mini|Hauptgebäude der Konsumgenossenschaft Berlin in der Josef-Orlopp-Straße
Die Konsumgenossenschaft Berlin und Umgegend e. G. – auch kurz Konsum Berlin – ist eine Einzelhandels- bzw. Verbraucher-Genossenschaft, die 1899 aus mehreren Vorläufer-Genossenschaften und Konsumvereinen gegründet wurde. Der Konsum Berlin war bis zur politischen Wende 1989 die größte Konsumgenossenschaft in der DDR und die viertgrößte weltweit. Heute ist der Konsum Berlin insbesondere im Bereich der Verwaltung und Bewirtschaftung genossenschaftseigener Immobilien tätig.
Lage Das Verwaltungsgebäude samt den entstandenen Gebäuden einer Werkstatt/Wagenhalle mit eigener Tankstelle, einer Fleischerei, zweier Bäckereien und Wohngebäuden für Mitglieder befindet sich im Berliner Bezirk Lichtenberg, Ortsteil Lichtenberg, auf der Nordseite der Josef-Orlopp-Straße und belegt eine Fläche von rund 35.000 m². Die übrigen Grenzen des Betriebsgeländes sind eine namenlose Erschließungsstraße (westlich), die Trasse der damaligen Industrieumschlagbahn Lichtenberg (nördlich) und die Ruschestraße (östlich).
Organisation Mitgliedschaft im ZdK Die Konsum Berlin e. G. ist Mitglied im ZdK (Zentralverbandes deutscher Konsumgenossenschaften e. V.). Die nach Satzung der e. G. zu veröffentlichenden Bekanntmachungen werden auch auf den Seiten des ZdK gelistet.Über die Genossenschaft. Von allen Konsummitgliedern wird auf Vorschlag oder Antrag einzelner Interessenten eine Vertreterversammlung als Briefwahl bestimmt.
Satzung Auf der Vertreterversammlung am 5. Juli 2023 wurden Satzungsänderungen beschlossen und am 12. Oktober 2023 im Genossenschaftsregister eingetragen.Satzungsänderungen im GnR eingetragen. 19. Oktober 2023
Laut Satzung können Mitglieder bei Vorliegen bestimmter Gründe aus der Genossenschaft ausgeschlossen werden. Ein Grund ist die postalisch belegte Nichterreichbarkeit über zwei Jahre hinweg. Nach weiteren zwei Jahren können Anteile und angesparte Guthaben ausgebucht werden.
Mit dieser Satzungsänderung sind Übertragungen oder Teilübertragungen von Geschäftsanteilen auf vom Mitglied festgelegte möglichst verwandte Personen schnell und unbürokratisch möglich.Mitgliederzeitschrift 9/25, Seite 12.
Vertreter Der Aufsichtsrat hat die Prüfung des Jahresabschlusses vor der Vertreterversammlung vorzustellen. Die mindestens 50 Vertreter werden durch die Mitglieder, aufgeteilt nach geografischen Bezirken, gewählt.Bekanntmachung zur Vertreterwahl 2025, 26. Mai 2025 Die Kandidaten mit den meisten Stimmen bilden entsprechend ihrer Stimmenzahl die beschlussfähige Vertreterversammlung. Die im November 2025 abgeschlossene Vertreterwahl führte zur Bildung eines Gremiums aus 57 Personen, aus deren Mitte eine Sprecherin/ein Sprecher und ein Stellvertreter bestimmt wurde.Konsum-Mitgliederzeitung, Nr. 10/2026, S. 3: Neubesetzung der Gremien der Berliner Konsumgenossenschaft.
Aufsichtsrat und Vorstand Als oberste Einrichtung des Konsum fungieren der Aufsichtsrat und der Vorstand. Der Aufsichtsrat ist ein Kontrollgremium und wird im vierjährigen Rhythmus von der Vertreterversammlung gewählt. Am 25. Juni 2025 fand eine solche Neuwahl statt. Vier neue Personen – Volker Beissenhirtz, Peter Gleber, Heidi Standt und Wilfried Trutz – wurden gewählt. Der Vorstand ist für das Tagesgeschäft zuständig und wird aus dem Kreis der gewählten Kandidaten bestimmt.
