Andrea Geyer (* 1971 in Freiburg im Breisgau) ist eine deutsche Künstlerin, die mit den Medien Fotografie, Videokunst und Text konzeptuell in Form von Installationen arbeitet.
Leben Andrea Geyer belegte von 1991 bis 1992 das Grundstudium Malerei an der Freien Kunstschule Stuttgart. Von 1992 bis 1994 studierte sie Fotografie/Film am Fachbereich Gestaltung an der Fachhochschule Bielefeld. Ihr Studium der Freien Kunst bei Dörte Eißfeldt und Birgit Hein an der Hochschule für Bildende Künste Braunschweig (HBK) schloss sie 1998 mit Auszeichnung ab. Geyer nahm 1999/2000 am Independent Study Program des Whitney Museum of American Art in New York City teil. Von 2004 bis 2020 war sie Professorin an der Kunstakademie Malmö/Universität Lund. Sie ist Associate Professor of New Genres an der Parsons The New School for Design in New York. Sie lebt und arbeitet in New York.
Werk
Spiral Lands (2007) Die auf der documenta 12 2007 in Kassel gezeigte Installation Spiral Lands / Chapter 1 besteht aus siebzehn gerahmten Fotografien von jeweils 70 × 175 cm Größe und zwei gerahmten Fotografien von je 70 × 230 cm Größe sowie einem Begleittext. Die klassisch wirkenden Schwarzweißfotografien zeigen, in bühnenartiger Darstellung, die weiten Landschaften der umkämpften Gebiete der amerikanische Ureinwohner. Sie lehnen sich formal an die traditionellen Landschaftsdarstellungen eines Ansel Adams an und kontrastieren zu der zeitgenössischen amerikanischen Landschaftsfotografie eines William Eggleston.
Mit einem fortlaufenden Text, der historische und zeitgenössische Zitate, Dokumente und Verträge mit der Erzählung eines imaginären Ich-Erzählers kombiniert, erhalten die Motive eine politische Dynamik. Sie werden nicht in historischer Ferne, sondern in der aktuellen politischen Situation verortet: „Im Zentrum des Werks steht der Wunsch nach einer Kulturpolitik, die nicht auf kultureller Anerkennung und Liberalismus beruht, sondern auf sozialer Gerechtigkeit.“ (Jeff Derksen)
In Spiral Lands / Chapter 2 untersucht Andrea Geyer die Rolle der Wissenschaft bei der Konstruktion von Geschichte und Identität. Im Mittelpunkt steht der Forscher und/oder Ethnologe. Während in Chapter 1 der subjektive Standpunkt zu Wort kommt, ist es nun die scheinbar objektive Stimme des Gelehrten. Als Präsentationsform wurde eine Diaprojektion mit der Tonspur eines Vortrages gewählt. Die Betrachter nimmt auf Stühlen vor einer Leinwand Platz und der Text der Wissenschaft wird vorgetragen.
Für die Foto-Installation Spiral Lands / Chapter 3 hat Andrea Geyer mit dem Acoma Pueblo Dichter Simon J. Ortiz zusammengearbeitet, dessen poetische Texte in das Glas der Rahmen eingraviert sind, die Geyers Fotografien fassen.
Zu Spiral Lands sind zwei Künstlerbücher erschienen: Zunächst zur documenta das Quartheft Spiral Lands. Footnotes / Fussnoten, 2008 folgte das Buch Spiral Lands / Chapter 1 mit den auf der documenta gezeigten Fotografien.
The Audrey Munson Project (2004–2008) The Audrey Munson Project dreht sich um das Leben einer von der Geschichte vergessenen Frau, die aus einfachen Verhältnissen zu einem der bedeutendsten Künstlermodelle des frühen 20. Jahrhunderts emporstieg. Audrey Munson hinterließ neben ihrem in den Skulpturen, für die sie Modell stand, in Stein gefassten Körper eine Serie von Zeitungsartikeln, in denen die junge Frau über die Diskriminierung von Künstlermodellen philosophiert und deren Anerkennung einfordert.
Hiervon ausgehend stellt Andrea Geyer in ihrem Buch Queen of the Artists’ Studios: The Story of Audrey Munson die Geschichte Munsons in Bildern und Texten in den Kontext der Frauenrechts- und Arbeiterbewegung des jungen New York.
Aus demselben Material entwickelte Andrea Geyer darüber hinaus weitere Arbeiten. Intaglio. Audrey Munson (2008) besteht aus zehn hinter graviertem Glas gerahmten Fotografien von Statuen in New York City, für die Munson posierte, und die Geyer mit Negativen von Fotografien der frühen Frauenrechtsbewegung so überblendet, dass diese wie Schatten-Projektionen über den Skulpturen liegen.
