Die Stadler KISS (Eigenschreibweise für „komfortabler innovativer spurtstarker S-Bahn-Zug“) sind elektrische Doppelstocktriebzüge des Schweizer Herstellers Stadler Rail. Die Züge sind als zwei- bis achtteilige Zugeinheiten (bisher nur als drei-, vier-, sechs und siebenteilige Version gebaut) für Normal- und Breitspur verfügbar. Vom Hersteller werden die Züge als KISS 160 (mit 160 km/h Höchstgeschwindigkeit) für den Regionalverkehr und als KISS 200 für den Fernverkehr (mit 200 km/h Höchstgeschwindigkeit) angeboten. Die Züge wurden von 2008 bis 2010 unter dem Namen „Stadler Dosto“ entwickelt; seit 2011 konnten 630 Kiss in 48 Länder verkauft werden (Stand: Juli 2024).
Technische Beschreibung mini|rechts|Triebdrehgestell mit Hohlwellenantrieb eines RABe 511 der SBB mini|rechts|Sandstreueinrichtung an einem RABe 511 der SBB Bei der Konzeption des Doppelstöckers setzte sich Stadler zum Ziel, einen Triebzug mit einer höheren Leistung als eine Lokomotive zu entwickeln.Theo Weiss: Stadler – Von der Stollenlokomotive zum Doppelstockzug. Minirex, Luzern 2010, ISBN 978-3-907014-33-2, S. 93. Ein Merkmal der von Stadler entwickelten Fahrzeuge ist die Anwendung einheitlicher Baugruppen über die einzelnen Produktfamilien. Die Antriebe stammen von den GTW und Flirt, wobei die Leistung auf 750 kW gesteigert wurde. Die Triebdrehgestelle wurden von den Flirt übernommen, die Antriebsausrüstung ist wie bei den Flirt über den Triebdrehgestellen angeordnet. Die Sekundärfederung erfolgt durch zwei Luftfedern. Die Laufdrehgestelle sind mit den Triebdrehgestellen weitgehend baugleich, aber leichter aufgebaut.Theo Weiss: Stadler – Von der Stollenlokomotive zum Doppelstockzug. S. 94. Sind Doppelstockzüge nicht leicht gebaut, wird die zulässige Achslast schnell überschritten. Deshalb sind die geschweißten Wagenkästen vollständig aus Aluminium-Strangpressprofilen gefertigt.Elektrischer Doppelstocktriebzug KISS (6-teilig) für die Schweizerischen Bundesbahnen (SBB), Schweiz. Datenblatt von Stadler Altenrhein AG (PDF; 5,3 MB). Die Masse eines Rohbauwagenkastens beträgt bei einer Leermasse des Dosto-Triebwagens von 66 Tonnen nur 10 Tonnen.
Die Wagenkästen der in Deutschland eingesetzten Züge mussten im Dachbereich seitlich eingezogen werden, weil die DB Netz die für die Bombardier-Doppelstockwagen gewährte Ausnahmeregelung nicht mehr länger aufrechterhalten wollte. Die Version ODEG weist wegen verschärfter Crash-Vorschriften erstmals eine geänderte Stirnfront auf.Mathias Rellstab: Weitere Stadler-Doppelstöcker im Anrollen. In Schweizer Eisenbahn-Revue, Nr. 4/2012, S. 181.
Um bei der in der Schweiz üblichen Bahnsteighöhe von 550 Millimeter einen stufenlosen Einstieg zu ermöglichen, wurden die Türen neben den Drehgestellen im Unterdeck angeordnet.Theo Weiss: Stadler – Von der Stollenlokomotive zum Doppelstockzug. S. 90. Die Fahrzeuge können auch für Bahnsteighöhen von 760 mm optimiert werden.Stadlers Kiss-Familie in Entwicklung und Prüfung. In Schweizer Eisenbahn-Revue, Nr. 4/2011, S. 170–171. Unter der Zwischendecke der Kiss befindet sich auf beiden Seiten in der Seitenwand je ein Kabelkanal. In einem Kanal befindet sich die Heizleitung 3 × 400 Volt, auf der anderen Seite eine Hochspannungsleitung, die die beiden Endtriebwagen miteinander verbindet. Damit kann eine Triebzugeinheit mit nur einem angelegten Stromabnehmer verkehren. Um Platz zu sparen, sind in den Seitenwänden und Fußböden Flächenheizungen eingebaut. Die antriebslose Version mit einem Steuerwagen und mehreren Mittelwagen für den Einsatz in lokomotivbespannten Wendezügen wurde bis Stand 20202020, siehe Abschnitt Technische Daten der Varianten. von keinem Kunden bestellt.
