mini|Cover einer englischsprachigen Ausgabe Der Herr ist kein Hirte – Wie Religion die Welt vergiftet (engl. God Is Not Great: How Religion Poisons Everything) ist ein 2007 in den USA erschienenes religionskritisches Sachbuch des Autors und Journalisten Christopher Hitchens. Wie die Behauptung im Untertitel sagt, ist Hitchens’ zentrale These, dass alle Formen von praktizierter Religion und deren Auswirkungen jeden Bereich des menschlichen Lebens – ob in der Politik oder im Privatleben – schädlich beeinflussen.

Inhalt Hitchens vertritt die Thesen, dass Religion gewalttätig, irrational und intolerant sei, dass sie dem Rassismus, dem Tribalismus und der Bigotterie nahe stehe, sich in Unwissenheit hülle, dem Freidenkertum feindlich gegenüber stehe und sich Frauen gegenüber verächtlich und Kindern gegenüber nötigend verhalte.

Er untermauert seine Thesen mit einer Mischung aus dokumentierten geschichtlichen Fakten, kritischer Analyse religiöser Texte und persönlichen Anekdoten – besonders in letzteren überspitzt er oft das Gesagte, benutzt eine drastische Wortwahl und unterlegt es oft mit ironischem Unterton und Wortneuschöpfungen. Sein Kommentar bezieht sich hauptsächlich auf die abrahamitischen Religionen, obwohl er auch andere Religionen wie Hinduismus und Buddhismus einbezieht.

Nach Ansicht von Hitchens bleiben vier Einwände gegen den religiösen Glauben ohne Einschränkungen bestehen:Christopher Hitchens, God Is Not Great, Hachette Book Group, New York, 2007, S. 4; Der Herr ist kein Hirte, Karl Blessing Verlag, München, ISBN 978-3-89667-355-8, S. 15. Religiöser Glaube stelle die Ursprünge des Menschen und des Universums völlig falsch dar, er verbinde infolge dieses Irrtums ein Höchstmaß an Unterwürfigkeit mit einem Höchstmaß an Solipsismus, er sei sowohl Folge als auch Ursache einer gefährlichen sexuellen Repression, und er fuße letzten Endes auf Wunschdenken.

Das Buch enthält die folgenden 19 Kapitel, dazu Referenzlisten für jedes Kapitel, und ein generelles Stichwortverzeichnis.

Gelinde gesagt Engl. Putting It Mildly.

Hitchens beschreibt seine eigene Bewusstwerdung als 9-Jähriger, als er die ersten Widersprüche in den Aussagen seiner freundlichen Naturkunde- und Religionslehrerin und in denen der anderen Lehrer bemerkte. Deren zum Teil textanalytische Lehrmethoden (z. B. Bibelstellen finden) – und nicht etwa traumatische Erfahrungen mit Religion – brachten Hitchens zur rationalen Hinterfragung religiöser Aussagen.

Er weitet diesen Gedanken auf andere Menschen (Ungläubige) aus. Ob sie nie gläubig waren oder ob sie einen religiösen Glauben leicht (oder nach einem Kampf) hinter sich gelassen haben: Sie mögen unterschiedlicher Meinung sein, aber ihnen ist gemeinsam, dass sie der Irrationalität des religiösen Glaubens und dem nicht Nachvollziehbaren von Dogmen bei ihren Entscheidungen keinen Wert beimessen. Trotzdem würden sie moralisch handeln und ein ethisches Leben führen, ohne die Arroganz und ohne den dummen Stolz, zu wissen, was ein Schöpfer will oder gar denkt, oder was dieser von uns verlangt – von der Ernährung über religiöse Riten bis hin zur Sexualmoral.God Is Not Great, S. 10–11; Der Herr ist kein Hirte, u. a. S. 22 Das Ziel der Ungläubigen sei nicht das Niederbrennen von Andachtsgebäuden – dies würden die Religiösen schon selbst untereinander durchführen –, sondern in allen Bereichen des Lebens Freiheit von religiösen Verpflichtungen, Verhaltensweisen und Drohungen zu erreichen.

Religion tötet Engl. Religion Kills.

