miniatur|rechts|Tiddis
Tiddis ist eine antike Siedlung in Numidien im heutigen Algerien. Sie liegt oberhalb der Schluchten des Rhumel, etwa 16 Kilometer nordwestlich von Cirta (heute Constantine). In römischer Zeit gehörte Tiddis zu den von Cirta abhängigen Gemeinden. Inschriften nennen die Gemeinde als Castellum Tidditanorum, res publica Tidditanorum und später als res publica Castelli Tidditanorum.Jacques Gascou: Pagus et castellum dans la Confédération Cirtéenne. In: Antiquités africaines. Band 19, 1983, S. 175–207, hier S. 180–181, doi:10.3406/antaf.1983.1096. Dort unter anderem: „Une inscription de l’époque de Sévère Alexandre […] mentionne le Castellum Tidditanorum.“
Die Besiedlung reicht in vorrömische Zeit zurück. Davon zeugen vor allem die Nekropolen und ihr keramisches Inventar sowie Importfunde. In der Kaiserzeit wurde der steile Osthang dicht bebaut; Straßen, Terrassen und Gebäude wurden der Topographie angepasst. Für die Spätantike sind eine christliche Gemeinde und weitere bauliche Veränderungen belegt.
Lage und Topographie
Tiddis liegt am Kheneg auf einem felsigen, von tief eingeschnittenen Schluchten des Rhumel begrenzten Höhenzug. Das Gelände steigt innerhalb des Fundplatzes von ungefähr 455 m auf etwa 575 m an. Die zusammenhängende antike Bebauung wurde vor allem am Osthang freigelegt.Salima Siada: Réexamen du mithraeum nord de Tiddis et essai d’identification de la structure sur la terrasse supérieure. In: La Revue d’études archéologiques. Band 22, Nr. 1, 2024, S. 450–476, hier S. 451–453. Zur Lage S. 451: „Le site de Tiddis […] se déploie sur un plateau bordé par les gorges abruptes du Kheneg que sillonne l’oued Rhumel.“ Teile des westlichen und südlichen Plateaus sind bis heute nur wenig archäologisch untersucht.Siada 2024, S. 452–453.
Die Straßenführung folgt der starken Hangneigung. Die als cardo bezeichnete Hauptstraße zieht sich in Windungen vom nördlichen Zugang durch den bebauten Osthang in Richtung des Forums. Eine große Treppe mit 38 Stufen und fünf Absätzen verband unterschiedliche Höhenniveaus des Stadtgebiets.Siada 2024, S. 452–453.
Geschichte
In der östlichen Nekropole wurden mehrere Formen protohistorischer Bestattungen festgestellt: Grabkreise, Höhlenbestattungen, rechteckige Grubengräber und Bazinas.Jean Bussière: Quatre sépultures berbères protohistoriques de la nécropole orientale de Tiddis (Algérie). In: Antiquités africaines. Band 34, 1998, S. 31–43, hier S. 31, doi:10.3406/antaf.1998.1281. Vier untersuchte Grubengräber enthielten etwa vierzig handgeformte Gefäße. Zu den Funden gehören ein bemaltes kelchförmiges Gefäß und ein dreifüßiges Gefäß, dessen Füße als menschliche Köpfe gestaltet sind.Bussière 1998, S. 32.
Auch importierte Waren sind bereits für die vorrömische Zeit belegt. In Tiddis wurden rhodische Amphoren gefunden, die dem Transport von Wein aus Rhodos dienten und in das letzte Viertel des 3. sowie in die erste Hälfte des 2. Jahrhunderts v. Chr. datiert werden.Khaoula Bennour: The Numidian Country and Its Commercial and Economic Opening on the Mediterranean Basin and Its Southern Prolongation. In: Martin Bentz, Michael Heinzelmann (Hrsg.): Archaeology and Economy in the Ancient World. Proceedings of the 19th International Congress of Classical Archaeology, Cologne/Bonn 2018. Volume 55. Propylaeum, Heidelberg 2023, S. 275–287, hier S. 280, doi:10.11588/propylaeum.1035.c14078. Dort: „Rhodian amphorae are also known in Cirta and Tiddis, which were used to transport Rhodian wine.“ Punische Stelen sowie campanische beziehungsweise arretinische Keramik gehören ebenfalls zum Fundspektrum des Ortes.Paul-Albert Février: Les Origines de l’habitat urbain en Maurétanie césarienne. In: Journal des Savants. 1967, S. 107–123, hier S. 120.
