Nebre (auch Hor-Nebre), alternativ auch Raneb, war der Horusname eines altägyptischen Königs (Pharaos) der 2. Dynastie (Frühdynastische Zeit), der um 2830 v. Chr. regierte. Er war mit ziemlicher Sicherheit der Nachfolger von König Hetepsechemui und der Vorgänger von König Ninetjer.
Während Nebres Name von besonderem Interesse für die Ägyptologie ist, bleibt seine Identität dennoch obskur. Er scheint nicht sehr lange regiert zu haben und die archäologische Fundlage bleibt eher spärlich. Nebre könnte mit einem geheimnisvollen Wenegnebti identisch sein, dessen Thronname bislang auf gefundenen Artefakten stets allein erscheint und noch mit keinem Horusnamen sicher verknüpft werden konnte. In späteren Königslisten wird Nebre offenbar „Kakau“ genannt, ein Name, der Ägyptologen ebenfalls vor ein Rätsel stellt. Manche Ägyptologen argwöhnen, dass unter König Nebre erste Versuche unternommen wurden, einen religiösen Kult um den späteren Sonnengott Ra einzuführen.
Name und Identität mini|links|hochkant=0.7|Kartuschenname des Nebre in der Königsliste von Abydos.
Nebres Horusname ist der erste der ägyptischen Geschichte, der das Symbol der Sonnenscheibe (Gardiner-Zeichen N5) verwendet. Er wurde besonders in früheren Zeiten gern als Ra-Neb (zu deutsch etwa „Ra ist (mein) Herr“) gelesen. Diese Lesung wird jedoch seit geraumer Zeit in Frage gestellt. Grund ist die Feststellung, dass die Sonne während der frühdynastischen Epoche noch nicht so sehr im Zentrum religiöser Anbetung stand. Vom Ende der Prädynastischen Epoche bis zum Beginn des Alten Reiches konzentrierte sich der Staatsglaube der Ägypter auf die Wahrung der dualistischen Gleichstellung der beiden obersten Staatsgottheiten Horus und Seth. Die Sonne galt zu dieser Zeit noch als Himmelskörper, der von den Throngöttern Horus oder Seth kontrolliert wurde und lediglich ein Teil von ihnen war. Als wichtiges Indiz für diese Erkenntnis führen unter anderen Winfried Barta und Steven Quirke an, dass der Name „Re“ für die spätere Sonnengottheit erst nach und nach als Bestandteil von privaten Personennamen mit Beginn der 3. Dynastie unter König Djoser in Erscheinung tritt (so bei dem hohen Beamten Hesire). Erst Mitte der 4. Dynastie hin, unter König Djedefre, rückte Ra in den Fokus religiöser Kulte und erlangte erst unter diesem endgültig eigenständigen Status als fest etablierte Gottheit (so ist Djedefre der erste König, der seinen Geburtsnamen ausdrücklich dem Sonnengott widmet).Jochem Kahl: Ra is my Lord. ... Wiesbaden 2007, S. 2–7.Steven Quirke: Ancient Egyptian Religions. London 1992, S. 22.
Der Horusname von König Nebre mag daher lediglich auf erste Veränderungen im kosmologischen Denken hinweisen, welche die zunehmende Anbetung der Sonne förderten. Eine weitere Förderung des Sonnenkultes mag Ägypten unter Seth-Peribsen erfahren haben. Jochem Kahl verweist auf mehrere Tonsiegelabdrücke, die das Seth-Tier zusammen mit der Sonnenscheibe über dem Serech des Königs zeigen. Die Sonne galt nun als Himmelskörper, der von Seth beherrscht wurde. Die Sonne wurde also bis zur Herrschaft von König Djoser als ein bloßes, von den beiden Staatsgöttern beherrschtes Tagesgestirn ohne eigene Persönlichkeit angesehen. Aus diesem Grund sei eine Lesung als „Raneb“ („Ra ist mein Herr“) irreführend. In der Ägyptologie setzt sich daher die Lesung „Neb-Re“ oder „Neb-Ra“ (dt. „Herr über die Sonne“) durch.
Nahe einer Oase bei Armant befindet sich eine Felsinschrift mit Nebres Namen, die eine interessante Schreibweise im Serech aufweist: hier wurden die Zeichen „Sonne“ (N5) und „Herr“ (V30) vertauscht.H. A. Winkler: Rock Drawings of Southern Upper Egypt I. Sir Robert Mond Desert Expedition, Season 1936-1937, Preliminary Report I. London 1938, S. 10, Tafel 11.4
Nebre ist identisch mit Weneg mini|Fragment der Steinschale des Ninetjer (BM EA 35556).
