La sonnambula (Die Nachtwandlerin Die Nachtwandlerin : Melodram in zwei Aufzügen : für das Königl. Sächs. Hoftheater 1834., zweisprachiges Libretto italienisch-deutsch, Library of Congress (Abruf am 2. Dezember 2021)) ist eine Oper (Originalbezeichnung: „Melodramma“) von Vincenzo Bellini, die am 6. März 1831 im Teatro Carcano in Mailand uraufgeführt wurde. Das Libretto stammt von Felice Romani nach Eugène Scribes Libretto zu einer Ballett-Pantomime La sonnambule ou l’arrivée d’un nouveau seigneur von Jean-Pierre Aumer und Ferdinand Hérold, die an der Pariser Oper 1827 uraufgeführt wurde, und die wiederum auf einer gleichnamigen Vaudeville-Komödie von Scribe und Delavigne aus dem Jahr 1819 basierte.S. 17 in: Michael Blees: La Sonnambula - Vincenzo Bellinis Pastorale, Booklettext zur CD-Box: La Sonnambula, mit Edita Gruberova, José Bros, Roberto Scandiuzzi u. a., Chor des Bayerischen Rundfunks, Münchner Rundfunkorchester, Dir.: Marcello Viotti (Nightingale Classics, 1998)

La sonnambula gehört zusammen mit der ein Dreivierteljahr später uraufgeführten Norma zu Bellinis anerkannten Meisterwerken und zu den wenigen Werken des Belcanto-Repertoires mit einer lückenlosen Aufführungstradition.S. 21 in: Michael Blees: La Sonnambula - Vincenzo Bellinis Pastorale, Booklettext zur CD-Box: La Sonnambula, mit Edita Gruberove, José Bros, Roberto Scandiuzzi u. a., Chor des Bayerischen Rundfunks, Münchner Rundfunkorchester, Dir.: Marcello Viotti (Nightingale Classics, 1998)

Handlung Erster Akt Die Oper beginnt während der Vorbereitungen zur Hochzeit von Amina, einem armen Waisenmädchen, das von der Müllerin Teresa aufgezogen wurde, mit dem wohlhabenden Bauern Elvino. Alessio und die Dorfbewohner versammeln sich fröhlich auf dem Dorfplatz. Lisa, die Wirtin der Dorfschenke, ist eifersüchtig, da sie sich selber Hoffnungen auf eine Ehe mit Elvino gemacht hatte („Tutto è gioia“); den in sie verliebten Alessio dagegen weist sie barsch zurück. Nach einem von den Dorfbewohnern gesungenen Ständchen erscheint Amina und bedankt sich gerührt bei ihnen für die ihr entgegengebrachte Freundschaft und bei ihrer „Mutter“ Teresa für ihre Liebe (Scena & Cavatina: „Care compagne ... Come per me sereno ... Sovra il sen“). Elvino, der zuvor am Grabe seiner Mutter gebetet hat, trifft mit einem Notar zur standesamtlichen Trauung ein. Auf die Frage des Notars, was die Brautleute in die Ehe mitbringen, wird klar, dass Elvino ein vermögender Mann ist, während die arme Amina „nur ihr Herz“ verschenken kann. Elvino ruft gerührt: „Das Herz ist Alles“ („Ah! tutto è il core“), dann folgt der Heiratsritus, wo er Amina den von seiner Mutter geerbten Ring an den Finger steckt und ihr einige VeilchenDer Ring und die Veilchen spielen später noch eine gewisse Rolle, besonders in Aminas abschließender Nachtwandelszene mit der Arie „Ah! non credea mirarti“, wo sie poetisch mit den allzu rasch „verwelkten“ Blumen spricht – als Metapher für die scheinbar beendete Liebe Elvinos. schenkt (Arie Elvino (mit Amina und Chor): „Prendi: L’anel ti dono“).

Nach der bewegenden Zeremonie taucht Rodolfo auf, der Sohn des verstorbenen Feudalherrn des Ortes, der aber lange fort war und seine Identität zunächst nicht preisgibt. Er ist voller Erinnerungen (Aria: „Vi ravviso, o luoghi ameni“) und als er Amina sieht, schmeichelt er ihr und erregt damit die Eifersucht von Elvino und auch von Lisa. Da der Abend hereinbricht, beendet Teresa das Fest und die Dorfbewohner erzählen Rodolfo schaudernd von einem Gespenst, das nachts im Dorf umgehe (Chor: „A fosco cielo, a notte bruna“); Rodolfo hält das für abergläubischen Unsinn.