Bombardier Hennigsdorf als Inhaberin des Schweizer Teils eines Europäischen Patents „Schienenfahrzeug mit einer Antriebsausrüstung“ klagte 2012 gegen Stadler Rail. Stadler forderte ein Mitbenutzungsrecht an der Erfindung, weil diese bereits vor der Hinterlegung des Bombardier-Patents gebraucht wurde. Das Bundespatentgericht wies die Klage am 10. Juni 2016 ab. Gegen das Urteil hat Bombardier Beschwerde beim Bundesgericht in Lausanne erhoben. Dessen Erste zivilrechtliche Abteilung hat die Beschwerde am 28. November 2016 abgewiesen. Um das Patent nicht zu verletzen, hat Stadler bei der zweiten Serie der Kiss-Züge für die Westbahn eine vermutlich technisch nutzlose Änderung vorgenommen. Wahrscheinlich speisen der Transformator und der Stromrichter nicht das darunterliegende, sondern das andere Drehgestell.Walter von Andrian: Der Patentstreit zwischen Bombardier und Stadler. In: Schweizer Eisenbahn-Revue, Nr. 2/2017, S. 72–73.
Varianten
SBB / BLS
Schweizerische Bundesbahnen mini|links|RABe 511 der SBB
Weil Stadler bei den 2002 ausgeschriebenen Doppelstockzügen der zweiten Generation für die S-Bahn Zürich die kurzen Lieferfristen nicht einhalten konnte, ging der Auftrag an Siemens. Trotzdem setzte Stadler die Entwicklung des Doppelstockzuges fort. Diese Vorinvestitionen machten sich bezahlt, denn am 31. August 2008 bestellten die SBB 50 Doppelstocktriebzüge bei Stadler für die S-Bahn Zürich. Diese Bestellung bildete die Grundlage für die Produktfamilie Kiss.
Die RABe 511 werden von den SBB als „Regio-Dosto“ bezeichnet und bilden die dritte Fahrzeuggeneration von Doppelstockzügen der S-Bahn Zürich. Am 15. April 2010, noch vor der Ablieferung des ersten Zugs, lösten die SBB eine Option für weitere 24 Triebzüge desselben Typs ein. Während es sich bei der ursprünglichen Bestellung um sechsteilige Triebzüge handelte, wurden bei der Nachbestellung vierteilige Einheiten geordert. Nachdem die Auslieferung der ersten Einheit im März 2011 erfolgt war, wurde die erste Fahrgastfahrt am 5. September 2011 absolviert.
Während der Auslieferung der SBB-Doppelstockzüge entwickelte Stadler eine Fahrkomfortoptimierung für die Trieb- und Laufdrehgestelle. In der Sekundärstufe wurde die Steifigkeit des Luftfedersystems reduziert und modifizierte Längslenkerlager, Stabililsatorrückenlager und Querfederrollen eingesetzt. Grund dieser Maßnahmen ist die Tatsache, dass im Schweizer Eisenbahnnetz Radien von weniger als 250 Meter vorkommen. Die zu Beginn nicht entsprechend ausgerüsteten Laufwerke wurden umgerüstet, da die Gummi-Metall-Teile aufgrund der Alterung ohnehin ersetzt werden mussten. Die hydraulischen Achslenkerlager weisen eine weiche Grundsteifigkeit für Bogenfahrten auf.Markus Oppliger, Jürgen Edmaier, Thomas Falk: Innovative Komponenten für Gleisbögen mit kleinen Radien optimieren den Regio-Dosto RABe 511. In: Schweizer Eisenbahn-Revue. Nr. 5/2017, S. 228–233.
Im Juni 2015 gaben die SBB bekannt, weitere 19 sechsteilige Züge für die vierte Teilergänzung des Netzes der S-Bahn Zürich zu beschaffen. Der erste Zug wurde im Januar 2016 an die SBB übergeben.
Seit 2012 werden KISS-Züge auch im Regionalverkehr eingesetzt. Bereits vorhandene RABe 511, welche künftig im Fernverkehr eingesetzt werden, werden seit 2020 bis 2024 für rund 20 Millionen Franken von Regio-Dosto (RVD) zu Interregio-Dosto (IRD) aufgewertet. Eine weitere Bestellung von 60 neu gestalteten Interregio-Dosto (RABe 512) erfolgte im April 2021; sie ergänzt die vorhandenen 93 IR/RE-Dosto-Fahrzeuge. Die SBB will die ersten der neuen Züge ab Fahrplanwechsel im Dezember 2023 einsetzen. Seit Juli 2023 sind die ersten Züge im gelenkten Einsatz, zunächst auf dem RE Zürich HB – Schaffhausen, danach folgten auch Leistungen auf dem IR36 Basel – Brugg – Zürich HB.
