Das Glasperlenspiel. Versuch einer Lebensbeschreibung des Magister Ludi Josef Knecht samt Knechts hinterlassenen Schriften ist der letzte und zugleich umfangreichste Roman von Hermann Hesse, erstmals 1943 in zwei Bänden veröffentlicht.

Das Werk hatte entscheidende Bedeutung für die Verleihung des Nobelpreises für Literatur im Jahr 1946. In der Widmung durch Anders Österling hieß es: „Der Roman weist eine imposante Struktur auf, in der das Konzept des Spiels und seine Rolle in der Zivilisation überraschende Parallelen zu der genialen Studie „Homo ludens“ des niederländischen Gelehrten Huizinga aufweist. Hesses Haltung ist zwiespältig. In einer Zeit des Zusammenbruchs ist es eine wertvolle Aufgabe, die kulturelle Tradition zu bewahren. Doch die Zivilisation lässt sich nicht dauerhaft am Leben erhalten, indem man sie zu einem Kult für wenige macht.“ mini|Hermann Hesse als Literaturnobelpreisträger, 1946

Entstehungsgeschichte Hermann Hesse datierte die Anfänge des Werks auf das Jahr 1930, noch bevor er Die Morgenlandfahrt fertigstellte. Das erste Konzept für Das Glasperlenspiel stammte aus dem Zeitraum 1931/31 und war eine Antwort auf die Krisenzeit der Weimarer Republik. Einen ersten ausführlicheren Hinweis auf seine neue Arbeit gab er in einem Brief vom April 1932.

In einem Brief an Klaus Mann schrieb Hesse im Mai 1933 als Reaktion auf die Machtübernahme der Nationalsozialisten in Deutschland und seinen religiösen Intentionen als Schriftsteller:

Im Juli 1933 beschrieb Hesse in seinem Tagebuch seinen Zwiespalt als apolitischer Schriftsteller:

Hesse schrieb die Einführung viermal um, um jeglichen direkten Anklang an den Zeitraum des Entstehens zu vermeiden, darin auch das Gespräch Knechts mit dem Führer der Diktatur und die Zerstörungswut der besitzlosen Massen, die einer frühen Idee zufolge Kastalien irgendwann kurz und klein schlagen sollten.

Im Juli 1935 veröffentlichte Hesse Die Gedichte des jungen Josef Knecht in der deutsch-schweizerischen Zeitschrift Corona. Bis 1942 erschienen die Gedichte und die meisten Kapitel (ausgenommen die Kapitel 7 bis 11 der Lebensbeschreibung) in Die neue Rundschau des S. Fischer Verlags im nationalsozialistischen Berlin und in Corona (1938). Somit waren die entscheidenden Passagen des Texts im deutschsprachigen Raum publiziert, ohne dass der Gesamtzusammenhang deutlich wurde. Im August 1942 wurde der zweite Teil des Kapitels Die Legende in Die neue Rundschau gedruckt.

Am 29. April 1942 schrieb Hesse die letzten Zeilen von Knechts Lebensbeschreibung Die Legende, noch mit dem Titel Der Glasperlenspielmeister. Die Erstausgabe des Werks erschien am 18. November 1943 im Züricher Verlag Fretz & Wasmuth, nachdem Peter Suhrkamp im Sommer 1942 ein Druckverbot für Deutschland erhalten hatte.

1955 schrieb er rückblickend an Rudolf Pannwitz, dass ihn die Machtergreifung der Nationalsozialisten dazu brachte, die Handlung in eine ferne Zukunft zu verlegen und sie damit zeitlos gültig zu machen:

Inhalt Der eigentlichen Handlung geht die Einleitung des fiktiven Herausgebers voran, die in Form einer historischen Abhandlung abgefasst ist und die Entwicklung der von Hesse entworfenen Welt darstellt (Das Glasperlenspiel. Versuch einer allgemeinverständlichen Einführung in seine Geschichte). Nach der Handlung (Lebensbeschreibung des Magister Ludi Josef Knecht) folgen kleinere literarische Werke, deren fiktiver Autor die Hauptfigur Josef Knecht ist: einige Gedichte (Die Gedichte des Schülers und Studenten) sowie Die drei Lebensläufe, die Knechts Leben in verschiedene geschichtliche Epochen zurückprojizieren. Wie auch im Hauptteil variiert Hesse hier sein altes Thema von Meister und Jünger, und zwar vorwiegend in der Form, dass der zeitweise ungetreue Jünger am Ende reuig zu seinem Meister zurückkehrt, um dessen Nachfolge anzutreten.