Companions of Exile. St. Lawrence State Hospital for the Insane, Ogdensburg, New York (2008) umfasst zwölf Fotografien von Bäumen auf dem Gelände der Anstalt, in der Munson die zweite Hälfte ihres Lebens verbringen musste. Auch sie sind hinter graviertem Glas gerahmt; hier erzählt ein poetischer Text von den fragwürdig konstruierten Grenzen zwischen Wahnsinn und Normalität, mit denen sich vor allem Frauen bis zum heutigen Tage konfrontiert sehen.
Criminal Case 40/61: Reverb (2009) Die Video-Installation Criminal Case 40/61: Reverb beschäftigt sich mit dem Eichmann-Prozess, bei dem der Gerichtsraum zu einer weltweit beobachteten Bühne für Auseinandersetzungen über Justiz, Wahrheit und Geschichte wurde. Von nur einem Schauspieler werden hier sechs Charaktere verkörpert, die aus unterschiedlichen Perspektiven – als Angeklagter, Richter oder Journalist – den Verlauf des Prozesses schildern.
Comrades of Time (2010–2011) Der Titel der Video-Installation Comrades of Time nimmt Bezug auf einen Text des Kunst- und Medientheoretikers Boris Groys, in dem dieser den Begriff des Zeitgenossen interpretiert als einen Genossen der Zeit, der nicht in, sondern mit der Zeit ist. In Geyers Arbeit formiert sich eine Gruppe junger Frauen, die einen Schreibtisch teilen und die im Groysschen Sinne zeitgenössisch oder „Comrades of Time“ sind.
Für Comrades of Time hat die Künstlerin gemeinsam mit sieben, jungen New Yorker Schauspielerinnen die Bedeutung historischer Textpassagen von engagierten Persönlichkeiten aus Bildender Kunst, Architektur, Literatur, Wissenschaft, Philosophie und Politik aus den bewegten Jahren der Weimarer Republik erarbeitet, darunter Helene Stöcker, Rosa Luxemburg, Alfred Döblin, Elisabeth Sussmann, Walter Benjamin, Alice Salomon, Sigmund Freud und George Grosz.
Die zwischen 1916 und 1941 Reden, Briefe und Essays sind die Grundlage für sieben konzentrierte Monologe, die Geyer zusammengestellt und verfasst hat und die ihre Protagonistinnen in separaten Videos sprechen oder vielmehr verkörpern. Ihre Stimmen oszillieren zwischen Reflexion und Prophezeiung, während sie über die politische Situation sprechen, die sie umgibt. Die Weimarer Republik, die durch die Arbeit wie ein Echo hallt, war eine Ära der kollektiv erweckten Vorstellungskraft aller Teile der Gesellschaft. Während extremistische Bewegungen sich zu formieren und aufzubauen drohten, versuchten die neuen Kräfte der jungen Republik, die Menschen zu mobilisieren, indem sie an ihren Verstand und ihre Verantwortung für die Gemeinschaft appellierten.
Durch die Verschiebung der Texte aus der Vergangenheit in die Gegenwart wird die lineare Verbindlichkeit von Geschichte aufgebrochen und die Erfahrung von historischer Zeit in die Jetztzeit verlagert. Wie in vorangegangenen Werkserien inszeniert Andrea Geyer mit Comrades of Time eine aktive Form des Erinnerns im Hier und Jetzt, abstrahiert vom jeweiligen historischen Kontext. Eine Geste, die man wörtlich als Vergegenwärtigung verstehen kann, die gleichzeitig Nähe schafft und Distanz bewusst macht.
2012 wurde Comrades of Time zudem als Performance im Whitney Museum New York aufgeführt.