BLS mini|links|BLS RABe 515 in Bürglen Die BLS AG bestellte am 30. März 2010 insgesamt 28 vierteilige Stadler Dosto, die seit Dezember 2012 auf der S-Bahn Bern eingesetzt werden. Die Züge bieten 335 Sitz- und 566 Stehplätze (4 Personen/m²) und erreichen bei einer Anfahrbeschleunigung von 1,3 m/s² eine Höchstgeschwindigkeit von 160 km/h.Elektrischer Doppelstocktriebzug KISS für die BLS AG, S-Bahn Bern, Schweiz. Datenblatt von Stadler Altenrhein AG (PDF; 3,9 MB). Die verschärften Crash-Vorschriften führten zu neu gestalten Stirnfronten und verlängerten Endwagen. Auf ausdrücklichen Wunsch der BLS können die Kiss der BLS nicht gemeinsam mit den RABe 511 der SBB eingesetzt werden.Mathias Rellstab: Erster Doppelstockzug für die BLS geboren. In: Schweizer Eisenbahn-Revue, Nr. 5/2015, S. 234–235. Bei der BLS lautet der Typenname Mutz (Moderner, universeller Triebzug), in Anlehnung an das Berner Dialektwort für „Bär“. Sie kamen zunächst auf der S1 zum Einsatz, später auch auf der S6 und auf der S3/S31.
Im Dezember 2015 bestellte die BLS drei weitere Züge. Sie sind seit Ende 2017 als Verstärkung auf den Linien S1 und S3/S31 im Einsatz.
Im Juli 2018 gab die BLS acht weitere Züge in Auftrag, nebst drei vierteiligen erstmals auch sechsteilige Ausführungen. Sie waren für die IR-Linien Bern – Biel und Bern – Burgdorf – Olten bestimmt, welche die BLS ab Fahrplanjahr 2020 betreiben wollte.
Im Februar 2021 standen insgesamt 39 MUTZ-Züge bei der BLS im Einsatz. Nach einem Zusammenstoss zweier MUTZ-Züge im Dezember 2020 wurde von der Schweizerischen Sicherheitsuntersuchungsstelle (SUST) ein ungewöhnliches Bremsverhalten bei diesem Fahrzeugtyp festgestellt, das auf Störungen an einem von drei Bremssystemen zurückgeführt wurde. In der Folge wurden auf der S6 (Bern–Schwarzenburg) andere Fahrzeugtypen eingesetzt, bis die Ursache gefunden und durch ein Softwareupdate bei allen Zügen behoben wurde. Seit November 2021 verkehren die 39 Triebzüge wieder fahrplanmässig.
Besonderheiten Einer gewissen Tradition folgend – heißt doch der RABe 535 Nr. 113 „Lötschbergerin“ und der RABe 525 Nr. 013 „Nino“ statt „Nina“ – ist der RABe 515 013 nicht als „Mutz 013“, sondern als „Ours 013“ unterwegs (Ours ist das französische Wort für Bär). Dieser Triebzug verkehrt auf der Linie S1 zwischen Thun und dem mehrheitlich französischsprachigen Fribourg.
Vom 30. Juni 2018 bis im Herbst 2023 verkehrte der Triebzug 515 008 mit einer Ganzwerbung für den SC Bern.Vom Eis aufs Gleis - SCB schickt Werbebotschafter auf die Schiene. In: bahnblogstelle.net, 4. Juli 2018, abgerufen am 20. Februar 2022. Seit dem 11. November 2023 trägt der Triebzug eine angepasste Werbung als «Hockeyzug» aller vier Hockeyclubs SCL Tigers, HC Fribourg-Gotteron, EHC Biel und SC Bern, die im Einzugsgebiet der BLS liegen.Die BLS hat einen neuen Hockey-Zug – auch watson ist Teil davon. In: watson.ch, 13. November 2023, abgerufen am 14. November 2023.
Seit dem 15. November 2025 trägt der RABe 515 031 eine Vollwerbung für Login.
Taufnamen Zwölf der BLS-Züge wurden auf Städtenamen getauft.Fahrzeuge – Niederflur-Doppelstocktriebzug RABe 515 (Mutz) auf bls.ch.
ÖBB-Personenverkehr/DB Fernverkehr/Westbahn mini|4110 615 (Leipzig Hbf, Hallesche Gruppe) mini|Stadler KISS IC als 4110 in Berlin mini|DB-Einheit der Reihe 4010 im Intercity-Einsatz in Zürich HB
Im Juli 2019 wurde bekannt, dass die österreichische Westbahn ihre 17 Züge in zwei Tranchen an die DB Fernverkehr verkauft, um sie durch 15 Neuanschaffungen der dritten Serie zu ersetzen. Ein weiterer Kaufinteressent waren die ÖBB-Personenverkehr (ÖBB-PV), deren Offerte aber preislich deutlich unter der DB lag.Alfred Horn: Westbahn verkauft Flotte an DB und bestellt neue Kiss 3. In: Schweizer Eisenbahn-Revue, Nr. 10/2019, S. 541. Mitte Oktober 2019 gab DB Fernverkehr im Europäischen Amtsblatt bekannt, dass Stadler beauftragt wird, die 17 Triebzüge bis März 2022 umzubauen; sie sollten für den Betrieb in Deutschland, Österreich und der Schweiz zugelassen werden. Am 5. Februar 2020 wurde der erste Triebzug im DB-Design in Berlin Hauptbahnhof präsentiert. Die Höchstgeschwindigkeit in Deutschland blieb zunächst auf 160 km/h beschränkt.