The American Dream (Der Amerikanische Traum) ist eine 1959 und 1960 verfasste Komödie in einem Akt von Edward Albee. Das Stück wurde am 24. Januar 1961 im York Playhouse in New York uraufgeführt. Die deutschsprachige Erstaufführung in der Übersetzung von Pinkas Braun fand am 7. Oktober 1961 am Schillertheater in Berlin statt. Martin Esslin bezeichnet es als ein brillantes Beispiel für den amerikanischen Beitrag zum Absurden Theater.Martin Esslin: The Theatre of the Absurd. New York: Penguin Books, 1991. Esslins Zurechnung des Stückes zum Absurden Theater ist in der literaturwissenschaftlichen Diskussion allerdings teilweise relativiert worden, da eine solche Zuordnung trotz der vorhandenen Berührungspunkte die grundlegenden Unterschiede zwischen Albees Werk und der europäischen Konzeption von Absurdität verkenne. Vgl. C. W. E. Bigsby: Edward Albees Dramen. In: Gerhard Hoffmann (Hrsg.): Amerikanische Literatur des 20. Jahrhunderts - Lyrik und Drama. Fischer Taschenbuchverlag, Frankfurt a. M. 1972, ISBN 3-436-01471-0, S. 288–308, hier S. 296 f.
Personen Mommy ist eine rechthaberische Person, die Grandma herablassend behandelt und Daddy infantilisiert. Sie ist ebenso federführend bei der Verstümmelung des adoptierten Kindes. Daddy ist unselbständig und wird oft von Mommy zurechtgewiesen. Grandma kommentiert auf sarkastische Weise das Stück und tritt am Ende aus der Handlung heraus, um zu verkünden, dass das Theaterstück doch besser an dieser Stelle enden solle. Sie ist Mommys Antagonistin. Mrs. Barker ist die Verkörperung der American Society Lady. Sie ist sehr oberflächlich und versucht, den Anschein zu erwecken, sie übernehme soziale Verantwortung. The Young Man steht symbolisch für den Amerikanischen Traum. Er hat keine Gefühle und ist oberflächlich, sieht jedoch gut aus. Er ist bereit, alles für Geld zu tun.
Handlung Mommy und Daddy sitzen im Wohnzimmer. Sie unterhalten sich über triviale Dinge wie den Kauf eines Hutes. Grandma, den ganzen Arm voller gut verpackter Schachteln, betritt die Szene. Sie beklagt sich darüber, wie über alte Leute geredet wird, und meint, dass alte Menschen daran zu Grunde gingen. Mommy und Grandma streiten sich, wobei Daddy versucht, die Situation zu entschärfen.
In diesem Moment klingelt es an der Tür und Daddy öffnet Mrs. Barker die Tür. Es stellt sich heraus, dass Mrs. Barker an Mommy und Daddy vor Jahren ein Kind zur Adoption vermittelt hatte. Da das Kind nicht den Erwartungen der neuen Eltern entsprach, wurde es von Mommy verstümmelt, indem ihm z. B. die Augen ausgestochen und der Penis abgeschnitten wurde, bis es schließlich starb. Mrs. Barker zeigt viel Verständnis für den ganzen Ärger, den die beiden aufgrund des Babys hatten.
Als schließlich der Young Man an der Tür klingelt, bittet Grandma ihn herein. Das Stück endet damit, dass der Young Man bei Mommy und Daddy bleibt und Grandma mit ihren Paketen die Wohnung verlässt.
Interpretationsansatz The American Dream weist eine exakte Dramaturgie mit einer spannungsreichen Fabel auf. Anders als Beckett, der den Leerlauf der Menschen darstellt, indem er die Bühnenfiguren im metaphorischen wie auch eigentlichen Sinn auf der Stelle treten lässt, versucht Albee in den gedrängten Szenen dieses Einakters die Stagnation in vielschichtigerer Form zum Ausdruck zu bringen. Die dabei entstehende Paradoxie zwischen der Handlungsdynamik einerseits und der inneren Unbeweglichkeit der Figuren andererseits begründet zugleich die Affinität dieses Schauspiels zur Komödie. Aus ebendiesem Grund bezeichnete Albee sein Werk auch als Komödie.Vgl. Helmut M. Braem: Der amerikanische Traum. In: Helmut M. Braem: Edward Albee, Friedrichs Dramatiker des Welttheaters, Band 63, Friedrich Verlag, Velber 1968, ohne ISBN, S. 64.
