mini|alt=Der Holzschnitt zeigt einen Mann auf allen vieren, der mit dem Mund ein Kleinkind gepackt hält; um ihn herum liegen zerrissene Leichen.|Werwolf (Holzschnitt von Lucas Cranach, 1512)
Ein Werwolf (von germanisch wer ‚Mann‘; , altenglisch wer[e]wulf, in den skandinavischen Sprachen varulv) ist in Mythologie, Sage und Dichtung ein Mensch, der sich in einen Wolf verwandeln kann. Als Phänomen gehört die Verwandlung von Menschen in Wölfe, die Lykanthropie (von : ‚Wolf‘, ἄνθρωπος ánthrōpos: ‚Mensch‘), zum großen Komplex der Wertiere (Therianthropie), der sich in Religion und Mythologie weltweit findet. Die Beschreibungen von Werwölfen variieren je nach Zeit und Ort; einige Details moderner Werwolferzählungen kamen erst im 20. Jahrhundert hinzu.
Geschichte mini|alt=Dieser Holzschnitt zeigt einen knienden Menschen, der mit den Händen fuchtelt und seinen raubtierhaften Kopf mit offenem Maul und weit aufgerissenen Augen nach hinten gedreht hat; der Oberkörper ist fellbedeckt, der Unterkörper mit Hosen und Schuhen normal angezogen.|Darstellung eines Werwolfs (deutscher Holzschnitt aus dem Jahr 1722)
Berichte über Lykanthropie kommen in allen Epochen der abendländischen Kulturgeschichte vor.Nordian Nifl Heim: Werwolf. In: Enzyklopädie der Neuzeit Online. J.B. Metzler, Stuttgart 2019, abgerufen am 3. März 2024. Bereits Abbildungen von Mischwesen in Höhlenmalereien oder als Skulpturen lassen sich entsprechend interpretieren, könnten aber auch Hundsköpfige darstellen. Das älteste schriftliche Zeugnis ist das Gilgamesch-Epos, in dem die Göttin Ištar einen Schäfer in einen Wolf verwandelt (Tafel 6, Vers 58–61).
Antike Nach Herodot könnten Berichte der Skythen über die Neuren, ein nördliches Nachbarvolk, eine Quelle des Mythos sein:
Aus der griechischen Literatur und den Metamorphosen des Ovid ist der griechische König Lykaon bekannt, der von Zeus in einen Wolf verwandelt wurde, da er und seine Söhne dem Gott Menschenfleisch vorsetzten. Petronius Arbiter, ein Satiriker des 1. Jahrhunderts, erzählte im Gastmahl des Trimalchio von einem Mann, der sich bei Vollmond in einen Werwolf verwandelt.Norbert Finzsch: Abjekte Körper. Zur Kulturgeschichte der Monstrositäten. transcript, Bielefeld 2024, S. 99 f. Sein Zeitgenosse Plinius der Ältere berichtet in seiner Naturalis historia die von ihm selbst für unwahrscheinlich gehaltene Geschichte, ein Olympionike namens Demaenetus habe nach einem Menschenopfer für Jupiter Lycaeus von dem Fleisch des getöteten Kindes gekostet und danach für zehn Jahre als Wolf gelebt, bevor er wieder als Faustkämpfer erfolgreich war.Plinius, Naturalis historia VIII, 82, referiert bei Arno Meteling: Werwolf, der. In: Christian Kassung, Jasmin Mersmann, Olaf B. Rader: (Hrsg.): Zoologicon. Ein kulturhistorisches Wörterbuch der Tiere. Fink, München 2012, ISBN 978-3-7705-5454-6, S. 438–442, hier S. 440.
Mittelalter und Frühe Neuzeit Im Mittelalter galt Lykanthropie als Gottesstrafe und erblicher Fluch für schwere Verbrechen, der durch Sühnehandlungen aufgehoben werden konnte.
Im Zuge der frühneuzeitlichen Hexenverfolgungen wurden mehrfach Personen der Lykanthropie oder Verwandlung in ein wildes Tier angeklagt, unter anderem in Schottland,Vgl. und auch zahlreiche Männer vor Gericht gebracht und hingerichtet. Eine beträchtliche Anzahl der männlichen Angeklagten wurde der Werwolfverwandlung bezichtigt, vor allem Hirten. Nach einer Reihe von Verfahren im Herzogtum Burgund fand 1589 in Bedburg bei Köln der in der Kriminalgeschichte bekannteste Werwolfprozess statt: Dem Bauern Peter Stump (1525–1589) wurden neben der Verwandlung in einen Wolf und dem Teufelspakt auch Inzest und Vergewaltigung vorgeworfen. Am 31. Oktober 1589 wurde er gerädert und anschließend enthauptet.Norbert Finzsch: Abjekte Körper. Zur Kulturgeschichte der Monstrositäten. transcript, Bielefeld 2024, S. 110 f.
