mini|Der Anfang des Theages in der ältesten erhaltenen mittelalterlichen Handschrift, dem 895 geschriebenen Codex Clarkianus (Oxford, Bodleian Library, Clarke 39) Der Theages () ist ein kurzer literarischer Dialog in altgriechischer Sprache, der bis zum Beginn der Moderne als Werk des Philosophen Platon galt. Seit dem frühen 19. Jahrhundert halten es aber die meisten Forscher für erwiesen, dass der Dialog von einem unbekannten Philosophen stammt. Der Autor gehörte wohl der Platonischen Akademie an oder stand ihr zumindest nahe. Es wird vermutet, dass das Werk im 4. Jahrhundert v. Chr. entstanden ist.

Wiedergegeben wird ein fiktives Gespräch des Philosophen Sokrates mit Demodokos, einem angesehenen Bürger, und dessen Sohn Theages, einem ehrgeizigen jungen Mann. Theages strebt nach einer Ausbildung, die ihn für eine politische Führungsrolle qualifizieren soll. Sein Vater sucht einen Lehrmeister für ihn. Sokrates bewegt Theages zum Nachdenken über die Fragen, worin das begehrte Wissen eigentlich besteht und wozu es benötigt wird. Schließlich erklärt er sich bereit, versuchsweise selbst die Anleitung des Theages zu übernehmen.

Ort, Zeit, Umstände und Teilnehmer mini|Büste des Sokrates (1. Jahrhundert, Louvre, Paris) Der Ort der Diskussion ist die Stoa des Zeus Eleutherios, die „Zeus dem Befreier“ geweihte Säulenhalle an der Nordwestecke der Agora von Athen. Einige Hinweise im Dialog deuten auf die Zeit hin: Anscheinend spielt sich das Gespräch im Jahr 409 v. Chr. ab.Michael Erler: Platon, Basel 2007, S. 299; Mark Joyal (Hrsg.): The Platonic Theages, Stuttgart 2000, S. 155–157. Einwände erhebt Debra Nails: The People of Plato, Indianapolis 2002, S. 329. Demodokos, der als Gutsherr außerhalb der Stadt lebt, hat sich mit seinem Sohn nach Athen begeben, um die Ausbildungsfrage zu klären. Eine Rahmenhandlung fehlt, das fiktive Dialoggeschehen setzt unmittelbar ein und wird durchgängig in direkter Rede mitgeteilt.

Sokrates ist hier ebenso wie in vielen echten Dialogen Platons der überlegene Hinweisgeber, der seinem jeweiligen Gesprächspartner mit seinen Fragen indirekt zu Erkenntnissen verhilft. Er ist der verständnisvolle, aber mitunter auch ironische Helfer und Begleiter junger Menschen bei deren Suche nach Einsicht. Wie bei Platon tritt er auch hier als Gegner von Bildungskonzepten auf, die auf Ruhm und äußerliche Erfolge abzielen. Daneben zeigt sich aber auch ein unplatonischer Zug: Irrationale, nicht vom Willen des Sokrates abhängige Faktoren – sein Charisma und der Einfluss einer übermenschlichen Instanz – spielen bei den didaktischen Erfolgen des Philosophen eine wichtige Rolle, was in authentischen Werken Platons nicht der Fall ist.Siehe zur Figur des Sokrates im Theages Mark Joyal (Hrsg.): The Platonic Theages, Stuttgart 2000, S. 105–111.

Demodokos war eine historische Person. Er stammte aus dem attischen Demos Anagyros und war älter als Sokrates. Vermutlich ist er mit einem gleichnamigen Flottenbefehlshaber, den der Geschichtsschreiber Thukydides erwähnt,Thukydides 4,75. zu identifizieren. Dieser Kommandeur war 424 v. Chr. in der nördlichen Ägäis im Einsatz. Der im Theages auftretende Demodokos ist auch die Titelfigur eines literarischen Textes, des pseudo-platonischen (zu Unrecht Platon zugeschriebenen) Demodokos.Klaus Döring: [Platon]: Theages. Übersetzung und Kommentar, Göttingen 2004, S. 28 f.; Mark Joyal (Hrsg.): The Platonic Theages, Stuttgart 2000, S. 117.

