mini|hochkant=1.4|Lageplan des Gutshofes

Der Römische Gutshof von Büßlingen ist eine restaurierte und rekonstruierte Villa rustica (römisches Landgut) aus dem ersten Jahrhundert n. Chr., die mindestens bis ins dritte Jahrhundert existierte.

Die Anlage umfasst auf einer Fläche von 5,4 Hektar neun ausgegrabene Gebäude. Sie befindet sich südsüdöstlich von Büßlingen, einem Stadtteil von Tengen im baden-württembergischen Landkreis Konstanz in Deutschland. Nach der Villa rustica von Meßkirch ist sie die größte bekannte Hofanlage ihrer Art in Süddeutschland und auch die einzige, deren durch Luftbildarchäologie ermittelten Gebäude vollständig ausgegraben wurden. Heute ist sie ein Freilichtmuseum.

Lage und Umgebung Historisch Der Gutshof von Büßlingen gehörte zur römischen Provinz Germania superior und lag zwischen den Vici Schleitheim (Iuliomagus) im Südwesten und Orsingen im Osten, jeweils 15 Kilometer entfernt. Etwas weiter im Südosten lagen noch die Vici Stein und Eschenz (Tasgetium). Ungefähr 24 Kilometer betrug die Entfernung zu den Römischen Grenzkastellen Hüfingen im Nordwesten und Tuttlingen im Südosten. In direkter Umgebung des Gutshofs gab es im Abstand von zirka 1,5 Kilometern noch römische Siedlungen oder Gutshöfe in Storzeln, Binningen, Tengen, Beuren und Watterdingen.Karin Heiligmann-Batsch: Der römische Gutshof bei Büsslingen. Theiss, Stuttgart 1997, S. 13, 15. Westlich des Geländes befinden sich das Gewann „Hochstraß“ sowie eine Straße, die den Namen „Hochstraße“ trägt.ADAC Stadtatlas: Großraum Städte- und Gemeindeatlas Bodensee (Band 63, 1:20.000). 3. Auflage. ADAC-Verlag, München 2001, ISBN 978-3-8264-0952-3. Beides könnten Hinweise auf eine vorbeiführende Römerstraße sein, die aber nicht nachgewiesen werden konnte.

Heute Die Überreste, die das Bodendenkmal darstellen, liegen auf einem leicht nach Süden geneigten Gelände der Gemarkung „Büßlingen“ der Stadt Tengen im westlichen Teil des Hegaus auf einer Höhe von .Landesvermessungsamt Baden-Württemberg (Hrsg.): Wanderkarte des Schwarzwaldvereins „Blatt 10 – Hegau-Bodensee“ (1:50.000). 1989. Exakt liegt der Hof im Gewann „Lohgaß“. Das Gelände ist ungefähr einen Kilometer in westlicher Richtung von der Bundesstraße 314 und zwei Kilometer nach Osten von der deutsch-schweizerischen Grenze entfernt. Nähergelegene größere Orte sind auf der deutschen Seite Hilzingen (acht Kilometer) und auf der Schweizer Seite Thayngen (5,5 Kilometer). An dem Areal führen die Römerstraße Neckar–Alb–Aare und der Heidelberg-Schwarzwald-Bodensee-Weg vorbei. Östlich des Areals verläuft ein Bächlein im „Zeltengraben“, zu dem vom Römerhof ein „kanalisierter“ Zulauf nach Südosten existiert. Nördlich des Zeltengrabens liegt der „Lohrenwald“.Kompass Wander- und Bikekarte: Blatt 783 Hegau, Westlicher Bodensee (1:50.000). Der Hof liegt in einer nach Süden leicht abfallenden Ebene, die im Westen an das eingeschnittene Tal der Biber anschließt.

Ausgrabungen Erste Funde auf dem Gelände des Büßlinger Gutshofs wurden um die Wende vom 19. zum 20. Jahrhundert bei Drainage-Arbeiten gemacht. Eine erste Veröffentlichung von Reliefsigillatafragment-Funden vermutlich aus dem Jahr 1900 geschah 1913 durch Otto Fritsch. Auf Grund von Flurbereinigungstätigkeiten, die das Areal betrafen, wurden Ausgrabungen notwendig und im Jahr 1976 begonnen. Insgesamt wurden dabei etwa ein Drittel der 5,4 ha großen Fläche aufgedeckt und ein Sechstel des Geländes flächig untersucht.Bürgermeisteramt Tengen (Hrsg.), Karin Heiligmann: Kleiner Römischer Gutshof-Führer Büßlingen. Die Gebäude wurden im Planum ausgegraben, selten Profile angelegt. Flächen zwischen den Gebäuden wurden mit dem Bagger eröffnet.Bürgermeisteramt Tengen (Hrsg.), Karin Heiligmann: Kleiner Römischer Gutshof-Führer Büßlingen. Die Grabungen, Rekonstruktionen und Erschließungen mit Wegen fanden 1982 ihren Abschluss.Anneros Troll, Jürgen Hald: Zeitreisen am Bodensee. Von den Rentierjägern zu den Alemannen. Culturis, Steißlingen 2004, S. 24–25.

