Als Flächenkonkurrenz wird allgemein die Konkurrenz um Fläche durch verschiedene Nutzungsformen bezeichnet, insbesondere in Bezug auf landwirtschaftliche Nutzflächen. Im Mittelpunkt der Diskussion um Nutzungskonkurrenzen steht die Konkurrenz zwischen dem Anbau von Energiepflanzen zur Erzeugung von Bioenergie und dem Anbau von Nahrungs- und Futtermittelpflanzen.

Anlass Anlass für die Diskussion über Flächenkonkurrenz war die Nahrungsmittelpreiskrise 2007–2008.

In den Jahren 2007/2008 stiegen die Weltmarktpreise für Grundnahrungsmittel sprunghaft an. Verschiedene Stimmen führten die Preissteigerung auf die erhöhte Bioenergie-Nachfrage durch Europa und die USA zurück.Homepage. In: nachhaltigkeitsrat.de, Rat für Nachhaltige Entwicklung, abgerufen am 4. Februar 2022.OECD: Growing bio-fuel demand underpinning higher agriculture prices, says joint OECD-FAO report. 7. April 2007, abgerufen am 4. Februar 2022; bezogen auf OECD-FAO: OECD-FAO Agricultural Outlook 2007–2016 (oecd.org [PDF; 779 kB]).Mitchell, Donald: A Note on Rising Food Prices. April 8, 2008. Kritiker sprachen von einer Konkurrenz zwischen „Tank“ und „Teller“ (also zwischen Biokraftstoffen und Nahrungsmitteln).Viktoria Thumann: Auf Greenpeace.de, 16. Oktober 2007.Sigrid Totz: Greenpeace, 10. März 2008.

In mehreren Ländern kam es zu Hungeraufständen. In Mexiko führten die steigenden Maispreise zu Massendemonstrationen (Tortilla-Krise). Die stark gestiegene Verwendung von Mais zur Bioethanolerzeugung in den USA galt als wichtiger Grund für den starken Anstieg des Tortilla-Preises in Mexiko.Tortilla-Krise in Mexiko. In: Heise online, 29. Januar 2007, abgerufen am 4. Februar 2022.Hildegard Stausberg: Ethanol-Durst der USA löst Tortilla-Krise aus. In: Die Welt Online. 5. Februar 2007.

Diskussion

Der Preisanstieg war durch mehrere Faktoren bedingt. Neben der erhöhten Bioenergie-Nachfrage spielten weitere Faktoren eine Rolle: das Wachstum der Weltbevölkerung, der stark ansteigende Fleischkonsum insbesondere in bevölkerungsreichen Schwellenländern wie China und Indien, eine Folge von Missernten und Dürren, die Verteuerung von Düngemitteln (infolge hoher Erdölpreise), sowie Spekulationen an den Warenterminbörsen.Meldung des Nachhaltigkeitsrates. Laut einem IFPRI-Modell war die verstärkte Produktion von Biokraftstoffen für etwa 30 % des Preisanstiegs bei Getreide (insbesondere Mais) zwischen 2000 und 2007 verantwortlich. (PDF; 143 kB). Ähnliche Zahlen legte die Weltbank vor.Silvia Liebrich: Die Weltbank und der Streit um Biosprit. In: Süddeutsche Zeitung. 4. Juli 2008. Allerdings sank laut FAO Food Price Index das Preisniveau an den Weltmärkten anschließend wieder, obwohl unverändert Bioenergie gewonnen wurde.Food and Agriculture Organization: Nominale Preisentwicklung (MS Excel; 95 kB)Food and Agriculture Organization: (MS Excel; 95 kB). Die Weltgetreidevorräte erhöhten sich 2014 wieder auf 192 Mio. t, gleich einem Drittel der globalen Jahresernte.FAO Food Outlook 2014.

Experten von Oxfam, der Welthungerhilfe und UNCTAD sahen den ausschlaggebenden Faktor in der Spekulation auf Nahrungsmittel.Oxfam Fact Sheet (PDF; 200 kB)UNCTAD (2009): The global economic crisis: systemic failures and multilateral remedies. Chapter III: Managing the financialization of commodity futures trading. S. 38. „Wir nehmen an, dass Indexfondsaktivität … eine Schlüsselrolle bei der Preisspitze von 2008 gespielt hat. Biosprit spielte auch eine gewisse Rolle, aber viel weniger, als ursprünglich gedacht“, so John Baffes in einem Arbeitspapier der Weltbank.John Baffes, Tassos Haniotis, Placing the 2006/08 Commodity Price Boom into Perspective, Policy Research Working Paper, The World Bank Development Prospects Group, July 2010, S. 20. Dem widerspricht der Wirtschaftsethiker Ingo Pies. Empirische Befunde sprächen dagegen, dass Spekulation für die Preisanstiege verantwortlich war. Vielmehr habe es eine tatsächliche realwirtschaftliche Verknappung von Nahrungsmitteln gegeben. Die wichtigsten Gründe hierfür seien das starke Wirtschaftswachstum in Schwellenländern, die Einführung milliardenschwerer Subventionsprogramme für „Biosprit“ in den USA und in der EU sowie wetterbedingte Ernteausfälle gewesen.Ingo Pies, Die zivilgesellschaftliche Kampagne gegen Finanzspekulationen mit Agrarrohstoffen, Lehrstuhl für Wirtschaftsethik an der Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg, 2012. Siehe auch Wirtschaftsethiker wirft NGO schlampige Recherche vor, Süddeutsche Zeitung vom 26. August 2012 und Die Moral der Agrar-Spekulation, FAZ 31. August 2012.