Gewidmet ist das Buch „Den Morgenlandfahrern“, die auch in der „historischen“ Einleitung erwähnt werden, in Anspielung an seine 1932 erschienene Erzählung Die Morgenlandfahrt. Der Einleitung als Motto vorangestellt ist ein lateinisches Zitat (nebst Übersetzung) des fiktiven Scholastikers Albertus Secundus, der später als einer der geistigen Urahnen des Glasperlenspiels benannt wird. Der „fromme und gewissenhafte Geschichtsschreiber“, heißt es in dem Zitat, sei geradezu dazu genötigt, auch irreale und unwahrscheinliche Sachverhalte darzustellen, „welche eben dadurch, dass fromme und gewissenhafte Menschen sie gewissermaßen als seiende Dinge behandeln, dem Sein und der Möglichkeit des Geborenwerdens um einen Schritt näher geführt werden.“

Das „Glasperlenspiel“ und seine Welt Hermann Hesses letztes großes Werk spielt in einer zeitlich nicht genau fixierten Zukunftswelt, in welcher er das Leben seines Helden Magister Ludi Josef Knecht (alias Glasperlenspielmeister) ansiedelt. Auf die wesentlichen Charakteristika dieser Welt verweist der Namenszusatz Magister Ludi, ein Wortspiel, da das lateinische Wort ludus sowohl ‚Schule‘ (ein magister ludi ist historisch ein Schulmeister) als auch ‚Spiel‘ (der Titel würde dann ‚Meister des Spiels‘ heißen) bedeutet. In der von Hesse entworfenen Welt bilden die (männlichen, ehelos lebenden) Gelehrten einen straff organisierten Orden, der in der „pädagogischen Provinz“ Kastalien lebt – der heilen, abgeschotteten Welt einer geistigen Elite, die sich in Universalität und Harmonie entfaltet und darin ihren Selbstzweck erleben darf. Seine Aufgaben sieht der von der Gesellschaft geförderte Orden im Bildungssystem (das ihm wiederum zur eigenen Reproduktion dient) und in der Perfektion und Synthese der Wissenschaften und Künste im Glasperlenspiel.

Als Symbolspiel mit transzendenter Bedeutung erfährt das Spiel einen utopischen Charakter, weil der absolute Geist in seiner Totalität nicht erfasst werden kann. Es handelt sich dabei um den Versuch einer kunstvollen, ästhetisch ansprechenden Vereinigung aller Wissenschaften, den Versuch einer Universalsprache, einer übergreifenden Verknüpfung aller Wissensgebiete und Kulturen zu einem großen Ganzen. Die Regeln des Spiels werden wie folgt veranschaulicht:

Das Spiel hat in Kastalien bereits quasirituellen Charakter angenommen; Ziel ist es, tiefe Verbindungen zwischen scheinbar nicht verwandten Themengebieten herzustellen und theoretische Gemeinsamkeiten von Künsten und Wissenschaften aufzuzeigen. Beispielsweise wird ein Bach-Konzert mit einer mathematischen Formel verknüpft. Der Publikumserfolg für ein „gutes Spiel“ wird dabei sowohl durch musikalische Klasse als auch mathematische Eleganz erreicht.

Das Glasperlenspiel erhielt seinen Namen von den ursprünglich verwendeten Spielsteinen eines „nach dem Vorbild eines Kugelzählapparats für Kinder, einen Rahmen mit einigen Dutzend Drähten darin, auf welchen er [dessen Erfinder Perrot] Glasperlen von verschiedener Größe, Form und Farbe aneinanderreihen konnte“. (Ursprünglich wollte Hesse Karten als Spielzeuge für sein Spiel benutzen; erst später entschied er sich für „Glasperlen“.) Zur Zeit der Romanhandlung sind diese jedoch überflüssig geworden und das Spiel wurde nur noch mit abstrakten Formeln und Symbolen gespielt. Das Konzept des Glasperlenspiels scheint so Ähnlichkeit zu den Ideen von Leibniz einer universellen wissenschaftlichen Formalsprache (Universalsprache) aufzuweisen, auf die in der „historischen“ Einleitung verwiesen wird.

Die strenge Bildungszivilisation, in der das Glasperlenspiel angesiedelt ist, wird dort als neue kulturelle Blüte nach der vorangehenden, eher an oberflächlicher bildungsbürgerlicher Unterhaltung interessierten „feuilletonistischen Epoche“ geschildert. In ihr selbst herrscht allerdings ein Kulturzustand, in dem nichts Neues, Aufregendes, Abenteuerliches mehr entdeckt und geschaffen, sondern nur noch mit dem Vorhandenen „gespielt“ wird – umgangssprachlich wurde „Glasperlenspiel“ daher zum Ausdruck für ein selbstzweckhaftes, eitles und unkreatives Hantieren mit kulturellen Klischees. Das Heraufziehen eines solchen Kulturzustands war die Sorge vieler Intellektueller in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts. Thomas Mann gestaltete sie in seinem Doktor Faustus, der nach seinem eigenen Urteil Parallelität zum Glasperlenspiel aufweist.