Auftraggeber der vom Konstanzer Kreisarchäologen Jörg Aufdermauer geleiteten Ausgrabungen war die Stadt Tengen, die die Absicht hatte, aus dem Areal ein Freilichtmuseum zu gestalten. Unterstützt wurden die Arbeiten durch das Landesdenkmalamt und Landesamt für Flurbereinigung Baden-Württemberg sowie das Arbeitsamt, welches durchschnittlich zwölf Arbeiter zur Verfügung stellte. Es mangelte deshalb an kompetenten Mitarbeitern, wodurch die Anforderungen an eine moderne Ausgrabung nicht erfüllt werden konnten. Karin Heiligmann-Batsch: Der römische Gutshof bei Büsslingen. Theiss, Stuttgart 1997, S. 16–17.

Im Archäologischen Hegau-Museum der Stadt Singen können die ausgegrabenen Funde angeschaut werden. Zu diesen gehören zahlreiche Schüsseln aus Keramik, der obere Teil einer Amphore, gebrannte Dachziegel und ein Hypokaustpfeiler. Daneben fanden sich metallene Bestandteile eines Bolzenschlosses, ein Messer, eine Eisengabel, eine Schere, ein Sichelfragment, ein Tüllenschaber, ein Werkzeug zur Holzbearbeitung, drei Griffel (stilus) und Glasscherben. Neben einer Gürtelschnalle wurden zwei Bronze-Fibel mit Emaille-Verzierungen (zwischen 150 und 200 n. Chr.) und eine solche ohne Verzierungen gefunden. Auf dem Gelände wurde außerdem ein alamannisches Eisenkreuz gefunden. Vom Münzschatz aus Gebäude 8 ist eine Kopie im Museum ausgestellt.Stadt Singen: Die Sammlung des Archäologischen Hegau-Museums. Abgerufen am 12. Dezember 2011.

Geschichte des Gutshofes Römische Bewirtschaftung Zur Datierung der Hofgründung dient eine Terra-Sigillata-Schüssel als Beleg, die dem späten 1. Jahrhundert zugerechnet wird. Aus Vergleichen mit ähnlichen Funden beispielsweise aus Rottenburg (Sumelocenna) sowie den Kastellen Heilbronn-Böckingen und Bad Nauheim wird ein Gründungsjahr zwischen 75 und 80 angenommen. Karin Heiligmann-Batsch: Der römische Gutshof bei Büsslingen. Theiss, Stuttgart 1997, S. 95. Da einige der Tontöpfereien auch keltischen Ursprungs sind, haben auf dem Hof Römer und Kelten wahrscheinlich zusammengelebt. In den Anfangsjahren war die Anlage wohl in Holzbauweise erbaut worden, die dann im Laufe der Jahre durch die Steinbauweise ersetzt wurde, gesicherte Funde gibt es dazu jedoch in Büßlingen nicht. Ein Ausbau in Steinbauweise ist erst ab der Mitte des 2. Jahrhunderts anzunehmen, dies legen zumindest Parallelen zu Villen in der Umgebung nahe. Karin Heiligmann-Batsch: Der römische Gutshof bei Büsslingen. Theiss, Stuttgart 1997, S. 98.

Die jüngsten Münzfunde auf dem Gelände wurden in der Mauer des Gebäudes 8 gemacht. Sie waren hier von einem Bewohner zwischen 240 und 259 gesammelt und belassen worden, insgesamt 100 Münzen. Der Schatz stellte den eineinhalbfachen Monatslohn eines einfachen römischen Soldaten dar. Ein Grund für das Belassen in der Mauer könnte das südliche Vordringen der Alamannen in den Jahren nach 260 n. Chr. sein. Dabei wurde eventuell der Hof zerstört und der Besitzer daran gehindert, die Münzen rechtzeitig aus dem Versteck zu holen. Karin Heiligmann-Batsch: Der römische Gutshof bei Büsslingen. Theiss, Stuttgart 1997, S. 54. Frühestes Ende des Gutshofes könnte 263 gewesen sein, da eine Münze, ein Antoninian, des Schatzes frühestens 262 oder Mitte 263 geprägt wurde. Allerdings ist die Zurechnung der Münze zu dem Schatz nicht gesichert. Karin Heiligmann-Batsch: Der römische Gutshof bei Büsslingen. Theiss, Stuttgart 1997, S. 59. Die etwa 190 Jahre römischer Nutzung entsprechen zwischen sechs und sieben Generationen.

