Bei den VIII. Olympischen Winterspielen 1960 in Squaw Valley fanden acht Wettbewerbe im Eisschnelllauf statt. Austragungsort war die Olympic Skating Rink. Erstmals standen Wettkämpfe für Frauen auf dem Programm. Die erste künstliche Eisschnelllaufbahn bot ideale Wettkampfbedingungen.

Bilanz Medaillenspiegel Platz Land 20px|Gold 20px|Silber 20px|Bronze Gesamt 1 6 3 3 12 2 2 1 – 3 3 1 1 – 2 4 – 1 1 2 – 1 1 2 6 – – 1 1 – – 1 1 – – 1 1

Medaillengewinner +Männer Konkurrenz Gold Silber Bronze 500 m Jewgeni Grischin Bill Disney Rafael Gratsch 1500 m Roald Aas Jewgeni Grischin – Boris Stenin 5000 m Wiktor Kossitschkin Knut Johannesen Jan Pesman 10.000 m Knut Johannesen Wiktor Kossitschkin Kjell Bäckman+Frauen Konkurrenz Gold Silber Bronze 500 m Helga Haase Natalja Dontschenko Jeanne Ashworth 1000 m Klara Gussewa Helga Haase Tamara Rylowa 1500 m Lidija Skoblikowa Elwira Seroczyńska Helena Pilejczyk 3000 m Lidija Skoblikowa Walentina Stenina Eevi Huttunen

Berichterstattung Vorschau Der Sport Zürich gab in seiner Ausgabe vom 19. Februar 1960 eine Vorschau auf die Eisschnelllauf-Bewerbe: Wenngleich ihre Läufer nicht mehr so frappant überlegen seien wie von 1954 bis 1956, so hätte die Sowjetunion immer noch durchschnittlich zwei bis drei Männer, die gleich schnell seien wie alle Skandinavier und Läufer der anderen Länder zusammen. Der Sprinterkönig sei weiterhin Grischin, der am 4. Januar in Alma-Ata seinen Weltrekord über 500 Meter (40,2 s) egalisiert habe. Die Amerikaner würden auf Bill Disney hoffen, der in einem Selektionsrennen auf der Olympiapiste 40,1 s gelaufen sei und damit Anspruch auf einen neuen Weltrekord erhebe. Die Norweger würden auf Alv Gjestvang tippen. Für vordere Plätze müssten auch die beiden Sowjetsportler Rafael Gratsch und Boris Stenin sowie der australische Außenseiter Colin Hickey im Auge behalten werden.Sport Zürich, 19. Februar 1960, S. 8.

Auch über 1500 Meter sei Grischin der hohe Favorit, obwohl er nicht mehr Weltrekordhalter und von Stenin in Davos geschlagen worden sei. Außerdem habe im Vorjahr im vorolympischen Rennen in Squaw Valley der Finne Juhani Järvinen die unwahrscheinliche Zeit von 2:06,3 min erzielt. Trotzdem sei Järvinen nicht der Favorit, da er dieses Jahr nicht auf Touren gekommen war, und er habe bei den Europa- und Weltmeisterschaften versagt. Da auch der Olympiadritte Toivo Salonen seine Form noch nicht gefunden habe, könnten die Finnen kaum auf eine Medaille hoffen. Wenngleich bei den Sowjets diesmal Juri Michailow fehle, hätten sie mit Stenin und Gennadi Woronin zwei weitere gute Eisen im Feuer. Zu rechnen sei auch mit Aas.

Über die längeren Strecken sei ein offener Kampf zu erwarten, denn das Medaillentrio über 5000 Meter von 1956 könne derzeit nicht mehr unter die absolute Weltspitze eingestuft werden. Das große Fragezeichen bilde Knut Johannesen, angesichts seiner Formkrise von Davos. Beobachter würden Waleri Kotow, einen neuen Mann, als den sicheren Sieger betrachten. Von einem guten Los könne in Squaw Valley viel abhängen, wenigstens auf den langen Distanzen mit Wettkampfbeginn morgens um acht Uhr, denn schon um elf Uhr sei die Sonnenbestrahlung derart intensiv, dass die Kältemaschinen der Eiserweichung nicht mehr Einhalt gebieten könnten. Deshalb seien Überraschungen nicht ausgeschlossen, sei es vom Norweger Torstein Seiersten, dem Schweden Ivar Nilsson, vom Holländer Pesmann oder von Kouprianoff, über deren Leistungsfähigkeit niemand eine Ahnung habe.

Über die 10.000 Meter wurde ein Nachfolger von Sigvard Ericsson gesucht. Von Nikolai Schtelbaums hätten Meldungen die Runde gemacht, dass er den Weltrekord schon zweimal inoffiziell unterboten habe. Wiktor Kossitschkin und Kotow seien weitere Medaillenanwärter, Holland zählte auf Pesman, der in Davos alleine die 17-Minute-Grenze unterboten hatte, vom gesamtdeutschen Team sei es Helmut Kühnert, der ohne die Strapazen eines Kombinationswettkampfes zu hervorragenden Leistungen fähig sei.