Mommy, Daddy und Grandma waschen in The American Dream bildhaft gesprochen die „schmutzige Wäsche“ einer wohlanständigen bürgerlichen [amerikanischen] Familie. Das farcenhafte Bühnengeschehen verdeutlicht, dass die hier vorgeführte Ehe und Familie einzig als Farce einer Institution besteht, in der sich jegliches Für- oder Miteinander in ein Gegeneinander verwandelt hat.
Das in ein Normenkorsett eingepferchte Leben der Figuren ist so schal und kraftlos, dass die Figuren in vielerlei Hinsicht sprechenden Puppen gleichen, die nahezu vollendet Menschen imitieren. Dies gilt nicht nur für Mommy and Daddy, sondern ebenso für die hinzukommende Mrs. Barker, deren Ankunft eingangs nicht unmittelbar erwartet wurde, von der das Ehepaar sich jedoch offensichtlich erhofft, dass diese Ordnung in ihr Heim bringen könnte.
Am Ende des Stückes stellt Frau Barker denn auch etwas Ordnung her, allerdings in einem sich zunehmend zur Satire entwickelnden surrealistischen Handlungs- und Dialogverlauf, indem sie in dem Paar die Illusion erweckt, sie habe einen neuen Adoptivsohn vermittelt, der das Glück von Mammi und Pappi scheinbar wiederherstellt.Vgl. Helmut M. Braem: Der amerikanische Traum. In: Helmut M. Braem: Edward Albee, Friedrichs Dramatiker des Welttheaters, Band 63, Friedrich Verlag, Velber 1968, ohne ISBN, S. 66 f. Siehe auch Ronald Hayman: The Sandbox and the American Dream. In: Ronald Hayman: Contemporary Playwrights - Edward Albee. Heinemann Verlag, London 1971, ISBN 0-435-18409-1, S. 25 ff.
Auffällig an Mrs. Barkers Verhalten ist ihre häufige Verwendung von stereotypen Floskeln wie „Ich bin so frei“, die ihre eigene Sprache ersetzen. Bereits nach wenigen Minuten zieht sie ihr Kleid aus, um es sich im Unterrock bequem zu machen. Ihr angeblicher Kontaktreichtum erweist sich allerdings als tatsächliche Kontaktarmut. Als Vorsitzende eines Frauenclubs kompensiert sie mit ihrer Arbeit ihren Mangel an Weiblichkeit bzw. Frausein. So spricht sie von dem Frausein als ihrem „Beruf“, wenn nicht gar ihrer „Berufung“. Für sie ist nicht das Führen einer Ehe bedeutsam, sondern einzig das Statussymbol des Verheiratetseins. Darüber hinaus ist für sie Ehrgeiz der höchste gesellschaftliche Wert sowie die wichtigste bzw. beste aller individuellen Eigenschaften.Vgl. Helmut M. Braem: Der amerikanische Traum. In: Helmut M. Braem: Edward Albee, Friedrichs Dramatiker des Welttheaters, Band 63, Friedrich Verlag, Velber 1968, ohne ISBN, S. 66 f. Siehe auch Ronald Hayman: The Sandbox and the American Dream. In: Ronald Hayman: Contemporary Playwrights - Edward Albee. Heinemann Verlag, London 1971, ISBN 0-435-18409-1, S. 23 ff.
Das von ihr angeführte Beispiel ihres Bruders, der ihren Angaben zufolge eine Zeitung leitet, versinnbildlicht allerdings eine Aktivität um jeden Preis, die zudem mit Vitalität assoziiert wird, sich jedoch selbst in komischer Form ad absurdum führt.
Diese Vitalität ist ihrerseits wiederum ein Idol, dem insbesondere die Menschen im mittleren Alter nacheifern; ältere Menschen werden daher negiert oder geben sich selbst als jugendlich aus. So erklärt Mommy, sie sei stolz auf ihr mittleres Alter, woraufhin Grandma ihr entgegnet, das Durchschnittliche sei kein Vorzug; Leute im mittleren Alter würden glauben, etwas Besonderes zu sein, weil sie wie alle anderen seien. Dies bedeute indes nur, in einem „Zeitalter der Begriffsverwirrung“ zu leben.Vgl. Helmut M. Braem: Der amerikanische Traum. In: Helmut M. Braem: Edward Albee, Friedrichs Dramatiker des Welttheaters, Band 63, Friedrich Verlag, Velber 1968, ohne ISBN, S. 66 f. Siehe auch Ronald Hayman: The Sandbox and the American Dream. In: Ronald Hayman: Contemporary Playwrights - Edward Albee. Heinemann Verlag, London 1971, ISBN 0-435-18409-1, S. 25 f.
