Erich Meuthen (* 31. Mai 1929 in Mönchengladbach; † 11. Juni 2018 in Köln) war ein deutscher Historiker, der schwerpunktmäßig über das Spätmittelalter forschte.

Meuthen hatte Professuren für Mittelalterliche Geschichte an den Universitäten Bern (1971–1976) und Köln (1976–1994). Er entdeckte zahlreiche Quellen des 15. Jahrhunderts und gehörte in der Zeit seiner Forschungstätigkeit zu den führenden Experten für das Leben und Werk des Humanisten, Philosophen und Kirchenpolitikers Nikolaus von Kues.

Leben Erich Meuthen war der Sohn von Maria Meuthen, geborener Welty, und des Konrektors Wilhelm Meuthen. Er stammte aus einem stark katholisch geprägten Umfeld. Zur Wehrmacht wurde er nicht mehr eingezogen.Johannes Helmrath: ‚Concordantia Catholica‘. Laudatio auf Erich Meuthen, Hermann Hallauer und die Acta Cusana. In: Cusanus-Jahrbuch Band 2, 2010, S. 47–61, hier: S. 50. Nach Besuch der Volksschule und der höheren Schule zu Gladbach legte Meuthen am Mathematisch-Naturwissenschaftlichen Gymnasium in Mönchengladbach die Reifeprüfung im März 1949 ab.

Meuthens Interesse für Geschichte wurde durch die Bilder geweckt, die der Schuhcremehersteller Erdal seinen Produkten beilegte (etwa: „Kaiser Friedrich Rotbart züchtigt die aufbegehrenden Mailänder“). Dabei interessierte er sich mehr für die Bilderklärungen als für die Bilder selbst.Johannes Helmrath: ‚Concordantia Catholica‘. Laudatio auf Erich Meuthen, Hermann Hallauer und die Acta Cusana. In: Cusanus-Jahrbuch Band 2, 2010, S. 47–61, hier: S. 48. Meuthen studierte neun Semester Geschichte, Germanistik und Philosophie an der Universität zu Köln. Seine wichtigsten akademischen Lehrer waren Gerhard Kallen, Richard Alewyn und Josef Koch.Heribert Müller: Erich Meuthen. In: Erich Meuthen. Bibliographie seiner Schriften 1954–2003. Köln 2009, S. 5–12, hier: S. 5. Bei Alewyn arbeitete Meuthen über Goethes Faust und versuchte sich an eigenen Gedichten und Dramen.Johannes Helmrath: ‚Concordantia Catholica‘. Laudatio auf Erich Meuthen, Hermann Hallauer und die Acta Cusana. In: Cusanus-Jahrbuch. Band 2, 2010, S. 47–61, hier: S. 50. Koch und Kallen weckten sein Interesse für Nikolaus von Kues. In Köln wurde er im März 1954 mit einer von Kallen angeregten und betreuten Arbeit über die Kirchenreform und Geschichtstheologie bei Gerhoch von Reichersberg promoviert.Erich Meuthen: Kirchenreform und Geschichtstheologie bei Gerhoh von Reichersberg. o. O. 1954 (Universität zu Köln, Philosophische Fakultät, Dissertation vom 25. März 1954), publiziert 1959. Von 1954 bis 1957 war er als Stipendiat des Landes Nordrhein-Westfalen am Deutschen Historischen Institut in Rom beschäftigt.

Meuthen absolvierte eine Ausbildung zum Archivar am Nordrhein-westfälischen Hauptstaatsarchiv in Düsseldorf und gemeinsam mit Hugo Stehkämper an der Archivschule Marburg. Von 1957 bis 1971 arbeitete er im Höheren Archivdienst, ab 1961 war er Archivrat und von 1966 bis 1971 Archivdirektor des Stadtarchivs Aachen. Nach seiner Habilitation 1967 mit einer prosopographischen Studie über die Aachener Pröpste bis zum Ende der Stauferzeit war er von 1967 bis 1971 zugleich Privatdozent an der RWTH Aachen.

Von 1971 bis 1976 war Meuthen ordentlicher Professor für Geschichte des Mittelalters an der Universität Bern. Einen Ruf an die Universität München lehnte er 1974 ab. Als Nachfolger von Theodor Schieffer lehrte Meuthen von 1976 bis zu seiner Emeritierung 1994 Mittlere und Neuere Geschichte in Köln. Im August 1977 wurde er auch Schieffers Nachfolger als Leiter des Universitätsarchivs. Dieses Amt behielt er nach seiner Emeritierung bis zum 31. Januar 2001. Als akademischer Lehrer betreute er vier Habilitationen und 25 Dissertationen. Zu seinen bedeutendsten akademischen Schülern gehören Johannes Helmrath, Harm Klueting, Heribert Müller und Urs Martin Zahnd. Es bildete sich jedoch keine Schule im Sinne eines Kreises von Schülern mit einem gemeinsamen Forschungsgebiet heraus.Heribert Müller: Erich Meuthen. In: Erich Meuthen. Bibliographie seiner Schriften 1954–2003. Köln 2009, S. 5–12, hier: S. 7; Heribert Müller: Erich Meuthen (1929–2018). In: Historische Zeitschrift Band 309, 2019, S. 659–667, hier: S. 664 f.

