Der im südlichen Westmünsterland gelegene Ort Rhade ist seit 1975 ein Stadtteil von Dorsten im Kreis Recklinghausen (Nordrhein-Westfalen) und hatte im 1. Quartal 2010 5770 Einwohner.

Geschichte Name Der Name bezieht sich auf die Entstehung des Ortes durch das Roden von Waldflächen, um Platz für Siedlung, Wiesen- und Ackerfläche zu schaffen. 1217 wurde Rhade in der Schreibweise „Rothe“ erstmals urkundlich erwähnt.Heimatverein Rhade e. V. (Hrsg.): Rhade. Beiträge zur Geschichte, Band 2. Rhade 1989, S. 5.

Kirchliche und territoriale Zugehörigkeit Rhade gehörte zunächst zum Pfarrei des östlich gelegenen Lembeck. 1489 erfolgte die Abpfarrung,Wilhelm Kohl: Das Bistum Münster. 7. Die Diözese, Bd. 1 (= Germania Sacra, Neue Folge Bd. 37,1). de Gruyter, Berlin 1999, ISBN 3-11-016470-1, S. 433. so entstand die Kirchengemeinde („Kirchspiel“) St. Urbanus mit der im Ortszentrum gelegenen Kirche. Allerdings verfügten die Besitzer des Lembecker Schlosses noch bis 1811 über zahlreiche Ländereien und Besitztümer in Rhade und traten dort auch als Gerichtsherren auf. Der Einflussbereich der Herren von Lembeck, die „Herrlichkeit Lembeck“, ging aus dem Gogerichtsbezirk Lembeck hervor, der ab dem 14. Jahrhundert mit der Burg Lembeck verbunden war.Wilhelm Kohl: Das Bistum Münster. 7. Die Diözese, Bd. 1. de Gruyter, Berlin 1999, S. 584. Zu diesem Gerichtsbezirk gehörten Altschermbeck, Erle, Hervest, Holsterhausen, Lembeck, Rhade und Wulfen, im Mittelalter zudem Lippramsdorf und Raesfeld.Gen-Wiki Rhade gehörte zum Hochstift Münster, und zwar anfangs zum münsterschen „Amt auf dem Braem“ (zuweilen auch „Brahm“ geschrieben), dem südlichen Teil des münsterschen Amtes Ahaus.Wilhelm Kohl: Das Bistum Münster. 7. Die Diözese, Bd. 1. de Gruyter, Berlin 1999, S. 620. Das Amt auf dem Braem ging im Spätmittelalter de facto, im 16. Jahrhundert auch de jure im Amt Ahaus auf.

Bei der Säkularisation des Hochstiftes Münster 1802/1803 wurde Rhade dem Fürstentum Salm zugeschlagen, das seinerseits am 28. Februar 1811 vom Kaiserreich Frankreich annektiert wurde. Während der französischen Herrschaft von 1811 bis 1813, bis zu französischen Niederlage in den Befreiungskriegen, gehörte Rhade zur Mairie Altschermbeck im Département Lippe. Die Mairie Altschermbeck wurde unter der preußischen Herrschaft (ab 1813) in die Bürgermeisterei Altschermbeck überführt (von 1828 bis 1844 eingegliedert in die Bürgermeisterei Lembeck) und später in das Amt Altschermbeck (bis 1929) umgewandelt.HIS-Data Von 1929 bis 1974 gehörte Rhade zum Amt Hervest-Dorsten.

Von 1844 bis 1974 stellte die Gemeinde Rhade eigene, gewählte Bürgermeister. Im Jahre 1975 ging Rhade schließlich als Stadtteil in der vestischen Stadt Dorsten auf, wodurch die Gemeinderechte erloschen.

Frühzeit (ca. 4000 v. Chr. bis 600 n. Chr.) Bezeugt sind erste Ansiedlungen von Menschen auf Rhader Gebiet vor über 6000 Jahren. Zu jener Zeit begannen die Menschen in dieser Gegend die Lebensform des Jagens und Sammelns zugunsten des Ackerbaus aufzugeben. So fanden sich z. B. jungsteinzeitliche Artefakte der Trichterbecherkultur am Kalten Bach (Hockergrab), der Glockenbecherkultur 1937 auf dem Hof Fischedick (Feuersteinklinge), sowie 1946 zwischen den Höfen Heßling und Leying Steinbeile aus der Zonenbecherkultur. Von der nachfolgenden bronzezeitlichen Urnenfelderkultur zeugen Funde am Kalten Bach (Gräberfeld mit über 80 Hügeln) und eine Grabanlage zwischen Mühlenteich und Stufenberg. Eingang in die Fachliteratur der Ur- und Frühgeschichte fand das sogenannte „Rhader Haus“, ebenfalls aus der Bronzezeit, dessen Alter auf 3500 Jahre geschätzt wird und in den 1930er Jahren auf einem kleinen Sandhügel beim Hof Heßling freigelegt wurde. Ein ähnlicher Fund aus jener Zeit um etwa 1500 v. Chr. wurde auf dem Gelände Tüshaus am Schlehenweg gemacht.