Bisherige Aufsichtsratsvorsitzende (Auswahl): um 1924: Paul Lange 2008 bis 2021: Karl Kauermann 2021 bis 2025: Stephan Gerdsmeier seit 2026: Volker Beissenhirtz
Bisherige Vorstandsvorsitzende (Auswahl): in den 1990er Jahren: Hannelore Winter 2003 – vom Juli bis September: Alexander Lottis 2003 bis 2004: Martin Bergner 2004 bis 2017: Heiderose Reimer, vor 2004 als Vorstandsmitglied und für den Bereich Immobilien zuständig seit 2018: Carsten Walther
Geschichte der Genossenschaft Gründung und Entwicklung bis zum Ende des Zweiten Weltkriegs Die ersten Erzeuger-Konsumgenossenschaften entstanden in Großbritannien, mit denen sich die kleinen Handwerksbetriebe gegen die Erzeugnisse der schnell wachsenden Industrie schützten. In Deutschland gründeten sich um 1850 erste Genossenschaften als bürgerliche Vereine. In Berlin und den damaligen Randgemeinden entstanden in den 1860er Jahren kleine Einkaufsgenossenschaften, die vor allem Lebensmittel und Artikel für den Haushalt in großen Mengen einkauften und diese preisgünstig an eingetragene Mitglieder abgaben. Entstehender Überschuss wurde am Jahresende an die Mitglieder ausgeschüttet. Dieses Konzept entwickelte sich gleichzeitig mit der Gründung zahlreicher Fabriken und wurde vor allem von Arbeiterfamilien genutzt. Im Lauf mehrerer Jahre entstanden rund 40 derartige Konsumgenossenschaften, die Namen wie Konsumverein Berlin-Nord (Wedding), Biene, Vorsicht, VoranJan Feustel: Spaziergänge in Lichtenberg. S. 36. oder Konsumverein EintrachtGertrud David: Nachruf auf Max Steinschneider, in: Sozialistische Monatshefte, Jg. 1915, Heft 26, S. 1365 (Zugang über die Online-Edition der Friedrich-Ebert-Stiftung) trugen. Um 1895 verstärkten die Mitglieder ihre Bemühungen, die zahlreichen kleinen Genossenschaften zu einer größeren zusammenzufassen. Treibende Kraft dahinter war der Mitte der 1890er Jahre gegründete Verein für Soziales Genossenschaftswesen in dem unter anderem Eduard Bernstein, Heinrich Braun, Adolf von Elm und Raphael Ernst May, Max Steinschneider und Gertrud David aktiv waren.Heinrich-Kaufmann-Stiftung (Hrsg.): Genossenschaftsgründer und Genossenschaftsgründerinnen und ihre Ideen. Beiträge zur 2. Tagung zur Genossenschaftsgeschichte am 2. und 3. November 2007 im Warburg-Haus in Hamburg, Norderstedt 2011, ISBN 978-3-8423-2579-1, S. 62 (Online) Das in diesem Zusammenhang erwähnte Jahr 1902 ist allerdings nicht das Gründungsjahr des Vereins, denn dieser wurde nach einer in dem Artikel über Gertrud David zitierten Publikation bereits Mitte der 1890er Jahre gegründet, was sich auch aus einer weiteren Publikation der Heinrich-Kaufmann-Stiftung ergibt: Burchard Bösche: Adolph von Elm – „Der ungekrönte König von Hamburg“. Gewerkschafter – Genossenschafter – Sozialdemokrat. Eine Biografie, Heinrich-Kaufmann-Stiftung, Norderstedt 2015, ISBN 978-3-7347-6357-1, S. 110, (Online) Gertrud David bezeichnete den „Verein für Soziales Genossenschaftswesen“ in einem in den Sozialistischen Monatsheften erschienen Nachruf auf Max Steinschneider als „den geistigen Mittelpunkt der Berliner Genossenschaftsbewegung“ in den 1890er Jahren.
Der Zusammenschluss der kleineren Genossenschaften zu einem Verband versprach, noch günstigere Einkaufspreise zu erzielen, wobei jedoch ein größerer Verwaltungsaufwand entstand. Auf gesellschaftlicher Ebene kündigten sich in diesen Jahren Staatsreformen an, Parteien wurden gegründet. Deren Anhänger wollten die politischen Einflüsse, die eine starke Konsumgenossenschaft ausüben könnte, für ihre sozialistischen Ideen nutzen, wie folgender Aufruf deutlich macht:
So kam es 1899 zur Gründung der Konsumgenossenschaft Berlin und Umgegend e. G., aus der später durch den Zusammenschluss mit weiteren Einkaufsgenossenschaften die Konsumgenossenschaft Berlin und Umgegend e. G. entstand.
mini|Zeichnung von Heinrich Zille aus Anlass des 25-jährigen Bestehens der Berliner Konsumgenossenschaft, 1924
Im Jahr 1908 hatte die Konsumgenossenschaft Berlin und Umgegend mit Sitz in der Gemeinde Lichtenberg bereits mehr als 10.000 Mitglieder und verfügte über einen Jahresumsatz von einer Million Mark (kaufkraftbereinigt in heutiger Währung: rund Millionen Euro). Nach dem Ende des Ersten Weltkriegs erfolgte eine stetige wirtschaftliche Aufwärtsentwicklung der Konsumgenossenschaft. Die Umsätze stiegen, es wurden weitere Abgabestellen eröffnet sowie Grundstücke und das Gut Sperenberg als Kindererholungsheim erworben. Mitglieder ohne Erwerb wurden im Jahr 1927 von der Konsumgenossenschaft mit insgesamt 60.000 Reichsmark aus Überschüssen unterstützt. Im Geschäftsjahr 1928/1929 waren rund 170.000 Menschen Mitglied dieser Solidargemeinschaft, das Eigenkapital betrug fast sechs Millionen Reichsmark (kaufkraftbereinigt in heutiger Währung: rund Millionen Euro).
