mini|Rainer Christoph Schwinges, aufgenommen von Werner Maleczek im Jahr 2011. Rainer Christoph Schwinges (* 19. Februar 1943 in Paderborn) ist ein deutsch-schweizerischer Historiker. Er lehrte von 1989 bis 2008 als Professor für Allgemeine Geschichte des Mittelalters an der Universität Bern. Schwerpunktmäßig hat er sich vor allem der mittelalterlichen Universitätsgeschichte gewidmet.

Leben Rainer Schwinges wuchs in Köln auf und legte 1963 am Humboldt-Gymnasium Köln das Abitur ab. Es folgte der Wehrdienst und ein Auslandsaufenthalt. Er studierte von Sommersemester 1966 bis Wintersemester 1973/74 Geschichte, Soziologie, Philosophie und Psychologie an den Universitäten Köln, Münster und Gießen. Von 1968 bis 1973 war er Stipendiat des Albertus-Magnus-Vereins der Erzdiözese Köln sowie der Nachwuchsförderung des Landes Hessen. Im Jahr 1974 wurde er in Gießen mit der von Hans-Dietrich Kahl angeregten und betreuten Arbeit über Wilhelm von Tyrus unter dem Titel Kreuzzugsideologie und Toleranz promoviert.Vgl. dazu die Besprechungen von Marie Luise Bulst-Thiele in: Francia 6, 1978, S. 754–756 (online); James Waltz in: The American Historical Review 83, 1978, S. 983–984; Siegfried Raeder in: Zeitschrift des Deutschen Palästina-Vereins 95, 1979, S. 114–118; Ewald Wagner in: Zeitschrift der Deutschen Morgenländischen Gesellschaft 128, 1978, S. 412; Marie-Luise Favreau in: Historische Zeitschrift 228, 1979, S. 686–688; Monica Blöcker in: Neue Zürcher Zeitung 302, 24./25. Dezember 1977, S. 34; Benedykt Zientara in: Kwartalnik Historyczny 85, 1978, S. 1047–1052; Gian A. Bezzola in: Schweizerische Zeitschrift für Geschichte 28, 1978, S. 603 (online); Hans Eberhard Mayer in: Deutsches Archiv für Erforschung des Mittelalters 34, 1978, S. 255–257 (online); Jean Richard in: Erasmus. International Bulletin of Contemporary Scholarship 30, 1978, S. 310–311; Michel de Waha in: Byzantion 48, 1978, S. 555–559; Colin Morris in: The Journal of Theological Studies 29, 1978, S. 581–582; Ernst-Dieter Hehl in: Philosophy and History (German Studies) XI, 1978, S. 104–106; Roger Mols in: Nouvelle Revue Théologique 100, 1978, S. 598; Wolfgang Giese in: Archiv für Kulturgeschichte 60, 1978, S. 457–458; Vincenzo Poggi in: Orientalia Christiana Periodica 44, 1978, S. 229–231; Harald Zimmermann in: Theologische Revue 75, 1979, S. 292–294; Rudolf Reinhardt in: Theologische Quartalschrift 159, 1979, S. 233; Frank De Graeve in: Bijdragen. International Journal for Philosophy and Theology 40, 1979, S. 459; Werner Maleczek in: Innsbrucker Historische Studien 2, 1979, S. 321; Jonathan Riley-Smith in: The Catholic Historical Review 66, 1980, S. 627–628; Gert Haendler in: Theologische Literaturzeitung 105, 1980, S. 605–607; Erasmo Merendino in: Rivista de Storia e Letteratura Religiosa XVII, 1981, S. 126–127; Georg Scheibelreiter in: Mitteilungen des Instituts für Österreichische Geschichtsforschung 89, 1981, S. 131–132. Im selben Jahr wurde ihm der Dissertationspreis der Universität Gießen verliehen.

