mini|Titelseite von Band I (3. Auflage) Zur Entstehungsgeschichte des Marxschen Kapital ist ein ausführlicher Kommentar des marxistischen Ökonomen Roman Rosdolsky der Grundrisse der Kritik der politischen Ökonomie, einem von Karl Marx verfassten Manuskript, das zum ersten Mal 1939–1941 herausgegeben wurde.Ingo Stützle: Marx’ innerer Monolog. Vor 150 Jahren schrieb Karl Marx die ’Grundrisse’. In: ak – zeitung für linke debatte und praxis, Nr. 523, Hamburg 14. Dezember 2007 ( Stand: 24. März 2009) Das erst 1968 nach seinem Tode veröffentlichte Buch hat Rosdolsky seiner „lieben Frau und Gesinnungsgenossin“ Emily Rosdolsky gewidmet und wird derzeit vom ça ira-Verlag neu aufgelegt. mini|Titelseite von Band II (3. Auflage)

Im Gegensatz zu Louis Althussers strukturalistischer Interpretation beweisen für Rosdolsky die Grundrisse die methodologische Bedeutung der Dialektik für Das Kapital. Er formuliert daher das Desiderat, diese gründlich zu analysieren.Roman Rosdolsky: Zur Entstehungsgeschichte des Marxschen Kapital. Vorrede, Europäische Verlagsanstalt, Frankfurt am Main / Wien 1968, 1973, S. 7 f. Ebenso legte Rosdolsky mit dieser Arbeit den Grundstein für die Wertkritik. mini|Titelseite von Band III (2. Auflage)

Zielsetzung Rosdolsky hat sich als ersterRaya Dunayevskaya: A Critique of Roman Rosdolsky. Rosdolsky’s Methodology and the Missing Dialectic. In: London Corresponding Committee (Hrsg.): The Hobgoblin. Nr. 6, 2005 ( Stand: 8. März 2008; Reprint aus: Marx’s Capital and Today’s Global Crisis. News & Letters, Detroit 1978). intensiv mit den Grundrissen beschäftigt. Er arbeitete daran von Herbst 1948 bis Dezember 1955.Roman Rosdolsky Papers, Verzeichnis beim Internationalen Institut für Sozialgeschichte Amsterdam (php, 141432 Bytes) Die Endfassung seines Vorworts ist auf den März 1967 datiert. Bis zu seinem Tod im Oktober 1967 mühte er sich erfolglos um die Veröffentlichung. Seine Erwartung, dass durch die Grundrisse „das allgemeine Niveau der ökonomischen Marx-Literatur nur gehoben werden“ könne,Roman Rosdolsky: Zur Entstehungsgeschichte des Marxschen Kapital. Vorrede, Europäische Verlagsanstalt, Frankfurt am Main / Wien 1968, 1973, S. 10. war zu optimistisch. Denn seit deren Veröffentlichung im Jahre 1941 sind nur zwei Arbeiten zu verzeichnen, die ihnen besondere Bedeutung beigemessen haben.Alfred Schmidt: Der Begriff der Natur in der Lehre von Marx. (Frankfurt am Main 1962). Kojiro Takagi: Einleitung zum System der Krisentheorie. Tokio 1956.Zu Japan siehe: Teinosuke Otani, Iichiro Sekine: Beschäftigung mit Marx und Engels in Japan. Forschungen über die Methode der politischen Ökonomie – die Entstehungsgeschichte des „Kapitals“. In: Jahrbuch des Instituts für Marxistische Studien und Forschungen, Nr. 12 (Internationale Marx-Engels Forschung), 1987 (dearchiv.de Stand: 24. März 2009)

Als Rosdolsky eine der damals noch seltenen Kopien der Grundrisse in Händen hielt, hatte er sich zweierlei vorgenommen:Roman Rosdolsky: Zur Entstehungsgeschichte des Marxschen Kapital. Vorrede, Europäische Verlagsanstalt, Frankfurt am Main / Wien 1968, 1973, S. 7–11. Zum einen plante er, zu dem schwer lesbaren Manuskript einen verständlichen Kommentar zu schreiben, möglichst mit Marxens eigenen Worten. Zum anderen wollte er die neu erschlossene Textquelle für die Wissenschaft weiter auswerten.

Inhalt Rosdolskys Arbeit zerfällt in sieben Teile. Der Kommentar zu den Grundrissen umfasst die Teile 2 bis 6 (vom 4. bis 29. Kap.). Hier behandelt Rosdolsky Marxens Theorie in der Abfolge, wie sie der Darstellung im Kapital entspricht. Die Teile 1 (1. bis 3. Kap.) und 7 (30. bis 34. Kap.) werden von Rosdolsky seiner zweiten Aufgabenstellung gewidmet, nämlich die von Marx aufgeworfenen ökonomischen Probleme weiter zu untersuchen.