Nach Berechnungen von Michael Schmitz, Professor für Agrar- und Entwicklungspolitik an der Justus-Liebig-Universität Gießen, sind die Preisanstiege bei Nahrungsmitteln nur zu einem geringen Teil auf die erhöhte Nachfrage nach Biokraftstoffen zurückzuführen. Für eine Studie simulierte er die Auswirkungen der erhöhten Biokraftstoffproduktion auf das Preisniveau von neun Agrarprodukten in 16 Ländern bis zum Jahr 2020. Der ermittelte Preisunterschied betrug bei Weizen 2,1 %, bei Futtergetreiden 7,3 %, bei Ölsaaten 7,1 % und bei Rohzucker 21,2 %. Bei Reis war überhaupt kein Einfluss festzustellen.„Biokraftstoffe sind nicht die Sündenböcke“, VDI nachrichten, 9. März 2012. Biokraftstoffe und ihre Förderung könnten „nicht für Hunger und Armut in der Welt verantwortlich gemacht werden […] Selbst ihr Einfluss auf das Preisgeschehen am Weltmarkt ist begrenzt oder nur im Zusammenspiel mit anderen Treibern kurzfristig bedeutsam.“Institut für Agrarpolitik: Bestimmungsgründe für das Niveau und die Volatilität von Agrarrohstoffpreisen auf internationalen Märkten. Implikationen für Welternährung und Politikgestaltung (PDF; 3,4 MB), Uni Gießen, 2012.

Der UN-Sondergesandte für das Recht auf Nahrung, Jean Ziegler, bezeichnete die Herstellung von Bioethanol in einem Interview des Bayerischen Rundfunks als Verbrechen gegen die Menschheit (wörtlich: ) und hat den Anbau von Energiepflanzen als drohendes Massaker an den Menschen in Entwicklungsländern kritisiert. Gleichzeitig warnte er angesichts von rund 850 Millionen hungernden Menschen vor Unruhen und Aufständen. Der Anbau von Energiepflanzen wurde auch beim Frühjahrstreffen des Internationalen Währungsfonds als Gefahr für die Ernährung der Weltbevölkerung bezeichnet. Entwicklungshilfeministerin Heidemarie Wieczorek-Zeul erklärte am Rande der Konferenz, dass die Erhöhung des Lebensmittelpreises um einen Prozentpunkt ungefähr 16 Millionen Menschen zusätzlich der Gefahr des Hungers aussetze. Weiter forderte sie eine Aussetzung der Bioethanolbeimischung. In: BR-Online. 13. April 2008 (keine Mementos). Laut Vereinten Nationen würden jedes Jahr 1,3 Milliarden Tonnen Lebensmittel in den Müll geworfen, was rechnerisch etwa viermal so viel wie nötig wäre, um das Hungerproblem in der Welt zu lösen. Allein die in den Industrienationen weggeworfene Menge von 300 Millionen Tonnen jährlich würde reichen, um alle hungernden Menschen zu ernähren.„Lebensmittel weg zu werfen ist sinnlos“. Bericht auf Zeit Online, 22. Januar 2013.

Verschiedene Beobachter, wie der Politikwissenschaftler Wolfgang Gründinger, betonen, es sei überzogen und nicht korrekt, Biotreibstoffe für alle Fehlentwicklungen in der internationalen Landwirtschaft verantwortlich zu machen. Die primäre Flächenkonkurrenz bestehe zur Fleischproduktion: In Brasilien dienen 220 Millionen Hektar als Weideland und 23 Millionen Hektar für Sojafelder für Viehfutter. Nur auf sechs Millionen Hektar befinden sich Zuckerrohrplantagen, von denen wiederum nur die Hälfte für Bioethanol genutzt wird – und dieses Benzin fließt in die Tanks der heimischen brasilianischen Ethanolautos, und dient kaum dem Export. Allein Deutschland importiert jährlich 40 Millionen Tonnen Soja aus Übersee. Das beansprucht rund 20 Millionen Hektar Fläche – so viel wie ein Zehntel der gesamten Agrarfläche der EU. (PDF; 84 kB); Asendorf, Dirk: Unsere Gier nach Futter. Die Zeit Nr. 51/2011, S. 47f. Ohne die Koppelprodukte aus der Biokraftstoffproduktion müsste Deutschland fast 50 % mehr Soja-Futtermittel importieren. Auf den Getreidemärkten ist die EU dagegen ein Nettoexporteur auf den Weltmärkten. Für das Wirtschaftsjahr 2012/13 wird mit EU-Weizenexporten von 16 Millionen Tonnen gerechnet, gegenüber Importen von 5,5 Millionen Tonnen.Agentur für Erneuerbare Energien: Agrarmärkte 2013. Hintergrundpapier, PDF.