Von 1974 bis 1977 war er wissenschaftlicher Mitarbeiter von František Graus in einem Projekt der Deutschen Forschungsgemeinschaft (DFG) über Entstehung der europäischen Nationen im Mittelalter in Gießen, Prag und Basel. Von 1977 bis 1988 war er Assistent in Gießen. Dort folgte 1985 mit der Abhandlung Deutsche Universitätsbesucher im 14. und 15. Jahrhundert. Studien zur Sozialgeschichte des alten Reiches die Habilitation bei Peter Moraw.Vgl. dazu die Besprechungen von Willem Frijhoff in: Francia 17/1, 1990, S. 297–300 (online); Joachim Ehlers in: Historische Zeitschrift 248, 1989, S. 689–692; Notker Hammerstein in: Zeitschrift für Historische Forschung 16, 1989 S. 351–353; Gerhard Jaritz in: Zeitschrift der Savigny-Stiftung für Rechtsgeschichte, Germanistische Abteilung 107, 1990, S. 541–543; Hartmut Boockmann in: Deutsches Archiv für Erforschung des Mittelalters 44, 1988, S. 712 (online); Rainer A. Müller in: Das Historisch-Politische Buch 35, 1987, S. 75–76; Erich Mende in: Philosophischer Literaturanzeiger 40, 1987, S. 244–246; Gerhard Fouquet in: Zeitschrift für die Geschichte des Oberrheins 136, 1988, S. 517–519; Götz-Rüdiger Tewes in: Geschichte in Köln 23, 1988, S. 91–102; Jiří Pešek in: Československý časopis historický 36, 1988, S. 917–918; John M. Fletcher in: The English Historical Review 104, 1989, S. 121–122; Laetitia Boehm in: Internationales Archiv für Sozialgeschichte der deutschen Literatur 14, 1089, S. 216–222; Jean-Luc Le Cam in: Histoirede l’Education 41, 1989, S. 89–94; Alois Schmid in: Zeitschrift für bayerische Landesgeschichte 53, 1990, S. 480–481 (online); Harald Dickerhof in: Historisches Jahrbuch 110, 1990, S. 194–196; Friedrich Battenberg in: Archiv für Hessische Geschichte und Altertumskunde 48, 1990, S. 501–503. Ein Jahr später erhielt er den Preis der Universität Gießen.

Es folgten Lehrtätigkeiten als Privatdozent und Vertretungsprofessor an den Universitäten Gießen, Osnabrück und Bielefeld. Von 1989 bis 1992 lehrte Rainer Schwinges als außerordentlicher Professor und seit 1992 als ordentlicher Professor für Allgemeine Geschichte des Mittelalters an der Universität Bern. Er war von 1997 bis 1999 Dekan der Philosophisch-historischen Fakultät und bis 2001 Senator der Universität Bern. Von 2001 bis 2008 war er Präsident des Forums für Universität und Gesellschaft. Im Jahr 2003 wurde er Universitätsrat der Karl-Franzens-Universität Graz. Im Sommer 2008 wurde er emeritiert. Anlässlich seiner Emeritierung wurde Schwinges eine Tagung gewidmet. Das Ziel der Tagung war es, „die Vorstellung von Mittelalter als einer Zeit der Stagnation zu hinterfragen“.Karl-Heinz Spieß: Innovation in der Energieerzeugung und in der Technik des Mittelalters. In: Christian Hesse, Klaus Oschema (Hrsg.): Aufbruch im Mittelalter – Innovation in Gesellschaft der Vormoderne. Studien zu Ehren von Rainer C. Schwinges. Ostfildern 2010, S. 87–124, hier: S. 102. Die Beiträge der Tagung wurden 2010 von Christian Hesse und Klaus Oschema veröffentlicht.Christian Hesse, Klaus Oschema (Hrsg.): Aufbruch im Mittelalter – Innovationen in Gesellschaften der Vormoderne. Studien zu Ehren von Rainer C. Schwinges. Ostfildern 2010.

Schwinges ist Mitglied in der Schweizerischen Gesellschaft für Wirtschafts- und Sozialgeschichte (seit 1990), auswärtiges Mitglied in der Akademie gemeinnütziger Wissenschaften zu Erfurt (seit 1995), Mitglied in der International Commission for the History of Universities (Member seit 1991, seit 2016 Honorary member), Mitglied in der Österreichischen Gesellschaft für Wissenschaftsgeschichte (seit 1996), Mitglied im Konstanzer Arbeitskreis für mittelalterliche Geschichte (seit 1998) und ordentliches Mitglied in der Historischen Kommission bei der Bayerischen Akademie der Wissenschaften (seit 1999). Im Jahr 1995 war Schwinges zusammen mit Rainer A. Müller und Rüdiger vom Bruch Gründer der Gesellschaft für Universitäts- und Wissenschaftsgeschichte (GUW) und bis 2009 deren erster Präsident (Ehrenpräsident seit 2015). Die erste Veröffentlichung der Gesellschaft für Universitäts- und Wissenschaftsgeschichte gab er 1999 in einem Sammelband heraus. Damit liegen 22 Vorträge der Tagung „Artisten und Philosophen“ in Ascona von 1997 zusammenfasst vor.Vgl. dazu die Besprechung von Matthias Asche in: Historische Zeitschrift 274, 2002, S. 132–133. Er ist Herausgeber der Veröffentlichungen der Gesellschaft für Universitäts- und Wissenschaftsgeschichte. Für seine Verdienste um das kulturelle Leben der Stadt Bern verlieh ihm die Burgergemeinde Bern 2007 die Externe Burgerliche Medaille. Im Jahr 2021 hat ihn die Schweizerische Akademie der Geistes- und Sozialwissenschaften (SAGW) unter anderem in Anerkennung seiner „visionären Förderung der digitalen Geschichtswissenschaften“ zum Ehrenmitglied ernannt.Rückblick Jahresversammlung 2021

