mini|Porträt Ciceros, Detail der Büste in den Kapitolinischen Museen (Inv. 589) mini|Cicero, Stich nach antik beschriftetem Porträt im Apsley House, London Marcus Tullius Cicero (Aussprache in klassischem Latein etwa , deutsche Aussprache des Lateinischen meist , Aussprache im Deutschen ;Eva-Maria Krech u. a. (Hrsg.): Deutsches Aussprachewörterbuch. De Gruyter, Berlin/New York 2009, S. 414. * 3. Januar 106 v. Chr. in Arpinum; † 7. Dezember 43 v. Chr. bei Formiae) war der berühmteste Redner des alten Rom, zudem Anwalt, Schriftsteller, Philosoph und Politiker, der als Homo novus im Jahr 63 v. Chr. das Konsulat bekleidete. Als oberster Magistrat der Römischen Republik rettete er diese ein letztes Mal, indem er die Verschwörung des Catilina niederschlug. Der Senat ehrte ihn dafür mit dem Titel pater patriae (Vater des Vaterlandes).

Cicero war einer der vielseitigsten Köpfe seines Zeitalters. Als Schriftsteller war er schon in der Antike stilistisches Vorbild, dessen Werke als Muster einer vollendeten, „goldenen“ Latinität nachgeahmt wurden (Ciceronianismus). Seine Bedeutung auf philosophischem Gebiet liegt nicht in erster Linie in seinen eigenständigen Erkenntnissen, sondern in der Vermittlung griechischen philosophischen Gedankenguts an die lateinischsprachige Welt. Oft sind seine griechischen Quellen nur in seiner Bearbeitung greifbar, da sie sonst nirgends überliefert sind.

Sein umfangreicher Schriftverkehr, insbesondere die Briefe an seinen Freund Atticus, beeinflussten maßgeblich und nachhaltig die europäische Briefkultur. Diese Briefe und sein übriges Werk liefern ein detailreiches Bild der Zustände Roms am Ende der Republik. Während der Bürgerkriege und der Diktatur Gaius Iulius Caesars trat Cicero immer wieder für eine Rückkehr zur traditionellen republikanischen Verfassung und Herrschaftsausübung ein. In seiner politischen Praxis zeigte er eine Flexibilität, die ihm den Vorwurf des Opportunismus und der Prinzipienlosigkeit eingetragen hat und deren Bewertung in der Forschung weiterhin umstritten ist. Nach der Ermordung Caesars 44 v. Chr. wurde Cicero von den Triumvirn Antonius, Octavianus und Lepidus auf die Proskriptionsliste gesetzt und am 7. Dezember 43 v. Chr. auf der Flucht getötet.

Leben Herkunft und Ausbildung Marcus Tullius Cicero war der älteste Sohn eines römischen Ritters (eques) gleichen Namens und dessen Ehefrau Helvia. Er hatte einen jüngeren Bruder Quintus Tullius Cicero, dem er zeitlebens nahe blieb.Grundlegend zur Biographie ist der umfassende Artikel Matthias Gelzer: M. Tullius Cicero (als Politiker). In: Paulys Realencyclopädie der classischen Altertumswissenschaft (RE), Band VII A, Stuttgart 1939, Sp. 827 ff. (dort umfassende Quellenbelege).

Seine Familie gehörte zur lokalen Oberschicht in Arpinum, einer Stadt im Gebiet der Volsker im Süden Latiums, deren Einwohner seit 188 v. Chr. das römische Bürgerrecht hatten. Cicero war sowohl emotional als auch wirtschaftlich stark mit seinem Geburtsort verbundenVgl. den Beginn des 2. Buchs von Ciceros Werk De legibus. und kehrte häufig dorthin zurück.Francisco Pina Polo: Rom, das bin ich. Marcus Tullius Cicero. Ein Leben. Stuttgart 2010, S. 30.

Das Cognomen (Beiname) Cicero leitete sich vermutlich vom lateinischen cicer („Kichererbse“) ab. Cicero lehnte zu Beginn seiner Karriere den Vorschlag seiner Freunde ab, dieses lächerlich wirkende Cognomen zu ändern. Vielmehr wolle er es berühmter machen als die Namen Scaurus (wörtlich übersetzt: „mit hervorstehenden Knöcheln“) und Catulus („das Hündchen“).Plutarch, Cicero 1 (englisch).