Im Jahr 1993 wurde ihm die Universitätsmedaille verliehen. Seit 1977 war Meuthen korrespondierendes Mitglied der Heidelberger Akademie der Wissenschaften und ordentliches Mitglied der Historischen Kommission der Bayerischen Akademie der Wissenschaften, seit 1982 ordentliches Mitglied der Rheinisch-Westfälischen Akademie wurde er 2007 auch korrespondierendes Mitglied der Nordrhein-Westfälischen Akademie der Wissenschaften. Er war über zwanzig Jahre Mitglied im wissenschaftlichen Beirat des Deutschen Historischen Instituts in Rom. In der Nachfolge von Hermann Heimpel wurde er von der Historischen Kommission der Bayerischen Akademie der Wissenschaften mit der Ausgabe der Älteren Reihe der Deutschen Reichstagsakten (1376–1485) betreut. Meuthen gehörte viele Jahre zum Herausgeberkreis der Historischen Zeitschrift und der Zeitschrift für Kirchengeschichte.

Meuthen heiratete 1967 und wurde in den folgenden Jahren Vater von drei Kindern. Seit 1996 war er verwitwet. Meuthen litt viele Jahre an der Parkinson-Krankheit.Anna Sauerbrey: Schriftensammlung zu Nikolaus von Kues. Zwei Forscherleben für einen großen Schatz. In: Der Tagesspiegel, 20. April 2011, abgerufen am 11. Juni 2023; Heribert Müller: Erich Meuthen (1929–2018). In: Historische Zeitschrift Band 309, 2019, S. 659–667, hier: S. 667. Er starb am 11. Juni 2018 im Alter von 89 Jahren und wurde im Familiengrab in Köln beigesetzt.Traueranzeige. In: lebenswege.faz.net, abgerufen am 13. September 2026.

Werk Meuthen legte von 1954 bis 2003 etwa 120 Veröffentlichungen vor. Fast immer stand Nikolaus von Kues im Zentrum seiner Forschungen. Als Archivar in Aachen widmete er sich der mittelalterlichen Stadtgeschichte Aachens. Als Professor in Bern erforschte er das Konzil von Basel (1431–1449). Neben seinen Cusanus-Forschungen befasste sich Meuthen als Professor in Köln mit der Universitätsgeschichte. Anlässlich der 600-Jahr-Feier hat die Universität 1988 eine große, weitgehend von Meuthen verantwortete dreibändige Kölner Universitätsgeschichte veröffentlicht. Den ersten Band über die Geschichte der alten Kölner Universität (1388 bis 1798) hat Meuthen verfasst. Die Darstellung genügt höchsten wissenschaftlichen Ansprüchen und gilt auch im internationalen Vergleich als vorbildlich.Heribert Müller: Erich Meuthen. In: Erich Meuthen. Bibliographie seiner Schriften 1954–2003. Köln 2009, S. 5–12, hier: S. 6. Vgl. die Besprechung von Peter Baumgart in: Rheinische Vierteljahresblätter Band 55, 1991, S. 428–431 (online). Meuthen war sein ganzes Forscherleben aufgeschlossen gegenüber neuen Fragestellungen.Claudia Märtl: Erich Meuthen (1929–2018). In: Quellen und Forschungen aus italienischen Archiven und Bibliotheken Band 98, 2018, S. 463–465, hier: S. 465 (online). So veröffentlichte er 2000 einen vergleichenden Aufsatz über den Anteil von Frauen am deutschen und italienischen Schrifttum des Spätmittelalters. Er konnte zeigen, dass gebildete und literarisch tätige Frauen nicht nur im Hochadel, sondern auch im Bürgertum und geistlichen Stand vorkamen.Erich Meuthen: Der Frauenanteil an der literarischen Produktion im deutschen 15. Jahrhundert und im italienischen Quattrocento. Ein Vergleich. In: Matthias Thumser (Hrsg.): Studien zur Geschichte des Mittelalters. Jürgen Petersohn zum 65. Geburtstag. Stuttgart 2000, S. 311–334. Vgl. dazu die Besprechung von Stefan Hartmann in: Zeitschrift des Vereins für hessische Geschichte Band 106, 2001, S. 315–317, hier: S. 317 (online).