In römischer Zeit gehörte Tiddis zu den von Cirta abhängigen Gemeinden. Unter Septimius Severus erscheint in mehreren Inschriften die Bezeichnung res publica Tidditanorum, während eine Inschrift aus der Regierungszeit des Severus Alexander das Castellum Tidditanorum nennt. Der Begriff res publica lässt für sich allein keinen Schluss auf den Rechtsstatus der Gemeinde zu.Jacques Gascou: L’emploi du terme respublica dans l’épigraphie latine d’Afrique. In: Mélanges de l’École française de Rome. Antiquité. Band 91, Nr. 1, 1979, S. 383–398, besonders S. 395, doi:10.3406/mefr.1979.1193. Gascou ordnet die castella der cirtensischen Konföderation vielmehr in die Verwaltungsstruktur der pagi ein.Jacques Gascou: Pagus et castellum dans la Confédération Cirtéenne. In: Antiquités africaines. Band 19, 1983, S. 175–207, besonders S. 175–180 und 197–205, doi:10.3406/antaf.1983.1096.
Eine Widmung an Gordian III. aus dem Jahr 239 nennt die res publica Castelli Tidditanorum. Sie wurde auf Beschluss der Dekurionen und aus öffentlichen Mitteln errichtet.Jean Marcillet-Jaubert: Quelques inscriptions latines d’Algérie. In: Antiquités africaines. Band 3, 1969, S. 145–156, hier S. 145–148, doi:10.3406/antaf.1969.902.
Unter Severus Alexander bestanden in Tiddis periodische Märkte (nundinae). Sie fanden zweimal monatlich statt, jeweils am Tag vor den Kalenden und vor den Iden. Die Einrichtung wurde vom Statthalter Publius Iulius Iunianus Martialianus genehmigt.Brent D. Shaw: Rural Markets in North Africa and the Political Economy of the Roman Empire. In: Antiquités africaines. Band 17, 1981, S. 37–83, hier S. 66, doi:10.3406/antaf.1981.1072.
Eng mit Tiddis verbunden war der Senator und Heerführer Quintus Lollius Urbicus. Die Dekurionen des Castellum Tidditanorum ehrten ihn als patronus der Gemeinde.Gascou 1983, S. 180 Anm. 31: „Il est pareillement honoré comme patron […] par les décurions du Castellum Tidditanorum.“ Nördlich von Tiddis liegt bei El Héri ein Mausoleum, dessen Inschrift seinen Vater Marcus Lollius Senecio, seine Mutter Grania Honorata, seine Brüder Lucius Lollius Senecio und Marcus Lollius Honoratus sowie seinen Onkel Publius Granius Paulus nennt.Charles Tissot: Géographie comparée de la province romaine d’Afrique. Band 2, Imprimerie nationale, Paris 1888, S. 397. Dass Urbicus selbst aus Tiddis stammte, ist nicht gesichert. Gascou weist darauf hin, dass die ältere Bezeichnung von Tiddis als seine patria ohne nähere Begründung übernommen wurde, und erwägt auch eine Herkunft aus der Umgebung von El Héri.Gascou 1983, S. 180 Anm. 31.
Stadtbild, Wirtschaft und Wasserversorgung
Das römische Stadtgebiet erstreckte sich terrassenartig über den Osthang. Der cardo verlief vom Nordtor durch den dicht bebauten Hang in Richtung des Forums. Forum, Straßenbögen, Thermen und die große Zisternenanlage gehören zu den architektonisch vergleichsweise sicher bestimmbaren Bauten. Bei anderen traditionellen Benennungen von Gebäuden und Heiligtümern ist die Zuordnung weniger eindeutig.Claudia Kleinwächter: Rezension zu André Berthier, Tiddis, cité antique de Numidie. In: Gnomon. Band 74, Nr. 6, 2002, S. 539–543, hier S. 542.
Für die Textilverarbeitung sind zehn als fullonicae, also Walkereien, bestimmte Werkstätten bekannt. Die Anlagen werden frühestens in das 3. und spätestens in das 5. Jahrhundert n. Chr. datiert.Touatia Amraoui: Alimentation et gestion de l’eau dans les ateliers antiques de Numidie : le cas des fullonicae. In: Véronique Brouquier-Reddé, Frédéric Hurlet (Hrsg.): L’eau dans les villes du Maghreb et leur territoire à l’époque romaine. Mémoires 54, Ausonius, Bordeaux 2018, S. 215–224, hier S. 215 und 219–220. Brunnen sind in diesen Werkstätten nicht nachgewiesen. Bei mindestens zwei Anlagen haben sich dagegen Reste von Wasserleitungen erhalten.Amraoui 2018, S. 219–220. Zu den Walkereien von Tiddis heißt es: „aucun puits n’est signalé“. Eine Werkstatt besaß eine Tonrohrleitung, eine andere eine Bleileitung, die von einer benachbarten Zisterne kam.