Ciceros Familie siedelte 102 v. Chr. nach Rom über. Sie gehörte dem Ritterstand und damit der zweithöchsten Gesellschaftsschicht an. Im Jahre 90 v. Chr. erhielt Cicero die toga virilis. Zwar war die entfernte Verwandtschaft zu Gaius Marius seinen Ambitionen unter der Diktatur Sullas eher hinderlich, doch bestanden andere Verwandtschaftsbeziehungen zu Angehörigen der Senatsaristokratie, die Cicero, seinem Bruder und seinem Cousin Lucius Tullius Cicero in Rom zu einer guten Ausbildung verhalfen. So war die Schwester seiner Mutter mit Marcus Aculeo verheiratet, einem Freund des Lucius Licinius Crassus. In dessen Haus erhielt Cicero seine erste Ausbildung. Dort lernte er wohl auch den großen Redner Marcus Antonius Orator kennen, dem er später gemeinsam mit Crassus in seinem Werk De oratore ein Denkmal setzte.

Wie jeder gebildete Römer seiner Zeit sprach Cicero von Kindheit an Griechisch. Durch seinen Vater, den Invalidität an der Ausübung militärischer oder politischer Ämter hinderte, erhielt er Zugang zur klassischen Bildung. Schon früh zeigte sich seine große Begabung, die der Vater mit Ehrgeiz förderte. Laut Plutarch war Cicero schon als Schüler eine Berühmtheit.Plutarch: Cicero 2,2 (englisch). Nach dem Tod des Crassus 91 v. Chr. studierte er gemeinsam mit Titus Pomponius Atticus, der zeitlebens sein Freund und „zweiter Bruder“, später auch sein Verleger war, Recht bei Quintus Mucius Scaevola, sowie Rhetorik, Literatur und Philosophie in Rom. Nachdem er sich anfangs mit der Übersetzung griechischer Dichter wie Homer beschäftigt hatte, wandte er sich mit ungefähr zwanzig Jahren der Philosophie zu und übertrug das griechische philosophische Vokabular ins Lateinische. Sein Lehrer war der Platoniker Philon von Larisa, der letzte Scholarch der Platonischen Akademie, der 88 v. Chr. aus Athen geflohen war und 84/83 in Rom starb.

Erste Erfolge Nach seinem Militärdienst im Bundesgenossenkrieg unter Gnaeus Pompeius Strabo und Sulla erwarb Cicero erste Erfahrungen als Prozessredner (). Bereits als junger Mann hatte Cicero mit Interesse dem berühmten Juristen Quintus Mucius Scaevola zugehört, um von ihm zu lernen.Marie Theres Fögen: Römische Rechtsgeschichten. Über Ursprung und Evolution eines sozialen Systems. Vandenhoeck & Ruprecht, Göttingen 2002 (italienisch: Bologna 2006), ISBN 3-525-36269-2, S. 167. Seine erste überlieferte Gerichtsrede stammt aus dem Jahr 81 v. Chr. (Pro Quinctio). Im folgenden Jahr verteidigte er in seinem ersten Mordprozess den wegen Vatermordes angeklagten Sextus Roscius und erwirkte dessen Freispruch, indem er die Ankläger, zwei Verwandte des Roscius und den einflussreichen Freigelassenen Lucius Cornelius Chrysogonus, überführte, den Mord selbst aus Habsucht geplant und durchgeführt zu haben. Da Chrysogonus, der auf eigene Faust die Proskriptionsliste ergänzt hatte, ein Günstling Sullas war, brachte Cicero sich durch diesen Prozess selbst in Gefahr.

79 v. Chr. setzte Cicero seine Studien in Griechenland und Kleinasien, die damals Teil des Römischen Reiches waren, fort. Eventuell war diese Reise ein Ausweichen vor befürchteten Anfeindungen wegen des Prozesses im Vorjahr. Zunächst ging er nach Athen, wo er sich ein halbes Jahr lang aufhielt. Er nahm dort am Unterricht des Philosophen Antiochos von Askalon teil, der stoisches mit platonischem Gedankengut verband und eine eigene Schule gegründet hatte. Auf Rhodos besuchte Cicero den Stoiker Poseidonios, mit dem er Freundschaft schloss, und den großen Redner Apollonius Molon. Er lernte Molons schlichten Stil sowie die Künste, die Zuhörer zu fesseln und dabei die eigene Stimme zu schonen. 77 v. Chr. kehrte er nach Rom zurück. Anschließend begann er seine Karriere als Politiker und Rechtsanwalt.

Politische Laufbahn Cursus honorum Durch seinen Erfolg im Fall des Sextus Roscius genoss Cicero bei seiner Rückkehr aus Griechenland großes Ansehen. Das half ihm als homo novus, alle Ämter des cursus honorum in dem dafür vorgesehenen Mindestalter (suo anno) zu erreichen.

