Die Bahnstrecke Stralsund–Sassnitz ist eine elektrifizierte Hauptbahn in Mecklenburg-Vorpommern. Sie beginnt in Stralsund, überquert auf dem Rügendamm den Strelasund und führt dann auf der Insel Rügen über Bergen auf Rügen nach Sassnitz. In Borchtitz zweigt eine Strecke zum Fährhafen Sassnitz ab.

Verlauf Die Strecke beginnt am Stralsunder Hauptbahnhof. Bereits auf dem Bahnhofsgelände zweigt die Strecke von der Bahnstrecke Angermünde–Stralsund ab und schwenkt nach Nordosten. Eine Verbindungskurve (Berliner Kurve) ermöglicht die direkte Führung von Zügen zur Insel Rügen ohne Fahrtrichtungswechsel in Stralsund. Im Bahnhof Stralsund Rügendamm zweigt die Anschlussbahn zum Hafen Stralsund ab, außerdem mündet hier der Verbindungsbogen von den Strecken aus Angermünde und Neustrelitz ein. mini|links|Strelasundbrücke Kurz dahinter führt die Strecke über die 133 Meter lange Ziegelgrabenbrücke, eine Klappbrücke, über den Ziegelgraben auf die dem Strelasund vorgelagerte Insel Dänholm. Die Ziegelgrabenbrücke liegt im Bereich des Bahnhofs Stralsund Rügendamm, für Zugfahrten wird sie durch die Ausfahrsignale nach und das Einfahrsignal von Altefähr gedeckt. Zusätzlich steht vor dem landseitigen Festüberbau eine Rangierhalttafel Ra 10. Besondere Deckungssignale sind deshalb nicht mehr erforderlich. Anschließend geht es über die 540 Meter lange Strelasundbrücke auf die Insel Rügen. Die Anlage von Ziegelgrabenbrücke, Strelasundbrücke sowie die auf dem Festland und dem Dänholm befindlichen Dammanlagen mit einer Gesamtlänge von rund 2500 Metern wird als Rügendamm zusammengefasst.

Die Strecke führt über Altefähr, Rambin, Samtens und Teschenhagen nach Bergen auf Rügen, Ausgangspunkt der Nebenbahn nach Lauterbach Mole. Von Bergen aus geht es weiter in nordöstlicher Richtung entlang der Nordküste des Kleinen Jasmunder Boddens. Bei Lietzow überquert die Bahn den 1869 aufgeschütteten Damm, der den Kleinen vom Großen Jasmunder Bodden trennt. Hinter Lietzow zweigt die Nebenbahn nach Ostseebad Binz ab, die auch von schnellfahrenden Reisezügen befahren wird.

Etwa vier Kilometer weiter zweigt bei Borchtitz in südöstlicher Richtung die Anschlussstrecke zum Fährhafen Mukran ab. Sowohl internationale Reisezüge nach Schweden, die entlang der so genannten „Königslinie“ trajektiert werden, als auch Güterzüge ins litauische Klaipėda verkehren über diesen etwa vier Kilometer langen Abschnitt bis zur Fährbrücke.

Züge in Richtung Sassnitz verkehren von Borchtitz aus weiter geradeaus. Die Strecke, welche zuvor meist nur wenige Meter über dem Meeresspiegel verlief, steigt an, passiert zunächst Sagard und erreicht kurz vor Lancken mit etwa 70 Metern über Normalhöhennull ihren höchsten Punkt. Der Endbahnhof Sassnitz (bis 1993: Saßnitz) befindet sich nördlich des Stadtkerns und ist als Kopfbahnhof angelegt. Von hier aus führte die Anschlussstrecke 6777 in einem langen Linksbogen zum Bahnhof Sassnitz Hafen, wobei sie auf einer Strecke von rund zwei Kilometern einen Höhenunterschied von knapp 35 Metern überwand. Der Bahnhof Sassnitz Hafen diente abgesehen von einem Anschluss zu einer Fischfabrik bis zur Verlagerung ausschließlich dem Fährbetrieb Richtung Trelleborg. Wegen des Platzmangels war zur Bedienung der beiden Fährbetten eine weitere Spitzkehre erforderlich.

Die Strecke ist auf gesamter Länge über Oberleitung mit Wechselstrom von 15 Kilovolt bei 16,7 Hertz elektrifiziert und mit Ausnahmen des Rügendamms zwischen Stralsund Rügendamm und Altefähr sowie zwischen der Querung der Jasmunder Bodden und Sassnitz zweigleisig ausgebaut. Die Anschlussstrecke zum Bahnhof Sassnitz Hafen wurde 1997 geschlossen und 2000 abgebaut.

Geschichte Bereits bei Eröffnung der Bahnstrecke Angermünde–Stralsund im Jahr 1863 gab es Bestrebungen, den Verkehr über Rügen hinaus in Richtung Schweden weiterzuführen. Es vergingen allerdings noch 20 Jahre, bis am 1. Juli 1883 ein erster kurzer Abschnitt zwischen den Orten Altefähr und Bergen auf Rügen eröffnet werden konnte. Über eine feste Strelasundquerung wurde nachgedacht, jedoch war keine Variante überzeugend, so dass die Preußischen Staatsbahnen für die Querung des Strelasunds ein Trajekt zwischen dem Stralsunder Hafen und Altefähr einrichteten.

mini|hochkant|links|Das Fährschiff Stralsund führte von 1890 bis 1936 den Trajektverkehr über den Strelasund durch.