Im oberen Stadtbereich befindet sich eine etwa 20 × 13 m große Anlage aus drei miteinander verbundenen Zisternen. Das vom Hang kommende Wasser wurde über Kanäle und kleine Absetzbecken gesammelt.Touatia Amraoui 2018, S. 217–218. Daneben sind kleinere Zisternen und weitere Wasserzuführungen nachgewiesen.Amraoui 2018, S. 217–220.
Eine Inschrift aus den Jahren 251–253 berichtet von Arbeiten, bei denen Schutt beseitigt und der Fels bearbeitet wurde, damit Wasser ad salutem populi, zum Wohl der Bevölkerung, gesammelt werden konnte. Verantwortlich war Marcus Cocceius Anicius Faustus Flavianus.Michaël Vannesse: Les usages de l’eau courante dans les villes romaines : le témoignage de l’épigraphie. In: Latomus. Band 71, Nr. 2, 2012, S. 469–493, hier S. 474–475. Die Inschrift AE 1946, 61 = ILAlg II 3596 enthält die Formulierung „ad salutem populi aquam excipi providit“. Vannesse interpretiert die Arbeiten als Maßnahmen zur Sammlung von Regenwasser und bringt sie mit drei benachbarten Zisternen von zusammen ungefähr 350 m³ Fassungsvermögen in Verbindung. Nach seiner Interpretation bezieht sich die Inschrift nicht auf den Bau eines Aquädukts.
Kulte und Christentum
Aus Tiddis ist ein umfangreicher Bestand punischer, neupunischer und römischer Votivstelen bekannt, die mit Baal-Hammon beziehungsweise dem römisch-afrikanischen Saturnus verbunden werden.André Berthier, Marcel Le Glay: Le sanctuaire du sommet et les stèles à Baal-Saturne de Tiddis. In: Libyca. Archéologie-Épigraphie. Band 6, 1958, S. 23–58. Auffällig ist das Motiv einer Leiter: Von 33 von Werner Huß untersuchten neupunischen beziehungsweise römischen Votivstelen mit diesem Motiv stammen 26 aus Tiddis. Huß deutete die Leiter als Symbol des Übergangs zwischen irdischer und himmlischer Sphäre und führte sie eher auf eine punische beziehungsweise neupunische Bildtradition zurück; Marcel Le Glay hatte zuvor einen möglichen Einfluss aus Kampanien erwogen.Werner Huß: Die Leiter als Symbol im punischen und neupunischen Bereich. In: Zeitschrift des Deutschen Palästina-Vereins. Band 106, 1990, S. 172–174.
Der Kult des Mithras ist epigraphisch bezeugt. Eine Inschrift nennt cultores, die auf eigene Kosten einen Bau von Grund auf errichten ließen; I. M. wird als I(nvicto) M(ithrae) ergänzt (ILAlg II 3576).Salima Siada: Réexamen du mithraeum nord de Tiddis et essai d’identification de la structure sur la terrasse supérieure. In: La Revue d’études archéologiques. Band 22, Nr. 1, 2024, S. 450–476, hier S. 456. Wiedergabe der Inschrift: „I(nvicto) M(ithrae) […] de suo a solo aedificarun(t)“. Die traditionelle Identifizierung einer Felsanlage nahe dem Nordtor als Mithräum wird in der neueren Forschung jedoch in Frage gestellt.Siada 2024, S. 454–460.
Für 484 ist mit Abundius Tidditanus ein Bischof von Tiddis bezeugt.Hamida Fourali: تيديس في الفترة المسيحية القديمة [Tiddis in der frühchristlichen Zeit]. In: المجلة التاريخية الجزائرية. Band 5, Nr. 2, 2021, S. 217–234, hier S. 218. Archäologisch sind eine dreischiffige Basilika, zwei Baptisterien und christliche Bestattungen nachgewiesen.Fourali 2021, S. 220; Salima Siada 2024, S. 468. Eine spätere Befestigungsphase wird aufgrund von sieben Münzfunden ungefähr in die Jahre 535 bis 645 und damit in die byzantinische Zeit datiert.Fourali 2021, S. 231. Der antike Bischofssitz wird in der römisch-katholischen Kirche als Titularbistum Tiddi fortgeführt.Tiddi (Titular See) bei Catholic-Hierarchy.org.
Forschungsgeschichte