Chasechemui (eigentlich vollständig: Hor-Chasechemui) war der Horusname eines altägyptischen Königs (Pharaos) der 2. Dynastie (Frühdynastische Zeit), der bis um 2740 v. Chr. regierte.Thomas Schneider: Lexikon der Pharaonen. Düsseldorf 2002, S. 314. Er wird gemeinhin als der letzte Herrscher dieser Dynastie angesehen.

Chasechemui ist vor allem durch seine vergleichsweise außergewöhnlich umfangreiche, archäologische Fundlage bekannt geworden. Zahlreiche Sitzstatuen von bis dato unerreichter Güte sowie hochwertige Relieffragmente sind erhalten, dazu eine Vielzahl an Kunstobjekten wie goldumrandete Steinvasen, Kupfermesser und- äxte und zahllose Tonsiegel mit wichtigen, eingedrückten Inschriften. Chasechemui ist außerdem durch seine Monumentalbauten bekannt geworden, darunter das Shunet El-Zebib zu Abydos sowie sein beeindruckendes Grab in unmittelbarer Nähe.

Zu guter Letzt erlangte Chasechemui dadurch Bekanntheit, dass er mehrere Versionen von seinem Horusnamen führte, darunter den sogenannten „Friedensname“. Es scheint, dass der Herrscher Krieg gegen eine große Streitmacht führen musste, um sein Reich zu verteidigen. Nach seinem Triumph begann in Ägypten eine Ära des Wohlstands, der politischen Stabilität und des Monumentalbaus in behauenem Stein.

Name und Identität mini|links|hochkant|„Friedensname“ des Chasechemui

Von Chasechemui sind auffällig viele Namensvarianten bekannt, von denen die meisten als Horusnamen in einem Serech geschrieben wurden: Der symbolischen Palastfassade, auf der der Horusfalke thront. Es gibt zwei Hauptversionen des Namens: „Cha-sechem“ und „Cha-sechemui“. Es wird vermutet, dass er vor einem Sieg über eine feindliche Streitmacht in Unterägypten noch den Namen „Cha-sechem“ trug, den er nach der Unterwerfung in „Hor-Chasechemui“ umänderte. Als „Hor-Chasechem“ ist er in der Tat nur in Oberägypten, in Hierakonpolis bezeugt. Die Hintergründe der Ergänzung des Horusnamens sind beispielsweise im Eintrag des 14. Jahres nach der Unterwerfung Unterägyptens dokumentiert, der die alte Vorstellung der Könige widerspiegelte, dass sie im Alten Reich noch für die Landesteile von Ober- und Unterägypten zwei getrennte Königstitulaturen führten und symbolisch durch das Vereinigungsfest bis zum Tod des Königs die Legitimation zur Oberherrschaft über das gesamte Land erhielten.

Am ungewöhnlichsten aber ist der sogenannte „Friedensname“ (Horus-Seth-Name) des Chasechemui: Chasechemui Netjeru-hetepimef („Erscheinen der beiden Mächte, die beiden Herren sind in ihm versöhnt“). Dieser Name wurde als programmatisches Epitheton im Serech dem eigentlichen Horusnamen beigefügt. Allerdings wird der Friedensname nicht, wie gewöhnlich, von einem einzelnen Horusfalken eingeleitet, sondern die Götter Horus und Seth thronen bei der verlängerten Namensversion gemeinsam auf der Palastfassade und scheinen dabei einander zu „küssen“. Diese Art der Namenspräsentation sollte Chasechemui als großen Reichseiniger feiern und ihn mit jenen Ahnenherrschern verbinden, die dereinst über ein geeintes Reich regiert hatten.

Ein weiterer Name, der Gegenstand intensiver Forschungen ist, taucht im Turiner Königspapyrus und in der Königsliste von Sakkara auf. Gemeint ist der Kartuschenname Bebeti. Ägyptologen vermuten, dass dieser Name eine Fehlinterpretation ramessidischer Schreiber war: das in „Chasechemui“ doppelt verwendete Gardiner-Zeichen S42 (Sechem-Zepter) sieht in der Hieratischen Schrift dem Gardiner-Zeichen D58 (menschliches Bein mit Fuß) zum Verwechseln ähnlich. Ähnlich dürfte es sich auch mit dem Kartuschennamen Djadjai aus der Königsliste von Abydos zugetragen haben: hier wurden die Zepter-Zeichen als Gardiner-Zeichen U28 (Feuerbohrer) fehlgedeutet.