In der Zeit des Nationalsozialismus verfolgten die neuen Machthaber Konsumgenossenschaften als „Reste marxistischer Wirtschaftsformen“. Noch vor ihrer Machtergreifung bildeten die Nationalsozialisten die Kampfgemeinschaft des gewerblichen Mittelstandes gegen Warenhaus und Konsumverein. Gezielt wurden von der SA-Kampfgemeinschaft Fensterscheiben von Konsum-Läden zertrümmert. Nachdem Adolf Hitler 1933 zum Reichskanzler ernannt worden war, verschärften sich die Übergriffe und Repressionen. Durch das am 25. November 1933 erlassene Gesetz über Preisnachlässe (Rabattgesetz) wurden Rückvergütungen auf drei Prozent vom Umsatz begrenzt, wodurch sich die Attraktivität einer Mitgliedschaft in einer Konsumgenossenschaft deutlich verringerte. Mitglieder von Konsumgenossenschaften wurden von NS-Organisationen mit Abmeldebüros unter Druck gesetzt. 1934 ging die nationalsozialistische Propaganda dazu über, das Vertrauen in die Sicherheit der Spareinlagen bei den Konsumgenossenschaften zu untergraben. In der Folge zogen zahlreiche Mitglieder ihre Sparguthaben ab.Burchard Bösche, Jan-Frederik Korf: Chronik der deutschen Konsumgenossenschaften. 150 Jahre Konsumgenossenschaften in Deutschland. 100 Jahre Zentralverband deutscher Konsumgenossenschaften e. V. Hamburg 2003, S. 23–45. Es folgte am 21. Mai 1935 das Gesetz über die Verbrauchergenossenschaften, das die Auflösung aller „lebensunfähigen“ Genossenschaften verfügte. Wie eine Reihe anderer vor allem großer Konsumgenossenschaften war auch die Berliner Konsumgenossenschaft davon betroffen und gab am 25. September 1935 den Beschluss über ihre Liquidation bekannt.
Konsum in Berlin von 1945 bis 1989 mini|hochkant|Neu entstandene Konsum-Verkaufsstelle in Berlin, 1946
Als der Zweite Weltkrieg zu Ende war, hatten alle Besatzungsmächte Vereine, Massenorganisationen und Parteien verboten. Doch der Befehl Nr. 176 der sowjetischen Militäradministration vom 18. Dezember 1945 ermöglichte die sofortige Wiedergründung bzw. die Fortführung der Konsumgenossenschaft, die nun Verband Berliner Konsumgenossenschaften GmbH hieß. Zahlreiche Häuser, besonders im Berliner Innenstadtbereich, waren zerstört und Lebensmittel knapp. Die Stadtverwaltung musste Lebensmittelkarten ausgeben, damit jede Familie das Lebensnotwendige erhielt. In dieser Situation befanden sich auch die Mitglieder der Konsumgenossenschaft, die in ihren eigenen Geschäften einkaufen konnten, aber an Sonderleistungen bzw. Rückvergütungen war vorerst nicht zu denken. Dafür organisierte die Genossenschaft Kulturveranstaltungen, wie aus einer Zeitungsannonce zu erfahren ist: „Internationaler Genossenschaftstag vom 27. Juni bis zum 4. Juli 1948 im Friedrichstadt-Palast, Theater am Schiffbauerdamm, Circus Barlay und Hausfrauennachmittage in den einzelnen Bezirken.“
Die Gründung der DDR und die besondere Rolle der Ost-Berliner Bezirke führten dazu, dass ab 1950 dem Konsum Berlin fast nur noch Einwohner aus den östlichen Stadtbezirken angehörten oder ihm neu beitraten. (In den westlichen Bezirken wurden die Mitglieder der früheren Konsumgenossenschaft Berlin polizeilich überwachtWebseite mit der Darstellung der Konsumgenossenschaft im Bezirk Wedding; auf www.berlinstreet.de; abgerufen am 16. Januar 2016. und traten deshalb meist aus dieser solidarischen Organisation aus. Mit der Co-op entstand später eine eigene Konsumgenossenschaft.)
mini|Konsum-Verkaufsstelle aus den 1960er Jahren in Berlin-Treptow; Außen- (oben) und Innenansicht