Während der Reformzeit in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts wurden Versuche unternommen, das Königreich Ungarn zu modernisieren. mini|Die Kettenbrücke um 1850, ein Symbol der Reformzeit Im Vergleich zu Staaten wie Großbritannien oder Frankreich war das Land zu dieser Zeit weniger fortgeschritten. Um die Entwicklung zu beschleunigen, wurden zahlreiche soziale, wirtschaftliche und kulturelle Reformen durchgeführt. Diese betrafen primär die Regelung der Frage der Leibeigenschaft und die Einführung moderner Industrie. Zentral waren aber auch Dichtungen wie die Nationalhymne, die der nationalen Zusammengehörigkeit Ausdruck verliehen. Im Interesse des aufstrebenden Bürgertums wurden Hindernisse beseitigt, die seinen Zielen entgegenstanden.

Vorgeschichte – das „Erwachen“ der Nation Nach dem Tod von Josef II. ging die Exekutivgewalt in den Wirkungsbereich der Komitate über, die unter dem Einfluss der Aristokratie standen. Die Verordnungen des verstorbenen Herrschers wurden ohne Ausnahme außer Kraft gesetzt. Im Land stellte sich eine Euphorie ein, in deren Verlauf die eigene Sprache, Tracht, Musik und Tanz aufblühten. Der Unterricht in ungarischer Sprache wurde per Gesetz in den Mittelschulen vorgeschrieben und ungarische Streitkräfte gebildet.

Obwohl der Adel in den napoleonischen Kriegen die herrschende Dynastie der Habsburger unterstützte, stellte sich bald heraus, dass diese Zusammenarbeit nur auf der Aussicht auf materielle Vorteile beruhte. Nach dem Krieg führte der Hof eine Geldabwertung durch, ließ die Nationalversammlung schließen und berief sie daraufhin einige Jahre lang nicht mehr ein. Die erste Gelegenheit, die Herausforderungen der Modernisierung anzugehen, bot sich in der Periode der reformierten Nationalversammlung von 1825 bis 1827.

Bedeutende Persönlichkeiten István Széchenyi mini|hochkant|István Széchenyi Die erste Phase der Reformzeit ist vor allem vom Wirken des Grafen Széchenyis geprägt, dessen Einfluss insbesondere in den 1820er und 1830er spürbar war. Er lehnte die hedonistische Lebenshaltung des Adels ab und engagierte sich für die wirtschaftliche, technische und gesellschaftliche Modernisierung Ungarns. Auf seinen Reisen nach England sammelte er Erfahrungen für sein späteres Schaffen.

Langfristig strebte er die Befreiung der Leibeigenen an. Dies sollte in einem langsamen Prozess parallel zum allgemeinen Fortschritt geschehen, allerdings stellte Széchenyi nicht klar dar, wie er sich die Durchführung dieses Plans vorstellte.

Bei der ersten reformierten Nationalversammlung 1825–1827 stellte er das Konzept für eine Einkommensteuer vor, mit deren Einnahmen die Gründung der Ungarischen Akademie der Wissenschaften realisiert werden konnte.

Vor dem Hintergrund persönlicher Erfahrungen erkannte er, dass die Überreste des Feudalismus, wie die Unveräußerbarkeit von adeligem Besitz, Hindernisse auf dem Weg der Modernisierung waren. In seinem 1830 erschienenen Werk Hitel (deutsch: Ueber den Credit Als E-Book abrufbar, abgerufen am 5. Februar 2011) arbeitete er ausgehend von der Auflistung dieser Hürden ein zusammenhängendes Reformprogramm aus. József Dessewffy, einer seiner wichtigsten Gegner, reagierte auf das beliebte Buch 1831 mit seiner Schrift A „Hitel“ czímű munka taglalatja (deutsch: Zergliederung des Werkes: Ueber den Credit Als E-Book abrufbar, abgerufen am 5. Februar 2011). Im selben Jahr brach in Oberungarn (Felvidék)das Gebiet gehört heute zur Slowakei ein Bauernaufstand aus, was Széchenyi dazu motivierte, sein Reformprogramm mit dem Buch Stádium der Öffentlichkeit in kurzer und prägnanter Form zu präsentieren. Einige Punkte seines Programms lauteten:

Ablösung der Leibeigenschaft durch freiwillige Auszahlung des ErbrechtsDie Leibeigenen konnten so das Besitzrecht an dem Land erwerben, das sie bewirtschafteten. Erweiterung des Rechts auf Landerwerb auf nicht Adelige Aufhebung des Heimfallsrechts des StaatesDem Heimfallsrecht zufolge fällt der Besitz einer Adelsfamilie an den Staat, wenn kein Nachkomme existiert, der das Erbe antreten könnte. zeno.org Gleichheit vor dem Gesetz gelten Gesetzlicher Parteienschutz Straßenbau und Regulierung freifließender Gewässer Verbot von Monopolen Öffentlichkeit der Gesetzgebung und von Gerichtsverhandlungen Es sollen nur noch Gesetze und Verträge gültig sein, die in ungarischer Sprache verfasst wurden.