Ägyptologe Jochem Kahl identifiziert Nebre mit dem zeitgenössisch belegten und vieldiskutierten Thronnamen „Nisutbiti-Nebti Weneg“. Er sieht dabei das Vulkansteinfragment BM EA 35556 und dessen Gefäßgravur als Schlüssel bezüglich der Lösung im Zusammenhang mit der Gleichsetzung von „Raneb“ und „Weneg“. Beide Namen standen ursprünglich nebeneinander auf dem Fragment, sind aber später überschrieben worden. In der Mitte der Inschrift findet sich heute lesbar der Thronname des Ninetjer, dem dritten Herrscher der 2. Dynastie. Die Hieroglyphen, mit denen Ninetjers Name geschrieben wird, sind der Darstellung des Palastes „Hut-sa-ha“ des Nebre auf der rechten Seite zugewandt und somit spiegelverkehrt. Die Darstellung des Palastes und der Name des Nebre weisen partielle Zerstörungen durch Abreibungen auf.Jochem Kahl: Ra is my Lord. ... Wiesbaden 2007, S. 8. Kahl vermutet, dass die bereits vorhandene Hieroglyphe der „Weneg-Blume“ weggeschliffen und mit den Zeichen für den Namen „Ninetjer“ überschrieben werden sollte. Daraus schließt Kahl eine Gleichsetzung der Namen „Weneg“ und „Nebre“. Die Gründe, warum auch der Horusname des Nebre eventuell getilgt werden sollte, bleiben bislang unklar. Kahl weist jedoch darauf hin, dass mindestens vier der Namen des Weneg „auf Rasur“ angebracht wurden, Weneg ließ demnach selbst den Namen seiner Vorgänger überschreiben. Als weiteres Argument beruft er sich auf die Annahme, dass der Name des Hor-Nebre als „Raneb“ (deutsch „Ra ist mein Herr“) zu lesen sei und die Gottheit Weneg als „Sohn des Ra“ verehrt wurde. Da er daraus eine Gemeinsamkeit hinsichtlich eines beginnenden Sonnenkultes ableitet, verknüpft er die Namen „Raneb“ und „Weneg“ miteinander. Als drittes Argument für eine Gleichsetzung der Namen „Nebre“ und „Weneg“ führt Kahl den sogenannten „Goldnamen“ an, der in archaischer Form schon in der 1. Dynastie erscheint und in späterer Zeit als Ehrentitel für Ra verwendet wurde. Kahl nimmt deshalb an, dass Ra schon in der 1. Dynastie eine prominente Gottheit gewesen sein müsse.Jochem Kahl: Ra is my Lord. ... Wiesbaden 2007, S. 4–14.
Kahls Gleichsetzung der Namen „Nebre“ und „Weneg“ wird zwischenzeitlich von der Mehrheit der Ägyptologie begrüßt.siehe zum Beispiel Stephen Quirkes Buchbesprechung zu Jochem Kahl’s „Ra is my Lord“ In: Journal of Egyptian Archaeology. 95. Ausgabe, 2009. Egypt Exploration Society, London, , S. 299–300.siehe ebenso Hartwig Altenmüllers Buchbesprechung zu Jochem Kahl’s „Ra is my Lord“ In: Lingua Aegyptia – Studia monographica. Band 16. Seminar für Ägyptologie und Koptologie, Göttingen 2008, S. 331–333. Die Theorien zur frühdynastischen Existenz eines Sonnengottes „Ra“ werden allerdings weiterhin mit Skepsis betrachtet. Ben Suelzle weist darauf hin, dass der Titel „Der Goldene“ als Ehrenanrede auch für andere Gottheiten Verwendung fand, wie zum Beispiel für Horus unter König Qaa (1. Dynastie), wo Horus als „Goldener der Götterschaft“ betitelt wird. Oder für die Kronengöttinnen Nechbet und Wadjet unter König Chasechemui (dessen Nebtiname lautete „Krönung der beiden Mächte der Beiden Herrinnen, ihr Leib ist von Gold“). Als drittes Beispiel führt Suelzle den Gott Seth an, der unter König Peribsen ebenfalls als „Der Goldene“ bezeichnet wurde. „Der Goldene“ konnte daher quasi für praktisch jede Gottheit Ägyptens stehen. Ein Goldname sei daher kein zwingendes Indiz für eine Verehrung eines „Sonnengottes Ra“ in den frühdynastischen Epochen, zumal die Könige sich selbst stets als Repräsentanten des Horus und des Seth betrachteten, nicht etwa des Ra.siehe dazu Ben Suelzle’s Buchbesprechung von Jochem Kahl: „Ra is my Lord.“ In: eros. 10. Ausgabe, November 2008, Monash University Press, Melbourne 2008, , S. 2 & 3, (englisch). Stephen Quirke wirft ergänzend ein, dass die Bezeichnung „Ra“ (ägyptisch r3) für die Sonne erst in den Namen hoher Beamter unter König Djoser auftaucht. Ein „Sonnengott Rê“ als selbständiger Gott mit eigenem Kult ist unter Nebre noch nicht nachgewiesen, er wurde erst unter König Djoser eingeführt.Steven Quirke: Ancient Egyptian Religions. Dover Publishing, London 1992, ISBN 0-7141-0966-5, S. 22.
