miniatur|hochkant|Tschingis Aitmatow, 9. November 2003

Der Richtplatz ist ein Roman des kirgisischen Schriftstellers Tschingis Aitmatow. Die Erstausgabe erfolgte 1986 in russischer Sprache unter dem Titel Плаха („Placha“) in der Zeitschrift Новый мир („Novyj mir“ = ‚Neue Welt‘) in drei Folgen. Die deutsche Erstausgabe in der Übersetzung von Friedrich Hitzer erschien 1987 im Unionsverlag. In der DDR erschien das Buch, ebenfalls 1987, unter dem Titel Die Richtstatt in der Übersetzung von Charlotte Kossuth im Verlag Volk und Welt. Erschienen in den letzten Jahren der Sowjetunion, unterstützte die in ihm enthaltene Kritik an den gesellschaftlichen Verhältnissen die gerade beginnende Perestrojka und auch den Wandel in der DDR.

Inhalt Der Roman erzählt die voneinander unabhängigen Schicksale zweier Menschen, das des jungen Theologen und Weltverbesserers Awdij Kallistratow und das des reformerischen Schafhirten Boston Urkuntschijew. Künstlerisch werden diese durch die Rahmengeschichte des Wolfpaares Akbara und Taschtschajnar verknüpft, denn die Wölfe begegnen den beiden Hauptpersonen des Romans an entscheidenden Stellen. Der Roman thematisiert die Verantwortung des Menschen für die Natur und für sich selbst. Es geht um das schwierige Ringen des Menschen, sich für das Böse oder das Gute zu entscheiden. Philosophisches Zentrum ist ein in den Roman integriertes fiktives Gespräch zwischen Pontius Pilatus und Jesus Christus vor dessen Hinrichtung auf Golgatha.

Teil 1 miniatur|links|Steppe in der Nähe von Schu (Südkasachstan), vom Zug aus aufgenommen Das Buch beginnt aus der Perspektive der Wölfe Akbara und Taschtschajnar, die sich im Bergland nördlich des größten Sees Kirgisistans, dem Issyk-Kul, im Hochgebirge Tian Shan, ein Revier erobert haben. Der Roman beginnt als klassischer Tier- oder Naturroman. Hervorgerufen durch das Heranrauschen eines Hubschraubers, beginnt eine Rückblende. Mit diesem, den Tieren unheimlichen Etwas, haben die Wölfe schlechte Erfahrungen gemacht. Es ist ein Grund, warum sie nun hier sind und nicht mehr in der entfernten südkasachischen Steppe Mujunkum, ihrer Heimat. Der Leser wird mitgenommen in die Vergangenheit. Die Wölfin Akbara hat ihre ersten Jungen bekommen und lebt glücklich. Bei einem Ausflug mit ihren Jungen begegnen diese einem Menschen. Es ist Awdij Kallistratow, der halbnackt durch die Savanne rennt, berauscht vom in voller Blüte stehenden Steppenhanf. Er hat sich von seinen Begleitern beim Marihuana-Sammeln weit entfernt. Als er die Wolfsjungen sieht und mit ihnen liebevoll spricht, bemerkt ihn Akbara. Nur durch ein instinktives Ducken kann sich Awdji vor dem Ansprung der Wölfin retten. Diese entscheidet sich zur Flucht mit den Kleinen. miniatur|rechts|Saiga-Antilope Noch haben die Wölfe ein gutes Leben. Akbara jagt während des Sommers Kleintiere für ihre Jungen und träumt von der gemeinsamen Jagd im Herbst, wenn die Wölfe auf Großwildjagd gehen. Ihre Beute sind dann die zentralasiatischen Saiga-Antilopen. Als es so weit ist, macht sich die Familie auf den Weg. Plötzlicher Hubschrauberlärm bringt eine jähe Wende ins Leben der Wölfe. Die Menschen machen Jagd auf die Antilopen. Um das Soll des sozialistischen Plans für die Fleischproduktion zu erfüllen, kam ein Parteifunktionär auf die Idee, die Antilopen zu bejagen. Die Herden werden aus der Luft systematisch zum Abschuss zusammengetrieben. Eine Hetzjagd auf Leben und Tod beginnt, und die Wölfe sind mitten darin. Aus Autos heraus werden die Saigas mit Maschinenpistolen erschossen. Akbaras Kinder sterben. Wie durch ein Wunder überleben die beiden Alten. Zur Höhle können sie am Abend nicht zurück. Da sind Menschen, Kadaversammler. Unter ihnen auch wieder Awdij. Der liegt allerdings gefesselt zwischen toten Saigas auf einem LKW. Die anderen sind betrunken und wollen diesem „Popen“ gleich eine Umerziehungsmaßnahme zukommen lassen. Awdij erinnert sich zurück: an seine Kindheit, seinen Vater, einen orthodoxen Diakon, seinen Weg ins geistliche Seminar; an seine Auseinandersetzungen dort. Er ist ein Neudenker, der sich für eine Reformation der Kirche starkmacht, für Anpassung an die Zeit. Doch die Kirche pocht auf Tradition und Gehorsam. Awdji verlässt das Seminar. Man rät ihm zur Vorsicht, denn auch die Welt außerhalb der Kirchenmauern (sozialistische Diktatur) setzte auf Macht und Unterwerfung. Awdji, der Weltverbesserer, glaubt an Gott, wenn auch in seiner neuen, unbestimmten Art und Weise. Er möchte Menschen helfen, ein rechtschaffenes Leben zu führen. Da hört er von dem Fall eines Drogenkuriers, der nur durch das Eintreten des Onkels vor einer Jugendstrafe in Sibirien bewahrt wurde. Awdij sieht nun seine Aufgabe darin, Drogenkuriere zu „bekehren“, und will eine entsprechende Reportage für die Zeitung verfassen. Mit den Hinweisen und der Referenz des Jugendlichen trifft er am Kasaner Bahnhof in Moskau auf die Kuriere, junge Leute aus allen Ecken der Sowjetunion, die auf der Suche nach dem schnellen Geld sind. Sie machen sich auf die Reise in die zentralasiatischen Republiken, wo der wilde Hanf wächst. Mit zwei von ihnen, Petrucha und Lenka, freundet er sich an und will versuchen, sie vom Drogensammeln abzubringen.

