mini|hochkant=1.6|Die Waage neben dem Leinwandhaus, (Foto von Carl Friedrich Mylius, 1874) mini|hochkant=1.6|Position des Gebäudes in der Frankfurter Altstadt (Chromolithografie, 1904)
Die Stadtwaage war ein historisches, seit seiner Erbauung städtisches Steinhaus in der Altstadt von Frankfurt am Main. Die nördliche Traufseite des Gebäudes zeigte zum Weckmarkt südlich des Doms, die östliche Giebelseite zur Großen Fischergasse mit der Häusergruppe Roseneck und die größtenteils verbaute südliche Traufseite zur Gasse An der Schmidtstube. Im Westen schloss das Gebäude an das Haus Weckmarkt 3, auch Neues Kaufhaus genannt, an, in dem noch bis zu seinem Abbruch das Bestätteramt untergebracht war. Die Hausanschrift war Weckmarkt 1.
Die Geschichte des Gebäudes ist eng mit dem alten Judenviertel der Stadt und der ältesten Frankfurter Synagoge verflochten, an deren Stelle es im Jahre 1503 errichtet wurde. Nach dem Abriss im Jahre 1874 ersetzte man die Waage bis 1877 durch ein neugotisches Magazingebäude für das Frankfurter Stadtarchiv, das seinerseits am 29. Januar 1944 bei einem Luftangriff auf Frankfurt am Main vollständig vernichtet wurde.
Nach dem Krieg wurden die Parzelle und weite Teile des alten Straßennetzes durch schlichte Wohn- und Geschäftsbauten überformt, die neben dem historischen Leinwandhaus bis heute das Bild des Weckmarkts prägen, so dass nichts mehr an die Synagoge, die Waage oder das historistische Stadtarchiv erinnert.
Geschichte Vorgeschichte und das alte Judenviertel mini|Dom, Höllgasse und Weckmarkt (Zeichnung von Peter Becker, 1858)
Im Hochmittelalter war der Dom – wie in vielen Städten dieser Zeit – fast vollständig von profaner Bebauung umgeben. Hier befand sich die Keimzelle Frankfurts, das sich aus der einstigen Königspfalz entwickelt hatte, und auch das 1288 erstmals erwähnteJohann Friedrich Boehmer, Friedrich Lau: Urkundenbuch der Reichsstadt Frankfurt. J. Baer & Co, Frankfurt am Main 1901–1905, Band I, S. 262, 263, Urkunde Nr. 544, 25. Mai 1288. alte Rathaus der Stadt an der Stelle des heutigen Kirchturms. Mangels bildlicher Darstellungen, und der Tatsache, dass diese Gegend zu Beginn der frühen Neuzeit den Zustand erreicht hatte, in dem sie dann bis zu ihrer völligen Vernichtung im Zweiten Weltkrieg fast unverändert überkommen war, lässt sich die topographische Situation des Mittelalters nur näherungsweise anhand urkundlicher Nennungen und weniger archäologischer BefundeChristian Ludwig Thomas: Die Ausgrabungen im Domhof und auf dem Weckmarkt 1896 und 1897. In: Archiv für Frankfurts Geschichte und Kunst. Dritte Folge. Sechster Band. K. Th. Völcker’s Verlag, Frankfurt am Main 1899, S. 314–322. rekonstruieren.
Unstrittig ist, dass sich südwestlich, südlich und südöstlich des Doms das älteste Judenviertel der Stadt befand. Diese Nähe des jüdischen Quartiers zur seit 1311 selbstständigen Stadtverwaltung und auch der Kirche war im nationalen Vergleich ungewöhnlich und doch kennzeichnend für Frankfurt, das von Alters her eine der größten und selbstständigstenBis zur Umsiedlung in die Judengasse 1462 konnten die Frankfurter Juden ihren Wohnort frei wählen. Im Vergleich mit anderen Reichsstädten wie z. B. dem Köln oder Regensburg jener Zeit war dies außergewöhnlich liberal, so gab es dort ein Ghetto, was sogar allabendlich und allmorgendlich von der Stadt verschlossen wurde, was diese sich auch noch bezahlen ließ; vgl. hierzu: Isidor Kracauer: Geschichte der Frankfurter Juden im Mittelalter. Aus der inneren Geschichte der Juden Frankfurts im XIV. Jahrhundert (Judengasse, Handel und sonstige Berufe). Verlag von J. Kauffmann, Frankfurt am Main 1914, S. 7. jüdischen Gemeinden im Heiligen Römischen Reich Deutscher Nation besaß. Das Gebiet, in dem jüdische Bewohner dominierten, wurde bis Mitte des 14. Jahrhunderts im Osten durch die Fahrgasse etwa auf Höhe der Mehlwaage, im Norden durch den Garküchenplatz und den südlichen Rand des Kirchhofs und im Westen durch das Heilig-Geist-Plätzchen in der Saalgasse lose begrenzt.Johann Georg Battonn: Oertliche Beschreibung der Stadt Frankfurt am Main – Band III. Verein für Geschichte und Alterthumskunde zu Frankfurt am Main, Frankfurt am Main 1863, S. 328–331; Ausführungen zur Alten Judengasse.
