mini|Bild des Philoktetes von Germain-Jean Drouais, um 1786 Philoktetes (, deutsch auch Philoktet) ist in der griechischen Mythologie der Sohn König Poias’Homer, Odyssee 3,190; Quintus von Smyrna, Posthomerica 9,420; Hyginus, Fabulae 97 von Meliboia in Thessalien und der DemonassaHyginus, Fabulae 102 (oder der Methone). Er begleitete als einer der Argonauten Iason auf der Suche nach dem Goldenen VliesGaius Valerius Flaccus, Argonautica 1,391–393 und nahm auf Seiten der Griechen am Trojanischen Krieg teil.
Mythos mini|Herakles mit Philoktet am Scheiterhaufen (Grabrelief, 2. Jahrhundert n. Chr.) mini|Philoktetes auf der Insel Lemnos von Guillaume Guillon-Lethière Der Sage nach fiel Philoktet und seinen Waffen eine entscheidende Rolle bei der Eroberung Trojas zu. Bei Homer mehrfach nur kurz erwähnt, wurde die Sage in späteren Dichtungen (Kykliker, Tragiker) weiterentwickelt.Die Überlieferung ist – wie bei den meisten antiken Sagen – uneinheitlich und in zahlreichen, teilweise einander widersprechenden Versionen überliefert; am ausführlichsten informieren Türk und Fiehn (s. Literaturverzeichnis).
In seiner Jugend war er mit dem griechischen Helden Herakles befreundet und dessen Waffenträger. Als sich für die Selbstverbrennung des Herakles niemand fand, der den von ihm zu diesem Zweck aufgeschichteten Scheiterhaufen auf dem Berg Oita entzünden wollte, übernahm Philoktetes die Aufgabe.Sophokles, Philoktet 670 und 1432 Dafür hinterließ ihm Herakles seinen Bogen und die Giftpfeile, die in das giftige Blut oder die Galle der Hydra getaucht worden waren.
Als der trojanische Prinz Paris Helena von Sparta geraubt hatte, fuhr Philoktetes, der sich um die Hand Helenas beworben hatte,Bibliotheke des Apollodor 3,10,8,3 und Hyginus, Fabulae 81 als einer der Anführer der griechischen Streitkräfte mit sieben Schiffen gegen Troja.Homer, Ilias 2,716–720; Hyginus, Fabulae 97 Auf dem Weg wurde er jedoch auf der Insel ChryseSophokles, Philoktet 270 und 1326–1328; oder auf Tenedos: Bibliotheke des Apollodor, Epitome 3,27 bei einer Rast von einer Schlange, wahrscheinlich einer Natter, gebissen.Homer, Ilias 2,721–723; Hyginus, Fabulae 102; Quintus von Smyrna, Posthomerica 9,385. Nach einer anderen Version war es der Verrat von Herakles’ Grab, das der Halbgott durch eine Fußvergiftung rächte; vgl. Wilhelm Vollmer: Wörterbuch der Mythologie aller Völker. Neu bearbeitet von Wolfgang Binder. Mit einer Einleitung in die mythologische Wissenschaft von Johannes Minckwitz. 3. Auflage, Hoffmann, Stuttgart 1874. Nachdruck Reprint-Verlag Leipzig, Holzminden 1994, S. 378 ().
Den Grund des Schlangenbisses nennt Hyginus, Fabulae 102: Hera war zornig auf Philoktet, weil dieser dem sterbenden Herakles geholfen hatte. Da die Griechen seine Schmerzensschreie und den Gestank seiner Wunde nicht ertragen konnten, übernahm es Odysseus, ihn mit einer List auf der Insel Lemnos auszusetzen, was ihm den langanhaltenden Groll des Philoktetes zuzog.
