Die Katholische Bayerische Studentenverbindung Rhaetia ist eine katholische Studentenverbindung in München mit rund 400 Mitgliedern und die einzige dediziert bayerische Studentenverbindung. Sie ist farbentragend und lehnt die Mensur ab. Der Philisterverein gibt das Mitgliedermagazin Rhaeten-Herold heraus.
Geschichte Gründung mini|Wappenstein am Rhaetenhaus
Die KBStV Rhaetia München wurde am 23. Juli 1881Ernst Hans Eberhard: Handbuch des studentischen Verbindungswesens. Leipzig, 1924/25, S. 101. von 18 Studenten der Ludwig-Maximilians-Universität gegründet. Diese Studenten waren ehemals Mitglieder der KDStV Aenania München,Christopher Dowe: Auch Bildungsbürger: Katholische Studierende und Akademiker im Kaiserreich (= Kritische Studien zur Geschichtswissenschaft. Band 171). Göttingen 2011, S. 182. welche dem farbentragenden katholischen Cartellverband (CV) angehörte. Hintergrund für die Trennung waren zum einen die damaligen Zeitumstände sowohl des Kulturkampfes mit der Ablehnung des Ultramontanismus als auch der staatspolitischen Auffassungen. Die Rhaeten wollten sich damals von den Befürwortern des Deutschen Reiches absetzen und traten nachhaltig für die Stärkung einer Autonomie Bayerns und seines Königshauses ein. Dies führte auch zur Ablehnung des über den gesamten deutschsprachigen Raum verteilten Cartellgedankens des CV und KV, dem seinerzeit alle drei katholischen Münchener Verbindungen verfolgten. „Ihr heller Zorn darüber, daß sie im eigenen Land, auf eigenem Boden und im eigenen Bund Freiheit und Mitbestimmungsrecht verlieren und nichtbayerischer Überstimmung unterliegen sollten, veranlaßte viele Bayern, Schwaben und Pfälzer aus dieser Korporation auszutreten und eine rein bayerische Verbindung zu gründen.“Max Lebsche: Rhaeten-Herold Nr. 193/194 (1951) So kam es innerhalb der Verbindung zu einem Disput, der damit endete, dass am 17. Juli gegen diejenigen dreizehn Burschen ein Antrag auf Dimission gestellt wurde, „welche die Loslösung Aenanias vom Kartellverband bezweckten“. Diese Gruppe formierte sich und fasste den Plan, eine gesonderte Verbindung zu gründen, was später dann im „Gasthaus zum Morgenstern“ (St.-Anna-Vorstadt) vollzogen wurde. Damit setzte man den Schwerpunkt von einer katholischen deutschen hin zu einer betont katholischen und bayerischen Studentenverbindung. Der Name „Rhaetia“ gründet auf die römische Provinz Raetia, das vor allem das heutige Südwestbayern abdeckt. Der zuerst erwogene Name Bavaria war bereits durch den Corps Bavaria München genutzt, sodass man um Verwechslungen auszuschließen darauf verzichtete.
Gründungszeit bis 1900 mini|Die Front des Rhaetenhauses mit der Aufschrift Rhaetenhaus, den Wappen Bayerns, Münchens und einem Symbol für die Wissenschaft
In der Anfangszeit war das Erreichen einer sinnvollen Mitgliederzahl für die Verbindung schwierig, da drei Theologiestudenten ins Priesterseminar Georgianum übersiedelten. Der Rhaetia kam der Umstand zugute, dass der Convent der nicht farbentragenden KStV Ottonia München aus dem katholischen Kartellverband (KV) vom 20. November 1883 14 Süddeutsche auf einmal aus dem Vereine warf, weil sie es gewagt hatten, der Tyrannis der Preußen zu widerstrebenRhaeten-Herold, Nr. 2, 1893 und sie sich in den nächsten Wochen entschlossen der Rhaetia beizutreten. Dabei wurde auch zum ersten Mal das Bayern-Prinzip in Frage gestellt, weil drei von ihnen Württemberger waren. Jedoch einigte man sich einvernehmlich darauf, den dreien die Mitgliedschaft im Sinne des Prinzips zu verwehren.
Am 19. November 1884 fasste man den Beschluss, von der ersten Kneipe ab offiziell Couleur zu tragen. Dieser Beschluss wurde am 10. Januar 1885 mit einem Couleurantrittskommers feierlich umgesetzt. Am 16. Mai 1885 wurde im Rahmen des K.V.C. ein Fest zu Ehren von Johann Nepomuk von Ringseis an dessen 100. Geburtstag veranstaltet. Zum Stiftungsfest 1887 wurde von einem der Gründer, Mayerhofer, ein Festgedicht verfasst, welches zum Bundeslied proklamiert wurde. Am 19. Dezember 1887 wurde die erste Filialverbindung der Rhaetia in Eichstätt unter dem Namen „Rhaetia Eystettensis“ gegründet, welche aber nach zwei Semestern wieder aufgelöst wurde. Mit einem Beschluss vom 6. Februar 1888 wurde der K.V.C. mit den Verbindungen Aenania und Helvetia für aufgelöst erklärt; hieraus bildete sich wenig später der allgemeine Studentenausschuss und in den 1890er Jahren der K.C.C., dem zusätzlich Verbindungen des Münchener KVs angehörten.