Nach 2011 kam es zu einer Entspannung auf den Weltagrarmärkten. Die Überschüsse etwa von Reis als bedeutendstem Nahrungsgetreide, von Grobgetreide für Tierfütterung sowie Weizen stiegen laut UN-Landwirtschaftsorganisation (FAO) deutlich an. Allein die weltweiten Bestände dieser Getreidearten, also die Vorräte in den Lägern, sollen zusammen rund 564 Millionen Tonnen erreichen. Am Ende des Wirtschaftsjahres 2012/13 waren es 497 Millionen Tonnen.Food Outlook – BIANNUAL REPORT ON GLOBAL FOOD MARKETS.

Nutzungskonkurrenz zu Tierhaltung

Verschiedene Agrarwissenschaftler betonen, die primäre Nutzungskonkurrenz bestehe momentan nicht zwischen „Teller und Tank“, sondern zwischen „Teller und Trog“. , so etwa Wilfried Bommert, Autor des Buches Kein Brot für die Welt.. Im Schnitt seien sieben pflanzliche Kalorien nötig, um eine Kalorie Fleisch zu erzeugen. Durch eine Senkung des Fleischkonsums könnten große Anbauflächen und Getreidemengen zugunsten der menschlichen Ernährung statt für die Viehmast genutzt werden. Zu beachten ist jedoch die positive Lebensmittelkonversionseffizienz von Milchkühen.

Im Amazonas beispielsweise ist der Energiepflanzenanbau (z. B. von Zuckerrohr) keine bedeutende Gefährdung der Regenwälder, sondern vielmehr der Anbau von Futtermitteln sowie Weideflächen. Laut Greenpeace gehen insgesamt 80 Prozent des Regenwaldverlustes im Amazonasgebiet auf das Konto der Tierhaltung.. Andere Quellen sehen Widersprüche in den unterschiedlichen Quellen bezüglich der konkreten abgeholzten Regenwaldflächen.Faszination Regenwald

Zudem ist die Tierhaltung allein für 18 Prozent der globalen CO2-Emissionen verantwortlich.Food and Agriculture Organisation of the United Nations (Hrsg.): Livestock’s Long Shadow – Environmental Issues and Options. Durch eine Reduktion des Fleischkonsums könnten der Klimawandel entscheidend begrenzt und die durch ihn verursachten Kosten um weltweit 20 Milliarden US-Dollar verringert werden.Elke Stehfest, Lex Bouwman, Detlef P. van Vuuren, Michel G. J. den Elzen, Bas Eickhout, Pavel Kabat: Climate benefits of changing diet. In: Climatic Change. 95, 2009, S. 83, .

Nutzungskonkurrenz zu Energiepflanzen

Insgesamt erfordert die Nutzungskonkurrenz zwischen Energie- und Nahrungspflanzen eine differenzierte Bewertung, da viele Faktoren zu berücksichtigen sind.Hintergrundpapier: Kritik an Biokraftstoffen im Faktencheck (Oktober 2013).

Laut dem von der Agentur für Erneuerbare Energien im Januar 2010 vorgelegten Potenzialatlas Erneuerbare EnergieAgentur für Erneuerbare Energien: Potenzialatlas Bioenergie 2020. PDF. wird der für Bioenergie benötigte Flächenbedarf in Deutschland von heute 1,6 Millionen Hektar auf 3,7 Millionen Hektar im Jahr 2020 ansteigen, wobei 15 % des gesamten deutschen Strom-, Wärme- und Kraftstoffbedarfs durch Bioenergie gedeckt werden kann. Die Versorgung mit Lebensmitteln sei dabei zu keinem Zeitpunkt gefährdet. , so Daniela Thrän vom Deutschen Biomasseforschungszentrum (DBFZ). vom 14. Januar 2010. In der EU werden nach Erhebungen verschiedener EU-Agrarforschungsprojekte bis 2020 mehr als 20 Millionen Hektar frei, die für Energiepflanzen verwenden werden können.Alterra/IIASA: Atlas of EU biomass potentials. .