Acht Jahre später, am 1. Juli 1891, wurde die Bahn von Bergen über Lietzow nach Sassnitz verlängert., abgerufen am 15. Februar 2009 Zur Aufnahme des Postschiffverkehrs zwischen Sassnitz und Trelleborg wurde die Bahn am 1. Mai 1897 vom Bahnhof Sassnitz um zwei Kilometer zum Hafen verlängert. Aus Platzgründen mussten die Gleise aus Sassnitz in Richtung Südwesten ausfädeln, so dass Züge vom und zum Hafen in Sassnitz Kopf machen müssen. Die Strecke, die einen Höhenunterschied von über 30 Metern überwindet, hat ein maximales Gefälle von 27 Promille.

Zwölf Jahre später vereinbarten das Königreich Schweden und das Deutsche Kaiserreich die Aufnahme des Eisenbahnfährverkehres zwischen Sassnitz und Trelleborg. Jede Seite ließ zwei Fährschiffe für den Betrieb bauen. Die Hafenanlagen in Sassnitz wurden entsprechend angepasst. Die Züge konnten nach einem erneuten Fahrtrichtungswechsel am Hafen über zwei Fährbrücken auf die Schiffe wechseln. Die Verbindung wurde wegen der Anwesenheit beider Monarchen bei der Eröffnung als „Königslinie“ bezeichnet. Gleichzeitig wurde ein Nachtzugpaar zwischen Berlin und Stockholm eingerichtet, das die Strecke in rund 22 Stunden zurücklegte. 1904 wurde die Strecke von der Nebenbahn zur Hauptbahn heraufgestuft; eine solche ist sie bis heute.

Durch den Trajektverkehr in Richtung Schweden nahm der Verkehr auf der Bahn weiter stetig zu, so dass die Frage nach einer festen Querung des Strelasunds erneut aufkam. 1927 wurden die ersten konkreten Vorschläge eingereicht, wobei die Varianten einer Hochbrücke sowie die eines Tunnels wegen der höheren Kosten für die Rampen ausschieden. 1931 fiel die Entscheidung zu Gunsten einer aus Dammstrecken und Brücken kombinierten Querung, dem Rügendamm. Die sowohl für den Eisenbahn- als auch für den Straßenverkehr gedachte Verbindung wurde in den Jahren 1933 bis 1936 gebaut und setzt sich aus fünf Abschnitten zusammen:

Dammstrecke Festland Ziegelgrabenbrücke (133 Meter, Klappbrücke) Dammstrecke Dänholm Rügendammbrücke (540 Meter) Dammstrecke Rügen

Die fünf Abschnitte haben eine Gesamtlänge von rund zweieinhalb Kilometern. Mit Inbetriebnahme des Rügendamms für den Eisenbahnverkehr am 5. Oktober 1936 wurde der Trajektverkehr zwischen Stralsund Hafen und Altefähr eingestellt. Die Fahrtdauer verkürzte sich so um rund eine Stunde.

Im Zweiten Weltkrieg wurden vor allem die Anlagen im Bereich Stralsund beschädigt. Am 1. Mai 1945 wurde zunächst die Ziegelgrabenbrücke, zwei Tage später die Strelasundbrücke von sich zurückziehenden Wehrmachtssoldaten gesprengt. Der Rügendamm war somit für die folgenden zwei Jahre nicht befahrbar und wurde am 15. Oktober 1947 nach Einbau von Behelfsbrücken wieder freigegeben. Der internationale Verkehr nach Schweden konnte so ebenfalls wieder aufgenommen werden. Die Behelfsbrücken bestanden bis 1961 und wurden danach vom Stahlbau Dessau ausgetauscht.

Für eine weitere Steigerung der Fährkapazitäten beschloss die DDR-Führung den Neubau eines Fährhafens im Sassnitzer Ortsteil Mukran. Zunächst nahm dieser nach seiner Fertigstellung lediglich den Güterverkehr zum Hafen Klaipėda in der Sowjetunion (heute in Litauen) auf. Die Fährschiffe für die Verbindung nach Klaipėda sollten wegen des größeren Fassungsvermögens der Wagen mit russischer Breitspur von 1520 Millimetern versehen werden, deshalb wurden in Mukran Umlade- und Umspuranlagen angelegt. Zur Anbindung des Fährhafens wurde von Borchtitz aus eine Stichstrecke angelegt. Bereits kurz hinter dem Abzweig erweitern sich die Anlagen zum Rangierbahnhof Mukran, wobei der nördliche Teil in Regel- und der südliche in Breitspur angelegt wurden. Für den Fährbetrieb stehen eine Regel- und zwei Breitspurfährbrücken zur Verfügung.

