Emil Schumburg (* 14. Mai 1898 in Berlin; † 17. Februar 1961 in Hannover) war ein promovierter Volljurist, deutscher Diplomat, Verfechter einer radikalen „Judenpolitik“ und Judenreferent im Auswärtigen Amt.

Leben Emil Schumburg war der Sohn des Medizinprofessors und Generalarztes Wilhelm Schumburg und dessen Ehefrau Emma geb. Behring,Biographisches Handbuch des deutschen Auswärtigen Dienstes 1871–1945. Band 4: S. Herausgegeben vom Auswärtigen Amt, Historischer Dienst, Bearbeiter: Bernd Isphording, Gerhard Keiper, Martin Kröger. Schöningh, Paderborn u. a. 2012, S. 207 f. einer Schwester des Medizinnobelpreisträgers Emil von Behring. Ruth Hoevel, Karl Otto: "Die Familie des Serumforschers Emil v. Behring", in: Archiv ostdeutscher Familienforscher 3, Herne 1967, S. 226–228; hier S. 227. Er hatte mit 18 Jahren das Notabitur erworben und sich anschließend während des Ersten Weltkrieges zum Militärdienst gemeldet, aus dem er 1919 ausschied. Nach Jurastudium, Promotion 1923 an der Universität Marburg und der Universität Göttingen mit einer Arbeit Kaiser und Reichspräsident und mehreren Auslandsaufenthalten in London, Paris und Oxford, wurde er zum 1. Januar 1926 als Attaché in das Auswärtige Amt einberufen. Die notwendigen diplomatischen Prüfungen legte er 1928 mit „ausreichendem“ Erfolg ab. Von der Gesandtschaft Oslo aus meldete er sich Anfang 1933 persönlich nach Deutschland, „um den Umschwung mitzuerleben“.Lebenslauf von Emil Schumburg in seiner SS-Personalakte, in: Hans-Jürgen Döscher, Das Auswärtige Amt im Dritten Reich, Siedler Verlag Berlin 1987, S. 120 Im Mai 1933 wurde Schumburg als Legationssekretär Assistent Vicco von Bülow-Schwantes, der das Sonderreferat Deutschland leitete. Christopher R. Browning: Die „Endlösung“ und das Auswärtige Amt. Das Referat D III der Abteilung Deutschland 1940-1943, S. 27.

Akteur des Auswärtigen Amtes in der „Judenfrage“ Bereits im ersten Jahr seines Wirkens im neuen Aufgabengebiet machte Emil Schumburg mit deutlich antisemitischen und rassistischen Positionen auf sich aufmerksam. So erschien im Februar 1934 aus seiner Feder ein Runderlass zur „Entwicklung der Judenfrage in Deutschland ihre Rückwirkung im Ausland“. Hier platzierte er die politische Lösung in dieser Angelegenheit als ein Thema „Ersten Ranges“.Aufzeichnung des Referatsleiters Bülow-Schwante vom 28. Februar 1934, in: Magnus Brechtken, Auswärtiges Amt, Sicherheitsdienst und Reichssicherheitshauptamt 1933–1942, Berlin 2014, S. 152 Nach seiner Auffassung stand der Kampf Deutschlands um internationale Gleichberechtigung unmittelbar im Zusammenhang der zu führenden Auseinandersetzung „mit dem Weltjudentum“.Passage aus seinem Runderlass vom 28. Februar 1934, in: ebenda Zum zweiten Jahrestag des Bestehens seines Büros brachte er sein Missfallen zum Ausdruck, gerichtet gegen seinen Vorgesetzten, Reichsminister des Äußeren Ferdinand von Neurath, dass immer noch kein Angehen der Judenfrage erfolgt wäre. Bisher sei es dem Referat Deutschland jedoch gelungen, jeden Kompromiss in der Judenfrage abzuwehren.Notiz des Legationssekretärs Schumburg vom 30. Januar 1935, in: Johannes Hürter, Michael Mayrt (Hrsg.), Das Auswärtige Amt in der NS-Diktatur, De Gruyer Oldenbourg Verlag Berlin 2014, S. 152 Mit Dringlichkeit müsse Deutschland, auch gegenüber dem Ausland nunmehr aktiv werden. Daher zog er Heinrich Himmlers Aufmerksamkeit auf sich, als er diesen im Oktober 1936 auf einer Reise nach Rom begleitete. Denn inzwischen hatte sich das SD-Hauptamt als die Institution herausgeschält, die am energischen nach erfolgversprechenden Lösungen heischte. Kurz nach dieser Begegnung mit Himmler wurde Schumburg umgehend Mitglied der SS, Untersturmführer der SS Christopher R. Browning: Die „Endlösung“ und das Auswärtige Amt. Das Referat D III der Abteilung Deutschland 1940-1943, S. 282, Anm. 7. (SS-Nummer 280.150).Emil Schumburg auf www.dws-xip.pl