So war er im Jahre 75 v. Chr. Quästor auf Sizilien, wo er die Getreideversorgung Roms zu sichern hatte. Dort fand er das Grab des Archimedes. Durch die Redlichkeit seiner Amtsführung erwarb er den bleibenden Respekt der Sizilianer.

Den Grundstein für seine politische Karriere legte er im Jahre 70 v. Chr., als er die Gemeinden Siziliens in dem Prozess vertrat, den sie gegen den korrupten Statthalter Gaius Verres (73–71 v. Chr.) wegen Erpressung anstrengten. Obwohl Verres’ politische Freunde diesem gern zum Freispruch verholfen hätten, war das Beweismaterial, das Cicero in kurzer Zeit zusammentrug, so erdrückend, dass Verres noch vor dem Urteil Italien verließ. Dieser Prozess brachte Cicero auch die Stellung des ersten Redners in Rom ein, da er den bis dahin angesehensten Redner Quintus Hortensius Hortalus, den Verteidiger des Verres, übertrumpfen konnte.

Für das Jahr 69 v. Chr. wurde Cicero zum Ädil gewählt. In dieser Funktion veranstaltete er die obligatorischen Spiele, zugleich eine wichtige Maßnahme, um sein weiteres politisches Fortkommen zu sichern. Ob er als „curulischer“ (wie in der Literatur häufig vermutet wird) oder als plebejischer Ädil amtierte, geht aus den antiken Quellen nicht hervor.Manfred Fuhrmann: Cicero und die römische Republik. Eine Biographie. 5. Auflage, Artemis & Winkler, Mannheim 2011, ISBN 978-3-538-07324-1, S. 78. Als kurulischer Ädil wird er unter anderem erwähnt bei: James M. May: Cicero: His Life and Career. In: Derselbe (Hrsg.): Brill’s Companion to Cicero. Oratory and Rhetoric. Brill, Leiden/Boston/Köln 2012, ISBN 90-04-12147-1, S. 1–21, hier S. 6. Ansonsten tat er sich im Amt des Ädils nicht besonders hervor, sondern führte in jenen Jahren vor allem seine Geschäfte als Anwalt weiter, die ihn zum Verteidiger in zahlreichen wichtigen Strafprozessen machten.

Prätor wurde Cicero im Jahr 66 v. Chr. Das Los wies ihm unter den Prätoren das Amt des Vorsitzenden des Gerichtshofs für Erpressungen (Repetundenverfahren) zu, einer Materie, mit der er sich schon als Advokat nachdrücklich befasst hatte. In diesem Jahr hielt er die Rede de imperio Cn. Pompei, in der er die Lex Manilia unterstützte, die den Oberbefehl im Krieg gegen Mithridates VI. von Pontos anstelle von Lucullus dem bei der Senatsmehrheit unbeliebten Pompeius zusprach. Cicero stellte sich dabei nicht auf die Seite des Pompeius, sondern sprach für das „ganze römische Volk“.Cicero: De lege Manilia 44.

Seine Gegner im Wahlkampf für das Konsulat waren Hybrida und Catilina, die beide nicht vor Bestechungen und Gewaltanwendung zurückschreckten. Gegen ihre Machenschaften hielt Cicero die Rede in toga candida.Die Rede in toga candida ist nur im Kommentar von Asconius Pedianus erhalten. Gemeint ist damit die weiße Toga des Kandidaten für das Konsulat, die gerade die Reinheit und Unbestechlichkeit demonstrieren sollte. Cicero gewann die Wahl mit den Stimmen aller Zenturien und bekleidete im Jahre 63 v. Chr. das Amt des Konsuls, was für ihn als Aufsteiger aus dem Ritterstand (ordo equester) eine besondere Auszeichnung bedeutete.

Konsulat Cicero begann sein Konsulat mit einem Versuch, das Problem der Landverteilung und besonders der Entschädigung derer, die ihren Landbesitz der wachsenden Stadt opfern mussten, zu lösen. Es sind drei Reden de lege agraria erhalten.

Während seines Konsulats kam es zu der Verschwörung des Catilina, die jedoch verraten und unter Mitwirkung Ciceros im Ansatz erstickt wurde. Bei der Senatsberatung (vgl. Ciceros Reden gegen Catilina) war es zwar Cato, der für die Todesstrafe plädierte, aber später musste Cicero die Verantwortung für die Hinrichtung der Catilinarier übernehmen, da der Senat zuvor in einem Notstandsbeschluss die Konsuln mit Maßnahmen zur Rettung des Staats beauftragt hatte.