Laut dem Ägyptologen Wolfgang Helck könnte Chasechemuis Eigenname Besch gelautet haben, da dieser Name auf mehreren Gefäßen aus Brekzie erscheint, wo er in einem Schen-Ring, dem Vorläufer zur späteren Königskartusche, erscheint. „Besh“ könnte in der Ramessidenzeit zu „Beb(t)j“ verzerrt worden sein. Andere Ägyptologen wie z. B. Walter Bryan Emery, stehen dieser Darlegung skeptisch gegenüber, da das Wort „Besch“ eigentlich „Rebell“ oder „Aufrührer“ bedeutet und sich alternativ auf von Chasechemui besiegte Fürstentümer oder libysche Fremdvölker bezieht.Walter B. Emery: Ägypten, Geschichte und Kultur der Frühzeit, 3200–2800 v. Chr. Wiesbaden 1980, S. 110.

Es ist unsicher, unter welcher gräzisierten Namensform der antike Chronist Manetho Chasechemui in seiner Königsliste führt. Manetho nennt für die zweite Hälfte der 2. Dynastie mehrere gräzisierte Namen, die Ägyptologen und Linguisten Mühe bei der Gleichsetzung mit zeitgenössischen Königsnamen bereiten. Problematisch daran ist, dass Manetho mit ziemlicher Sicherheit die Geburts-, Eigen- und/oder Goldnamen der Herrscher gräzisierte – Horusnamen kommen deshalb kaum in Frage, weil diese nicht für verstorbene Herrscher archiviert wurden. Dabei sind aber gerade die Horusnamen bei der Erfassung und Sortierung der 2. Dynastie von extremer Wichtigkeit. Allgemein wird der Name Cheneres (Χενερής) mit Chasechemui gleichgesetzt, dem Manetho eine Regierungsdauer von 30 Jahren bescheinigt. Doch nicht alle Ägyptologen folgen dieser Gleichsetzung. Patrick F. O'Mara beispielsweise mahnt zur Vorsicht und schlägt die Namen Sesôchrís (Σέσωχρις) und Chaíres (Χαίρης) vor.Patrick F. O'Mara: The Chronology of the Palermo and Turin Canons (= Palermo stone. Band 2). Paulette Publishing Company, La Canada (CA) 1980, ISBN 0-686-30247-8, S. 111.

Herkunft und Familie Über die Vaterschaft des Chasechemui kann nur spekuliert werden. Eine Verwandtschaft zu seinen Vorgängern Peribsen und Sechemib ist nach Wolfgang Helck sehr wahrscheinlich, da Peribsen und Chasechemui sich bei der Wahl ihres Bestattungsortes wieder dem Königsfriedhof von Abydos zuwendeten und augenscheinlich auch kein Zweitgrab in Sakkara besaßen. Daher wird eine gemeinsame Herkunft der beiden Herrscher Peribsen und Chasechemui aus dem abydenischen Fürstentum von Kom Ombo angenommen.Francesco Raffaele: Eine veraltete These besagt, Chasechemui sei mit Peribsen identisch gewesen. Dagegen spricht jedoch, dass beide Herrscher ihre eigenen Gräber in Abydos anlegten. Auch bauten beide jeweils eigene Talbezirke und Tempelanlagen.

Chasechemui war verheiratet mit der Königin Nimaat-Hapi, die eventuell aus Unterägypten stammte.Silke Roth: Die Königsmütter des Alten Ägypten von der Frühzeit bis zum Ende der 12. Dynastie. Wiesbaden 2001, S. 59–67. Ihr Name ist dem in Memphis verehrten Stiergott Apis (ägypt. Hepi) geweiht. Sie war mit einiger Sicherheit die Mutter der Könige Djoser und Sanacht, alternativ Djoser und Sechemchet. Es ist anzunehmen, dass Chasechemui noch weitere Söhne und auch Töchter hatte, doch sind sich die Ägyptologen über deren Identitäten uneinig.

Belege Chasechemui ist archäologisch recht gut bezeugt. Viele bekannte Objekte stammen aus Hierakonpolis. Darunter befindet sich ein Türflügel aus Granit, der sich im Tempelbezirk der Stadt fand.J. E: Quibell: Hierakonpolis. Band 1, London 1900, Tafel II. Es fanden sich drei Steingefäße mit einer identischen SiegesinschriftJ. E: Quibell: Hierakonpolis. Band 1, London 1900, Tafel XXXVI-VIII. und zwei Statuen mit weiteren Siegesinschriften auf dem Sockel.J. E: Quibell: Hierakonpolis. Band 1, London 1900, Tafel XXXIX-XL. Weiterhin gibt es das Fragment einer Stele.Walter B. Emery: Ägypten, Geschichte und Kultur der Frühzeit, 3200–2800 v. Chr. Wiesbaden 1980, S. 111, Figur 64.