Eine Woche vor dem 11. September 2001 wurde Hitchens während einer Podiumsdiskussion mit folgender Frage konfrontiert: Wenn er (Hitchens) sich alleine und nachts in einer fremden Stadt befinden würde und sähe mehrere Männer auf sich zukommen, würde er sich sicherer oder weniger sicher fühlen, wenn er wüsste, dass diese Männer gerade aus einer Gebetsversammlung kämen? Hitchens zählte daraufhin einige „fremde Städte“ auf – Belfast, Beirut, Bombay, Belgrad, Betlehem, und Bagdad („… und das sind nur die mit dem Buchstaben ‚B’…“), die er selber bereits besucht hatte und in denen er sich in einer solchen Situation tatsächlich bedroht gefühlt hätte.God Is Not Great, S. 18; Der Herr ist kein Hirte, S. 30 Er gibt daraufhin eine detailgenaue Beschreibung der dortigen sozialen und politischen Spannungen, die er den dort praktizierten Religionen zuschreibt, „die die dortige Situation vergiften würden.“God Is Not Great, S. 27; Der Herr ist kein Hirte, S. 36, S. 38.

Auch diskutiert er die 1989 von Ayatollah Khomeini gegen seinen Freund, den Autor Salman Rushdie, ausgesprochene Fatwa, die als Reaktion auf dessen Buch Die satanischen Verse erfolgteGod Is Not Great, S. 28–30; Der Herr ist kein Hirte, S. 43–46. und er kritisiert Personen des öffentlichen Lebens, die äußerten, dass Rushdie doch daran selbst schuld sei.

Hitchens schreibt auch über die Ereignisse, die auf die Anschläge vom 11. September 2001 folgten, und wie insbesondere bedeutende religiöse Persönlichkeiten – Pat Robertson, Jerry Falwell und Billy Graham – die Situation für ihre eigenen Ziele vereinnahmt hätten.God Is Not Great, S. 32; Der Herr ist kein Hirte, S. 47.

Ein kurzer Abstecher zum Schwein …oder: Warum der Schöpfer Schinken nicht ausstehen kann.

Engl. Short Digression On The Pig or Why Heaven Hates Ham.

Hitchens diskutiert religiös-dogmatische Verbote bestimmter Nahrungsmittel am Beispiel des Schweins, in seinen Worten „porcophobia“. Ob Rind (im Hinduismus), ob Schwein (im Islam und Judentum), ob Schnecken (im Judentum): Es gebe keinen biologischen Grund, diese Tiere nicht als Nahrungsmittel anzusehen (Hitchens macht dabei für die nicht-religiösen, ethischen Varianten des Vegetarismus und des Veganismus eine Ausnahme). Trichinose sei auch kein Argument, da Fadenwurmbefall in allen Klimazonen vorkomme. Er spekuliert, dass die Ähnlichkeit des Schweins mit dem Menschen eine Kannibalismus-Angst hervorgerufen haben könnte; diese könnte in die Religion eingeflossen sein und bis heute dogmatisch beibehalten worden sein, so dass fanatische Muslime erfolgreich verlangen könnten, dass Kinderbücher und -spielzeuge (Die drei kleinen Schweinchen, Miss Piggy, Piglet von Winnie der Pu) und andere Gegenstände, die mit Schweinen zu tun haben, aus dem öffentlichen Leben entfernt werden müssten.The Sun, 1. Okt. 2005 (in Engl.)

Eine Anmerkung zur Gesundheit und ihre Gefährdung durch die Religion Engl. A Note On Health, To Which Religion May Be Hazardous.

Hitchens untermauert seine Meinung, dass das Verhältnis der Religion zur Medizin „schwierig und häufig von Feindschaft geprägt“ sei,Der Herr ist kein Hirte, S. 63 mit seiner Erfahrung als Ausschussmitglied in Bengalen, um dort die Schluckimpfung gegen Kinderlähmung vorzubereiten. Dort streuten Muslime das Gerücht, dass diese Kampagne eine Verschwörung des Westens sei, um Impotenz und Diarrhoe unter der muslimischen Bevölkerung auszulösen.God Is Not Great, S. 44–45; Der Herr ist kein Hirte, S. 60 Dasselbe Verhalten – durch eine Fatwa unterstützt – brachte die Kinderlähmung 2005 zurück nach Nigeria und wurde zusätzlich durch Pilger in bereits poliofreie Gebiete weiter verbreitet.

Die Römisch-katholische Kirche – mit der Stimme von Kardinal Alfonso López Trujillo, Präsident des Pontifikalen Rates für die Familie – ließ verlauten, dass Kondome keinen Schutz gegen AIDS bieten würden, was in Afrika den Schutz vor dieser Krankheit vermindern und auf anderen Kontinenten, z. B. Südamerika, der Verbreitung von Geschlechtskrankheiten Vorschub leisten könnte.God Is Not Great, S. 47; Der Herr ist kein Hirte, S. 61. Hitchens vertritt die Meinung, dass sowohl in katholischen wie auch in muslimischen Glaubensgemeinschaften die Meinung herrschen könne, dass AIDS eine Strafe für sexuelle Sünden sei – speziell bei homosexuellem Verhalten.God Is Not Great, S. 49; Der Herr ist kein Hirte, S. 66.