Ein Gefäßfragment aus Schiefer, das in der Mastaba S-3014 in Sakkara entdeckt wurde, nennt in Verknüpfung mit dem Namen „Weneg“ das Fest „Hor wadjet sah“ (Aufrichten der Pfeiler des Horus). Dieses Fest wird ausgiebig und oft auf Gefäßen aus der Regierungszeit der Könige Hetepsechemui, Nebre und Ninetjer genannt, die Gefäßinschrift bestätigt somit zumindest eine chronologische Nähe von Weneg an den Beginn der 2. Dynastie.Toby A. H. Wilkinson: Early Dynastic Egypt. London / New York 1999, S. 87.
Nebre ist identisch mit Nubnefer Jürgen von Beckerath und Battiscombe Gunn hingegen schlagen den Nisut-Biti-Namen Nubnefer als möglichen Eigennamen vor. Allerdings ist auch diese Gleichstellung nicht unwidersprochen, da „Nubnefer“ bereits ein feststehender Geburtsname ist und möglicherweise bereits einem anderen, eigenständigen Herrscher gehört, zumal die Könige der ersten bis dritten Dynastie für ihre Nisut-biti-Nebti-Namen stets dieselbe Schreibweise verwendeten.Battiscombe Gunn: Annales du service des antiquités de lÉgypte - Súppleménts. 28. Ausgabe. Institut Français d'Archéologie Orientale, Kairo 1938, S. 152.Jürgen von Beckerath: Handbuch der Ägyptischen Königsnamen. München / Berlin 1984, S. 48–49.
Nebre in späteren Königslisten Die Ägyptologie identifiziert im Allgemeinen König Nebre als den Herrscher „Kakau“, der in den ramessidischen Königslisten (Königsliste von Abydos, Königsliste von Sakkara und Königspapyrus Turin) einhellig als zweiter Regent der 2. Dynastie und als direkter Vorgänger von König Ninetjer angegeben ist. Problematisch daran ist zunächst der Umstand, dass dieser in einer Kartusche geschriebene Name nicht zeitgenössisch belegt ist, weder in dieser Form, noch in einer ähnlichen Variante. Es liegen auch keinerlei zeitgenössische Inschriften vor, in denen sich ein weiterer Name des Herrschers finden lässt, den die Schreiber späterer Epochen vielleicht missverstanden haben könnten. Der Name „Kakau“ bedeutet übersetzt „Stier der Stiere“ oder „Stier des Apis“, was an eine Anekdote des Manetho erinnert, wonach unter Nebre mehrere Stiergötter verehrt worden seien.Walter Bryan Emery: Ägypten. Geschichte und Kultur der Frühzeit. München 1964, S. 103 & 274.
Belege mini|hochkant|Gefäßritzung mit den Namen der Könige Hetepsechemui und Nebre vor der Darstellung der Göttin BastetPierre Lacau, Jan-Phillip Lauer: La Pyramide a Degrees IV. - Inscriptions Gravees sur les Vases: Fouilles à Saqqarah. Kairo 1936, Abbildung 58.
Nebres Horusname erscheint auf zahlreichen Steingefäßen und Tonsiegelabdrücken. Er erscheint außerdem auf SiegelabrollungenEva-Maria Engel: Die Siegelabrollungen von Hetepsechemui und Raneb aus Saqqara. In: Ernst Czerny, Irmgard Hein et al. (Hrsg.): Timelines - Studies in Honour of Manfred Bietak. Band 2 (= Orientalia Lovaniensia Analecta. (OLA) Band 149). Uitgeverij Peeters, Leuven / Paris / Dudley 2006, S. 28–29, Figur 6–9. aus dem Galeriegrab A unter der Unas-Pyramide, zusammen mit solchen seines Vorgängers Hetepsechemui. Er wird auf verschiedenen Inschriften auf Steingefäßen aus Abydos, Gizeh und vor allem Sakkara genannt.Jochem Kahl: Ra is my Lord. ... Wiesbaden 2007, S. 21–26. Seltsamerweise nennt keines der bislang gefundenen Artefakte den Thronnamen des Herrschers, was die Gleichsetzung mit König Weneg fördert. Des Weiteren ist auffällig, dass Nebres Name auf den Steingefäßen nur sehr selten alleine erscheint. Fast immer findet er sich wahlweise neben dem Horusnamen des Hetepsechemui oder seines Nachfolgers Ninetjer. Ein einziges Steingefäß weist sogar alle drei Namen auf, wobei offenbar versucht wurde, Nebres Namen durch jenen von Ninetjer zu ersetzen.Toby A. H. Wilkinson: Early Dynastic Egypt. London / New York 1999, S. 87.