Das Brautpaar bleibt zurück und der wütende Elvino macht Amina eine Szene. Doch diese versteht es ihrem Geliebten klarzumachen, dass seine Eifersucht völlig unbegründet ist (Liebesduett: „Son geloso del zefiro errante“).

Im Gasthof besucht Lisa Rodolfo in dessen Gaststube und kokettiert mit ihm, den sie längst als den jungen Grafen erkannt hat. Da taucht plötzlich die schlafwandelnde Amina auf, die nach Elvino ruft und dann auf ein Sofa sinkt. Während der verwirrte Rodolfo es für das Beste hält, Amina allein zu lassen und das Weite zu suchen, wittert die verärgerte Lisa nun ihre „Chance“ und läuft fort, um Elvino und die Dorfbewohner zu holen. Als diese eintreffen und die völlig entgeisterte und ahnungslose Amina im Zimmer des Grafen „erwischen“, nützen all deren Unschuldsbeteuerungen nichts: Der wutentbrannte Elvino glaubt sich betrogen und bläst die für den nächsten Tag geplante kirchliche Hochzeit ab.

Zweiter Akt Die Dorfleute gehen zum Grafen, um ihn um Aufklärung und Hilfe für Amina zu bitten („Qui la selva“). Auch Amina und Teresa sind auf dem Wege zu Rodolfo, als sie den traurigen und verzweifelten Elvino sehen, der sie zunächst nicht bemerkt (Aria: „Tutto è sciolto: più per me non v’ha conforto“). Als Amina ihn anspricht, wirft er ihr wieder ihre Treulosigkeit vor. Da kommen die Anderen zurück und kündigen den Grafen an, der Amina für unschuldig erklärt habe. Elvino will davon jedoch nichts wissen und gerät allein beim Gedanken an seinen scheinbaren „Rivalen“ so in Wut, dass er Amina den Ehering vom Finger zieht („Ah! perchè non posso odiarti“) – das junge Mädchen ist zutiefst bestürzt.

mini|Bühnenbild-Entwurf von Alessandro Sanquirico für die Nachtwandelszene in Akt II von La sonnambula Im Dorf liegen Lisa und Alessio im Streit, als Elvino erscheint und Lisa einen Heiratsantrag macht; sie nimmt dankbar an und die Bauern gratulieren bereits, da tritt Rodolfo dazwischen. Er versichert Elvino, dass Amina ihm immer treu war und erklärt allen, dass es Menschen gebe, die im Schlaf umhergehen und sogar reden und dass Amina eine solche Schlafwandlerin sei. Elvino und die anderen hören sowas zum ersten Mal und halten es für eine Ausrede.

Da erscheint Teresa und bittet alle, sie sollten nicht so einen Lärm machen, weil Amina nach all der Aufregung endlich eingeschlafen sei. Als Teresa merkt, dass Elvino im Begriff ist, Lisa zu heiraten, wirft sie dieser Falschheit und Untreue vor, indem sie ein Tuch vorweist, das Lisa in Rodolfos Gaststube verlor. Lisa ist beschämt und Elvino verwirrt und enttäuscht. In dem Moment taucht die schlafwandelnde Amina auf einem Dach auf und alle werden Zeuge, wie sie im Schlaf von ihrem großen Kummer und ihrer Liebe zu Elvino spricht, dem sie aber seine Ungerechtigkeiten in einem Gebet verzeiht (Scena & Aria: „Ah! se una volta sola ... Gran Dio ... Ah! Non credea mirarti“). Auf ein Zeichen von Rodolfo wecken sie das junge Mädchen und es kommt zur Versöhnung der Liebenden. Amina bricht in Freudentaumel aus (Cabaletta: „Ah! Non giunge uman pensiero“).

Instrumentation Die Orchesterbesetzung der Oper enthält die folgenden Instrumente:Friedrich Lippmann: La sonnambula. In: Pipers Enzyklopädie des Musiktheaters. Band 1: Werke. Abbatini – Donizetti. Piper, München / Zürich 1986, ISBN 3-492-02411-4, S. 247.

