer verwendeten arabische Namen, die Frauen unter ihnen trugen arabische Burkas, die eigentlich im Nordkaukasus sehr unüblich sind.
Ein Sprecher von Aslan Maschadow, dem Anführer der tschetschenischen Separatisten, erklärte, er habe keine Information über die Identität der Angreifer und verurteile Angriffe auf Zivilisten. Der pro-russische islamische Führer Tschetscheniens verurteilte den Angriff ebenfalls.Rebels seize Moscow theatre, BBC News, 23. Oktober 2002. (englisch)
Die Geiseln wurden im Zuhörersaal festgehalten, der Orchestergraben wurde als Toilette verwendet.Non-stop nightmare for Moscow hostages, BBC News, 25. Oktober 2002 Die Situation für die Geiseln im Theater war unterschiedlich und änderte sich schnell mit der wechselnden Stimmung der Geiselnehmer, die die Berichterstattung in den Medien mitverfolgten. Die Geiselnehmer erlaubten den Geiseln, Telefongespräche mit ihren Mobiltelefonen zu führen. Eine der Geiseln bat die Behörden, das Gebäude nicht zu stürmen, nachdem das Theater bald von einer großen Anzahl von Polizisten, Soldaten und gepanzerten Fahrzeugen umstellt worden war.Michael Wines: Chechens Seize Moscow Theater, Taking as Many as 600 Hostages. In: The New York Times, 24. Oktober 2002.
23. Oktober Die Angreifer ließen nach wenigen Stunden etwa 150 bis 200 Geiseln frei. Dabei handelte es sich um Kinder, schwangere Frauen, Muslime, einen Teil der Ausländer und Menschen, die medizinische Versorgung brauchten. Zwei Frauen gelang es zu flüchten.Seven hostages freed in Moscow siege, BBC News, 25. Oktober 2002 Die Angreifer drohten, für jeden von russischen Sicherheitskräften getöteten Geiselnehmer zehn Geiseln zu töten.
Eine junge Frau, Olga Romanowa (26), schaffte es, die Polizeisperren zu durchbrechen und das Theater zu betreten. Sie trat den Geiselnehmern entgegen und drängte die Geiseln dazu, sich gegen die Angreifer aufzulehnen. Die Geiselnehmer vermuteten, sie sei Agentin des russischen Inlandsgeheimdienstes FSB, führten sie weg und erschossen sie. Ihre Leiche wurde später von einem russischen Sanitäterteam geborgen; die Moskauer Polizei bezeichnete sie zunächst fälschlicherweise als die Leiche einer Geisel, die bei einem Fluchtversuch gestorben sei.
24. Oktober Die russische Regierung bot den Geiselnehmern an, in ein beliebiges drittes Land zu fliehen. Die Geiseln appellierten an Präsident Putin, die Kampfhandlungen in Tschetschenien einzustellen und das Theater keinesfalls zu stürmen. Wegen der Krise brach Putin eine internationale Reise ab, bei der Treffen mit dem US-Präsidenten Bush und anderen politischen Führungspersonen der Welt vorgesehen waren.Two hostages flee Moscow theatre, BBC News, 24 Oktober, 2002
Bekannte öffentliche und politische Personen wie Aslambek Aslachanow, Irina Chakamada, Ruslan Chasbulatow, Iossif Kobson, Boris Nemzow und Grigori Jawlinski, The Moscow Times, 4. November 2002 waren in die Verhandlungen mit den Geiselnehmern einbezogen. Der frühere Präsident der Sowjetunion, Gorbatschow, erklärte ebenfalls seine Bereitschaft, als Vermittler zu fungieren. Die Geiselnehmer forderten gleichzeitig, dass Repräsentanten des Internationalen Roten Kreuzes und der Ärzte ohne Grenzen zum Theater kämen, um Verhandlungen zu führen.
Konstantin Wassiljew, ein Oberst des FSB, versuchte über eine Terrasse ins Theater zu gelangen, wurde jedoch von den Geiselnehmern entdeckt und erschossen.