1889 wurde der Gründungsbursch Johann Schmaus erster Philistersenior des neu gegründeten Philistervereins. Er übte das Amt bis 1901 aus.
1900 bis 1930 Die zweite Gründung einer Filialverbindung erfolgte durch einige Studenten um Peter Schneider, welche nach ihrem Studium in München nach Würzburg gekommen sind, am 2. Dezember 1905 unter dem Namen „Rhaetia Herbipolensis“. Somit hatte die Rhaetia zwei Aktivenbetriebe an zwei Standorten und den gemeinsamen Altherrenverband als „Katholische Bayerische Studentenverbindung Rhaetia München–Würzburg“. Aufgrund von Mitgliederschwund erfolgte 1925 die Abspaltung der Würzburger Aktivitas und der Würzburg näher stehenden Philister, wobei diese Verbindung das Bayern-Prinzip aufgab, den Namen 1926 in „KDStV Franco-Raetia“ abänderte und 1933 dem CV beitrat. Die KDStV Franco-Raetia Würzburg besteht noch heute und pflegt einen regen Austausch mit ihrer Mutterverbindung.
Zum 25. Stiftungsfest nahm zum ersten Mal ein Mitglied der königlichen Familie, Prinz Ludwig von Bayern, an der Zeremonie teil. Diese betont bayerisch-royalistische Tradition setzte Kronprinz Rupprecht von Bayern fort, der sein Leben lang oft bei der Rhaetia zu Besuch war. Außerdem zeichnete er die Verbindung als solche mit der „Kronprinz Rupprecht-Medaille“ aus.
Während des Ersten Weltkrieges verblieben nur zwei Burschen in der Aktivitas, während 200 Mitglieder der Verbindung Militärdienst leisteten, von denen 40 starben. Ab 1923 wurde das vierteljährlich, später monatlich, erscheinende einheitliche Verbindungsblatt „Rhaeten-Herold“ herausgebracht. mini|Fuchsenstall im Sommersemester 1924
Die traditionell guten und engen Verbindungen Rhaetias zum Haus Wittelsbach ergaben sich aus dem rhaetischen Lebensprinzip „bavaria“ wie auch aus der langen monarchischen Tradition, die Bayern so nachhaltig prägte. Demzufolge wurde in den 1920er Jahren auch sehr intensiv über eine staatliche Neuordnung Deutschlands nach dem Ersten Weltkrieg diskutiert. Das galt vor allem im Hinblick auf die Berücksichtigung bayerischer Belange in der Weimarer Republik, auch im Sinne bayerisch-rhaetischer Patrioten wie etwa eines Johann Baptist Sigl oder eines Georg Heim (siehe bekannte Mitglieder).Ehrenmitglied Dr. Sigl, in: Rhaeten-Herold Nr. 564/2013, S. 14 ff.Ehrenmitglied Dr. Heim, in: Rhaeten-Herold Nr. 565/566/2013, S. 31 f. Eine andere Strömung strebte in Folge des Zerfalls der österreichischen Doppelmonarchie eine Abkehr von der dezidiert bayerischen Prägung an, um eine Erweiterung des Einzugsbereichs um die deutschsprachigen Landesteile Österreichs erreichen zu können (vgl. Großdeutsche Lösung). Da dies innerhalb der Rhaetia aussichtslos war, traten einige Rhaeten aus der Verbindung aus und gründeten am 19. Dezember 1932 die waffenstudentische Großdeutsche Landsmannschaft Bayern.Bernhard Grün: „Wahrhaft, wehrhaft!“. Die Münchener Wehrschaft Palaio-Germania und die Kameradschaft ‚Feldherrnhalle‘ an der Ludwig-Maximilians-Universität München, Einst und Jetzt Sonderdruck Band 68 (2023), S. 216 1901 bis 1917 war Ferdinand Vogelgsang der Philistersenior. Ihm folgten Georg Goetz, Hans Rauch und Ludwig Bruner nach.
1930 bis 1945 Da die Verbindung zu dieser Zeit über 600 Mitglieder mit 130 Aktiven besaß, wurde ein eigenes Verbindungshaus angestrebt, welches im Januar 1933 in der Luisenstraße 31 erworben werden konnte.