Im Dialog wirkt Demodokos unsicher und ist als Ratgeber seines Sohnes überfordert. Er ist zwar selbst ein erfahrener, bewährter Politiker, aber der Aufgabe, auf diesem Gebiet einen geeigneten Lehrmeister für Theages zu finden, ist er nicht gewachsen. In Bildungsfragen kennt er sich nicht aus.Klaus Döring: [Platon]: Theages. Übersetzung und Kommentar, Göttingen 2004, S. 30 f.; Mark Joyal (Hrsg.): The Platonic Theages, Stuttgart 2000, S. 114–119.

Auch Theages ist keine erfundene Gestalt, sondern hat wirklich gelebt. Platon erwähnt ihn im Dialog Politeia als Philosophen, der eigentlich lieber Politiker wäre, aber durch seinen Gesundheitszustand gezwungen ist, auf politische Betätigung zu verzichten, und daher der Philosophie treu bleibt.Platon, Politeia 496a–c. Einer Bemerkung in Platons Apologie ist zu entnehmen, dass Theages zur Zeit des Gerichtsverfahrens gegen Sokrates im Frühjahr 399 v. Chr. nicht mehr am Leben war.Platon, Apologie 33e. Somit ist er schon vor seinem dreißigsten Geburtstag gestorben, denn aus dem Theages geht hervor, dass er 409 v. Chr. höchstens etwa achtzehn Jahre alt war.Klaus Döring: [Platon]: Theages. Übersetzung und Kommentar, Göttingen 2004, S. 28 f.; Mark Joyal (Hrsg.): The Platonic Theages, Stuttgart 2000, S. 114.

Als Dialogfigur macht Theages einen teils unbeholfenen, teils kecken Eindruck. In der Kunst des philosophischen Denkens und Diskutierens ist er zwar völlig unerfahren, aber er durchschaut die provozierende Ironie des Sokrates und versteht sie geschickt zu unterlaufen. Sein Wissensdurst ist Ausdruck eines allgemeinen, diffusen Ehrgeizes, der Gedanke an Macht lockt ihn, doch hat er bisher kaum konkret über seinen Lebensweg nachgedacht. Er lässt sich leicht von fremden Meinungen beeindrucken. Ebenso wie sein Vater bringt er Sokrates viel Vertrauen entgegen, obwohl er ihn nicht gut kennt.Michael Erler: Platon, Basel 2007, S. 299 f.; Carl Werner Müller: Weltherrschaft und Unsterblichkeit im pseudoplatonischen Theages und in der Eudemischen Ethik. In: Carl Werner Müller: Kleine Schriften zur antiken Literatur und Geistesgeschichte, Stuttgart 1999, S. 467–480, hier: 467–472; Klaus Döring: [Platon]: Theages. Übersetzung und Kommentar, Göttingen 2004, S. 68–71; Mark Joyal (Hrsg.): The Platonic Theages, Stuttgart 2000, S. 112–114.

Inhalt

Demodokos bittet Sokrates in einer privaten Angelegenheit um Rat. Er erzählt ihm, dass sein Sohn Theages nach Wissen strebt und daher einen Lehrer benötigt. Mit diesem Wunsch folgt Theages einer bei seinen Altersgenossen grassierenden Mode. In der Oberschicht Athens macht eine umstrittene, junge Menschen faszinierende Bildungsbewegung, die Sophistik, von sich reden. Die Sophisten sind umherziehende Wanderlehrer, die ihre Bildungsangebote anpreisen. Sie versprechen ehrgeizigen jungen Männern, ihnen gegen Entgelt Kenntnisse und Fertigkeiten zu vermitteln, mit denen man Ruhm und politischen Einfluss erlangen könne. Zum politischen Erfolg gehört in der demokratischen Staatsordnung Athens in erster Linie die Fähigkeit, vor der Volksversammlung als Redner zu brillieren und den Willen der versammelten Stimmbürger mit rhetorischem Geschick zu lenken. Schon seit einiger Zeit bedrängt Theages seinen Vater mit der Bitte, ihm den Unterricht bei einem der Sophisten zu bezahlen. Demodokos ist zwar grundsätzlich bereit, dafür Geld auszugeben, doch misstraut er den Sophisten und weiß nicht, wie er ihre Eignung beurteilen und einen von ihnen auswählen soll. Er kennt sich überhaupt nicht aus und betrachtet das sophistische Bildungswesen mit der in konservativen Kreisen verbreiteten Skepsis. Nun hofft er, dass Sokrates ihn vor einer Fehlentscheidung bewahren wird.Theages 121a–122b.