Széchenyi war nicht mit seinen Schriften, sondern auch mit der praktischen Umsetzung seiner Theorien ein zukunftsweisender Verfechter der Reformen. Beispielsweise ließ er das Eiserne Tor schiffbar machen und trieb die Vorbereitungen zur Bereinigung der Theiß voran. Weiterhin regte er die Dampfschifffahrt auf der Donau an sowie den Bau von Winterhäfen und Werften. Er ließ die erste mit Dampf betriebene Walzmühle errichten und machte die Zucht von Seidenraupen beliebt. Zu seinen Werken zählt auch der Bau der Kettenbrücke. Zudem bemühte er sich um die Erweiterung des Schienennetzes der Eisenbahn.

Neben der Förderung von Wissenschaft, Industrie und Verkehr widmete ich Széchenyi auch privaten Vergnügen wie Pferderennen oder Casinos. Auch im privaten Bereich zeigte er sich fortschrittlich, indem er die Gewohnheit pflegte, regelmäßig zu baden.

Lajos Kossuth mini|hochkant|Lajos Kossuth Lajos Kossuth hatte in den 1830er Jahren entscheidenden Einfluss auf die Meinungsbildung im Land und prägte die Ausgestaltung der Öffentlichkeit. Mit der Zeitung Országgyűlési Tudósítások gelang es ihm, den politisch aktiven Adel für die Reformideen zu gewinnen.

Nach seiner Verhaftung 1835 lernte er die englische Sprache und befasste sich mit Volkswirtschaft. Als der Hof seine Taktik änderte und Kossuth freiließ, spielte er eine noch bedeutendere Rolle. Im Januar 1841 wurde er Hauptherausgeber der Tageszeitung Pesti Hírlap, die allerdings unter Zensur stand. Dennoch gelang es ihm, die brennenden politischen, sozialen und wirtschaftlichen Probleme der Zeit zu diskutieren. Zudem begründete er die moderne ungarische Presselandschaft. Die Zeitung fand schnell eine breite Leserschaft. Anfangs erschien sie mit einer Auflage von 60 Exemplaren und konnte sich bald auf 4000 steigern.

Er machte sein Reformprogramm auch bekannt, indem er in der Frage der Leibeigenschaft ein obligatorisches, staatlich unterstütztes Erbrecht verfocht. Kossuth zielte darauf ab, den Adel der Steuerpflicht zu unterwerfen, damit auch diese Schicht dazu beitrage, die Lasten der Gesellschaft zu tragen. Außerdem trat er für die Gewährleistung politischer Freiheitsrechte und für eine Volksvertretung ein. Er beschrieb außerdem die von ihm favorisierte Ausgestaltung bürgerlicher Eigentumsverhältnisse und die Realisierung politischer Gleichheit. Im Gegensatz zu Széchenyis Vorstellungen einer aristokratisch geführten Wandels hoffte Kossuth, dass der mittlere Adel die Reformen durchsetzen würde.

Kossuth war die führende Persönlichkeit der Revolution gegen die Habsburgmonarchie 1848/49. Obwohl seine Zeitung Pesti Hírlap 1848 im Zuge der Niederschlagung der Revolution geschlossen wurde, setzte er seinen Kampf fort. Er gründete z. B. einen Schutzverband für die ungarische Industrie.

Nikolaus Wesselényi mini|hochkant|Nikolaus Wesselényi Baron Nikolaus Wesselényi, bekannt als der „Schiffer des Hochwassers“ und „allererster ungarischer Jüngling“, war die Hauptgestalt der siebenbürgener Reformzeit. Neben seinem ehrlichen und leidenschaftlichen Einsatz für die Befreiung der Leibeigenen, regte er oft die Debatten in der Nationalversammlung an, wenn diese an einem toten Punkt angelangt waren.

In seinem Werk Balítéletek („Fehlurteile“) betont er, dass die Beziehung zwischen Adel und Leibeigenen geordnet werden müsse. Mit einer weiteren politischen Schrift wollte er die Sprachwissenschaftler – auf die nationale Zusammensetzung Siebenbürgens hinweisend – zu mehr Umsicht besinnen.