Die Frage nach Marxens Methodologie ist sträflich vernachlässigt worden, insbesondere was dessen kritische Rezeption der Dialektik Hegels betrifft. Wichtig ist hierbei der Aufbauplan, den Marx seiner „Kritik der politischen Ökonomie“ jeweils zugrunde gelegt hatte. Schon in seiner Vorrede betont Rosdolsky, wie wichtig Hegels Wissenschaft der Logik zum Verständnis der Grundrisse sei, was leider sogar bei Marxisten in Vergessenheit geraten sei:Roman Rosdolsky: Zur Entstehungsgeschichte des Marxschen Kapital. Vorrede, Europäische Verlagsanstalt, Frankfurt am Main/Wien 1968, 1973, S. 10, Anm. 5.

Wenn Rosdolsky Dialektik die Seele des Kapital nennt, kann er sich dabei auf LeninPhilosophische Hefte von 1895 bis 1916, Lenin Werke, Band 38. / Geoffrey Pilling: Marx’s Capital, Philosophy and Political Economy, 1980, Einleitung. berufen sowie auf Georg Lukács.Geschichte und Klassenbewußtsein / Roman Rosdolsky: Zur Entstehungsgeschichte des Marxschen Kapital. Vorrede, Europäische Verlagsanstalt, Frankfurt am Main/Wien 1968, 1973, S. 9. Wenn er die Kategorien der Grundrisse aus Hegels zentraler Unterscheidung von Form und Inhalt herleitet, kann er sich neben Lukács ebenso auf Isaak Rubin beziehen.Vgl. Biographical note in: Isaak Rubin: Abstract Labour and Value in Marx’s System. So weist Rosdolsky wesentliche Elemente aus Hegels „Logik“ nach, darunter die Widerspruchspaare An sich und Gesetztsein (Position), Allgemeinheit und Besonderheit (Einzelheit), Wesen (Substanz) und Erscheinung (Phänomen), Grenze und Schranke, Vermittlung und Unmittelbarkeit. Wenn Marx die „Produktion der Lohnarbeit“ als „allgemeinen ökonomischen Grund“ des Kapitals bezeichnet, erkennt Rosdolsky darin die Anlehnung an die Kategorien des Ursprünglichen, des Wahrhaften, des absoluten Wissens, der innersten Wahrheit in Hegels Logik.Roman Rosdolsky: Zur Entstehungsgeschichte des Marxschen Kapital. Europäische Verlagsanstalt, Frankfurt am Main / Wien 1968, 1973, S. 58, Anm. 109.

Raya Dunayevskaya kritisiert indessen, dass Rosdolsky dem eigenen Anspruch nicht gerecht werde, einen Beitrag zur dialektischen Methode zu leisten. „Wenn es irgendetwas gibt, das in seiner gewaltigen Studie vollkommen fehlt, ist es die Dialektik“, schreibt sie.Raya Dunayevskaya: A Critique of Roman Rosdolsky. 1978. Auch Hiroshi Uchida hält Rosdolskys Behandlung der Dialektik für unzulänglich.Hiroshi Uchida: Marx’s Grundrisse and Hegel’s Logic, 1988.

1. Kapitel: Wie der ‚Rohentwurf‘ entstand Mit „Rohentwurf“ meint RosdolskyRoman Rosdolsky: Zur Entstehungsgeschichte des Marxschen Kapital. Europäische Verlagsanstalt, Frankfurt am Main/Wien 1968, 1973, S. 20 f. exakt das zwischen Juli 1857 und März 1858 von Marx verfasste Manuskript. Die Herausgeber desselben gaben dem Rohentwurf samt Einleitung die Bezeichnung „Grundrisse“, die sie Briefen von Marx entnahmen.Vorwort des Marx-Engels-Lenin-Institut Moskau. In: Karl Marx: Grundrisse der Kritik der Politischen Ökonomie (Rohentwuirf) 1857–1858. Anhang 1850–1859. 2. Aufl. Dietz Verlag, Berlin 1974. S. XIV. / Marx an Engels, 8. und 18. Dezember 1857, 29. November 1858; an Lassalle 21. Dezember 1857, 22. Februar 1858.

Aus der ersten Etappe (1844 bis 1846) der ökonomischen Studien, die Marx unter dem Titel Kritik der Politik und Nationalökonomie zu veröffentlichen geplant hatte,MEW 27, S. 16, 23, 25, 78, 79. ist lediglich ein Fragment überliefert, das später unter dem Titel Ökonomisch-Philosophische Manuskripte aus dem Jahre 1844Karl Marx, Friedrich Engels: Ergänzungsband. Schriften. Manuskripte. Briefe bis 1844. Erster Teil. Dietz Verlag Berlin 1974, S. 465–588. herausgegeben wurde. Hierbei handelt es sich um eine erste grobe Skizze, welche den Rahmen für die darauffolgende Ausarbeitung vorgibt. Im Elend der Philosophie, im Kommunistischen Manifest wie auch in den Vorträgen über Lohnarbeit und Kapital argumentiert Marx bereits auf dem Boden der klassischen Nationalökonomie. In der Geldlehre und der Grundrententheorie indes hatte er damals die Auffassungen Ricardos noch nicht überwunden. Nach der Unterbrechung durch die Revolution von 1848 nimmt Marx die Arbeit an der ökonomischen Theorie im Londoner Exil 1850 wieder auf. Aus seinem Brief geht hervor, dass er bereits nach einem Verleger suchte sowie den Plan, eine Kritik der Politik miteinzubeziehen, wegfallen ließ. Die Schrift Zur Kritik der politischen Ökonomie, die Marx 1859 veröffentlicht hatte,abgedruckt in MEW Band 13. stellt die Erstfassung der Anfangskapitel „Ware“ und „Geld“ des Kapital dar.Henryk Grossmann: Die Änderung des ursprünglichen Aufbauplans des Marxschen Kapital und ihre Ursachen. Archive für die Geschichte des Sozialismus und der Arbeiterbewegung. Nr. 14, 1929, S. 305–338. (marxists.org)