Dennoch wurden auch weiterhin unterschiedliche Lösungsansätze verfolgt. Als dann 1937 über die Auslandsorganisation der NSDAP auch Schumburg die Nachricht erreichte, das Bemühungen zur Gründung eines eigenen jüdischen Staates reale Konturen annahmen, setzte er sich heftigst zur Wehr. Nicht darin würde die Lösung bestehen, sondern in der gezielten Bekämpfung jüdischer Organisationsformen. Am 18. Juni 1937 beantragte Schumburg die Aufnahme in die NSDAP und wurde zum 1. Juli 1938 aufgenommen (Mitgliedsnummer 5.855.545).Eckart Conze, Norbert Frei, Peter Hayes und Moshe Zimmermann: Das Amt und die Vergangenheit. Deutsche Diplomaten im Dritten Reich und in der Bundesrepublik, Karl Blessing Verlag, München 2010 Etwa ab dieser Zeit fungierte Schumburg auch als Verbindungsführer zwischen dem Reichsführer SS, Heinrich Himmler und dem Reichsaußenminister Joachim von Ribbentrop und war erster Judenreferent im Auswärtigen Amt. Im Range eines Legationsrates leitete Schumburg nun das Sonderreferat Deutschland, dessen Aufgabengebiet die Zusammenarbeit mit Dienststellen der SS, hier vor allem das Sicherheitshauptamt, aber auch der Geheimen Staatspolizei in Fragen der Judenpolitik umriss. Drei Tage nach den Novemberpogromen 1938 nahm er am 12. November 1938 zusammen mit Unterstaatssekretär Ernst Woermann als Vertreter des Auswärtigen Amtes an der von Hermann Göring geleiteten Konferenz teil, in der über antijüdische Maßnahmen beraten wurde.Eckart Conze, Norbert Frei, Peter Hayes und Moshe Zimmermann: Das Amt und die Vergangenheit. Deutsche Diplomaten im Dritten Reich und in der Bundesrepublik. München 2010, S. 172. Am Ende der Konferenz entließ Göring die Teilnehmer mit dem Hinweis: „Wenn das Deutsche Reich in irgendeiner absehbaren Zeit in außenpolitischen Konflikt kommt, so ist es selbstverständlich, dass auch wir in Deutschland in erster Linie daran denken werden, eine große Abrechnung an den Juden zu vollziehen.“Eckart Conze, Norbert Frei, Peter Hayes und Moshe Zimmermann: Das Amt und die Vergangenheit. Deutsche Diplomaten im Dritten Reich und in der Bundesrepublik. München 2010, S. 173