Sokrates weist darauf hin, dass es zunächst darauf ankommt, sich darüber zu verständigen, worin das erstrebte Wissen eigentlich besteht und welchem Zweck es dienen soll. Hierüber befragt er den jungen Mann. Es stellt sich heraus, dass Theages davon keine klare Vorstellung hat. Anscheinend steht er nur – wie sein Vater argwöhnt – unter dem Eindruck von Erzählungen seiner Altersgenossen, die vom sophistischen Unterricht schwärmen. Er will Herrschaftswissen erlangen, um in der Stadt die Macht auszuüben. Solche Herrschaft über die Mitbürger ist aber, wie Sokrates nun feststellt, im Prinzip nichts anderes als das, was die Tyrannen, die despotischen Gewaltherrscher mancher Staaten, praktizieren. Das hieße, dass Theages Tyrann von Athen werden will – ein in diesem demokratischen Staat utopisches Ziel, das Sokrates aber scheinbar durchaus ernst nimmt.Theages 122b–125b; vgl. 121d.

Zunächst stimmt Theages zögernd der von Sokrates provozierend zugespitzten Formulierung seines Wunsches zu. Er behauptet sogar, jeder Mensch träume davon, über alle anderen oder zumindest über möglichst viele uneingeschränkt zu herrschen. Am liebsten wäre er, wie er offenherzig bekennt, so mächtig wie ein Gott. Das ist allerdings, wie er hinzufügt, ein bloßer Wunschtraum; seine konkrete Absicht ist weit bescheidener. Er distanziert sich von der Gewaltsamkeit der im demokratischen Athen verabscheuten Tyrannenherrschaft und betont, er wolle nicht durch Zwang, sondern nur mit dem Einverständnis seiner Mitbürger regieren. Vorbilder für solche Machtausübung sind die berühmten demokratischen Staatsmänner Themistokles, Perikles und Kimon. Die Frage ist aber, wie man die dazu erforderliche Befähigung erlangt. Von den erfolgreichen Politikern selbst erhofft Theages keine Belehrung, da sie nicht einmal imstande seien, ihre eigenen Söhne zu tüchtigen Staatsbürgern zu erziehen.Theages 124e–127a.

Demodokos und Theages setzen ihre ganze Hoffnung auf Sokrates. Er soll nicht einen der Sophisten empfehlen, sondern selbst die Aufgabe übernehmen, aus Theages einen tüchtigen Mann zu machen, der im Staat Verantwortung übernehmen kann. Sokrates zögert zunächst. Er erklärt, dass der Erfolg nicht von seinem Willen abhänge, sondern von einer göttlichen Fügung. Sein Daimonion, eine innere Stimme, warne ihn seit seiner Kindheit vor eigenen und fremden Fehlern. Die Warnungen hätten sich stets als berechtigt erwiesen. Fortschritte könne Theages als sein Schüler nur dann machen, wenn dies dem Willen der Gottheit entspreche, der durch das Daimonion bekundet werde.Theages 127a–130e.

Darauf äußert Theages, dass er es auf einen Versuch ankommen lassen möchte, denn vielleicht ist ihm die Gottheit gewogen. Damit ist Sokrates nun einverstanden.Theages 131a.

Interpretation Der Autor wirbt nachdrücklich für die sokratische und platonische Philosophie. Er verherrlicht Sokrates, indem er ihn nicht nur als souveränen Gesprächslenker, sondern auch als göttlich inspirierten, charismatischen Mentor darstellt. Damit will er auch dazu beitragen, dass der wegen angeblicher Verführung der Jugend zum Tode verurteilte Philosoph in der Öffentlichkeit rehabilitiert wird.Jacques Bailly (Hrsg.): The Socratic Theages, Hildesheim 2004, S. 10. Platons Vorbild folgend lässt er die Sophistik in ungünstigem Licht erscheinen. Er weist auf die kommerzielle Motivation der sophistischen Lehrer hin, sät Zweifel an ihrer Kompetenz und betont die Fragwürdigkeit einer Wissensvermittlung, die auf den als Selbstzweck betrachteten Machtbesitz abzielt. Damit übernimmt er gängige Vorwürfe Platons gegen die Sophisten.Mark Joyal (Hrsg.): The Platonic Theages, Stuttgart 2000, S. 47–63.