Zudem schottet sich der sich nur noch der Betrachtung des Gegebenen widmende Orden von der Außenwelt ab, indem er sich nicht mehr mit praktischen, insbesondere politischen, Fragen befasst.

Die Handlung Diese Widersprüche sind es, die für das Leben des Helden, Josef Knecht, entscheidend sind. Als Knabe wird er von der örtlichen Lateinschule weg an die Eliteschule Waldzell in der Ordensprovinz Kastalien berufen. Wesentlich verändert durch die Bekanntschaft mit dem Musikmeister, einem der Ordensoberen, ordnet er sich ganz den Regeln des Ordens unter, immer mehr macht er sich die Fähigkeiten zu eigen, die diesen auszeichnen – Wissenschaft, Musik, Meditation und schließlich das Glasperlenspiel –, steigt immer höher in der Hierarchie, bis er schließlich eines der höchsten Ämter, das des Glasperlenspielmeisters (magister ludi), bekleidet.

Von Anfang an prägen ihn aber auch die Einblicke in die Außenwelt. Schon in der Schulzeit sind eine seiner wesentlichen Antriebsfedern seine heißen Diskussionen mit dem Klassenkameraden Plinio Designori, der ein Leben außerhalb des Ordens anstrebt und das weltabgewandte Leben der Kastalier scharf angreift. Ein wesentlicher Schritt der Entwicklung ist Knechts Gesandtschaft im Benediktinerkloster Mariafels. Auch dies ist ein Stück Außenwelt, das er kennenlernt, zumal ihn Pater Jakobus in die Geschichtswissenschaft einweist, die als zutiefst „weltliches“, in der Materialität verhaftetes Fach im kastalischen Kanon keinen Platz hat.

Über acht Jahre seiner Tätigkeit als Magister Ludi muss Knecht erkennen, dass aufgrund der weltpolitischen Lage auch die Existenz Kastaliens auf tönernen Füßen steht, dass die Privilegien der kastalischen Isolation als „Halb- und Scheinwelt“ mittelfristig nicht haltbar sind und die Provinz sich dem weltlichen Leben öffnen muss, um dem „Wohl der Welt“ und der „Gemeinschaft aller Menschen“ zu dienen. Mit diesem Weckruf ist er aber im Führungskreis („oberste Behörde“) des Ordens, den er mit einem Rundschreiben warnt, weitgehend allein. Sein Gesuch zum Rücktritt als Glasperlenspielmeister und seine Bitte um Entsendung als Schulmeister einer gewöhnlichen Schule werden abgelehnt. Unverstanden und zur Ordnung gerufen, flieht er aus der Gelehrtenwelt Kastaliens, um sich als Tutor dem Dienst an einem jungen Manne zu widmen, dem rohen und selbstbewussten Naturburschen Tito Designori, dem Sohn seines alten und wiedergewonnenen Freunds Plinio.

An der Hütte des Bergsees, ihrem Rückzugsort, bringt Tito am Herbstmorgen „der Sonne und den Göttern im Tanz seine fromme Seele zum Opfer dar“. Als der gesundheitlich angeschlagene Knecht mit seinem neuen Schüler, der in zum Wettkampf fordert, im Bergsee schwimmt, stirbt Knecht im eiskalten Wasser. Leben und Sterben seines noch ungekannten Meisters, so lässt das Ende anklingen, haben Tito in seinem Streben nachhaltig verändert; wie sich dies äußern wird, bleibt offen.

Josef Knechts hinterlassene Schriften Nach der Handlung folgen literarische Werke als Josef Knechts hinterlassene Schriften, deren fiktiver Autor die Hauptfigur Josef Knecht ist. Mit dem Gedicht Stufen (in Die Gedichte des Schülers und Studenten) (1941) kündigt Knecht seinem Freund Fritz Tegularius im letzten Kapitel Die Legende verklausuliert seinen Abschied als Magister Ludi an:

Die drei Lebensläufe sind jährliche Stil- und Reflexionsübungen des Studenten Knecht mit der eigenen Person als Protagonisten in einer weit zurückliegenden Epoche im Sinne von Reinkarnationen, die alle mit dem Tod enden: