mini|Günther Altenburg als Zeuge bei den Nürnberger Prozessen (1947)
Günther Altenburg (* 5. Juni 1894 in Königsberg; † 23. Oktober 1984 in Bonn) war ein deutscher Diplomat. Im Zweiten Weltkrieg war Altenburg von Mai 1941 bis Oktober 1943 als Gesandter I. Klasse und „Bevollmächtigter des Reichs“ für das besetzte Griechenland der höchste zivile Vertreter des Deutschen Reichs im Lande. In seine Dienstzeit fiel die Vernichtung der griechischen Juden von Thessaloniki und die Große Hungersnot in Griechenland im Winter 1941/1942. Altenburgs Rolle bei der Deportation der ungefähr 50.000 sephardischen Juden zur Vergasung nach Auschwitz ist umstritten.
Leben Günther Altenburg studierte Jura und wurde 1920 an der Universität Königsberg mit einem zivilrechtlichen Thema promoviert.Günter Altenburg: Die rechtliche Behandlung des Inventars bei der Pacht landwirtschaftlicher Grundstücke nach BGB. Königsberg in Preußen 1920. Seit 1913 war er Mitglied des Corps Bremensia Göttingen.Kösener Corpslisten 1960, 39, 1124 Altenburg trat 1920 in den Dienst des Auswärtigen Amtes ein. Er verbrachte als Diplomat Auslandsaufenthalte in Rom, Sofia und in Wien.Igor-Philip Matic: Edmund Veesenmayer - Agent und Diplomat der nationalsozialistischen Expansionspolitik. Oldenbourg, München 2002, ISBN 3-486-56677-6, S. 91–92, Fußnote 6.Matic gibt in der Fußnote an: „Im Januar 1942 (sic!) wechselte Altenburg wieder ins Auswärtige Amt, wo er im persönlichen Stab des Reichsaußenministers tätig war.“ Dies ist chronologisch falsch, Altenburg war von 1938 bis 1939 im persönlichen Stab. Noch 1943 war er Generalbevollmächtigter in Griechenland. Während des gescheiterten Juliputsches in Wien 1934, bei dem der österreichische Bundeskanzler Engelbert Dollfuß ermordet wurde, war Altenburg Legationsrat an der deutschen Botschaft in Wien und als einziger Angehöriger der Botschaft in die Putschpläne eingeweiht,Hellmuth Auerbach: Eine nationalsozialistische Stimme zum Wiener Putsch vom 25. Juli 1934 (PDF; 6,1 MB). In: Vierteljahrshefte für Zeitgeschichte. Jahrgang 12 (1964), Heft 2, , S. 205. darüber hinaus wohl auch aktiv an der Vorbereitung des Putsches beteiligt.Gerhard L. Weinberg: The foreign policy of Hitler's Germany: diplomatic revolution in Europe 1933 - 36. UP of Chicago, Chicago 1970, ISBN 0-226-88509-7, S. 102f. Altenburg war 1930 in die Deutsche Volkspartei eingetreten und schloss sich zum 1. Dezember 1935 der NSDAP an (Mitgliedsnummer 3.514.014),Bundesarchiv R 9361-I/29 stieg aber in der Parteihierarchie nicht auf.Andrew Apostolou: „The Exception of Salonika“. Bystanders and collaborators in Northern Greece. In: Holocaust and Genocide Studies. Jahrgang 2000, Nr. 14(2), S. 165–196. . Altenburg wurde nach Berlin zurückberufen, wo er ab 1934 im Referat Österreich und Tschechoslowakei arbeitete, ab 1938 dann im Sekretariat des Außenministers Joachim von Ribbentrop.Marian Wojciechowski: Die polnisch-deutschen Beziehungen 1933 - 1938. aus dem Polnischen von Norbert Damerau. Brill, Leiden 1971, S. 565. 1939 war er noch Mitglied im NSFK, Reichsbund der deutschen Beamten, Reichsluftschutzbund und der NSV.Bundesarchiv R 9361-I/29
Altenburg war gemeinsam mit Konrad Henlein an der Inszenierung der Krise im Sudetenland beteiligt, die über das Münchner Abkommen zur späteren Zerschlagung der Tschechoslowakei führte.Dokumentarischer Beleg bei Walther Hofer (Hrsg.): Der Nationalsozialismus. Dokumente 1933 - 1945. Fischer, Frankfurt 1957 u.ö., zuletzt 1994, ISBN 3-596-26084-1, S. 200f. Nürnberger Prozess, 8. Februar 1946, Bd. VII, S. 233; Ronald M. Smelser: Das Sudetenproblem und das Dritte Reich, aus dem Amerikanischen von Dierk Hildebrand. Oldenbourg, München 1980, S. 144f., ISBN 3-486-48581-4 Ab Herbst 1938 war die deutsche Führung dann bemüht, durch Schüren von Zwiespalt zwischen Tschechen und Slowaken sowie durch Instrumentalisierung von Gebietsansprüchen Ungarns einen Zerfall der Rumpf-Tschechoslowakei herbeizuführen. Alarmiert durch vom SD inszenierte deutschfeindliche Kundgebungen in Böhmen und Mähren schickte der tschechoslowakische Außenminister František Chvalkovský seinen Kabinettschef Hubert Masařik nach Berlin. Masařik, der von 1927 bis 1932 tschechoslowakischer Gesandter in Berlin gewesen war, sollte die praktische Unterwerfung der Tschechoslowakei anbieten, jedoch bei Beibehaltung ihrer staatlichen Souveränität. Masařik drang jedoch nur bis zum „Vortragenden Legationsrat“ Altenburg vor, der als „Referent des Auswärtigen Amtes für die Tschecho-Slowakei“ fungierte und ihm versprach, sein Anliegen weiterzuleiten. Zu dem von der tschechoslowakischen Führung gewünschten Treffen mit einem Staatssekretär kam es nicht mehr. Die Annexion Tschechiens im März 1939 und die Installation eines Marionettenstaates in der Slowakei waren nicht mehr verhandelbar.Hermann Graml: Europas Weg in den Krieg: Hitler und die Mächte 1939. Oldenbourg, München 1990, ISBN 3-486-55151-5, S. 147–148.
Im April 1939 wurde Altenburg zum Ministerialdirigenten und Gesandten I. Klasse befördert. Das von ihm geführte Amt als Leiter der Informationsabteilung gab er im April 1941 an Generalkonsul Walther Wüster ab.Johannes Hürter (Red.): Biographisches Handbuch des deutschen Auswärtigen Dienstes 1871–1945. Bd. 5: T–Z, Nachträge. Herausgegeben vom Auswärtigen Amt, Historischer Dienst. Band 5: Bernd Isphording, Gerhard Keiper, Martin Kröger. Schöningh, Paderborn u. a. 2014, ISBN 978-3-506-71844-0, S. 338 Er selbst wurde zum „Bevollmächtigten des Auswärtigen Amtes beim Militärbefehlshaber in Serbien“ ernannt, trat den Dienst jedoch nicht an. An seiner Stelle wurde am 29. April 1941 Felix Benzler zum Generalbevollmächtigten in Serbien ernannt.Igor-Philip Matic: Edmund Veesenmayer. Oldenbourg, München 2002, ISBN 3-486-56677-6, S. 158. Nach abgeschlossener Besetzung Griechenlands wurde Altenburg mit Führererlass vom 28. April 1941 zum „Bevollmächtigten des Reichs für Griechenland“ mit Dienstsitz in Athen ernannt:Martin Moll (Hrsg.): „Führer-Erlasse“ 1939 - 1945: Edition sämtlicher überlieferter, nicht im Reichsgesetzblatt abgedruckter, von Hitler während des Zweiten Weltkrieges schriftlich erteilter Direktiven aus den Bereichen Staat, Partei, Wirtschaft, Besatzungspolitik und Militärverwaltung. Steiner, Stuttgart 1997, ISBN 3-515-06873-2, S. 170–171.
Altenburgs Verhalten während seiner Dienstzeit in Griechenland wird unterschiedlich beurteilt. Conrad Frederick Roediger, von 1940 bis 1945 Referent für Völkerrecht im Auswärtigen Amt, schreibt 1963, Altenburg habe angesichts der der katastrophalen Verschlechterung der Lebensmittelversorgung der griechischen Bevölkerung, die durch die britische Seeblockade entstanden war, die Entsendung Lebensmittel angefordert.Conrad Roediger: Die internationale Hilfsaktion für die Bevölkerung Griechenlands im Zweiten Weltkrieg. In: Vierteljahrshefte für Zeitgeschichte. Jg. 11, Nr. 1 (Januar 1963), S. 56 (online). Die Unabhängige Historikerkommission – Auswärtiges Amt verweist darauf, dass Altenburg bereits kurz nach Ankunft in Griechenland im Mai 1941 darauf bestanden habe, dass prominente Griechen nur nach Rücksprache mit ihm festgenommen werden dürften. Seine deutliche Haltung habe zur Abberufung des Leiters der Einsatzgruppen der Sicherheitspolizei und des SD in Griechenland, des SS-Sturmbannführers Kurt Geißler geführt. Altenburg selbst weigerte sich, der SS beizutreten. Auch habe er – im Gegensatz etwa zum Generalkonsul in Thessaloniki Fritz Schönberg – keine ausführlichen Berichte über „Judenangelegenheiten“ nach Berlin übermittelt. Bei den Deportationen der griechischen Juden in die Vernichtungslager, vor allem in das KZ Auschwitz-Birkenau, im Frühjahr 1943 hielt sich Altenburg demnach „erkennbar zurück“.Eckart Conze, Norbert Frei, Peter Hayes und Moshe Zimmermann: Das Amt und die Vergangenheit. Deutsche Diplomaten im Dritten Reich und in der Bundesrepublik. Karl Blessing Verlag, München 2010, S. 255 (hier das Zitat) ff.