Holzbläser: Piccoloflöte, zwei Flöten, zwei Oboen, zwei Klarinetten, zwei Fagotte Blechbläser: vier Hörner, zwei Trompeten, drei Posaunen Pauken, Schlagzeug: Große Trommel, kleines Becken Streicher Bühnenmusik: zwei Trommeln, weitere Besetzung nicht differenziert (vier Hörner)

Musikalische Besonderheiten mini|hochkant|Vincenzo Bellini La Sonnambula war Bellinis siebente Oper und seine zweite Opera semiseria, sie gehört also demselben Genre an wie Paisiellos Nina, die Bellini bewusst als Vorbild nahm,John Rosselli: The life of Bellini, Cambridge University Press, Cambridge, 1996, S. 81 oder wie Rossinis La gazza ladra. Das im ländlichen Milieu angesiedelte Werk hat darüber hinaus Elemente der Pastorale.Überschrift und S. 17–18 in: Michael Blees: La Sonnambula - Vincenzo Bellinis Pastorale, Booklettext zur CD-Box: La Sonnambula, mit Edita Gruberova, José Bros, Roberto Scandiuzzi u. a., Chor des Bayerischen Rundfunks, Münchner Rundfunkorchester, Dir.: Marcello Viotti (Nightingale Classics, 1998)S. 26 in: Niel Rishoi: La Sonnambula - Bellini’s Masterpiece, Booklettext zur CD-Box: La Sonnambula, mit Edita Gruberove, José Bros, Roberto Scandiuzzi u. a., Chor des Bayerischen Rundfunks, Münchner Rundfunkorchester, Dir.: Marcello Viotti (Nightingale Classics, 1998)

Während die meisten Werke der Semiseria-Gattung mindestens eine komische (Neben-)Figur beinhalten, fehlt diese in La Sonnambula, und Bellini geht auch sonst ungewöhnlich ernsthaft mit dem Stoff um.S. 18 in: Michael Blees: La Sonnambula - Vincenzo Bellinis Pastorale, Booklettext zur CD-Box: La Sonnambula, mit Edita Gruberova, José Bros, Roberto Scandiuzzi u. a., Chor des Bayerischen Rundfunks, Münchner Rundfunkorchester, Dir.: Marcello Viotti (Nightingale Classics, 1998) Trotzdem ist der ganz eigene musikalische Charakter dieser Oper auf ihr „halbernstes“ Genre zurückzuführen: Der Grundcharakter der Musik ist im Vergleich zu den heroischeren, dramatischen und stellenweise monumentaleren Partituren von Bellinis Seria-Opern von auffälliger Leichtigkeit, Beschwingtheit und Idylle, was sich besonders im ersten Akt und in den pastoralen Chören äußert.

Der Gesangsstil ist bei aller scheinbar „einfachen“ Unschuld sowie der großen Gefühlstiefe und Empfindsamkeit der Melodik vor allem für die beiden Hauptfiguren Amina und Elvino relativ verspielt, auf anmutige Weise ziseliert, ohne dass dies der Innigkeit irgendwie Abbruch tun würde – im Gegenteil, der weiche, innige Charakter der Musik wird durch diese Art filigraner Verzierungen sogar gesteigert. Darüber hinaus bieten besonders Aminas Cabaletten „Sovra il sen...“ (Akt I) und „Ah! Non giunge...“ (Akt II), aber auch das Duett „Son geloso del zefiro errante“ (Akt I), inhaltlich-dramatisch motiviertes Koloraturenwerk,John Rosselli: The life of Bellini, Cambridge University Press, Cambridge, 1996, S. 86 das jedoch nie an Rossinis quasi instrumentalen und sich selbst genügenden Virtuosismus erinnert, welchen Bellini von Anfang an ablehnte und überwunden hat. Des Weiteren scheint allerdings der Hinweis angebracht, dass es zur Aufführungspraxis der Entstehungszeit (ähnlich wie im Barock) gehörte, dass die Sängerinnen und Sänger bei Wiederholungen zusätzliche Verzierungen improvisierten.S. 28–29 in: Niel Rishoi: Bel Canto Opera: A Return to the Foundations of Vocal Traditions, Booklettext zur CD-Box: La Sonnambula, mit Edita Gruberova, José Bros, Roberto Scandiuzzi u. a., Chor des Bayerischen Rundfunks, Münchner Rundfunkorchester, Dir.: Marcello Viotti (Nightingale Classics, 1998)

mini|links|hochkant|Die erste Sängerin der Amina, Giuditta Pasta, am Comer See