In einem Schreiben an alle diplomatischen und berufskonsularischen Vertretungen im Ausland vom 25. Januar 1939 referierte Schumburg über die „Judenfrage als Faktor der Außenpolitik im Jahre 1938“.[Emil Schumburg]: Die Judenfrage als Faktor der Außenpolitik im Jahre 1938. Auswärtiges Amt. Berlin, den 25. Januar 1939. In: Der Prozess gegen die Hauptkriegsverbrecher vor dem Internationalen Militärgerichtshof. Bd. 32, S. 237 ff. (= Dok. 3358-PS) / erste Seite als Faksimile abgedruckt in: Norbert Podewin (Hrsg.): „Braunbuch“. Kriegs- und Naziverbrecher in der Bundesrepublik und in Westberlin. Staat, Wirtschaft, Verwaltung, Armee, Justiz, Wissenschaft. Edition Ost, Berlin 2002. ISBN 3-360-01033-7 (Reprint der 3. Auflage von 1968), Tafel 35. Der „ausgewanderte Jude [sei] als beste Propaganda für die deutsche Judenpolitik“ zu benutzen und könne den Antisemitismus im Ausland schüren: „Je ärmer und damit belastender für das Einwanderungsland der einwandernde Jude ist, desto stärker wird das Gastland reagieren und desto erwünschter ist die Wirkung im deutschen propagandistischen Interesse“.Dokument 3358-PS, S. 245. Schumburg führte weiter aus: „Auch für Deutschland wird die Judenfrage nicht die Erledigung gefunden haben, wenn der letzte Juden deutschen Boden verlassen hat.“Eckart Conze, Norbert Frei, Peter Hayes und Moshe Zimmermann: Das Amt und die Vergangenheit. Deutsche Diplomaten im Dritten Reich und in der Bundesrepublik. München 2010, S. 174. Die Unabhängige Historikerkommission bewertet diese Aussage als „Aufforderung des AA [...] eine Gesamtlösung in Form eines Judenreservats oder durch physische Vernichtung anzustreben.“Eckart Conze, Norbert Frei, Peter Hayes und Moshe Zimmermann: Das Amt und die Vergangenheit. Deutsche Diplomaten im Dritten Reich und in der Bundesrepublik. München 2010, S. 174. Vom Reichssicherheitshauptamt wurde dieses Vorgehen jedoch als derzeit noch nicht zweckmäßig bezeichnet, da dies die Aufnahmebereitschaft im Ausland verringere. Schreiben des SS-Obersturmführers Ehrlinger vom 13. März 1939 in: Braunbuch. Kriegs- und Naziverbrecher in der Bundesrepublik, Staatsverlag Berlin 1965, S. 228, Tafel 35.

Zwischen Auswärtigem Amt und Reichssicherheitshauptamt Kurz vor Beginn des Zweiten Weltkrieges übernahm das Referat Deutschland und in Persona Emil Schumburg noch eine weitere Aufgabe. Es funktionierte in der Rolle des Hauptakteurs zum Einsatz von Polizeiverbindungsführern an den deutschen diplomatischen Missionen. Über diesen Personenkreis begann der Export deutscher polizeilicher Ermittlungs- und Fahndungsarbeit in Gestalt von Gestapobeamten, Offizieren der Sicherheitspolizei und später auch des Sicherheitsdienstes der NSDAP im Ausland. Die ersten Entsendungen waren auf Süd- sowie Südosteuropa konzentriert und mündeten dann ein in die feste Installation von Polizeiattachés, als ein Novum der Verknüpfung von diplomatischen mit polizeilichen Aufgaben.Sebastian Weitkamp: SS-Diplomaten. Die Polizei-Attachés und SD-Beauftragten an den deutschen Auslandsmissionen. In: Deformation der Gesellschaft? Neue Forschungen zum Nationalsozialismus. Hrsg. von Christian A. Braun, Michael Mayer und Sebastian Weitkamp, wvb, Berlin 2008, ISBN 978-3-86573-340-5, S. 49–74, hier S. 49. Schumburg war ein besonderer Verfechter dieser neuen Institution und nahm in den ersten Monaten hier eine Initial- und Vermittlungsfunktion ein. Dort, wo Widerstände und kritische Zurückhaltung bemerkbar wurden, beseitigte er an den jeweiligen Botschaften/Gesandtschaften Hemmfaktoren ganz im Sinne des Reichssicherheitshauptamtes. Eng damit verbunden war, der durch Schumburg erfolgte Missbrauch der diplomatischen Einrichtungen und ihrer Kurierverbindungen für die illegale Aufrechterhaltung des geheimen Nachrichtenverkehrs der polizeilichen und sicherheitsdienstlichen Institutionen mit ihren getarnten Dienststellen und Informanten im Ausland.Hans-Jürgen Döscher, Das Auswärtige Amt im Dritten Reich, Siedler Verlag Berlin 1987, S. 130ff.