mini|hochkant|Demontage der Eisen­bahn­klappbrücke 2007 mini|hochkant|Geöffnete Ziegel­graben­brücke, die Decken­strom­schie­ne ragt über die Brücke hinaus

Zusammen mit dem Hafenbau ging auch die Elektrifizierung der Strecken Stralsund–Sassnitz und Borchtitz–Mukran einher, welche am 27. Mai 1989 abgeschlossen wurde. Für die Ziegelgrabenbrücke wurde dabei wegen der erforderlichen Öffnungsmöglichkeit anstelle der normalen Kettenwerksfahrleitung eine starre Fahrleitungsschiene angebracht, die bis 15 km/h mit angelegtem Stromabnehmer befahren werden konnte. Mit höheren Geschwindigkeiten war im Bereich der Ziegelgrabenbrücke abzubügeln. Gleichzeitig errichtete die Deutsche Reichsbahn eine Hochspannungsleitung über den Strelasund zur Versorgung des Inselnetzes bei geöffneter Ziegelgrabenbrücke.

Bereits kurze Zeit nach der Elektrifizierung begann die Deutsche Reichsbahn 1990 mit der Sanierung des Rügendamms und dem kompletten Austausch der Überbauten. Der Durchlaufträgerüberbau der Strelasundbrücke wurde in fünf Teilen zwischen dem 9. und 13. Mai 1990 in einer 84,5-stündigen Sperrpause vom Stahlbau Dessau vollständig ausgetauscht. Die neuen Überbauteile waren zuvor in Mukran vorgefertigt, mit Schubeinheiten in den Strelasund überführt und anschließend mit zwei Schwimmkränen eingebaut worden. Die Ziegelgrabenbrücke wurde zwei Jahre später saniert. In einer zweiwöchigen Sperrpause zwischen dem 6. und 22. Mai 1992 wurden alle wesentlichen Brückenelemente ausgebaut und durch neue Teile ersetzt. Der mechanische Brückenantrieb wurde durch eine Hydraulik ersetzt. Den Austausch der Brückensegmente übernahmen wie bei der Rügendammbrücke Schwimmkräne. Nach Abschluss der Arbeiten konnte die Streckenhöchstgeschwindigkeit auf dem Rügendamm, die infolge des Verschleißes auf zuletzt nur 30 km/h erlaubte, wieder auf 90 km/h angehoben werden.

Am 7. Januar 1998 wurde der Fährverkehr nach Schweden vom alten Bahnhof Sassnitz Hafen zum Fährhafen Mukran verlegt, nachdem dieser zuvor dafür erweitert worden war. Etwa drei Jahre später, am 1. Dezember 2000, wurde der Steilstreckenabschnitt Sassnitz–Sassnitz Hafen stillgelegt.

Ausblick Im dritten Gutachterentwurf des Deutschlandtakts sind Bahnsteigverlängerungen in Lietzow sowie eine Geschwindigkeitsanhebung zwischen Rügendamm und Lietzow auf 100 km/h unterstellt. Dafür sind, zum Preisstand von 2015, Investitionen von 32 Millionen Euro vorgesehen.

Infrastruktur Am 26. Juli 2013 schrieb DB Netz aus betriebswirtschaftlichen Gründen den etwa fünf Kilometer langen Streckenabschnitt vom Abzweig Borchtitz zum neuen Fährhafen Sassnitz zur Übernahme durch andere Eisenbahninfrastrukturunternehmen (EIU) aus.Bahn-Report, 5/2013, S. 39–40 Eine erneute Ausschreibung der Infrastruktur der Regelspuranlagen startete DB Netz im Sommer 2016. Die Breitspuranlagen waren bereits 2013 von der Fährhafen Sassnitz GmbH (FHS) gekauft worden.Bahn-Report, 4/2016, S. 37 Der FHS gehören inzwischen außer den Zufahrtsgleisen von der Abzweigstelle Borchtitz der Großteil der Bahnhofsinfrastruktur. Hierzu gehören:

9 km teilweise elektrifizierte Regelspurgleise zum Liegeplatz 7 (Fähranleger mit Fährbrücke), einschließlich des Endbahnhofes Sassnitz-Fährhafen mit zwei Bahnsteigen 4 km Regelspurgleise zu den Liegeplätzen 8 und 9 5 km Breitspurgleise zu den Liegeplätzen 4 und 5 (Fähranleger mit doppelstöckigen Trajektbrücken) 10 km Breitspurgleise der Verteiler- und Vorstellgleisanlagen Umschlag- und Umspuranlagen zwischen Breit- und Regelspur

Im Breitspurbereich erfolgt die Bedienung ausschließlich durch das mehrheitlich der FHS gehörende Eisenbahnverkehrsunternehmen Baltic Port Rail Mukran GmbH (BPRM).

Im Juni 2022 schrieb DB Netz AG die restlichen, noch in ihrem Besitz befindlichen Zufahrtsgleise zum Fährhafen Sassnitz-Mukran zur Abgabe an andere EIU aus. Ein Ergebnis ist noch nicht bekannt.

Zugverkehr und Fahrzeugeinsatz mini|links|Ein ICE auf der Bahnstrecke bei Lietzow