mini|links|Plan des ältesten jüdischen Viertels nach Urkunden und Grabungsbefunden von Christian Ludwig Thomas, 1897 mini|links|Umgebung des Doms, (Chromolithografie von Friedrich August Ravenstein, 1862)
Der Kirchhof war im Norden und Osten bis zur Born- bzw. bis zur Kannengiessergasse ausgedehnt, im Süden aber wohl wesentlich enger als heute an den Dom gerückt, da sich hier die Alte Judengasse, die man als Hauptstraße des Quartiers begreifen muss, zwischen die Kirche – bis in die 1340er Jahre noch ohne Querschiffe – und den späteren Weckmarkt zwängte.Battonn III, S. 239–250; Ausführungen zum Kirchhof vor 1537. Die Parzellierung des Weckmarkts war wesentlich weiter nach Norden verschoben als in der frühen Neuzeit oder heute, so dass die Gasse kaum mehr als zwei Meter breit war.Kracauer, S. 6; nach den Grabungsbefunden von Christian Ludwig Thomas auf dem Weckmarkt im Jahre 1897, auf denen die gezeigte Karte basiert. Die Affengasse mit dem namensgebenden Eckhaus Zum Affen am westlichen Ende der Judengasse führte an ihrer Überkreuzung mit Saal- und Schlachthausgasse hinauf zum Dom und dann zur Bendergasse.Battonn III, S. 323; Ausführungen zur Affengasse.
Auch der frei stehende Häuserblock mit dem späteren Leinwandhaus war lange ein integraler Bestandteil des jüdischen Viertels. Belegt wird dies neben zahlreichen Urkunden auch durch die topographische Beschreibung des Gebietes durch Baldemar von Petterweil im Jahr 1350. Östlich der Gumprachtsgasse, die den Block in Nord-Süd-Richtung durchschnitt, befand sich das jüdische Tanz- bzw. Spielhaus,Johann Georg Battonn: Oertliche Beschreibung der Stadt Frankfurt am Main – Band IV. Verein für Geschichte und Alterthumskunde zu Frankfurt am Main, Frankfurt am Main 1864, S. 11; Zitat aus dem Manuskript: „O. U. 1360. Der Juden Spielehaus an der Judenschul zu Frankfurt“, 1390 und 1405 wird es in Zinsbüchern des Bartholomäusstifts als „domui corearum judeorum“ erwähnt. östlich daran anschließend die so genannte Alte Judenschule. Bei letzterem Gebäude handelte es sich um die älteste Synagoge der seit dem 12. Jahrhundert in Frankfurt nachweisbaren jüdischen Gemeinde. Sie ist als romanisches Gebäude archäologisch nachzuweisen und wurde bei den Pogromen 1241 – in diesen Zusammenhang fällt auch ihre schriftliche ErsterwähnungRudolf Jung, Carl Wolff: Die Baudenkmäler von Frankfurt am Main – Band 1, Kirchenbauten. Selbstverlag/Völcker, Frankfurt am Main 1896, S. 363; hier Zitat einer jüdischen Quelle von 1241: „[…] die heilige Synagoge wurde zerstört, Bösewichte drangen ein, raubten und plünderten und zerrissen in ihrer Wuth unser schönes Antheil, die herrlichen Gesetzesrollen.“. – und 1349 zerstört, offenbar aber immer wieder an gleicher Stelle von ähnlicher Kubatur neu erbaut.Kracauer, S. 24 u. Jung, Wolff, Bd. 1, S. 363; beim Abriss der Waage und ihres Hintergebäudes fanden sich die Reste der wohl ersten Synagoge in romanischen Formen, im Sinne der Frankfurter Stilabfolgen also wenigstens aus der 1. Hälfte des 13. Jahrhunderts. Neben einem Rundbogenfenster legte man die Grundmauern einer romanischen Basilika mit runder Apsis für die Gesetzeslade frei. Der Fund wurde nur unzureichend, geschweige denn archäologisch dokumentiert und für die Fundamentierung des Nachfolgebaus auch allem Anschein nach vollständig beseitigt.