mini|Karl Marx, Theorien über den Mehrwert, 1956 Die Theorien über den Mehrwert hat Rosdolsky nach der Ausgabe von Karl Kautsky zitiert; die Fußnoten in seiner Entstehungsgeschichte sind gemäß der MEW-Ausgabe (26.1.–26.3) redigiert.Redaktionelle Vorbemerkung zur zweiten Auflage. Zu: Roman Rosdolsky: Zur Entstehungsgeschichte des Marxschen Kapital. Europäische Verlagsanstalt, Frankfurt am Main 4. Aufl. 1974. Band I, ISBN 3-434-45003-3, S. 11.

2. Kapitel: Der Aufbau des Marxschen Werkes Für Das Kapital hat Marx zweierlei Aufbaupläne verfasst.

Der Plan aus dem Jahre 1857 sah folgende Gliederung vor:Marx an Engels, 2. April 1858. MEW 29, S. 312 ff. / Marx an Joseph Weydemeier, 1. Februar 1859, S. 572 f.

Das Buch vom Kapital Das Kapital im Allgemeinen Produktionsprozess des Kapitals Zirkulationsprozess des Kapitals Profit und Zins Abschnitt von der Konkurrenz Abschnitt vom Kreditwesen Abschnitt vom Aktienkapital Das Buch vom Grundeigentum Das Buch von der Lohnarbeit Das Buch vom Staat Das Buch vom auswärtigen Handel Das Buch vom Weltmarkt und den Krisen

Der Plan aus dem Jahre 1866 (1865Rosdolsky (I, S. 24, Anm. 1) verschiebt das Entstehungsdatum des zweiten Planes auf 1865, weil schon der Aufbauplan im Brief an Engels vom 31. Juli 1865 (MEW 31, S. 132) demjenigen im Brief an Kugelmann vom 13. Oktober 1866 genau entspricht.) sah folgende Gliederung vor:

Buch I: Produktionsprozess des Kapitals Buch II: Zirkulationsprozess des Kapitals Buch III: Gestaltungen des Gesamtprozesses Buch IV: Geschichte der Theorie

Rosdolsky setzt sich eingehend mit Kautskys These (aus dessen Vorrede zu den Theorien über den Mehrwert) auseinander, die beiden Pläne würden sich voneinander grundsätzlich nicht unterscheiden; die Gliederung der Grundrisse sei im Grunde dieselbe, wie Marx sie nachher im Kapital ausgeführt habe. Dies weist Rosdolsky mit im Einzelnen begründeten Argumenten entschieden zurück.

Zudem kritisiert Rosdolsky Kautskys Ansicht, dass es sich bei dem „Wechsel in der Erscheinung des Aneignungsgesetzes“ (Marx) um die „geschichtliche Tendenz der kapitalistischen Akkumulation“ handele. Vielmehr ginge es hierbei um das Umschlagen „des Eigentumsgesetzes der Warenproduktion“ (Marx) bzw. des „Aneignungsgesetzes der einfachen Warenwirtschaft“ (Rosdolsky) in die „Gesetze der kapitalistischen Aneignung“ (Marx).Roman Rosdolsky: Zur Entstehungsgeschichte des Marxschen Kapital. Europäische Verlagsanstalt, Frankfurt am Main/Wien 1968, 1973, S. 32, Anm. 20.

Erst Henryk Grossmann hatte 1929Henryk Grossmann: Die Änderung des ursprünglichen Aufbauplans des Marxschen Kapital und ihre Ursachen. Archive für die Geschichte des Sozialismus und der Arbeiterbewegung. Nr. 14, 1929, S. 305–338. (marxists.org) überhaupt die Frage aufgeworfen, aus welchen Erwägungen heraus Marx seine Gliederung abgeändert habe. Der Plan von 1857 scheint der üblichen Einteilung der Produktionsfaktoren in Boden, Arbeit und Kapital zu folgen. Für Grossmann scheint demnach der erste Entwurf noch der üblichen empirischen Stoffeinteilung zu folgen, während erst der zweite Entwurf sich zu einer dialektischen Sichtweise hindurchgearbeitet habe. Rosdolsky weist diese Erklärung zurück, denn Marx hat die trinitarischen Formel schon immer dezidiert abgelehnt. Friedrich BehrensFriedrich Behrens: Zur Methode der politischen Ökonomie. Leipzig 1952, S. 31–48. weist den Erklärungsversuch von Grossmann ebenfalls als unzulänglich zurück, kann ihn aber auch nicht entscheidend verbessern.