Jacza oder Jaczo von Köpenick (oft auch Jaxa von Köpenick, * vor 1125; † Februar 1176Michael Lindner: Jacza von Köpenick. 2012, S. 70.) war ein slawischer Fürst.

In der Mitte des 12. Jahrhunderts war Jacza Burgherr und Fürst von Copnic, dem heutigen Berliner Ortsteil Köpenick. Seine Existenz, seinen Namen und seinen Titel bezeugen seine Münzen aus den 1150er und 1160er Jahren. In der Geschichtswissenschaft lange umstritten war die These, dass Jacza mit dem im Polnischen Jaksa von Miechów genannten Fürsten identisch war. Jüngere Forschungsergebnisse stützen aber diese Annahme. Demnach heiratete Jacza um 1145 in die einflussreiche polnische Familie des Magnaten Peter Wlast ein und gewann dadurch in Krakau, um Miechów, in Schlesien und im Lubliner Gebiet Grundbesitz, Rechte und Einfluss. Nach der Teilnahme an einem Kreuzzug im Jahr 1162 begründete er im zum Bistum Krakau gehörigen Miechów ein Stift, das er später als Grablege wählte.

Jacza von Köpenick rang zwischen 1150 und 1157 mit Albrecht dem Bären um die Vorherrschaft an Havel und Spree. Aus diesem Ringen ging Markgraf Albrecht 1157 an der Havel als Sieger hervor und legte damit einen wichtigen Grundstein für die Existenz der Mark Brandenburg. Die Schildhornsage, eine legendäre Erzählung um Flucht und Christianisierung Jaczas, ist eng mit dem Gründungsmythos und dem Geschichtsbild von der Entstehung der Mark Brandenburg verbunden und fand im Schildhorndenkmal an der Berliner Havel ihren künstlerischen Ausdruck.

mini|Jacza von Köpenick (Fantasieporträt), Krakau 1757

Leben und Wirken

Insbesondere aufgrund Herbert Ludats Darstellung von 1936 Legenden um Jaxa von Köpenick. Deutsche und slawische Fürsten im Kampf um Brandenburg in der Mitte des 12. JahrhundertsHerbert Ludat: Legenden um Jaxa von Köpenick. 1936, S. 27–84. war in der Geschichtsforschung die historische Identität des Jaxa von Köpenick lange umstritten. Es war ungeklärt, ob der Fürst von Köpenick (Jacza de Copnic) tatsächlich identisch mit dem Jaxa war, der als Albrechts Gegenspieler Geschichte schrieb.Lutz Partenheimer: Albrecht der Bär. 2003, S. 132,134; ferner S. 309, Anm. 1161: Die Frage der Identität des Jaxa, der Albrecht dem Bären die Brandenburg entriß, muß weiter untersucht werden. Im Jahr 2012 legte der Historiker Michael Lindner die erste Monografie zu dem Fürsten in deutscher Sprache vor. Unter Berücksichtigung der archäologischen, numismatischen und historischen Überlieferungen sowie der Ergebnisse der nach seinen Angaben sehr produktiven polnischen Forschung kam Lindner zu dem Ergebnis, dass der Fürst von Köpenick sowohl gegen Albrecht kämpfte wie auch mit dem polnischen Fürsten Jaksa von Miechów identisch sein dürfte.

Der Name des Fürsten

mini|Jacza-Brakteat mit Doppelkreuz und Umschrift IACZA DE COPNIC

Seit den frühen Fünfzigerjahren des 12. Jahrhunderts erscheint auf einigen Münzen ein Mann, der sich Jacza, Jaczo von Köpenick (Copnic, Copninc, Coptnic) nennt und sich unter Verzicht auf die üblichen lateinischen Titel dominus, dux oder princeps zweimal mit der slawischen Bezeichnung cnes, knes als Fürst zu erkennen gibt. Seine Herkunft wird außerdem durch den betont slawischen Habitus seiner Darstellung (Bart- und Haartracht) auf den Geldstücken und aus der Lage der Burg Köpenick in den slawischen Siedlungsgebieten an Spree und Dahme abgesichert. Die Symbole Palmzweig und Doppelkreuz (crux gemina), die Jacza, Jaczo auf seinen Münzen trägt, zeigen, dass er Christ war. In der deutschsprachigen Forschung erscheint der Fürst häufig als Jaxa, seltener als Jacza, Jaczo, in der polnischen als Jaksa. Die historische Überlieferung, die Urkunden und Werke der Geschichtsschreibung, halten für Jacza, Jaczo eine verwirrende Namensvielfalt bereit: unter anderem – alphabetisch geordnet – Ajax, Jacxo, Jaksa, Jason, Jaxa, Jaxsco, Laksa, Lasla, Sackzo, Saxzo. Da die Münzen, sogenannte Brakteaten oder wegen ihrer nur einseitigen Prägung Hohlpfennige, unter unmittelbarer Aufsicht des Köpenicker Fürsten geschaffen wurden, ist die auf ihnen vorkommende Namensform Jacza, Jaczo laut Lindner allen anderen, als die von ihrem Urheber selbst autorisierte Variante seines Namens, vorzuziehen. Jacza, Jaczo war der Fürst von Köpenick. Andere Bezeichnungen, die bis heute in der Literatur zu finden sind, wie Fürst der Sprewanen, (Teil-)Fürst von Polen oder lutizischer Gaufürst, seien spätere Erfindungen ohne Bezug zu den Quellen.Michael Lindner: Jacza von Köpenick. 2012, S. 17–22, 67–95.