Es wird angenommen, dass in der Zeit um 1000 v. Chr. die ersten Indoeuropäer in diese Gegend gelangen, wobei – wie auch in vielen anderen Fällen – nicht unbedingt von großen Migrationsbewegungen, sondern eher von kulturellen Überformungen ausgegangen werden muss. Eine Notgrabung im Frühjahr 1937 im Bereich des Zusammentreffens der Straßen Am Mühlenteich und Schlehenweg förderte Urnen- und Knochenlager sowie Brandschüttungsgräber aus dem 6. bis 1. vorchristlichen Jahrhundert zutage, die dem keltischen (und somit indoeuropäischen) Kulturkreis zuzuordnen sind. Bei den Kelten, die bis zum 1. Jahrhundert v. Chr. in dieser Gegend präsent sind (in Kontinentaleuropa eine ihrer nördlichsten Siedlungsausdehnungen), zieht man es vor, die Toten vor dem Bestatten zu verbrennen. Auch die indoeuropäischen Germanen, die die Kelten bzw. deren Kultur vom Norden her um 100 v. Chr. aus dieser Gegend verdrängen, verbrennen ihre Verstorbenen zur Bestattung.

Die rechtsrheinischen Germanen (diverse fränkische Stämme) stehen zu Beginn unserer Zeitrechnung immer wieder im kriegerischen Zwist und friedlichen Austausch mit den linksrheinischen Römerverbänden, die sich teilweise auch auf das rechtsrheinische Gebiet vorwagen (vgl. Marschlager Holsterhausen, Römerlager Haltern). In der Bakeler Mark, südlich vom Rhader Ortskern, fand man große Mengen Gefäßscherben, die einer hier ehemals existenten germanischen Siedlung aus der älteren römischen Kaiserzeit zuzuordnen sind und von einem intensiven Handel mit den Römern bis in das 4. Jahrhundert zeugen. Die Fundlage der nun folgenden Völkerwanderungszeit im 5. und 6. Jahrhundert ist in Rhade äußerst spärlich.Heimatverein Rhade e. V. (Hrsg.): Rhade. Beiträge zur Geschichte. Band 2. Rhade, 1989, S. 5–20.

Mittelalter und Neuzeit (ca. 600 bis 1800) Anstelle des altfränkischen Germanenstammes der Chamaven oder anderen fränkischen Stämmen, die später im Großverband der Franken aufgehen, siedeln nach der Völkerwanderungszeit in dieser Gegend die von Norden her kommenden sächsischen Germanenstämme. Missionsversuche von britischen Angelsachsen im 7. Jahrhundert bleiben erfolglos – die Missionare, die sich meist zunächst an die lokalen Anführer der Sachsen wenden, werden zum Teil grausam zur Strecke gebracht (vgl. Brüder Ewaldi). Erst die gewaltsame Christianisierung der lose verbündeten Sachsenstämme durch den Frankenkönig Karl dem Großen, die in der Taufe des besiegten westfälischen Sachsenführers Widukind mündet, bringt den Durchbruch für das Christentum in dieser Gegend. Die Franken zerstören während der Sachsenkriege die alten Heiligtümer der sächsischen Germanen, wie heilige Bäume, und errichten auf diesen Stellen oftmals Kapellen, um die renitenten Sachsen nachhaltig zu assimilieren. Zur militärischen Sicherung des eroberten Gebietes errichten die Franken entlang wichtiger Heerstraßen im westlichen Sachsenland Burgen, für deren Besatzung man ebenfalls Kapellen erbaut. Die Laurentius-Kirche in Lembeck, von der Rhade abgepfarrt wurde, kann als eine solche Gründung angesehen werden. Ebenso wie die Urpfarrei Borken, kann man bei diesen frühen Gründungen von Königskirchen sprechen, da dessen Missionsträger der König des Frankenreiches und nicht ein von ihm autorisierter Missionsleiter, wie der im hiesigen Raum tätige Liudger, war.Heimatverein Rhade e. V. (Hrsg.): Rhade. Beiträge zur Geschichte. Band 2. Rhade, 1989, S. 21–35.

mini|Clivia Ducatus et Ravenstein Dominium, 1645 mini|Monasteriensis Episcopatus, 1645