Bei der siebenbürgener Nationalversammlung 1837 konnte die Opposition einen bedeutenden Sieg gegen Wien verzeichnen: der von den Habsburgern unterstützte Kandidat wurde nicht zum Gubernator gewählt.

Ab 1847 löste die ungarische Sprache auch in Siebenbürgen Latein als Amtssprache ab. Ebenfalls in diesem Jahr fiel die Entscheidung der siebenbürgener Nationalversammlung über die Frage der Ausgestaltung des Scharwerks, die die Aufteilung des Landes zwischen Adel und Leibeigenen betraf. Die siebenbürgener Leibeigenen konnten nur unter noch ungünstigeren Bedingungen Land erwerben, als dies im restlichen Ungarn der Fall war, obwohl die Grundstücke weitaus kleiner waren. Die daraus resultierende Unzufriedenheit gipfelte in den Unruhen von 1848.

Ferenc Kölcsey mini|hochkant|Ferenc Kölcsey Der Dichter Ferenc Kölcsey spielte auch als Staatsmann eine wichtige Rolle in der Reformzeit. In der Periode der Nationalversammlung von 1832 bis 1836 zog er als Botschafter von Sathmar mit seinen enthusiastischen Reden über die Frage der Grundstücksrechte Aufmerksamkeit auf sich. Die Liberalen hatten eine Lösung vor Augen, der zufolge sich der Status der Leibeigenen grundlegend und dauerhaft ändern sollte. Diese Initiative wurde jedoch von den Konservativen gebremst. Die Vertreter der Komitate mussten damals in ihrem Abstimmungsverhalten dem Willen der monarchischen Gesandten folgen. Als Kölcsey eine solche Direktive erhielt, zog er sich aus dem aktiven politischen Leben zurück.

Die von ihm verfasste Hymne wurde zur wichtigsten nationalen Dichtung.

Ferenc Deák mini|hochkant|Ferenc Deák Ab 1833 betrat Ferenc Deák, der „Fürsprecher der Nation“ („nemzet prókátora“), auch als „Weiser der Heimat“ („Haza bölcse“) bezeichnet, die politische Bühne. Mit seinem taktischen Gespür und logischem Denken nahm er eine wichtige Position im Reformprozess ein. Bis zu seinem Rückzug 1847 war er zusammen mit Kossuth geistiger Führer der Reformer in der Nationalversammlung.

László Lovassy mini|hochkant|László Lovassy Zu den engsten Anhängern der Reformideen gehörten die jungen Mitglieder der Nationalversammlung, deren Anführer László Lovassy war. Er verbreitete das liberale Gedankengut im Kreis der jungen Angehörigen des mittleren Adels, die überwiegend juristische Laufbahnen einschlugen. Da der Besuch der Nationalversammlungen im Rahmen der Anwaltsprüfung erforderlich war, konnten sie dort aus erster Hand von den Reformplänen erfahren. Sie gründeten bald Vereine, in denen diese Ideen diskutiert wurden. Ihr Anführer Lovassy wurde später wie auch andere Reformer von der Regierung politisch ausgeschaltet. Während einer 10-jährigen Strafe im Budaer Burggefängnis verfiel er dem Wahnsinn. Aus dem Kreis der jungen Reformer ging dennoch die politisierte liberale Generation von 1848 hervor.

Auseinandersetzungen um die Reformen Streit zwischen Kossuth und Széchenyi Es gab unterschiedliche Vorstellungen über die Art und Weise der Umsetzung der Reformziele. Der Streit zwischen Kossuth und Széchenyi ist bezeichnend für die tiefen weltanschaulichen und politischen Differenzen.

Széchenyi schwebte vor, das Land unter aristokratischer Führung zu erneuern. Die historisch gegebene Verbindung zwischen Österreich und Ungarn schien ihm unabänderbar zu sein und die ungarischen Unabhängigkeitsbestrebungen im Keim zu ersticken. Dessen ungeachtet strebte Kossuth einen unabhängigen Nationalstaat an, beziehungsweise zumindest einen wirtschaftlich und politisch autonomen Status innerhalb der Habsburgermonarchie.

Auch in der Frage der gesellschaftlichen Ordnung widersprachen sich die beiden Reformer. Kossuth verkündete, dass der Adel allein, ohne die Unterstützung der ganzen Nation auf keinen Fall fähig sein könne, eine moderne bürgerliche Gesellschaft aufzubauen.

Széchenyi, der sich von seinem Jugendfreund Wesselényi entzweit hatte, widersprach Kossuths in der Pesti Hírlap vertretenen Ansichten in der Streitschrift Kelet Népe („Volk des Ostens“).