mini|Anglo-Iranian Oil Company, 1950 Die Abadan-Krise, benannt nach der Stadt Abadan, begann im März 1951 als Auseinandersetzung um die iranischen Bodenschätze durch Verstaatlichung der in britischer Hand befindlichen Anglo-Iranian Oil Company (AIOC).Wolfgang von Keitz (Hrsg.): Mossadegh und die Verstaatlichung der iranischen Ölindustrie - Band 1. Berlin 2025, ISBN 978-3565041046 Die Krise dauerte bis Oktober 1954, als das iranische Parlament dem mit Briten und Amerikanern ausgehandelten Konsortialvertrag mit einer Laufzeit von 25 Jahren seine Zustimmung erteilte. Die Abadan-Krise führte zum ersten Exil des Schahs Mohammad Reza Pahlavi, zum Sturz des iranischen Premierministers Mohammad Mossadegh und zu einer völligen Neuausrichtung der iranischen Politik. Das Ende der Laufzeit dieses sowohl für die westlichen Ölkonzerne wie für Iran so wichtigen Vertrages fiel mit dem Ende der Regentschaft von Schah Mohammad Reza Pahlavi im Jahre 1979 zusammen.
Vorgeschichte Abadan ist eine Stadt am persischen Golf, in der im Jahre 1908 Öl entdeckt wurde. Innerhalb von 40 Jahren entwickelte sich die Raffinerie von Abadan zur größten Raffinerie der Welt. Die Raffinerie wie alle anderen Ölanlagen in diesem Teil Irans wurden von der AIOC auf der Grundlage eines 1933 zwischen der AIOC und Iran geschlossenen Abkommens betrieben. Nach diesem für eine Dauer von 60 Jahren geltenden Abkommen standen Iran ca. 8 % des Nettoerlöses aus dem Verkauf des Rohöls zu, unabhängig von weiteren Erlösen aus der Raffinerie und dem Verkauf von Ölfertigprodukten.Afkhami: The Life and Times of the Shah. 2009, S. 118. Die AIOC erzielte im Jahre 1947 einen Nettoerlös von £40 Mio., wovon an Iran £7 Mio. abgeführt wurden, was einer Quote von lediglich 18 % entspricht.Kinzer: All the Shah’s Men. 2003, S. 67. Für Großbritannien waren diese Einnahmen besonders wichtig, weil Erdöl in US-Dollar gehandelt wurde und dadurch ein erheblicher Devisenzufluss bestand.
Während des Zweiten Weltkriegs und der folgenden Irankrise war an eine Revision dieses Abkommens nicht zu denken. Iran war bis ins Jahr 1946 von alliierten Truppen besetzt und gewann erst 1947 seine internationale Handlungsfähigkeit wieder. Nach dem Vorbild Venezuelas, das 1942 alle Ölkonzessionen revidiert und eine 50-%-Beteiligung am Nettoerlös durchgesetzt hatte, wollte die iranische Regierung eine vergleichbare Lösung erzielen. Im Februar 1949 begannen die Verhandlungen zwischen der AIOC und dem Finanzminister Golshaiyan, mit dem Ziel, das Abkommen aus dem Jahr 1933 entsprechend zu revidieren.Afkhami: The Life and Times of the Shah. 2009, S. 115.
miniatur|Schah Mohammad Reza Pahlavi empfängt Mohammad Mossadegh
Die Verhandlungen führten zu keiner Einigung, so dass im Jahre 1950 vom neu gewählten Parlament eine neue Kommission eingesetzt wurde, die sich mit der Frage der Ölkonzessionen befassen sollte. Der Vorsitzende dieser Kommission war zunächst Allahyar Saleh, später Mohammad Mossadegh. Im Jahr 1950 verhandelte die Arabian-American Oil Company (ARAMCO) mit den Saudis über ein neues Abkommen, das eine 50/50-Aufteilung der Nettoöleinnahmen vorsah. Für die iranische Regierung, das Parlament und den Schah war es selbstverständlich, dass mit der AIOC eine vergleichbare Regelung erzielt werden sollte. Sollte die AIOC diesen Forderungen nicht zustimmen, sollte die Ölindustrie verstaatlicht werden. Die Verhandlungen des Premierministers Razmara mit der AIOC konnten nicht zu Ende geführt werden, da er am 7. März 1951 durch ein Mitglied der Fedajin-e Islam, Khalil Tahmasbi, erschossen wurde. Ajatollah Kaschani erklärte den Mörder Razmaras zu einem „Retter des iranischen Volkes“ und forderte dessen umgehende Entlassung aus dem Gefängnis. Am Tag darauf wurde von der Ölkommission des Parlaments die Verstaatlichung der Ölindustrie beschlossen.Afkhami: The Life and Times of the Shah. 2009, S. 116 f.