Im zehnten Kriegsjahr beschlossen die Griechen, ihn zurückzuholen, da der troische Seher und Sohn des Priamos HelenosBzw. Kalchas: Bibliotheke des Apollodor, Epitome 5,8 prophezeit hatte, dass der Krieg nur mit Hilfe der Pfeile des Herakles zu gewinnen sei. Gleichzeitig erschien dem siechen Philoktetes der tote Herakles und stellte ihm Heilung vor Troja in Aussicht. Odysseus und Achilleus’ Sohn Neoptolemos (nach anderer Version Odysseus und DiomedesBibliotheke des Apollodor, Epitome 5,8), von den Griechen nach Lemnos entsandt, trafen den schwer kranken Philoktetes auf der Insel an. Dieser hatte sich geschworen, nachdem er ausgesetzt worden war, nie wieder für die Griechen zu kämpfen. Odysseus schickte daher Neoptolemos auf die Insel vor, um Philoktetes zu überreden, ihm den Bogen zu geben. Einer Version zufolge stürzte dieser am Strand, und der Bogen fiel ihm aus den Händen. Neoptolemos hätte Bogen und Pfeile leicht an sich bringen können, half dem Gestürzten aber stattdessen auf und bewog ihn dann doch mit Odysseus’ Hilfe, mit nach Troja zu kommen. Als er dort eintraf, wurde er von Machaon (oder PodaleiriosQuintus von Smyrna, Posthomerica 9,455–456 oder AsklepiosVgl. Sophokles, Philoktetes 1437–1438) geheilt. Zur Versöhnung beschenkten die Griechen Philoktetes reich: mit sieben trojanischen Jungfrauen, zwanzig Pferden und zwölf Dreifüßen.Quintus von Smyrna, Posthomerica 9,507–510 Philoktetes erschoss alsbald Paris mit einem der Pfeile des Herakles.Bibliotheke des Apollodor 3,12,6,2
Er galt als der beste Bogenschütze der Griechen; Odysseus behauptete von sich selbst, dass er nach Philoktetes wohl der beste Bogenschütze seiner Zeit sei.Homer, Odyssee 8,215–225
Philoktet soll nach dem Fall Trojas in seine Heimat zurückgekehrtHomer, Odyssee 3,188–190; und nach einem Aufstand gegen ihn nach Italien verschlagen worden sein, wo er mehrere Städte (darunter Petilia in Kalabrien) gegründet und die Pfeile des Herakles dem Apoll geweiht haben soll. Dann sei er im Krieg gefallen.Wilhelm Vollmer: Wörterbuch der Mythologie aller Völker. Holzminden 1994, S. 379;
Bearbeitungen mini|Der verwundete Philoktetes, Gemälde von Nicolai Abildgaard, 1775 Antike Der Philoktet-Stoff wurde bereits in der Antike unter anderem von Pindar,Pindar, Pythische Oden 1,50–55 Aristoteles,Z. B. Nikomachische Ethik 1146a und 1151b; Alex Wegmaier: Hamartia im Philoktet? Über den Fehler des tragischen Helden in Aristoteles’ Tragödientheorie. Institut für deutsche Philologie an der Ludwig-Maximilians-Universität, 2007 (mit Bibliographie; ; 0,4 MB). Vergil,Vergil, Aeneis 3,402 Ovid,Ovid, Metamorphosen 13,329; Epistulae ex Ponto 3,1,54; Tristia 5,4,12 Seneca,(Pseudo-)Seneca, Hercules Oetaeus 1609 QuintilianQuintilian, Institutio oratoria 3,1,14,6 und 5,10,84,5 und Quintus von SmyrnaQuintus von Smyrna, Posthomerica 9,328–541 aufgegriffen. Schon die drei großen klassischen Dramatiker hatten das Thema bearbeitet. Die Texte der Dramen von Aischylos und Euripides sind verschollen, der des 409 v. Chr. uraufgeführten Philoktetes des Sophokles ist erhalten.Zum sophokleischen Philoktetes Andreas Schnebele: Die epischen Quellen des sophokleischen Philoktet. Die Postiliaca im frühgriechischen Epos. Dissertation, Universität Tübingen 1988; Tamara Visser: Untersuchungen zum sophokleischen Philoktet. Das auslösende Ereignis in der Stückgestaltung (= Beiträge zur Altertumskunde. Band 110). Teubner, Stuttgart/Leipzig 1998, ISBN 3-519-07659-4; Daneben ist ein Vergleich der drei Werke von Dion Chrysostomos überliefert.Dion Chrysostomos 52
Neuzeit François Fénelon: Les Aventures de Télemaque, 1699 (Philoktet widerruft darin seinen Hass gegen Odysseus) Josef Victor Widmann: Oenone. Drama in fünf Aufzügen, 1879 (letzte Fassung in Moderne Antiken, 1911) André Gide: Philoctète ou Le Traité des trois morales, 1899 Wilhelm Büchner (Übersetzer): Philoktet. Bernt von Heiseler: Philoktet. Nach dem Drama des Sophokles. Ehrenwirth, München 1948 Heiner Müller: Philoktet, Uraufführung 1968 Kae Tempest: Paradise, Uraufführung 4. August 2021 Derek Walcott lässt sein Epos Omeros mit der Rede des Fischers „Philoctete“ mit einer verheilten Narbe am Bein beginnen.
Literatur
K. Schubert: Philoktet. In: Carl Andresen (Hrsg.): Lexikon der Alten Welt (LdAW). Artemis & Winkler, Düsseldorf/Zürich 1990, ISBN 3-7608-1034-9, Sp. 2300–2301.
Wilhelm Vollmer: Wörterbuch der Mythologie aller Völker. Neu bearbeitet von Wolfgang Binder. Mit einer Einleitung in die mythologische Wissenschaft von Johannes Minckwitz. 3. Auflage. Hoffmann, Stuttgart 1874. Nachdruck Reprint-Verlag Leipzig, Holzminden 1994, S. 378 ().
Weblinks
Gustav Schwab: Philoktet auf Lemnos
Anmerkungen
Kategorie:Person der griechischen Mythologie Kategorie:Person (Trojanischer Krieg) Kategorie:Odysseus Kategorie:Gestalt der griechischen Mythologie als Namensgeber für einen Asteroiden