Cusanus-Forschungen Die Beschäftigung mit Nikolaus von Kues ging auf eine Anregung von Josef Koch zurück. Dank einem dreijährigen Stipendium des Landes Nordrhein-Westfalen konnte sich Meuthen ab 1954 der Erforschung der späten italienischen Jahre des Cusanus widmen. Dabei stieß er in 38 italienischen Archiven und Bibliotheken auf eine Fülle von bis dahin gänzlich unbekanntem Quellenmaterial. Die daraus resultierende und 1958 erschienene Studie Die letzten Jahre des Nikolaus von Kues bestand überwiegend aus erstmals edierten Quellen. Meuthen veröffentlichte 1964 anlässlich der 500. Wiederkehr von Nikolaus’ Todestag die Darstellung Nikolaus von Kues 1401–1464. Skizze einer Biographie.Vgl. Besprechungen u. a. von Heinz Hürten in Historisches Jahrbuch Band 85, 1965, S. 402 f.; Rudolf Grabs in: Theologische Literaturzeitung, 91. Jahrgang, 1966, Nr. 10, S. 767 f. (Digitalisat); Hans Martin Schaller in Deutsches Archiv für Erforschung des Mittelalters Band 20, 1964, S. 619 (Digitalisat). Dabei betrachtete er seine Arbeit nur „als einen Vorbescheid“.Erich Meuthen: Nikolaus von Kues. 1401–1464. Skizze einer Biographie. Münster/Westfalen 1964, S. 3. Diese Darstellung wollte „in erster Linie den Menschen ergründen, sein Werk verstehen nur im Blick auf ihn selbst, es nicht in seiner Fülle entfalten“.Erich Meuthen: Nikolaus von Kues 1401–1464. Skizze einer Biographie. 7., überarbeitete Auflage. Münster 1992, S. 3. Er würdigte Cusanus als „den ersten Rechtshistoriker im strengen Sinn“.Erich Meuthen: Nikolaus von Kues 1401–1464. Skizze einer Biographie. 7., überarbeitete Auflage. Münster 1992, S. 21. Große Bedeutung räumte er der Gesandtentätigkeit in Konstantinopel im Jahr 1437 ein. Durch seinen Einsatz für die Kirchenunion auf der Gesandtschaftsreise rückte Nikolaus von Kues nach Meuthens Einschätzung „in die erste Reihe der europäischen Politiker“ und wurde zu einem Akteur im „großen Weltgeschehen“;Erich Meuthen: Nikolaus von Kues 1401–1464. Skizze einer Biographie. 7., überarbeitete Auflage. Münster 1992, S. 66. „kein deutscher Bischof seines Jahrhunderts“ habe das Bischofsamt „mit solchem seelsorgerischen Ernste“ versehen wie er.Erich Meuthen: Nikolaus von Kues 1401–1464. Skizze einer Biographie. 7., überarbeitete Auflage. Münster 1992, S. 111. Im Jahre 1992 erschien das Werk in siebter Auflage, 1973 kam eine japanische und 2010 eine englische Übersetzung heraus. Im Jubiläumsjahr 1964 veröffentlichte Meuthen auch die Darstellung Das Trierer Schisma von 1430 auf dem Basler Konzil. Zur Lebensgeschichte des Nikolaus von Kues, eine grundlegende Untersuchung über das frühe Leben des Cusanus. Dabei lag der Schwerpunkt auf dem Basler Konzilsverfahren gegen den Trierer Elekten Ulrich von Manderscheid, dessen Partei Nikolaus ergriffen hatte. Im Jahre 1977 gab Meuthen mit De maioritate auctoritatis sacrorum conciliorum supra auctoritatem papae („Über den Vorrang der Autorität der heiligen Konzilien über die Autorität des Papstes“) einen von ihm selbst entdeckten kirchenpolitischen Traktat des Cusanus aus dem Frühjahr 1433 heraus. Ausführlich arbeitete Meuthen in den 1980er Jahren die weitverzweigte Quellenlage zur Reise des Cusanus als päpstlicher Legat durch das Reich zwischen Dezember 1451 und April 1452 auf. Die Quellen zu dieser Reise erlauben zahlreiche Einblicke in die kirchlichen Verhältnisse und die Diplomatie.Erich Meuthen: Die deutsche Legationsreise des Nikolaus von Kues 1451/52. In: Hartmut Boockmann, Bernd Moeller und Karl Stackmann (Hrsg.): Lebenslehren und Weltentwürfe im Übergang vom Mittelalter zur Neuzeit. Politik – Bildung – Naturkunde – Theologie. Göttingen 1989, S. 420–499.