Nach der Römerzeit Was im Anschluss an die gesicherte, römische Siedlungstätigkeit auf dem Gutshof passierte, gilt als nicht gesichert. Hätten die Römer den Hof verlassen, so wäre umfangreiches Hausratmaterial zurückgeblieben. Zudem liegen Hinweise dafür vor, dass sowohl Alamannen als auch Römer den Hof im 3. und 4. Jahrhundert genutzt hatten. Der wichtigste Hinweis auf eine Nutzung im 4. Jahrhundert ist eine Bügelknopffibel. Weitere spätrömische Funde sind zwar gut zu vergleichen, aber nicht eindeutig einem Jahrhundert zuzuordnen. Zudem fanden sich im Innenhof des Hauptgebäudes (Gebäude 1) Anzeichen für einen Pfostenbau, die in die frühe Völkerwanderungszeit gerechnet werden können.

Keiner der Funde auf dem Areal beweist eine längerdauernde Siedlungstätigkeit. Sie lassen lediglich die Annahme zu, dass die Villa im Verlauf entweder als römische Begräbnisstätte genutzt wurde oder von den Alamannen weiterverwendet wurde. Sie könnten die vorhandene römische landwirtschaftliche Infrastruktur übernommen haben, wohl aber wurden die Wohngebäude nicht genutzt. Karin Heiligmann-Batsch: Der römische Gutshof bei Büsslingen. Theiss, Stuttgart 1997, S. 98 ff.

Nutzung Die bodenkundliche Beurteilung zeigt im Bereich Tengen eine negative Pseudovergleyung. Diese Böden sind gekennzeichnet durch Sauerstoffarmut und Ton- und Nährstoffreichtum. Dadurch vergrast und verkrautet die Vegetation stark, da Stauwasser nicht abfließen kann. Zudem verkürzt sich die Vegetationsperiode an den Höhen der Hegau-Vulkane und des Randen. Karin Heiligmann-Batsch: Der römische Gutshof bei Büsslingen. Theiss, Stuttgart 1997, S. 15. Folglich eignete sich das Land um den Gutshof nicht zum Anbau von Kulturpflanzen, der Schwerpunkt der Nutzung dürfte damit auf der Viehwirtschaft gelegen haben. Karin Heiligmann-Batsch: Der römische Gutshof bei Büsslingen. Theiss, Stuttgart 1997, S. 105. Knochenfunde auf dem Gutshof beweisen eine Mehrzahl an Ochsen, ein Hinweis auf die Verwendung von Ochsengespannen. Die gefundenen Schweineknochen zeigen ältere, weibliche Tiere, die sich zur Zucht von Jungtieren geeignet hätten. Karin Heiligmann-Batsch: Der römische Gutshof bei Büsslingen. Theiss, Stuttgart 1997, S. 108. Auf dem Hof könnten abschätzenden Berechnungen zufolge 40 bis 50 Menschen auf zirka 1230 Quadratmetern Nutzfläche in vier Gebäuden gelebt und gearbeitet haben. Die Größe der bewirtschafteten Fläche hätte bis zu 100 ha betragen und dabei ungefähr 50–60 Rinder, 100 Schafe oder Ziegen sowie 50 Schweine ernähren können. Karin Heiligmann-Batsch: Der römische Gutshof bei Büsslingen. Theiss, Stuttgart 1997, S. 108f. Bei dieser Größe wäre eine Überproduktion zu erwarten gewesen, weshalb der Hof als Versorgungsbetrieb für die Städte Tasgetium oder Iuliomagus gedient haben könnte.

Bautechnik Mauerwerk Bei allen ausgegrabenen Gebäuden wurde dieselbe Mauertechnik aus kaltzeitlichen Geröllen verwendet. Nach der Vermessung eines rechteckigen Grundrisses huben die Arbeiter Fundamentgräben aus, die der natürlichen Geländeneigung folgten. Diese waren je nach Funktion des Gebäudes zwischen 40 und 120 Zentimeter tief und zwischen 60 und 120 Zentimeter breit. Anschließend verfüllte man sie mit Hegau-Basalten und -Phonoliten, wodurch die sogenannte „Sickerstückung“ entstand. Sie gewährleistete die Versickerung von Regenwasser. Hierauf wurden die Grundmauern aufgesetzt, die der Breite des Grabens entsprachen. Die zweireihig und -lagigen Mauern bestanden aus Kalksandsteinen und vereinzelt aus Muschelkalkfragmenten sowie Konglomeratblöcken. Die Verbindung zwischen den größtenteils nicht bearbeitet Steinen stellte vermutlich Kalkmörtel her. Nur die Ecksteine waren manchmal behauen.

Auf die Grundmauern wurden die etwa 10 cm schmaleren Wände aufgesetzt, die wiederum zweireihig war und aus unbehauenen Steinen bestand. Teilweise waren bis zu fünf Lagen erhalten. Der Innenraum war mit Steinen und Kalkmörtel verfüllt. Die Differenz wurde meist im Innenraum sichtbar oder an der Außenseite mit schrägen Steinen kaschiert. Karin Heiligmann-Batsch: Der römische Gutshof bei Büsslingen. Theiss, Stuttgart 1997, S. 45–46.

Wände