Die Agrarwirtschaft und Agrarpolitik im nationalsozialistischen Deutschen Reich war durch umfangreiche Veränderungen der landwirtschaftlichen Produktionsstrukturen und der zugehörigen Verbandsstruktur und Gesetzgebung geprägt.
Bereits 1930–1932 hatten die Nationalsozialisten in den Bauernverbänden in großem Umfang Anhänger und Wählerstimmen gewonnen. Der nach 1933 im Reichsnährstand zentral zusammengefassten Interessenvertretung kam besondere Bedeutung zu. Als Selbstverwaltungskörper unter der Führung von Walther Darré sollte sie Markt und Produktion landwirtschaftlicher Produkte kontrollieren. Vorgaben der vom Reichsbauernführer propagierten Blut-und-Boden-Ideologie kollidierten mit den Anforderungen an Modernisierung und Steigerung der landwirtschaftlichen Produktion. Die offiziell propagierte Autarkie und Unabhängigkeit von Importen wurde nie erreicht. Die im europäischen Vergleich verhältnismäßig gute Ernährungslage der Deutschen bis kurz vor Kriegsende war letztlich nur durch den millionenfachen Einsatz von Zwangsarbeitern und eine massive Ausbeutung der besetzten Gebiete möglich, die Darrés Nachfolger Herbert Backe organisierte und mit einem rücksichtslosen Hungerplan verband.
Ausgangssituation Die Landwirtschaft in Deutschland war im internationalen Vergleich wenig leistungsfähig. Agrarreformerische Maßnahmen während der Weimarer Republik hatten nicht den erhofften Erfolg; eine breite Entschuldung der Landwirte nach der Inflation der 1920er Jahre war bis zum Jahr 1932 wieder aufgezehrt worden. Auch eine erste Zusammenfassung der landwirtschaftlichen Organisationen in der deutschnational und antirepublikanisch dominierten Grünen FrontManfred Kittel: Provinz zwischen Reich und Republik: Politische Mentalitäten in Deutschland und Frankreich 1918–1933/36. Oldenbourg Wissenschaftsverlag, 2000, ISBN 3-486-56501-X, S. 571 ff. 1929 hatte nicht die erhoffte Schubkraft gezeitigt.Wehler, S. 325, 383 und 384 Besonders thematisiert wurden dabei die im Ersten Weltkrieg erlittenen Gebietsverluste und der Verlust der Kolonien, wobei sich die verfügbare landwirtschaftliche Nutzfläche um 15 Prozent und die Anzahl der Beschäftigten in der Landwirtschaft um 16 Prozent verringert hatte. Die Siedlungsprogramme der Weimarer Republik konnten nur 939.000 ha zusätzliches Ackerland erschließen (1937 verfügte Deutschland über eine Agrarnutzfläche von 19,422 Mio. Hektar). Ein Viertel des Ackergrundes wurde von nur 0,2 Prozent aller Bauernhöfe bestellt; den größten Anteil an Grund, nämlich 43 Prozent, besaßen jedoch immer noch die mittleren bis größeren Höfe von 10 bis 100 ha, der Größe, welche von den nationalsozialistischen Bauernvertretern als optimal angesehen wurde.Tooze, S. 212 f.
Zu Beginn der NS-Zeit (sog. Machtergreifung der NSDAP am 30. Januar 1933) war nur bei wenigen Nahrungsmitteln wie Sauerkraut und Rüben eine gänzliche Versorgung der Bevölkerung aus dem Inland möglich. Noch 1937 waren 29 Prozent der Beschäftigten in Deutschland, 9.388.000 Menschen, in der Landwirtschaft tätig.Tooze, S. 202. Die Zahl der Bauernhöfe betrug über 3 Millionen. Ein Hof bewirtschaftete im Durchschnitt etwas mehr als 6 ha (im Jahr 2007 bewirtschaftete ein deutscher Bauernhof durchschnittlich über 48 ha). Zum Vergleich: Die Sowjetunion verfügte über eine Nutzfläche von 223,916 Mio. ha bei 71.734.000 Beschäftigten, die Vereinigten Staaten über eine Nutzfläche von 137,333 Mio. ha bei 10.752.000 Beschäftigten.Tooze, S. 213. 1937 stand nach Angabe des Statistischen Reichsamtes einem sowjetischen Bauern etwa die doppelte Fläche zur Verfügung wie einem deutschen, und einem amerikanischen die sechsfache.Statistisches Reichsamt (Hrsg.): Statistisches Jahrbuch für das Deutsche Reich 1937. Berlin, 1937, S. 20.