In Werwolfprozessen spielte häufig die aggressive Sexualität der Angeklagten eine Rolle: Neben ihrer angeblichen Lykanthropie wurde ihnen etwa Ehebruch vorgeworfen. Frauen, die als Werwölfinnen angeklagt waren, wurden dabei zudem beschuldigt, Geschlechtsverkehr mit dem Teufel gehabt zu haben. In den Prozessen ging es häufig auch um den Vorwurf der Hexerei.Norbert Finzsch: Abjekte Körper. Zur Kulturgeschichte der Monstrositäten. transcript, Bielefeld 2024, S. 115 f. Ein wiederkehrender Topos in diesen Prozessen ist eine Salbe, die der Angeklagte vom Teufel oder von anderen Personen erhalten haben soll und mit der er sich in einen Wolf verwandeln könne.Norbert Finzsch: Abjekte Körper. Zur Kulturgeschichte der Monstrositäten. transcript, Bielefeld 2024, S. 122, 125, 128 u.ö. Solche Prozesse traten meist wellenförmig in Gegenden auf, die unter einer Wolfsplage litten, z. B. die Franche-Comté und der französische Jura, der Hunsrück, der Westerwald und das Nassauer Gebiet. In der zumeist populärwissenschaftlichen Literatur ist häufig von ca. 30.000 Werwolfangriffen bzw. 30.000 Werwolfprozessen (in einem Zeitraum zwischen 1520 und 1630 und meistens in Frankreich) die Rede, doch ist diese Zahl historisch nicht belegt. Sie wird von Fachleuten in Sachen Hexen- und Werwolfprozesse als publikumswirksame Spekulation abgelehnt. In der ersten Hälfte des 15. Jahrhunderts gestanden mehrere der Hexerei bezichtigte Menschen unter Folter, auf Werwölfen geritten zu sein.
1691 musste sich ein etwa 86-jähriger lettischer Bauer namens Thiess wegen Lykanthropie nach einer Denunziation vor dem Amtsgericht in Jürgensburg verantworten. Zur Verblüffung der Richter gestand er, ein Werwolf zu sein, auch wenn er diese Praxis aber schon zehn Jahren zuvor aufgegeben habe. Gleichzeitig widersprach er der dämonologischen Werwolf-Theorie seiner Zeit: Seine Artgenossen und er seien durchaus nicht mit dem Teufel im Bunde, sondern bekämpften ihn und seine Zauberer vielmehr und mehrten Wohlstand und Fruchtbarkeit im Lande. Die Richter hielten Thiess für senil oder dement und verurteilten ihn lediglich zu einer Körperstrafe.Norbert Finzsch: Abjekte Körper. Zur Kulturgeschichte der Monstrositäten. transcript, Bielefeld 2024, S. 111 f.
Die meisten Fallberichte von Menschen, die Gestalt von Wölfen angenommen haben sollen, finden sich in moralisierenden Werken, die vor den Mächten der Finsternis warnen wollten und daher deren Fallstricke schilderten. Dies lässt sich etwa anhand des Werks De Magorum Daemonomania des französischen Staatstheoretikers Jean Bodin (1530–1596) zeigen, in der er die Fälle mehrerer namentlich genannter Franzosen ausbreitet, die sich in Wölfe verwandelt und über Tiere und Menschen, oft auch Kinder, hergefallen sein sollen. Dabei betont er, dass die Verwandlungen physisch real und nicht nur Einbildung seien. Ähnliches schrieben der deutsche Abt Johannes Trithemius (1462–1516) oder der kurmainzische Chronist Heinrich Kornmann (1570–1627).Bernd Roling: Schlafwandler und Werwölfe. Frühneuzeitliche Konfrontationen mit dem Menschen außer sich. In: Matthias Pohlig, Barbara Schlieben (Hrsg.): Grenzen des Sozialen. Kommunikation mit nicht-menschlichen Akteuren in der Vormoderne. Wallstein Verlag, Göttingen 2022, ISBN 978-3-8353-5235-3, S. 185–210, hier S. 186 f. Viele frühneuzeitliche Juristen und Theologen glaubten aber nicht wirklich daran, dass sich die geständigen Menschen tatsächlich in Wölfe verwandelt hatten. Eine solche Möglichkeit hatte der Kirchenvater Augustinus von Hippo im 18. Buch von De civitate Dei explizit ausgeschlossen, ebenso der Canon episcopi. Sie erklärten sich die Phänomene mit der Fähigkeit des Teufels, die Selbst- und Fremdwahrnehmung der Menschen zu manipulieren und sie zu täuschen. Weil sich die Betroffenen damit aber eines Pakt mit dem Teufel schuldig gemacht, sich die Verwandlung gewünscht oder gar den Teufel zu Tötungshandlungen angestiftet hätten, wurden sie dennoch verurteilt.Michael Stolberg: Lykanthropie. In: Der Neue Pauly 15/1 (2001), abgerufen am 3. März 2024. 1508 hielt der Theologe Johann Geiler von Kaysersberg in Straßburg eine Fastenpredigt, in der er Werwölfe als Ausgeburten der Hölle und als Gottesstrafe darstellte. Dass Menschen sich in Wölfe verwandelten, tat er aber als Hirngespinst ab.Norbert Finzsch: Abjekte Körper. Zur Kulturgeschichte der Monstrositäten. transcript, Bielefeld 2024, S. 114 f. Der deutsche Philosoph Jakob Thomasius (1622–1684) hielt die Verwandlungen für Einbildungen, die der Teufel den betroffenen Menschen eingeben würde. Weil dadurch aber die Schwierigkeit entstand, dass die realen Verbrechen nicht durch bloße Einbildungen erklärt werden konnten, hielt er es gleichzeitig für möglich, dass der Teufel dabei Tierhäute oder ähnliche Hilfsmittel aus der physischen Welt benutzt haben könnte.Bernd Roling: Schlafwandler und Werwölfe. Frühneuzeitliche Konfrontationen mit dem Menschen außer sich. In: Matthias Pohlig, Barbara Schlieben (Hrsg.): Grenzen des Sozialen. Kommunikation mit nicht-menschlichen Akteuren in der Vormoderne. Wallstein Verlag, Göttingen 2022, S. 185–210, hier S. 193 f.