Teil 2 miniatur|Gleisanlage im Bahnhof von Schu in der Mujun-Kum, Südkasachstan Der Anführer der Truppe bleibt lange Zeit unerkannt. Erst als sie bereits in der Steppe sind, der Hanf gepflückt und getrocknet ist und sie sich auf die Rückreise vorbereiten, trifft Awdij auf Grischan. Dieser hat bereits gemerkt, dass Awdij kein gewöhnlicher Kleinkrimineller ist. Er hat von dessen Versuchen gehört, Lenka und Petrucha von ihrem Handwerk abzubringen, und fordert nun eine Erklärung. Er will, dass Awdij die Truppe verlässt. Es entwickelt sich ein Streitgespräch über das Recht und Unrecht des Drogengeschäftes. Grischans Standpunkt ist, dass die Menschen keine Erlösung von Gott erwarten, sondern Trost im Hier und Jetzt. Dazu verhelfe er ihnen mit den Drogen. Er lässt sich aber auf einen Handel ein: Sollte es Awdij gelingen, Lenka und Petrucha auf der Rückreise zur Bahnstation zu überzeugen, würde er sie mit ihm ziehen lassen. Anderenfalls solle Awdij die Truppe verlassen.

Die Kuriere stoppen einen der vielen Güterzüge, um als schwarze Passagiere bis zur Station Shalpak-Saz zu reisen und dort in Personenzüge umzusteigen. Unterwegs bitten die Kuriere Grischan, endlich etwas von ihrer Marihuana-Ernte rauchen zu dürfen. Awdij versucht Einhalt zu gebieten. Die Situation eskaliert, als er seine Ernte aus dem Zug wirft und die anderen auffordert, dies auch zu tun. Die berauschten Kuriere prügeln rasend vor Wut auf ihn ein und werfen ihn aus dem fahrenden Zug. Awdij überlebt wie durch ein Wunder. Es ist Freitag.

Szenenwechsel: Jerusalem. Jesus ist zum Tode verurteilt und wird dem römischen Statthalter vorgeführt. Der sieht in ihm einen raffinierten Verführer, der mit seinen Reden die Massen auf seine Seite bringen will, um dann selbst an die Macht zu kommen. Dennoch zieht diese Person sein Interesse an. Es entwickelt sich ein tiefsinniges Gespräch zwischen den beiden grundverschiedenen Männern. Dieses philosophische Gespräch enthält die Idee einer besseren Gesellschaft, aber auch die Realität der Ablehnung durch die Masse der Menschen; eine Tragödie, aus der heraus auch die weiteren Schicksale der Hauptfiguren des Romans zu interpretieren sind (siehe Interpretation unten). Jesus lehnt seine Rettung durch Pilatus ab, da er damit seinem eigenen Gewissen bzw. Gott untreu werden würde, und stirbt mit 33 Jahren.