Nach Angaben des FSB wurden 39 Geiseln an diesem Tag von den Rebellen freigelassen, die Drohung, dass Geiseln erschossen werden würden, wenn Russland ihre Forderungen nicht ernst nehme, wurde wiederholt.Chechens release more hostages, BBC News, 24. Oktober 2002 Verhandlungen über die Freilassung von nicht-russischen Geiseln wurden von verschiedenen Botschaften geführt; die tschetschenischen Geiselnehmer versprachen, alle Ausländer freizulassen. Sie erklärten außerdem, sie seien bereit, 50 russische Geiseln freizulassen, wenn Achmad Kadyrow, Chef der russischen Verwaltungsbehörde in Tschetschenien, zum Theater käme. Kadyrow war dazu aber nicht bereit.
In der Nacht brach eine Heißwasserleitung und überflutete das Erdgeschoss des Theaters. Die Geiselnehmer nannten dies eine Provokation; eine Vereinbarung über die Reparatur des Rohrs konnte nicht getroffen werden. Später stellte sich heraus, dass das Kanalisationssystem von russischen Spezialeinheiten dazu verwendet worden war, Abhörgeräte nahe genug am Theater zu platzieren.
25. Oktober Über den nächsten Tag hinweg nahmen die Journalisten Anna Politkowskaja,Anna Politkowskaja: I tried and failed. In: The Guardian, 30. Oktober 2002. Sergei Goworuchin und Mark Franchetti sowie die Politiker Jewgeni Primakow, Ruslan Auschew und Aslambek Aslakhanov an den Verhandlungen mit den Geiselnehmern teil. Die tschetschenischen Rebellen verlangten, mit offiziellen Repräsentanten von Präsident Putin zu verhandeln.
Verwandte der Geiseln führten gleichzeitig mehrere Antikriegsdemonstrationen außerhalb des Theaters und im Zentrum Moskaus an.
Die Geiselnehmer willigten ein, 75 ausländische Bürger in Anwesenheit von diplomatischen Repräsentanten ihrer Länder freizulassen. Jedoch bestanden die russischen Behörden darauf, dass die Rebellen die Geiseln nicht in ausländische und russische Bürger einteilen dürften. Stattdessen ließen die Rebellen morgens sieben weitere russische Bürger sowie mittags acht weitere Kinder im Alter zwischen 7 und 13 Jahren ohne Bedingungen frei. Nach einem Treffen mit Putin bot der Leiter der FSB Nikolai Patruschew den Geiselnehmern an, ihr Leben zu verschonen, wenn sie die übrigen Geiseln unverletzt freiließen.Children freed from Moscow siege, BBC News, 25. Oktober 2002
Eine Gruppe russischer Ärzte, angeführt von Leonid Roschal, betrat das Theater, um Medikamente zu liefern. Sie erklärten danach, dass die Geiseln weder geschlagen noch bedroht würden. Die meisten der Geiseln seien ruhig, lediglich zwei oder drei seien hysterisch. Essen, warme Kleidung und Medikamente wurden vom Roten Kreuz geliefert.
Journalisten des russischen Fernsehkanals NTW führten ein Interview mit Mowsar Barajew, Anführer der Geiselnehmer, in dem dieser der russischen Regierung eine Nachricht zukommen ließ: „Wir haben nichts zu verlieren. Wir haben durch unser Kommen bereits 2.000 Kilometer hinter uns. Es gibt keinen Weg zurück…wir sind hierher gekommen, um zu sterben. Unser Motto ist „Freiheit und Paradies“. Wir haben bereits Freiheit, nachdem wir hier nach Moskau gekommen sind. Nun wollen wir im Paradies sein.“ Er erklärte ebenfalls, dass die Gruppe nicht nach Moskau gekommen war, um Geiseln zu töten oder mit russischen Spezialeinheiten zu kämpfen, da sie bereits genug in Tschetschenien über die Jahre gekämpft hätten: „Wir sind hier mit einem konkreten Ziel – dem Krieg ein Ende zu setzen, und das ist es.“Hostage-takers 'ready to die', BBC News, 25. Oktober 2002
Um 21:55 Uhr wurden vier weitere Geiseln aus Aserbaidschan freigelassen. Nach einer Vereinbarung sollten am nächsten Morgen Bürger der USA und Kasachstan freigelassen werden. Barajew erklärte ferner, dass er die übrigen Kinder am Morgen freilassen könnte.