Hinsichtlich der neu am Programm stehenden Frauenbewerbe ging man davon aus, dass vier weitere Goldmedaillen für die Sowjetunion drinlägen, wobei sich Walentina Stenina, Klara Gussewa, Tamara Rylowa, Lidija Skoblikowa und Natalja Dontschenko die Verteilung der Medaillen unter sich vornehmen würden.

Abschlusskommentar Der Sport Zürich war am 29. Februar 1960 bezüglich der Herren der Auffassung, dass diese wie die Welt- und Europameisterschaften der letzten zwei Jahre erkennen ließen, dass die Sowjet-Vorherrschaft abgebröckelt ist. Noch verfüge die UdSSR über das stärkste Team, das Siegen werde ihm schwerer gemacht, die 4:1-Goldmedaillen-Verteilung von 1956 hat sich auf 3:2 verändert. Es sei mit Wiktor Kossitschkin nur ein neuer Klassemann herausgebracht worden, die anderen wären der Aufgabe nicht gewachsen gewesen. Von der besten Seite habe sich Norwegen gezeigt, die Schweden seien als Mannschaft wesentlich besser geworden, wenngleich sie noch keinen (neuen) Sigvard Ericsson hätten. Holland habe mit Pesman einen guten Nachwuchsmann, die USA würden über gute Sprinter verfügen. Die Finnen hätten enttäuscht, vor allem sei Ex-Weltmeister Järvinen diese Saison einfach nicht in Fahrt gekommen. Die große Neuentdeckung der Saison sei der Franzose Kouprianoff; seine Stärke sei die Vielseitigkeit, weshalb ihm weniger Olympiamedaillen als solche im Vierdistanzen-Total bei Europa- und Weltmeisterschaften winken würden, was auch auf Helmut Kuhnert zutreffe.Sport Zürich, 29. Februar 1960, S. 3.

Die neu eingeführten Damenbewerbe hätten erwartungsgemäß vor allem der Sowjetunion geholfen, doch hätten die Medaillengewinne durch andere Läuferinnen von Fortschritten des Eisschnelllaufs außerhalb der UdSSR gezeugt. Mit der Einführung der Frauenkonkurrenzen sei ein neuer Markstein gesetzt, alle Befürchtungen seien zunichtegemacht worden. Vor allem hätten die sowjetischen Läuferinnen keinesfalls einen Sonderbewerb für sich allein absolviert, sie hätten nicht ausschließlich die Hauptrollen gespielt. Neue Nationen und Namen hätten sich ins Blickfeld geschoben. Dass täglich zwischen 4.000 und 10.000 Zuschauer das Oval umstanden haben, hätte gezeigt, dass das Interesse weit größer als erwartet war. Vielleicht würde sich eine neue Entwicklung im amerikanischen Eisschnelllaufen anbahnen, man werde auch mit den Japanerinnen und jungen mitteldeutschen Läuferinnen rechnen müssen.

Männer 500 m Platz Land Sportler Zeit (s) 1 Jewgeni Grischin 40,2 2 Bill Disney 40,3 3 Rafael Gratsch 40,4 4 Hans Wilhelmsson 40,5 5 Gennadi Woronin 40,7 6 Alv Gjestvang 40,8 7 Terry McDermott 40,9 Toivo Salonen 9 Fumio Nagakubo 41,1 10 Henk van der Grift 41,2 Juri Malyschew Eddie Rudolph 20 Helmut Kuhnert 42,3 Herbert Söllner Günter Tilch 24 Manfred Schüler 42,5 29 Franz Offenberger 43,0 40 Hermann Strutz 44,4 Datum: 24. Februar 1960, 09:00 bis 11:00 Uhr«Das Programm der Winterspiele». In: Sport Zürich, 17. Februar 1960, S. 3. 46 Teilnehamer aus 15 Ländern, davon 44 in der Wertung.