Awdij erwacht am nächsten Morgen und schleppt sich zur Landstraße. Auf einem Fuhrwerk darf er mit in die Stadt Shalpak-Saz fahren. Aufgrund seiner Wunden und der zerschundenen Kleidung wird er von der Miliz aufgegriffen. In der Polizeiwache trifft er auf die Drogenkuriere. Sie wurden alle – bis auf Grischan – gefasst und warten auf ihren Abtransport. Awdij, noch immer besessen vom Gedanken, sie retten zu können, möchte mit ihnen gefangen sein. Der Milizionär hält ihn aber für geistig verwirrt und setzt ihn auf die Straße. Er kommt ins örtliche Krankenhaus. Dort trifft er auf Inga Fjodorowna, in die er sich verliebt. Inga ist Wissenschaftlerin, alleinerziehend und beschäftigt sich mit der Bekämpfung der Hanfpflanze. Sie kämpfen beide an der gleichen Front – mit dem Mittel des Wortes, sie mit der Wissenschaft.

Nach seiner Regeneration fährt Awdij zurück nach Moskau, um seinen Bericht über die Jugendkriminalität zu veröffentlichen. Er erhofft sich ein Signal, das die Gesellschaft aufrüttelt. Stattdessen wird der Artikel nicht gedruckt. Es wäre eine Schande für die Sowjetunion. Es kann nicht sein, was nicht sein darf. Awdij hält sich mit Gelegenheitsjobs über Wasser und schreibt täglich seiner Geliebten. Sie planen eine gemeinsame Zukunft. miniatur|Saxaul-Gebüsch Zum Kennenlernen der Schwiegereltern fährt er im Herbst zurück zu Inga. Als er in Shalpak-Saz ankommt, ist Inga nicht da. Ein Zettel im Schlüsselloch erklärt, dass sie dringend abreisen musste, da es Probleme mit ihrem Ex-Mann hinsichtlich des Sorgerechts gab. Awdij möge sich den Schlüssel bei einer Bekannten holen, sie sei bald zurück.

So schlendert Awdij durch die Stadt und trifft am Bahnhof auf Ober-Kandalow, einen Ex-Militär, der Mitarbeiter für die anstehende Treibjagd auf die Saigas sucht. Da er knapp bei Kasse ist, willigt Awdij ein. Nachdem Awdij, wohl angesichts des barbarischen Massakers an den Saigas, ausgetickt war und auf die Jagdhelfer eingeredet hatte, sie mögen mit ihm allesamt zu Gott beten und um Vergebung dieser Schuld bitten (wobei er das falsche Publikum gewählt hat), wird er von den Männern ruhiggestellt. Nach Stunden und mehreren Flaschen Wodka erinnert man sich an ihn und will ihn umerziehen. Leider verkennt Awdij auch diesmal den Ernst der Lage. Statt einzulenken, bleibt er bei seinen Überzeugungen, wie im Wagon bei den Drogenkurieren. Da er Gott nicht abschwören will und den Alkohol, der ihm eingeflößt wird, ausspuckt, wird er geschlagen und getreten. Ohnmächtig werdend, denkt er an Inga, seine Liebe. Was aus ihr werden mag? Auch spürt er mystisch die Nähe der Wölfe, die sich ihrer Höhle nähern.

Jemand unter den Saufbrüdern kommt auf die Idee, den „Popen“ zu kreuzigen. Sie binden ihn hängend kreuzweise zwischen Saxaul-Stäucher und fahren dann ab. Schmerzen durchfahren seinen zerschundenen Körper. Nach einigen Stunden kommt Akbara. Sie scheint sich an diesen Menschen zu erinnern. Awdij begrüßt sie mit den Worten „Du bist da …“ und stirbt. Am Morgen kommen die Henker zurück. Die Wölfe trollen sich und verlassen die Steppe Mujun-Kum für immer in Richtung Süden. Ihr nächstes Revier am See Aldasch bringt ihnen ebenfalls kein Glück. Hier verlieren sie ihren zweiten Wurf, als man für den Bau von Eisenbahnstrecken für den Tagebau das hinderliche Röhricht niederbrennt. Die Wölfe wandern nun ins Gebirge und kommen schließlich am Issyk-Kul an, dem größten See Kirgisistans. „Weiterlaufen war nicht mehr möglich. Vor ihnen lag das Meer … Hier begannen Akbara und Taschtschajnar ihr Leben noch einmal von neuem. Und wieder wurden Wolfsjunge geboren – dieses Mal kamen vier Tiere zur Welt. Es war ihr letzter verzweifelter Versuch, ihre Sippe fortzupflanzen. Doch dort, am Issyk-Kul, vollendete sich die Geschichte der Wölfe in einer schrecklichen Tragödie …“ (Abschluss Teil 2, S. 307).Tschingis Aitmatow: Der Richtplatz, Unionsverlag, Zürich 1987

Teil 3