Nach Darstellung der Historiker Saul Friedländer und Götz Aly war Altenburg an diesen Deportationen aber an zentraler Stelle beteiligt und arbeitete eng mit den Eichmann-Mitarbeitern Rolf Günther, Dieter Wisliceny und Alois Brunner zusammen, welche die Deportation planten und durchführten. Nachdem Eichmanns Stellvertreter Günther am 3. Januar 1943 in Thessaloniki eingetroffen war, mit dem Altenburg zusammenarbeiten sollte, informierte dieser mit Schreiben vom 26. Januar den griechischen Ministerpräsidenten Konstantinos Logothetopoulos von der bevorstehenden Deportation. Einen Tag später telegrafierte Altenburg ans Auswärtige Amt nach Berlin, dass nach Logothetopoulos' Einschätzung dabei „Schwierigkeiten wohl nicht zu erwarten“ seien.Götz Aly: Hitlers Volksstaat. Raub, Rassenkrieg und nationaler Sozialismus. Fischer, Frankfurt am Main, 2005, S. 282 f. Der Schweizer Vertreter des Roten Kreuzes in Saloniki, Rene Burckhardt, versuchte die Deportation der Juden zu verhindern und stattdessen mithilfe des Internationalen Roten Kreuzes ihre Ausreise nach Palästina zu initiieren. Altenburg, der Burckhardt als deutschfeindlich bezeichnete, sorgte dafür, dass eine derartige Störung der Deportationen unterblieb und Burckhardt von seinem Posten in Saloniki abgezogen wurde.Andrew Apostolou; “The Exception of Salonika”: Bystanders and collaborators in Northern Greece. In: Holocaust and Genocide Studies, Band 14, Ausgabe 2, 1. Oktober 2000, S. 165–196, hier S. 183.Siehe VEJ 17/239. Vom 15. März 1943 an wurden binnen weniger Wochen 45.000 der 50.000 Juden Thessalonikis dem abtransportiert. Die meisten von ihnen wurden sofort nach ihrer Ankunft vergast. Zu Beginn der Aktion protestierte Logothetopoulos dann doch, aber Altenburg konnte ihn gemeinsam mit SS-Hauptsturmführer Wisliceny überreden, Ruhe zu geben.Saul Friedländer: Das Dritte Reich und die Juden, Band 2 Die Jahre der Vernichtung: 1939–1945. Beck, München 2006, S. 516f., ISBN 3-406-54966-7.
Ein Jahr später stieß der Versuch, auch die Athener Juden zu deportieren, auf erheblichen Widerstand. Den Unterschied zu den Deportationen aus Thessaloniki, die reibungslos verlaufen waren, lässt sich nach Angaben Saul Friedländers mit Spannungen zwischen griechischer und jüdischer Bevölkerung in Thessaloniki, dem dortigen Fehlen einer starken Widerstandsbewegung, der Kollaborationsbereitschaft des Generalgouverneurs von Mazedonien Vasilis Simonides und Altenburgs „Entschlossenheit“ erklären.Saul Friedländer: Das Dritte Reich und die Juden, Band 2 Die Jahre der Vernichtung: 1939–1945. Beck, München 2006, S. 515–516, ISBN 3-406-54966-7. Im Herbst 1943 wurde Altenburg als Reichsbeauftragter in Griechenland durch den Diplomaten Kurt-Fritz von Graevenitz abgelöst. Er hatte jedoch im Hintergrund weiterhin großen Einfluss auf die deutsche Politik in Griechenland.Götz Aly: Hitlers Volksstaat. Raub, Rassenkrieg und nationaler Sozialismus. Fischer, Frankfurt am Main, 2005, S. 276.
Im Herbst 1944 wechselte Altenburg als Leiter der „Dienststelle Gesandter Altenburg“ nach Wien, und war dann von Dezember 1944 bis Kriegsende Leiter der „Dienststelle des Auswärtigen Amtes für Bulgarien und Rumänien“ in Altaussee, wo er die deutschlandhörigen Exilregierungen von Bulgarien und Rumänien betreute.Helmut Heiber: Der Tod des Zaren Boris. In: Vierteljahrshefte für Zeitgeschichte, Jahrgang 9 (1961), Heft 4, S. 411.