Einzelausstellungen 2010: Spiral Lands / Chapter 1 / Chapter 2 / Chapter 3 (mit Simon J. Ortiz), Argos Center for Art and Media, Brüssel 2009: Andrea Geyer - Sharon Hayes, Göteborgs Konsthall. Göteborg, Schweden und Kunstmuseum St. Gallen 2008: 9 Scripts from a Nation at War. Tate Modern, L2 Gallery, London (zusammen mit Sharon Hayes, Ashley Hunt, Katya Sander, David Thorne) 2004: Parallax, Kunstverein St. Gallen im Katharinen, St. Gallen 2003: Andrea Geyer, Secession, Wien 2000: Project space, P.S.1 Contemporary Art Center, Long Island City (mit Sharon Hayes)
Ausstellungsbeteiligungen 2010: Push and Pull, Museum der Modernen Kunst, Wien 2010: 29. Biennale von São Paulo, São Paulo 2008: T2-50 Moons of Saturn, Torino Triennale. Castello di Rivoli Museo d’Arte Contemporanea, Turin 2007: documenta 12, Kassel 2005: Be what you want but stay where you are, Witte de With, Rotterdam 2005: Regierungen. Paradiesische Handlungsräume, Secession, Wien 2004: How do we want to be governed? (figure and ground), Miami Art Central 2004: Teasing Mind, Kunstverein München, München 2003: The American Effect, Whitney Museum of American Art, New York 2002: On Route, Serpentine Gallery, London 2002: Manifesta 4, Frankfurt am Main
Werke in öffentlichen Sammlungen Spiral Lands / Chapter 1 (2007), Neue Galerie, Hessen Kassel Heritage, Kassel 9 Scripts from a Nation at War (Gemeinschaftsprojekt mit Sharon Hayes, Ashley Hunt, Katya Sander und David Thorne, 2007), The Museum of Modern Art, New York Criminal Case 40/61: Reverb (2009), The Museum of Modern Art, New York Evidence (Criminal Case 40/61) (2010), Sammlung Zeitgenössischer Kunst der Bundesrepublik Deutschland, Berlin Comrades of Time (2010), Sammlung Zeitgenössischer Kunst der Bundesrepublik Deutschland, Berlin Insistence (2013), The Museum of Modern Art, New York Revolt, They Said (2015), The Museum of Modern Art, New York
Veröffentlichungen Ausstellungskataloge, Monografien und Künstlerbücher Andrea Geyer. Hrsg. Rike Frank. Ausstellungskatalog Secession Wien. Texte von Barbara Clausen, Jeff Derksen, Matthias Herrmann. Revolver Archiv für Aktuelle Kunst, Frankfurt a. M. 2003, ISBN 978-3-901926-60-0. Andrea Geyer: Queen of the artists’ studios. The story of Audrey Munson. Hrsg. Art in General. Texte: Andrea Geyer, Cynthia Chris, Andrea Ray, William Smith, Justin D. White. Art in General, New York 2007, ISBN 978-1-4276-1764-4. Andrea Geyer: Spiral Lands. Footnotes/Fussnoten. Hrsg. documenta 12, Kassel 2007. Andrea Geyer: Spiral Lands. Chapter 1. Mit einer Einleitung von Janet Catherin Berlo. Verlag der Buchhandlung Walther König, Köln 2008, ISBN 978-3-86560-470-5. Andrea Geyer – Queen of the artists’ studios. Hrsg. Sofía Hernández Chong Cuy, Miguel Amado. Texte: Anne Barlow, Sofía Hernández Chong Cuy, Johanna Burton. New Commissions Program Book Series, 12. Art in General, New York 2008, ISBN 978-1-934-89012-7 Andrea Geyer/Sharon Hayes. History is ours. Hrsg. Cynthia Chris. Kunstmuseum St. Gallen, Göteborgs Konsthall. Kehrer Verlag, Heidelberg 2009, ISBN 978-3-86828-103-3. Andrea Geyer/Katya Sander. Meaning Is What Hides the Instability of One’s Position. Texte: Johanna Burton, Zachary Formwalt. sternberg press, New York 2010, ISBN 978-1-933128-94-8. Andrea Geyer. Dance in a future with all present. Hrsg. Alhena Katsof, Karen Kelly, Barbara Schroeder. Portland Institute for Contemporary Art. Dancing Foxes Press, Brooklyn/New York 2019. ISBN 978-0-9986326-8-1. Andrea Geyer – shadows nearby. Hrsg. Galerie Thomas Zander. Verlag der Buchhandlung Walther und Franz König, Köln 2022, ISBN 978-3-7533-0316-1.
Essays und Interviews Andrea Geyer: Nomads & Residents. In: Kunsttexte.de, 31.2001, 22.10.2001, Online-Publikation, Archiv-Fassung (pdf) auf dem Open-Access-Server der Humboldt-Universität zu Berlin, Zugriff: 2026-05-17. Bettina Uppenkamp, Illaria Hoppe: Zwischen Gender und Space – Ein Interview mit Andrea Geyer. In: Kunsttexte.de, 3.2002, 19.09.2002, Online-Publikation, Archiv-Fassung (pdf) auf dem Open-Access-Server der Humboldt-Universität zu Berlin, Zugriff: 2026-05-17.
Literatur Jeannine Tang: Look Again. Subjectivity, Sovereignty, and Andrea Geyer’s Spiral Lands. In: Emily Eliza Scott, Kirsten Swenson (Hrsg.): Critical Landscapes. Art, Space, Politics. University of California Press, Oakland 2015, ISBN 978-0-520-28549-1, S. 93–109. Heike Engelke: Geschichte wiederholen. Strategien des Reenactment in der Gegenwartskunst – Omer Fast, Andrea Geyer und Rod Dickinson. transcript-Verlag, Bielefeld 2017, ISBN 978-3-8376-3922-3.