Weitere Beispiele sind die Entfernung der beschnittenen Vorhaut mit dem Mund durch konservative Rabbiner (noch heute in New York erlaubt),Der Herr ist kein Hirte, S. 67 Verweigerung von Bluttransfusionen bei Zeugen Jehovas,Der Herr ist kein Hirte, S. 68. körperliche Selbstkasteiung und Jerusalem-Syndrom, sowie Massenselbsttötungen extremer Sekten.

Das Kapitel schließt mit dem Hinweis auf die ultimative Gesundheitsbedrohung durch religiösen Glauben: Die fatalistische Akzeptanz oder sogar gewollte Herbeiführung einer prophezeiten Apokalypse in der Endzeit.God Is Not Great, S. 59–61.

Die metaphysischen Behauptungen der Religion sind falsch Engl. The Metaphysical Claims of Religion Are False.

Hitchens behauptet, dass die Zeiten lange vorbei seien, in denen der dominierende Glaube jeder Form von logischem Denken Einhalt gebieten konnte. Er vergleicht das, was ein Schulkind heute über die Welt weiß, mit dem Gemeinwissen der Welt in der Zeit von Thomas von Aquin und wie „Väter des Glaubens“ (nicht etwa „Mütter“God Is Not Great, S. 63–64; Der Herr ist kein Hirte, S. 83–85.) mit ihrem Weltunverständnis diese Welt erklärten und sich einen Limbus für ungetaufte Kinder ausdachten.God Is Not Great, S. 64; Der Herr ist kein Hirte, S. 84.

Er verwendet das Beispiel von Laplace („Je n’ai pas besoin de cette hypothèse“ [Ich benötige diese Hypothese [Gott] nicht]),God Is Not Great, S. 67; Der Herr ist kein Hirte, S. 87. um zu zeigen, dass bereits im 18. Jahrhundert die Erkenntnis vorlag, dass der Mensch keinen Gott benötige, um die Vorgänge der Himmelsmechanik zu erklären.

Er würdigt auch die Methodik des Franziskaners William von Ockham, der das Sparsamkeitsprinzip einführte, das mit dem Skalpell der Logik Unnötiges entferne, der aber dafür der Häresie beschuldigt wurde.

Ebenso fordert er, dass heute die gelegentlich ausgestreckten Hände von Religionsführern in Richtung auf aufgeklärtes Denken nicht ergriffen werden müssten, da ebendiese Religionen diesen versöhnlichen Handschlag über Jahrhunderte hinweg barbarisch verweigert hätten.God Is Not Great, S. 67; Der Herr ist kein Hirte, S. 88.

Gott als Gestalter Engl. Arguments From Design.

Nach Hitchens lehren die abrahamitischen Religionen den Menschen, sich als „elende und schuldige Sünder einem verärgerten und eifersüchtigen Gott zu Füßen (zu) werfen“. Ihr Leben sei als erbärmlich anzusehen, als „eine Zeitspanne, in der man sich auf das Jenseits oder auf die Ankunft – oder Wiederkehr – des Messias vorbereitet.“ Andererseits, so Hitchens, lehren diese Religionen, dieser Gott habe das Universum speziell für ebendieses arme Wesen geschaffen und kümmere sich persönlich um jeden Einzelnen.God Is Not Great, S. 73–74; Der Herr ist kein Hirte, S. 95–96.

Hitchens zeigt an Beispielen (Busunglück in Sri Lanka, Grubenunglück in West Virginia), wie religiöses Denken in bestimmten Situationen Muster von göttlicher Wirkung („ein Wunder“) zu erkennen glaubt. Ein göttliches, intelligentes Design – oder die Abwesenheit eines solchen – diskutiert Hitchens am (menschlichen) Ohr, dem Auge, den Eigenschaften der Erde, an der Tatsache, dass etwa 98 % aller Arten, die je auf der Erde lebten, auch wieder ausgestorben sind, und an der „Richtungslosigkeit“ der Evolution, die seit 30 Jahren an Finken auf den Galapagos-Inseln im Detail studiert wird und auch beim Menschen bestätigt werden kann (Laktose(in)toleranz).God Is Not Great, S. 77–89; Der Herr ist kein Hirte, S. 100 ff.

Die Offenbarung: Der Albtraum des »Alten« Testaments Engl. The Nightmare Of The Old Testament.