Innerhalb der Bauernschaft und ihrer Organisationen hatte Hitlers NSDAP 1930–1932 (insbesondere in Norddeutschland) einen starken Rückhalt gewonnen.Wehler, S. 339 ff. Eine besondere Rolle spielte dabei der „Agrarpolitische Apparat“ Walther Darrés, der sich von einer NS-Regierung eine privilegierte Stellung und die Verwirklichung von agrarromantischen Vorstellungen im Sinne der (auch von Heinrich Himmler geteilten) Blut-und-Boden-Ideologie versprach. Für Hitler und eine Mehrheit der NS-Führung stand demgegenüber eine Produktionssteigerung und höhere Produktivität der Landwirtschaft im Vordergrund, hinsichtlich der Fähigkeit zur Kriegsführung wie auch zur Vermeidung von Versorgungsmängeln. Beide – durchaus widersprüchliche – Ziele führten nach 1933 zu einer ordnungspolitischen Umgestaltung, die deutlich weiter als im Industriebereich ging.
Walther Darré gelang es im Frühjahr 1933, zunächst die Spitzenstellungen der verschiedenen Bauernorganisationen, Genossenschaften und Kammern und anschließend das Ministeramt Hugenbergs als Reichsminister für Ernährung und Landwirtschaft zu übernehmen. Die umfangreichen Organisationen wurden im „Reichsnährstand“ zusammengeschlossen, parallel mit mehreren Gesetzgebungsprojekten die Landwirtschaft faktisch aus den Regelmechanismen des Agrarmarkts herausgelöst.Wehler, S. 699 ff.
Der Anspruch Darrés und der von ihm angeführten Großorganisation mit mehr als 10.000 Angestellten scheiterte angesichts von Landflucht, Missernten und Versorgungsengpässen 1934 und 1935 offensichtlich. Die Landwirtschaft verlor ihre privilegierte Stellung wieder und wurde in die NS-Vierjahrespläne eingebunden, Darré zunehmend entmachtet.
Von den agrarideologischen Vorstellungen Darrés wurde nur wenig umgesetzt. Zwar wurden die Bauern in der Symbolpolitik des Regimes vorrangig behandelt und unter anderem im Rahmen des neuheidnischen „Reichserntedankfests“ aufgewertet. Faktisch ging die Landflucht ungehindert weiter. Von 1933 bis 1939 zogen rund 400.000 Landarbeiter in die Städte. Insgesamt fehlten 1941 auf dem Land rund 800.000 Arbeitskräfte.Münkel, S. 393. Die fehlenden Arbeitskräfte konnten nur teilweise durch Erntehilfe der HJ, das BDM Pflichtjahr und andere NS-Zwangsmaßnahmen ausgeglichen werden. Trotz der vorgeblichen Autarkiebestrebungen gelang es nie, die Abhängigkeiten von Importen insbesondere bei Futtermitteln und Fettendie bereits ab 1937 rationiert wurden („Fettlücke“) zu reduzieren. Bei der zunehmend notwendigen Mechanisierung der Landwirtschaft (siehe TabelleStatistisches Jahrbuch für das Deutsche Reich 1933, S. 75/1941, S. 108.) waren die Bauern auf hauptsächlich importierte Treibstoffe angewiesen. Streit um den Zugriff auf die notwendigen DevisenWehler, S. 695. führte zu erheblichen systeminternen Konflikten. Die Treibstofflücke versuchte man durch die Entwicklungen alternativer Antriebe auszugleichen.Sören Flachowsky: „Die schwere Artillerie der Erzeugungsschlacht“. Landwirtschaftliche Gas-Schlepper und die Mobilisierung alternativer Kraftstoffreserven im Vierjahresplan, in: Ressourcenmobilisierung. Wissenschaftpolitik und Forschungspraxis im NS-Herrschaftsystem, Wallstein, Göttingen 2016, S. 423–470 Nicht zuletzt kollidierte im Familienalltag der Bauern der ideologische Anspruch, der Frauen auf ihre Mutterrolle reduzierte, mit den produktionspolitischen Zielen, die ohne deren Mitarbeit nicht zu realisieren waren.Münkel Schließlich war die bis Kriegsende weitgehend sichergestellte Ernährung der regimetreuen Deutschen nur durch den Einsatz von Millionen von Zwangsarbeitern und die Ausbeutung der besetzten Gebiete zu realisieren.