Seit der Spätantike boten einige Ärzte auch rationalere Erklärungen an: Für sie war Lykanthropie eine Krankheit, die auf ein Ungleichgewicht der vier Körpersäfte zurückzuführen sei. Als Therapie empfahlen sie eine Kur aus Milchspeisen oder Opium. Seit dem 16. Jahrhundert findet sich auch die Diagnose Geisteskrankheit.Bernd Roling: Schlafwandler und Werwölfe. Frühneuzeitliche Konfrontationen mit dem Menschen außer sich. In: Matthias Pohlig, Barbara Schlieben (Hrsg.): Grenzen des Sozialen. Kommunikation mit nicht-menschlichen Akteuren in der Vormoderne. Wallstein Verlag, Göttingen 2022, S. 185–210, hier S. 195–198.
Immanuel Kant sieht im Werwolf eine der gesunden Vernunft so schädlichen Geistergeschichten. Er leitet das „Wer“ volksetymologisch von der „Wehr“ im Sinne von Krieg ab und erklärt die Herkunft der Geschichten damit, dass Wölfe einst auf dem Schlachtfeld Kriegsopfer gefressen und sich so an Menschenfleisch gewöhnt hätten. Anschließend hätten sie vermehrt auch lebende Menschen angefallen, und hierbei sei der Mythos vom Werwolf entstanden.
Literatur des Mittelalters und der Frühen Neuzeit Altnordische Literatur In der altnordischen Literatur kommen Werwölfe in verschiedenen literarischen Gattungen vor.Vgl. Einige dieser Darstellungen stehen direkt in der französisch-lateinischen Tradition.Vgl.
In der altisländischen Egils saga wird vom Großvater Egils berichtet, dass er ein Werwolf sei und daher den Namen Kveldulf (‚Abendwolf‘) erhalten habe:
Auch in der Völsunga saga ist von Werwölfen die Rede. Sigmund lebt mit seinem Sohn Sinfiötli im Wald, und beide verwandeln sich zeitweise in Wölfe. Diese Geschichte wird in Richard Wagners Oper Die Walküre rezipiert, für deren Inhalt die Völsunga saga eine wesentliche Quelle ist. In dieser Oper erzählt Siegmund von seinem Leben im Wald mit seinem Vater. Er nennt seinen Vater dabei „Wolfe“, und von sich selbst zusammen mit seinem Vater spricht er sogar als Wolfspaar. Beim Bericht über den Verlust des Vaters heißt es:„Eines Wolfes Fell nur traf ich im Forst: leer lag das vor mir, den Vater fand ich nicht.“
Nicht klar abgegrenzt von Werwölfen sind die Wolfskrieger, die in der altnordischen Literatur neben den Berserkern auftauchen und auch durch Abbildungen auf archäologischen Fundstücken aus Skandinavien und Deutschland bekannt sind.Vgl.
Andere europäische Literaturen In höfischer Literatur des zwölften Jahrhunderts (z. B. Bisclavret von Marie de France) werden Werwölfe positiv gezeichnet: Es handelt sich um Menschen, die durch Schadenzauber oder die List einer Frau in eine Bestie verwandelt werden. In der Frühen Neuzeit werden Werwölfe dagegen stets negativ dargestellt, da ihre Verwandlung in verschiedenen Sagen auf einen Teufelspakt zurückgeführt wird.Norbert Finzsch: Abjekte Körper. Zur Kulturgeschichte der Monstrositäten. transcript, Bielefeld 2024, S. 100.