Er ist verheiratet und hat eine Tochter.

Forschungsschwerpunkte Seine Forschungsschwerpunkte sind die Sozial- und Verfassungsgeschichte sowie die Ideen- und Kulturgeschichte des hohen und späten Mittelalters, insbesondere die Kreuzzugs-, Stadt- und Migrationsgeschichte sowie die Universitäts-, Bildungs- und Wissenschaftsgeschichte des Mittelalters und der Neuzeit. Seine Dissertation entfaltete eine Diskussion über die Möglichkeiten der Toleranz zwischen Christentum und Islam.Vgl. das Protokoll Konstanzer Arbeitskreis für mittelalterliche Geschichte Thema: „Toleranz im Mittelalter“: Reichenau-Tagung vom 4. – 7. Oktober 1994. Konstanz 1994, S. 44.

Mit Unterstützung des Schweizerischen Nationalfonds führte Schwinges von 1992 bis 1998 das Projekt Neubürger im späten Mittelalter durch, das sich erstmals umfassend mit dem Quellenbestand der so genannten „Bürgerbücher“ bzw. „Neubürgerbücher“ befasste. Aus dem Projekt und einem Symposium ging 2002 der Band Neubürger im späten Mittelalter. Migration und Austausch in der Städtelandschaft des Alten Reiches (1250–1550) hervor.Vgl. dazu die Besprechungen von Joachim Deeters in: Geschichte in Köln 50, 2003, S. 228–230; Gabriel Zeilinger in: Vierteljahrschrift für Sozial- und Wirtschaftsgeschichte 91, 2004, S. 112–113; Gerhard Fouquet in: Zeitschrift für Historische Forschung 31, 2004, S. 603–604; Immo Eberl in: Historische Zeitschrift 279, 2004, S. 473–474: Alexander Schunka in: Zeitschrift für Geschichtswissenschaft 52, 2004, S. 561–563; Felicitas Schmieder in: Zeitschrift für bayerische Landesgeschichte 67, 2004, S. 167–168 (online); Ellen Widder in: Deutsches Archiv für Erforschung des Mittelalters 61, 2005, S. 364–365 (online); Helmut Bräuer in: Jahrbuch für Regionalgeschichte 23, 2005, S. 180–181; Claudia Kalesse in: Hessisches Jahrbuch für Landesgeschichte 55, 2005, S. 416–418; Pierre Monnet in: Annales. Histoire, Sciences Sociales 61, 2006, S. 175–178; Henning Steinführer in: Neues Archiv für sächsische Geschichte 78, 2007, S. 379–381. 16 Beiträge widmeten sich verschiedenen Aspekten der Aufnahme von Neubürgern in den Städten vom 13. bis zum 16. Jahrhundert. Dafür dienten 228 Bürgerbücher bzw. 82 Bürgerlisten in der Zeit zwischen 1250 und 1550 als Quellengrundlage. Während seiner Berner Lehrtätigkeit hat er sich wiederholt mit Fragen zur Schweizerischen und Bernischen Geschichte befasst.

Für den Konstanzer Arbeitskreis führte er mit Klaus Wriedt 2001 eine Frühjahrstagung zum Thema Gesandtschafts- und Botenwesen im spätmittelalterlichen Europa durch. Im Herbst 2005 organisierte er eine Tagung des Konstanzer Arbeitskreises zu „Straßen- und Verkehrswesen im hohen und späten Mittelalter“.Vgl. dazu die Besprechungen von Bernd Schütte in: sehepunkte 9, 2009, Nr. 6 [15. Juni 2009], (online); Immo Eberl in: Schweizerische Zeitschrift für Geschichte 59, 2009, S. 359–360 (online); Norbert Ohler in: Vierteljahrschrift für Sozial- und Wirtschaftsgeschichte 95, 2008, S. 495; Ellen Widder in: Deutsches Archiv für die Erforschung des Mittelalters 66, 2010, S. 839–842 (online).