Der Streit um die Verstaatlichung der Ölindustrie wurde in Iran als politische Grundsatzdiskussion geführt. Für die kommunistische Tudeh-Partei war die Verstaatlichung ein wichtiger Schritt in Richtung eines sozialistischen Iran. Für Mohammad Mossadegh und seine Partei der Nationalen Front ging es eher um politische Souveränität und nationale Ehre. Die islamische Rechte verfolgte eine Politik gegen die Verwestlichung (gharbsadegi) Irans, Razmara hob eher auf die technische Machbarkeit ab. Er wies darauf hin, dass das Öl wie alle Bodenschätze aufgrund eines Verfassungsartikels bereits dem iranischen Staat gehörten, dass es also letztlich nur um die Verstaatlichung der Raffinerien und Anlagen der Ölindustrie ginge. Razmara erklärte vor dem Parlament: „Ich möchte hier ganz deutlich sagen, dass Iran gegenwärtig nicht über die industriellen Möglichkeiten verfügt, das Öl aus der Erde zu holen und es auf dem Weltmarkt zu verkaufen […] Meine Herren, Sie können doch mit den Ihnen zur Verfügung stehenden Mitarbeitern nicht einmal eine Zementfabrik managen. […] Ich sage dies in aller Deutlichkeit, wer das Vermögen und die Ressourcen unseres Landes in Gefahr bringt, begeht Verrat an unserem Volk.“ Mossadegh entgegnete: „Ich meine, die Iraner empfinden nur Hass gegenüber dem, was der Premierminister gesagt hat, und halten eine Regierung für illegitim, die sich auf solch eine sklavenhafte Erniedrigung einlassen. Es führt kein Weg an der Verstaatlichung des Öls vorbei.“Rahim Zehtab Fard: Afsane-ye Mosaddeq. (Der Mythos Mosaddeg). Nashr-e Elmi, Tehran 1376 (1997), ISBN 964-5989-66-3, S. 230.
Ob Razmara die Verhandlungen mit der AIOC hätte erfolgreich abschließen können, bleibt unklar. Sein gewaltsamer Tod setzte den Verhandlungen zunächst ein Ende. Eine Woche nach der Ermordung Razmaras verabschiedete das Parlament am 15. März 1951 das Gesetz zur Verstaatlichung der Ölindustrie und beauftragte die parlamentarische Ölkommission, die Ausführungsbestimmungen auszuarbeiten. Der Senat stimmte dem Gesetz am 20. März 1951 zu, der Schah unterzeichnete es noch am selben Tag und setzte es damit in Kraft. Hossein Ala, der neue Premierminister, sollte die anstehenden Verhandlungen mit den Briten führen. Am 26. April legte Mossadegh der parlamentarischen Ölkommission einen 9-Punkte-Plan als Ausführungsbestimmungen des Verstaatlichungsgesetzes vor, ohne Ala zu konsultieren, worauf dieser seinen Rücktritt einreichte. Am 29. April 1951 ernannte der Schah Mossadegh zum neuen Premierminister. Inzwischen hatte das Parlament seinen 9-Punkte-Plan angenommen. Am 30. April wurde der 9-Punkte-Plan vom Senat bestätigt und am 1. Mai 1951 mit der Unterschrift des Schahs in Kraft gesetzt.
Auf der Grundlage des Verstaatlichungsgesetzes nahm im Juni 1951 die National Iranian Oil Company (NIOC) ihre Arbeit auf. Drei Mitglieder des provisorischen Vorstands der NIOC fuhren am 9. Juni nach Abadan und hissten am 10. Juni 1951 die iranische Flagge auf der Hauptverwaltung der Raffinerie. Sie boten den 4.500 britischen Mitarbeitern der AIOC eine Weiterbeschäftigung bei der NIOC an. Diese lehnten geschlossen ab und verließen das Land. Zu diesem Zeitpunkt waren ca. 61.500 Mitarbeiter bei der AIOC beschäftigt. Die Ölförderung war nach der Abreise der britischen Mitarbeiter zunächst unterbrochen worden. Die Briten riefen den UN-Sicherheitsrat in New York als Schlichtungsstelle an. Mossadegh fuhr im Oktober 1951 nach New York zum UN-Sicherheitsrat und vor den internationalen Gerichtshof in Den Haag. Die Sitzung in New York brachte aber keine Entscheidung. Die Auseinandersetzung um die Verstaatlichung der Ölindustrie entwickelte sich zur Abadan-Krise.