Ungeachtet der realistischen Szene steigert sich die Dialogführung mehr und mehr ins Absurde, als Grandma Frau Barker den Grund erläutert, warum Mommy und Daddy sie hergebeten haben könnten. Mrs. Barker, die seit längerem für die Adoptionsvermittlung „Sonnenschein“ tätig ist, hatte einst dem Paar einen Säugling anvertraut. Da dieses Kind seinen Zieheltern jedoch nicht ähnlich sah, schrie es sich „das Herz aus dem Leibe“. Da es nur Augen für Daddy hatte, wurden dem Kind die Augen ausgekratzt; weil es sich schließlich für seine Genitalien zu interessieren begann, wurden ihm nach der Entfernung des Penis außerdem die Hände abgehackt. Darüber hinaus wurde ihm die Zunge herausgerissen, da es Mommy beschimpfte. Als das Kind älter wurde, hatte es „keinen Kopf, kein Mark in den Knochen, kein Rückgrat“ und verstarb, um derart „das Maß voll zu machen“. Die „ganze Mühe und das viele Geld“ der Eltern konnten daran nichts ändern: „alles umsonst“. Großmutter vermutet deshalb, dass Mammi und Pappi wohl ihr Geld von der Kindesvermittlerin Mrs. Barker zurückverlangen würden.
Diese Schilderung der „brutalen Demontage eines Menschen“, zu der Brecht Anregungen geliefert haben könnte, stellt Albees Parabel bzw. Gleichnis von der grausamen Vernichtung alles Natürlichen bzw. Ungebundenen und Freien dar. Das Kind als Symbol der Unschuld wird zerstört, weil es dem Paar fremd vorkam und nicht dessen Symbolen ähnelte. So wurde das Vollkommene zerstückelt und zerschnippelt: jener Traum vom vollendeten Menschen, der als wesentlicher Teil des American Dream seit Jahrhunderten zu Amerika gehört. Albee selber erklärte in einer Anmerkung zur deutschen Uraufführung dieses Einakteres, das Zerfleischen des Kindes stehe für die „Selbstzerstörung“ der Gesellschaft.Vgl. Helmut M. Braem: Der amerikanische Traum. In: Helmut M. Braem: Edward Albee, Friedrichs Dramatiker des Welttheaters, Band 63, Friedrich Verlag, Velber 1968, ohne ISBN, S. 67 f.
Diese Zerstörung hat bereits vor dem Eintreffen eines Arbeitssuchenden stattgefunden, dem Albee den auffallend banalen Rollentitel „Young Man“ zuweist. Das ausgeprägt gute Aussehen des Jungen Mannes und seine harten Muskeln sind für Grandma der Anlass, seine Reklameschönheit zu bewundern. Sein hübsches Aussehen ebenso wie sein offenes und sauberes, zugleich jedoch infantiles und hinterwäldlerisches Auftreten bewegen die Großmutter im Weiteren dazu, ihn als die Verkörperung des American Dream zu begreifen: „Offen, sauber, Typ Bauernjunge aus‘m mittleren Westen ... fast aufreizend hübsch ... auf typisch amerikanische Weise. Gutes Profil, Stubsnase, ehrliche Augen, bezauberndes Lächeln ... Junge, weißt du, was du bist? Du bist der Amerikanische Traum, das bist Du!“Vgl. Helmut M. Braem: Der amerikanische Traum. In: Helmut M. Braem: Edward Albee, Friedrichs Dramatiker des Welttheaters, Band 63, Friedrich Verlag, Velber 1968, ohne ISBN, S. 68. Das Textzitat in der dt. Übersetzung ist dieser Quelle entnommen.
Mit dieser Bemerkung der Großmutter fällt das entscheidende Stichwort im Stück, das Albees Theaterspiel zugleich seinen Titel gibt. Der Junge Mann erläutert offen, er sei bereit, „alles fürs Geld“ zu tun. Auf Großmutters Nachfragen hin erklärt er, außer seinem Körper und seinem Gesicht habe er „überhaupt keine besonderen Gaben“. Seine Mutter sei bei seiner Geburt gestorben, seinen Vater habe er nie gekannt.
Die Elternlosigkeit des Jungen Mannes betont zugleich seine symbolische Bedeutung als amerikanischer Archetypus; eines der bedeutendsten Merkmale des „American Adam“ (R. W. B. Lewis) ist es, dass er in seiner Unschuld eben versuchen muss, ohne Erfahrungen – und das heißt auch ohne Eltern – zu existieren.