Am sonnenbeschienenen, beste Eisverhältnisse aufweisenden 400-m-Oval hätte es beinahe einen neuen Weltrekord gegeben, doch setzte Grischin in der letzten Kurve schlecht auf, rutschte mit einem Fuß etwas ab, was ihn zwei Zehntelsekunden gekostet haben dürfte. Es wurden fünf neue nationale Rekorde aufgestellt. Die Entscheidung fiel im 15. Paar, gleich danach gab es beim Lauf von Gratsch nochmals Spannung, die weiteren konnten die 41-Sekunden-Marke nicht unterbieten. Grischin hatte einen Vorteil, dass er auf der Außenbahn beginnen konnte. Er und Disney waren die ersten 100 Meter in 10,0 s gestoppt worden, danach begann der US-Läufer aber stark mit den Armen zu rudern, während Grischins Stil, bis auf den Ausrutscher, immer sauber blieb.«Jewgeni Grischin wieder Olympiasieger im 500-m-Eisschnelllaufen». In: Sport Zürich, 26. Februar 1960, S. 2. Auf Grischins Bitte hin wurde noch vor Ende der Spiele ein weiterer 500-m-Lauf organisiert, bei dem er mit 39,6 Sekunden eine Fabelzeit erzielte, die jedoch nicht als Weltrekord anerkannt wurde. Laut UPI-Meldung war er in einem Trainingslauf am Morgen des 16. Februar eine Zeit von 40,0 s gelaufen, die jedoch nicht als Weltrekord anerkannt wurde.«Grischin lief über 500 m Traumzeit». In: Sport Zürich, 19. Februar 1960, S. 12.

Es wurde auch von Unmut bei den US-Läufern berichtet, die sich im Vergleich zu den Vorbereitungen bei den Sowjetläufern weit hintenaus sahen und sich nicht optimal betreut fanden. Wörtlich hieß es, „sie hätten von den Sowjetdelegierten mehr an Trainingsratschlägen als von den eigenen Leuten erhalten“ und „die Trainer hätten ihnen zwar gesagt, wann sie nicht trainieren dürfen, aber für günstige Trainingsstunden nicht gesorgt“. Letztlich „wären den Läuferinnen Schlafunterkünfte neben einer lärmigen Bar zugewiesen worden, während sich die Funktionäre die ruhigsten Räume ausgesucht hätten.“«Krach bei den amerikanischen Eisschnellläufern». In: Sport Zürich, 26. Februar 1960, S. 3.

1500 m Platz Land Sportler Zeit (min) 1 Roald Aas 2:10,4 Jewgeni Grischin 3 Boris Stenin 2:11,5 4 Jouko Jokinen 2:12,0 5 Per-Olof Brogren 2:13,1 Juhani Järvinen 7 Toivo Salonen 2:13,1 8 André Kouprianoff 2:13,3 9 Helmut Kuhnert 2:13,6 10 Raymond Gilloz 2:14,2 18 Manfred Schüler 2:13,6 24 Hermann Strutz 2:19,4 31 Harald Norden 2:22,1 38 Günter Tilch 2:24,8 Datum: 26. Februar 1960, 09:00 bis 11:00 Uhr 48 Teilnehmer aus 16 Ländern, davon 45 in der Wertung.

Wie 1956 gab es erneut einen ex-aequo-Sieg. Der Weltrekord stand nicht in Gefahr, denn es blies ein hindernder Querwind von rund 40 km/h, sodass die Vorteile des sehr guten Eises nicht zur Geltung kamen. Manfred Schüler im zweiten Paar war der erste Läufer unter 2:20, seine 2:18,3 wurden von Olle Dahlberg im vierten Paar egalisiert und von Juoko Jokinen im nächsten Paar unterboten. Der aktuelle Vierkampf-Weltmeister von Davos, Stenin, war mit 2:11,5 in eine neue Kategorie vorgedrungen, es folgte aber das Paar Järvinen/Aas; bis zur 700-m-Marke waren sie noch auf selber Höhe, doch plötzlich löste sich der Norweger und sprintete trotz Gegenwinds davon und erreichte neuen Landesrekord. Grischin, mit dem Australier Hickey in einem Paar, sprintete schon vom Start weg, war nach 300 Metern um eine Sekunde schneller als Aas, schien nach 1000 Metern einen neuen Weltrekord entgegenzusteuern, doch in der Schlussrunde traf ihn der Gegenwind voll und er wurde sichtlich langsamer. Einen neuen nationalen Rekord lief auch Kouprianoff.«Der Russe Grischin und der Norweger Aas teilen sich in den ersten Platz im 1500-Meter-Eisschnelllaufen». In: Sport Zürich, 27. Februar 1960, S. 3.

5000 m Platz Land Sportler Zeit (min) 1 Wiktor Kossitschkin 7:51,3 2 Knut Johannesen 8:00,8 3 Jan Pesman 8:05,1 4 Torstein Seiersten 8:05,3 5 Waleri Kotow 8:05,4 6 Oleg Gontscharenko 8:05,6 7 Ivar Nilsson 8:09,1 Keijo Tapiovaara 9 André Kouprianoff 8:10,4 10 Raymond Gilloz 8:11,5 18 Hermann Strutz 8:21,9 22 Helmut Kuhnert 8:25,1 29 Franz Offenberger 8:38,2 32 Sepp Biebl 8:48,0 36 Heinz Wolfram 9:18,2 Datum: 25. Februar 1960, 09:00 bis 13:00 Uhr 37 Teilnehmer aus 15 Ländern, alle in der Wertung.