Die Vermittlungsbemühungen der USA Die USA unterhielten seit dem Zweiten Weltkrieg freundschaftliche Beziehungen zu Iran. Im Rahmen des von Präsident Harry S. Truman initiierten Point-IV-Programmes, einer Art Marshall-Plan für den Nahen Osten, hatten sie Iran finanzielle und personelle Aufbauhilfe zukommen lassen. Zugleich war die USA an der finanziellen Stabilisierung Großbritanniens durch die Deviseneinnahmen aus dem Ölgeschäft interessiert. Mossadegh reiste nach Washington, um sich mit Präsident Truman zu besprechen. Die Regierung in Washington schlug die Internationale Bank für Wiederaufbau und Entwicklung (IBRD) als vermittelnde Institution vor. Die Bank könne das Management der Ölverkäufe für eine begrenzte Zeit übernehmen und Iran ein Darlehen zur Finanzierung der Wiederaufnahme der Ölförderung anbieten, rückzahlbar aus den zu erwartenden Öleinnahmen. Dies hätte den Vorteil, dass Iran wieder Einnahmen aus dem Ölgeschäft erzielen könnte, bis der Disput durch weitere Verhandlungen endgültig beigelegt werden könnte. Mossadegh stimmte diesem Vorschlag zu. Die Briten zögerten.Afkhami: The Life and Times of the Shah. 2009, S. 130. Im September 1951 beorderte Truman W. Averell Harriman als Sondergesandten nach Iran.
mini|Harry S. Truman
In der Zwischenzeit war die Ölförderung im Irak, in Kuwait, Saudi-Arabien und den USA erheblich gesteigert worden, so dass der Ausfall des iranischen Öls mehr als kompensiert worden war. Hinzu kam, dass sich die wirtschaftliche Situation in Iran durch die fehlenden Öleinnahmen mehr und mehr verschlechterte. Die britische Regierung hatte inzwischen ein Export-Embargo gegen Iran verhängt. Im Gegenzug ordnete Mossadegh die Schließung aller britischen Konsulate in Iran an.
Am 22. Juli 1952 entschied der Internationale Gerichtshof in Den Haag mit 9 gegen 5 Stimmen, dass die Ölkonzession von 1933 ein Vertrag zwischen Iran und einer ausländischen Firma sei, dass dies deshalb keine Angelegenheit der britischen Regierung sei und dass Iran das Recht hätte, die Industrieanlagen zu verstaatlichen, wenn eine adäquate Entschädigung angeboten würde.Farmanfarmaian: Blood and Oil. 2005, S. 275. Mossadegh ließ sich als moralischer Sieger feiern. Fakt war aber, dass die Ölförderung von täglich 666.000 Fass auf 20.000 Fass pro Tag gesunken war und die Öleinnahmen nach Abzug der Löhne und Gehälter nahe null waren.
Im zweiten Jahr des Koreakrieges wurde die Abadan-Krise zu einer zunehmenden politischen Belastung für die USA. Präsident Truman wollte Mossadegh keinen Grund für eine Annäherung an die Sowjetunion liefern. Er überzeugte den britischen Premierminister Winston Churchill, dem Iran ein neues Angebot zu unterbreiten. Das Angebot sah vor, dass die Verstaatlichung der Industrieanlagen anerkannt würde, die Frage der Entschädigungszahlungen dem Internationalen Gerichtshof in Den Haag zur Entscheidung vorgelegt würde, dass zwischen der AIOC und der iranischen Regierung die Fragen der Wiederinbetriebnahme der Ölförderung und des Ölverkaufs bilateral geklärt würden und das Exportembargo gelockert würde. Darüber hinaus wollte die US-Regierung Iran umgehend $ 10 Mio. als Darlehen zur Verfügung stellen, um die Wirtschaft wieder in Gang zu bringen.Afkhami: The Life and Times of the Shah. 2009, S. 144.
Am 27. August 1952 wurde der Churchill-Truman-Vorschlag Mossadegh übermittelt. Dieser lehnte ihn umgehend ab. Er sah sich als Sieger von Den Haag, der keine britischen Ingenieure mehr in Abadan dulden wollte. Am 3. September 1952 wurde vom US-amerikanischen Außenminister Acheson in einer Pressekonferenz in Washington ein verbessertes Angebot unterbreitet, in dem anerkannt wurde, dass einzig die NIOC die Kontrolle über die Verwaltung der iranischen Ölindustrie habe, und in dem vorgeschlagen wurde, dass ein internationales Konsortium gegründet werden solle, welches das iranische Öl aufkaufen und auf dem internationalen Ölmarkt verkaufen würde. Wenn die NIOC in den kommenden Jahren die entsprechende Expertise erworben hätte, könne sie als unabhängiger Verkäufer auf dem internationalen Ölmarkt agieren. Auch dieses Angebot lehnte Mossadegh ab. Er erklärte zudem, dass die Frage der Entschädigung vor einem iranischen Gericht verhandelt werden müsse, da das Gericht in Den Haag sich in dieser Frage bereits für nicht zuständig erklärt habe.Afkhami: The Life and Times of the Shah. 2009, S. 145.
Eskalation mini|Winston Churchill