Der Herrscher besaß ein monumentales Grab in Abydos, wo sich auch eine Umfriedung des Herrschers fand. Eine zweite Umfriedung des Herrschers steht heute noch in Hierakonpolis und kann dem Herrscher aufgrund von beschrifteten, steinernen Türfragmenten zugeordnet werden. Daneben erscheint sein Name auf einem Gefäßfragment aus Byblos, ein Block mit seinem Namen stammt aus Elkab. Weitere Namensinschriften des Herrschers fanden sich in einem Privatgrab in Sakkara und in den unterirdischen Grabgalerien unter der Djoser-Pyramide. Mehrere Regierungsjahre des Herrschers sind auf dem Palermostein erhalten.

Regierungszeit mini|hochkant|Steinvase mit Siegesinschrift mini|hochkant|Relieffragment mit Unterwerfungsszene

Der „Friedensname“ des Chasechemui ließ früher viele Ägyptologen annehmen, dass Chasechemui gegen seinen Vorgänger Peribsen aufgrund von dessen Hinwendung zu Seth kämpfte und ihn bezwang. Diese These wurde scheinbar durch Inschriften auf den Sockeln seiner Sitzstatuen sowie auf Steinvasen untermauert, die von großen Unruhen und Kriegen berichten. Die Sockel-Inschriften beschreiben „47.209 erschlagene Rebellen“, die Chasechemui während seiner Feldzüge getötet hatte, und bilden die Gefallenen auch figürlich ab. Heute wird diese These nicht mehr vertreten: Gegen einen Kampf zwischen Peribsen und Chasechemui spricht zum einen, dass beider Herrscher Grabanlagen in Abydos unmittelbar nebeneinander angelegt wurden und zum anderen Peribsen von Chasechemuis Vorgänger, König Sechemib, bestattet worden war, bevor Chasechemui selbst an die Macht kommen konnte.

Die bereits erwähnten Inschriften auf Statuen und Gefäßen liefern dennoch Grund zur Annahme, dass es zum Zeitpunkt der Machtergreifung Chasechemuis zu heftigen Bürgerkriegen im unterägyptischen Nildelta kam, wenn auch nur dort. Die Ägyptologen Edward Brovarski, Nicolas Grimal und Wolfgang Helck vermuten, dass die unterägyptischen Fürsten sich weigerten, Chasechemuis Pläne zur Wiedervereinigung zu akzeptieren und zu unterstützen, da sie ihre mit der vermuteten Reichsteilung unter Ninetjer gewonnene Unabhängigkeit nicht ohne Weiteres wieder aufgeben wollten. Chasechemui aber muss auf seinen politischen Plänen bestanden haben. Um seine Ziele durchzusetzen, ging Chasechemui offenbar militärisch gegen die unterägyptischen Fürsten vor und triumphierte.

Als Beweis für diese These werden besonders die Steinvasen und deren Fragmente herangezogen, die aus Hierakonpolis und Sakkara stammen und auf denen ein interessantes und wichtiges Bildprogramm festgehalten ist: zunächst ist links der Horusname Hor-Chasechem zu sehen, über welchem der Horusfalke thront und dabei die Weiße Krone Oberägyptens trägt. Es folgt nun rechts die Darstellung der Göttin Nechbet in Gestalt eines großen Gänsegeiers, der das Gardiner-Zeichen f36A („Semataui“ gelesen), das Symbol für „Wiedervereinigung der Beiden Reiche“, in einer der Klauen hält. Die Göttin scheint dem König das Wiedervereinigungssymbol zu überreichen, da sich beide Figuren (Horusfalke und Nechbet-Geier) auf Augenhöhe anblicken. Nechbet sitzt dabei auf einem großen Shen-Ring, in dem das Wort Besch eingetragen ist, das für gewöhnlich mit „Rebell“ übersetzt wird. Über der Göttin ist einer ihrer Beinamen, „Vorderste von Nechen“ (Chentet-necheb), zu sehen. Rechts dieser komplexen Darstellung folgt der Eintrag über ein militärisches Ereignis, das als „Niederschlagen des Nildelta-Volkes“ beschrieben und abschließend rechts davon mit dem Gardiner-Zeichen M4 (eine kahlgerupfte Palmrispe) für Renpet (dt. „Jahr“) abgeschlossen wird. Die gesamte Inschrift verkündet und ehrt demnach Chasechemuis erfolgreiche Zerschlagung aufrührerischer Fürstentümer.David P. Silverman, Edward Brovarski: Searching for Ancient Egypt: Art, Architecture, and Artifacts from the University of Pennsylvania Museum of Archaeology and Anthropology. Cornell University Press, Dallas 1997, ISBN 0-8014-3482-3, S. 93–94.