Köpenick als slawischer Herrschaftsmittelpunkt

Die Burg Köpenick, am strategisch wichtigen Zusammenfluss der beiden Flüsse und einer Spreefurt gelegen, war spätestens seit Mitte des 9. Jahrhunderts der archäologisch nachgewiesene Sitz slawischer Burgherren.Gunnar Nath: Köpenick 1209 – Archäologie und Geschichte. 2009, S. 35–48. Die Namen der ersten Burgherren sind unbekannt. Erst die Münzen aus der Zeit um 1160 geben Aufschluss, dass die Burg Köpenick und ihr Inhaber Jacza, Jaczo hieß. Der Ortsname Köpenick (Copnic) geht auf das slawische Wort kopa = Hügel und das Suffix -nik zurück, bedeutet also Ort auf einem Hügel.Gerhard Schlimpert: Brandenburgisches Namenbuch, Teil 3, Die Ortsnamen des Teltow . Hermann Böhlaus Nachf., Weimar 1972, S. 111. Jacza ist eine Kurzform von Jaczemir, Jaczewoj und beruht auf jakъ (jь) = stark, mächtig.Aleksandra Cieślikowa: Słownik etymologiczno-motywacyjny staropolskich nazw osobowych 1: odapelatywne nazwy osobowe. Opracowała Aleksandra Cieślikowa przy współudziale Janiny Szymowej i Kazimierza Rymuta (Wörterbuch der Herkunft und Motivation altpolnischer Personennamen 1: aus Appellativa gebildete Personennamen). Kraków 2000, ISBN 83-87623-23-7, S. 92. Unter diesem Fürsten blühte Copnic auf. Die Bevölkerung nahm zu, Handwerk und Handel entwickelten sich, Marktverkehr und Anfänge von Ware-Geld-Beziehungen zeigten sich – der Fürstensitz gewann an kultureller, politischer und wirtschaftlicher Bedeutung. Die Brakteaten verbreiteten die Kunde dieses Aufschwungs bis zu den Nachbarn an Elbe und Ostsee, zu den Sachsen, Polen und Pommern.

Der Umfang des nach Köpenick benannten Fürstentums Jaczas lässt sich nur vermutungsweise angeben: die Unterläufe der Flüsse Spree, Dahme und Notte bildeten das Rückgrat des Herrschaftsbereiches. Im Osten grenzte er bei Fürstenwalde/Spree an das damals großpolnische Lebuser Land. Im Süden reichte er etwa bis Teupitz, Storkow und Beeskow und schloss damit die slawischen Siedlungen im großen Spreebogen mit ein. Im Südwesten dürften Zossen und Mittenwalde, vielleicht noch Baruth, dazu gehört haben. Mit Treptow und Stralau samt Spreefurt erstreckte sich Jaczas Macht bis an den späteren Berlin-Cöllner Spreepass. In nordöstliche Richtung wird er sich entlang der sogenannten Alten Straße (via vetus) von Köpenick nach Wriezen bis Freienwalde zur Oder hingezogen haben, wo bei Gabow 80–90 Prozent der bekannten Jacza-Brakteaten gefunden wurden.Michael Lindner: Jacza von Köpenick. 2012, S. 18.