Durch das von den Franken eingeführte Lehnswesen, welches die Schenkung der Rechte an Grund und Boden an Adel, Kirche, Stifte und Klöster vorsah, wurden die vormals vollfreien Bauern abgabepflichtig. „Als Gutsherren traten in Rhade vornehmlich die Herren von Lembeck, daneben noch das Stift Vreden, Haus Velen und auch der Herzog v. Kleve auf.“Heimatverein Rhade e. V. (Hrsg.): Rhade. Beiträge zur Geschichte. Band 2. Rhade, 1989, S. 39.. Manche Rhader Höfe waren früh in den Einflussbereich eines Klever Schutzvogtes gekommen, woraus sich eine unübersichtliche Gemengelage, und in einem größeren Kontext noch bis in spätere Jahrhunderte aufflammende Grenzstreitigkeiten zwischen dem Herzog von Kleve und dem Bischof von Münster entwickelten. Eine schon zur römischen Kaiserzeit in den ersten Jahrhunderten n. Chr. genutzte Fliehburg („Schwarte Borg“) in der Nähe einer ehemaligen Siedlung in der Barkeler Mark, wurde anscheinend zwischen dem 11. und 16. Jahrhundert zum Schutz und zur Abwehr bei diesen Grenzstreitigkeiten wiederbelebt. 1572 kam es schließlich zu einem Vergleich zwischen dem Bischof von Münster und dem Herzog von Kleve und es wurden klare Grenzen festgelegt.Heimatverein Rhade e. V. (Hrsg.): Rhade. Beiträge zur Geschichte. Band 2. Rhade, 1989, S. 39–46. Dass diese Grenzen doch nicht so eindeutig waren, beweisen zwei Karten aus dem Jahre 1645, in denen Rhade einmal zum Herzogtum Kleve und einmal zum Bistum Münster zugehörig eingezeichnet ist, sodass sogar bis zum Ende des Dreißigjährigen Krieges von Unsicherheiten im Grenzverlauf gesprochen werden kann. In diese etwas unübersichtliche Zeit datiert auch der Übertritt der Rhader Gemeinde zum Reformationsglauben. Die gewaltsame Wiederherstellung des katholischen Glaubens im Zuge der Gegenreformation erhielt sich bis in das 20. Jahrhundert im Ausspruch „Door wötte katholschk vann“ („Da wird er katholisch von“) für allzu große Strenge und Grobheit.Plattdeutsch in Rhade

Entgegen einer stringenten Geschichtsschreibung seitens der Kirchenchroniken sowie einer vermeintlich restlos erfolgreichen Christianisierung, erhielt sich in Rhade die Kultur der alten Germanen länger, als man annehmen könnte. So war beispielsweise im Mauerwerk des bis in die 1960er Jahre existenten Kloth’schen Kötterhauses aus dem 17. Jahrhundert eine bemerkenswerte Entdeckung zu machen: „Links neben der Haustür ist mehrmals der ‚Hammer Donars‘ aus Backsteinen eingemauert und an der linken Seite des Hauses der ‚Donarbesen‘ (Donnerbesen). Der Sinn dieser Zeichen ist nicht unbekannt. Wo sich ein solches befand, stand das Haus unter Schutz des germanischen Gottes Donar. Man ersieht daraus, daß sich [dieses] in die germanisch-heidnische Zeit zurückreichende Brauchtum in unserer Gegend bis zum 30jährigen Krieg und darnach erhalten hat.“Heimatverein Rhade e. V. (Hrsg.): Rhade. Beiträge zur Geschichte. Band 2. Rhade, 1989, S. 217.. Eine weitere Reminiszenz an die Kultur der Germanen und ihrer Rechtsordnung stellt der in Rhade noch bis in die Neuzeit abgehaltene „Holting“ auf dem Hof Schulte dar, der die Verteilung der Gemeinschaftsgüter, wie das zu schlagende Holz in der Mark, zum Inhalt hatte. Das Wort setzt sich zusammen aus den Wörtern Holz und Thing und hat demnach seine Wurzeln in den Gerichts- und Volksversammlungen nach germanischem Recht.

Zwischen Rhade und Altschermbeck erstreckte sich ein zu Beginn des 19. Jahrhunderts noch 250 Morgen (= 64 Hektar) großes Torfmoor, das Rhadische Veen.Leopold von Zedlitz-Neukirch: Die Staatskräfte der preußischen Monarchie unter Friedrich Wilhelm III., Bd. 2: Topographie, Teilband 2: Die Provinzen 4) Preußen, 5) Posen, 6) Sachsen, 7) Westphalen, 8) Rheinprovinz. Neufchatel und Valengin. Maurer, Berlin 1828, S. 234.

Industrialisierung und Moderne (ab ca. 1800)