Nach dem Pogrom von 1349, bei dem fast die gesamte jüdische Bevölkerung der Stadt ermordet wurde, ein dabei gelegtes Feuer große Teile ihres angestammten Wohnquartiers vernichtete sowie den gerade im Bau befindlichen Dom beschädigte, war die gesamte Gegend zwischen Kirchhof und Main eine Trümmerwüste.Richard Froning: Frankfurt Chroniken und annalistische Aufzeichnungen des Mittelalters. Verlag Carl Jügel, Frankfurt am Main 1884, S. 8; ein wohl Anfang des 16. Jahrhunderts niedergeschriebener Text aus der zweiten Hälfte des 15. Jahrhunderts, der seinerseits wohl auf Augenzeugenberichten (Baldemar von Peterweil?) des 14. Jahrhunderts basiert, jedoch im Gesamtkontext eher ein Plenum für die damals erfolgte Umsiedlung der Judengasse darstellt. Einzelne Textstellen sind dennoch eine wertvolle Quelle für die spärlich überlieferten Verhältnisse, hier für den Zerstörungsgrad des Jahres 1349: „stantibus in cimiterio ejusdem basilice liberum ad pontis medium prebuerunt aspectum.“ Dies bedeutet auf Deutsch sinngemäß: „Vom Friedhof [Kirchhof] bot sich ein freier Blick bis zur Mitte der Brücke [Alte Brücke].“ Aufgrund eines kurz zuvor getroffenen Vertrages mit Kaiser Karl IV. ging das jüdische Eigentum an dem Gebiet an den Rat über, der sich in den folgenden Jahren zahlreicher Begehrlichkeiten um diese äußerst günstig gelegenen Grundstücke erwehren musste, wobei er auch weitgehend erfolgreich war.Kracauer S. 13–15; durch die Verpfändung der Judenstättigkeit für 15.200 Pfund Heller im Rahmen eines Vertrags mit Kaiser Karl IV. vom 25. Juni 1349 war das Eigentum an den Juden an die Stadt übergegangen. Durch eine Klausel im Vertrag wurde sie zudem automatisch zum Erben der Eigentümer verstorbener oder getöteter Juden. Aufgrund großer Begehrlichkeiten um die Grundstücke – u. a. seitens des Augustinerordens und des damaligen Herrn von Hanau, Ulrich III. – wurde der Schutt darauf erst 1357 geräumt, und in diesem Zusammenhang auch die Synagoge explizit erwähnt, die offenbar ausgebrannt und voller Trümmer stand.
mini|Mehlwaage und Haus Fürsteneck am Garküchenplatz, um 1880(Fotografie von Carl Friedrich Mylius)
Einzig im Streit mit dem Bartholomäusstift um die Grundstücke der nördlichen Judengasse, also direkt an der Kirche, unterlagen die Stadtväter. Für das Stift war dies ein großer Erfolg, hatte sich der Kirchhof durch den Bau des südlichen Querhauses der Kirche in den Jahren 1352 und 1353 doch wesentlich verkleinert, was es durch Hinzuziehen der alten Grundstücke nun ausgleichen konnte. Die ab 1351 erbaute Kirchhofmauer folgte wahrscheinlich genau der südlichen Blockrandgrenze der alten Judengasse und stieß im Westen auf die Rückseite der Affengasse.
Die übrigen Grundstücke wurden vom Rat erneut an Privatpersonen, darunter auch nur zaghaft nach Frankfurt zurückkehrende Juden vergeben.Kracauer, S. 18; erst ab den 1380er Jahren ließen sich Juden wieder als Hausbesitzer nachweisen. Das prominenteste Beispiel für ein Unternehmen im Bereich des Profanbaus an der Stelle ehemaliger jüdischer Häuser war das bis 1944 erhaltene, 1362 von Johann von Holzhausen erbaute Haus Fürsteneck an der Ecke zur Fahrgasse. Doch auch die Stadt selbst nutzte die alten Grundstücke: 1365 war erstmals die Rede vom Bau einer Waage in der Affengasse,Roland Hoede, Dieter Skala, Patricia Stahl (Hrsg.): Brücke zwischen den Völkern – Zur Geschichte der Frankfurter Messe. Band III: Ausstellung zur Geschichte der Frankfurter Messe. Union Druckerei und Verlag, Frankfurt am Main 1991, ISBN 3-89282-021-X, S. 65. die offenbar bis 1372 fertig gestellt war.Battonn III, S. 326; Zitat aus dem Manuskript: „Stadt-Rechenbuch de 1372. Es ward in diesem Jahre ein Wagehaus gebaut.“, 1388 findet sich eine weitere Nennung im Schöffengerichtsprotokoll.