Nach Jaczas Tod im Februar 1176 folgten ihm in seinem Köpenicker Herrschaftsbereich die Herzöge Bogislaw († 1187) und Kasimir († 1180) von Pommern kraft einer Abmachung der drei Fürsten aus dem letzten Viertel des Jahres 1168. Wohl von ihrem Köpenicker Stützpunkt aus fielen die Pommern verstärkt durch Lutizen 1179 in die Lausitz ein, schlugen vor Lübben ein markgräfliches Heer und brannten auf dem Rückweg die erzbischöflich-magdeburgischen Besitzungen Zinna und Jüterbog nieder. Im Folgejahr gerieten sie mit dem Brandenburger Mark- und dem Burggrafen aneinander, was Herzog Kasimir das Leben kostete. In der zweiten Hälfte der 1180er-Jahre endete die Slawenzeit an Dahme und Spree. Das Gebiet wurde vom Süden her – die Spree abwärts – von den Markgrafen der Ostmark/Lausitz, Dedo und Konrad aus der Familie der Wettiner, erobert und so in das mittelalterliche römisch-deutsche Kaiserreich einbezogen. Am 10. Februar 1210 erscheint Köpenick (Acta sunt hec in Copnic) erstmals urkundlich in einem Schriftstück des Markgrafen Konrad II. (von Landsberg; † 1210).Michael Lindner: Jacza von Köpenick. 2012, S. 117–146.

Nach dem schon drei Monate darauf eingetretenen Tod Markgraf Konrads fiel der Köpenicker Herrschaftsbereich mit der Ostmark/Lausitz seinen Meißner Verwandten zu. An die brandenburgischen Askanier, die Brüder und gemeinsam regierenden Markgrafen Johann I. und Otto III., kam das Gebiet endgültig nach dem Friedensschluss infolge des Teltow- und Magdeburger Kriegs von 1245.Johannes Schultze: Die Mark Brandenburg. 5 Bände, Berlin 1961–1969, Neudruck in einem Band 2010, ISBN 978-3-428-13480-9, S. 144–147.

Kampf um die Brandenburg

Im Jahr 1127 kam in Brandenburg der christianisierte und von Kaiser Lothar vorübergehend zum König ernannte Hevellerfürst Pribislaw, der den Taufnamen Heinrich erhalten hatte, an die Macht. Der Tod Pribislaws im Jahre 1150 warf die Frage auf, wer ihn beerben sollte. Jacza machte sich große Hoffnungen auf die Brandenburg, denn er war ein angeheirateter Verwandter des Verstorbenen und wie dieser ein christlicher Slawe. Vermutlich hatte der Köpenicker eine Schwester des Brandenburgers geehelicht. Doch Jacza ging leer aus. Petrissa, die einflussreiche Ehefrau Pribislaws/Heinrichs, übergab – wie bereits Jahre zuvor unter Kaiser Lothar III. abgemacht – die Brandenburg dem Askanier Albrecht dem Bären, einem ostsächsischen Fürsten aus dem Harzvorland.Lutz Partenheimer: Albrecht der Bär. 2003, S. 36f, 50, 111f.

mini|Illustration zur Schildhornsage Jaczo von Köpenick auf der [angeblichen] Flucht durch die Havel. Holzschnitt von O. Vogel nach einer Zeichnung von Adolph Menzel, 1868

Jacza aber gab nicht auf. Er wartete auf eine günstige Gelegenheit, um das, was er für sein Recht hielt, durchzusetzen. Im Frühjahr 1157 ergab sich die passende Gelegenheit: Kaiser Friedrich Barbarossa bereitete einen Feldzug gegen die polnischen Herzöge Bolesław IV. (Kraushaar; † 1173) und Mieszko III. (der Alte; † 1202) vor, die auf Jaczas Seite standen. Albrecht der Bär hatte auf der Brandenburg Probleme mit seinen Untertanen. So konnte Jacza, militärisch unterstützt von den Piastenfürsten, die Burg in einem Überraschungsangriff einnehmen, nachdem er einige der offenbar mit Albrecht des Bären Herrschaft unzufriedene Burginsassen bestochen hatte. Die einzige Quelle für diese Eroberung ist der um 1200 geschriebene Tractatus de urbe Brandenburg des Brandenburger Domherrn Heinrich von Antwerpen, dessen Beschreibung der Albrecht-Biograph Lutz Partenheimer wie folgt wiedergibt:

Den Gegenangriff trugen der einflussreiche Erzbischof Wichmann von Magdeburg und Albrecht der Bär gemeinsam vor. Bis zum 11. Juni 1157 belagerten sie mit ihren Rittern die Brandenburg. Am Ende übergaben Jaczas Anhänger nach einer mit Handschlag beschworenen Übereinkunft gegen die Gewährung freien Abzuges die Burg und zogen sich nach Köpenick zurück.Michael Lindner: Jacza von Köpenick. 2012, S. 23. Die Rückeroberung der Burg 1157 gilt als Gründungsakt der Mark Brandenburg, womit allerdings komplexe Sachverhalte stark verkürzt werden. Seit diesem Zeitpunkt nannte sich Albrecht der Bär endgültig und dauerhaft Markgraf in Brandenburg beziehungsweise später Markgraf von Brandenburg.Lutz Partenheimer: Albrecht der Bär. 2003, S. 132ff, 138.

Jaczas Sohn als Geisel