+ Entwicklung der Mechanisierung in der Landwirtschaft des Deutschen Reiches 1933–1939 Jahr Elektromotoren Sämaschinen Mähmaschinen Kartoffelerntemaschinen Düngerstreumaschinen 1933 1.008.260 667.692 949.895 343.720 153.665 1939 1.807.405 806.452 1.363.396 458.559 233.498
Agrar-Innenpolitik Die Agrarpolitik sollte einen möglichst hohen Grad an Selbstversorgung erreichen und war für die NSDAP ideologisch von großer Bedeutung: Große Hungersnöte galten schon seit dem frühen 19. Jahrhundert in Europa als ausgerottet, doch am Ende des Ersten Weltkrieges hatte die deutsche Zivilbevölkerung bis Kriegsende mindestens 600.000 Hungertote und Millionen von Unterernährten zu beklagen, vor allem im „Steckrübenwinter“ 1916/17, was sich negativ auf die Kriegsbegeisterung auswirkte und auch zur Novemberrevolution 1918 beitrug.Tooze, S. 203. Aufgrund dieser Erfahrung widmeten die deutschen Machthaber der Ernährungssituation besondere Aufmerksamkeit. Während des Ersten Weltkriegs führte eine Handelsblockade der Kriegsgegner (siehe auch Seeblockade) zu Engpässen bei der Nahrungsmittelversorgung. Um sich von Importen unabhängig zu machen, strebten die Nationalsozialisten einen hohen Grad an Selbstversorgung an. Mit über 9.000.000 Beschäftigten in der Landwirtschaft und einer Vielzahl an weiteren indirekt mit der Landwirtschaft in Verbindung stehenden Personen war die Landwirtschaft neben Industrie und Gewerbe mit in Summe über 14.000.000 BeschäftigtenStatistisches Reichsamt (Hrsg.): Statistisches Jahrbuch für das Deutsche Reich 1937. Berlin 1938, S. 114 f. ein wichtiger Wirtschaftsfaktor und ein bedeutendes Wählerpotential der Deutschnationalen und Nationalsozialisten. Das Bauerntum spielte eine bedeutende Rolle in der „Blut-und-Boden-Ideologie“ der Nationalsozialisten, was sich in einer Reihe von Gesetzen zum Schutz und zur Förderung der deutschen Bauern niederschlug.
Agrarpolitiker mini|hochkant|Alfred Hugenberg mini|Richard Walther Darré, 1937 mini|hochkant|Herbert Backe (1942)
Der Posten des Ministers für Landwirtschaft und Ernährung im Kabinett Hitler ging am 30. Januar 1933 an den rechtskonservativen Industriellen und Medienunternehmer Alfred Hugenberg. Mit Mindestpreisen, Importkontingentierungen und anderen protektionistischen Maßnahmen suchte er die deutsche Landwirtschaft zu stärken.Tooze, S. 205. Den Höhepunkt dieser Politik bildete die Weltwirtschaftskonferenz in London, auf der er sich ohne vorherige Absprache mit dem Kabinett gegen den Freihandel einsetzte und die Rückgabe der ehemals deutschen Kolonien und Gebiete im Osten forderte. Sein Auftritt führte zum Eklat, woraufhin die Nationalsozialisten angaben, Hugenberg hätte auf der Konferenz nur seine persönliche Meinung geäußert. Am 27. Juni 1933 trat Hugenberg von all seinen Ämtern zurück und seine Partei, die DNVP, löste sich auf.Wolfgang Benz: Geschichte des dritten Reiches. C.H. Beck, 2000, ISBN 3-406-46765-2, S. 33.
Ihm folgte Walther Darré. Der argentinischstämmige Minister gilt als einer der bedeutendsten Ideologen des Dritten Reiches. Er trat 1930 der SS und der NSDAP bei. Zu seinen ersten Aufgaben zählte der Aufbau eines Bauernverbandes, des sogenannten „Reichsnährstandes“, der sich zu einer der größten Organisationen im nationalsozialistischen Deutschland entwickelte und an dessen Spitze Darré selbst stand. Er pflegte zunächst einen freundschaftlichen Umgang mit Heinrich Himmler, dem Führer der SS, dessen Meinungen und Ansichten er begeistert unterstützte. Dies zeigte sich unter anderem daran, dass er alle leitenden Mitglieder des Landwirtschaftsministeriums drängte, der SS beizutreten. Seiner Meinung nach war der Erhaltung des Bauerntums die größte Aufmerksamkeit entgegenzubringen; die moderne Stadtbevölkerung hielt er nur für einen momentanen negativen Auswuchs der Gesellschaft und gegen den Schwund der Landbevölkerung wollte er vehement ankämpfen. Seine Ansichten sah er durch die sinkenden Geburtenraten seit der Verstädterung bestätigt (siehe Demografie Deutschlands).