Der persische Korridor war eine Nachschubroute, über die die Vereinigten Staaten während des Zweiten Weltkriegs im Rahmen des Leih- und Pachtgesetzes über einen Zeitraum von viereinhalb Jahren fünf Millionen Tonnen militärische Ausrüstung und NachschubAdrian O’Sullivan: Nazi Secret Warefare in occupied Persia (Iran). Hampshire 2014, S. 31. durch Iran in die Sowjetunion transportierten. Die politische Bedeutung des Persischen Korridors reicht weit über die militärische Bedeutung hinaus. Mit der Errichtung dieser Nachschubroute wurden die USA in Iran zum bestimmenden politischen Faktor. Sie übernahmen die Rolle der Briten, die bis zu diesem Zeitpunkt die iranische Politik maßgeblich beeinflusst hatten. Der Persische Korridor führte hauptsächlich als Eisenbahnlinie von Bandar-e Schahpur (heute: Bandar-e Imam Chomeini) am Persischen Golf über Teheran nach Bandar Pahlawi (heute Bandar Anzali) am Südufer des Kaspischen Meeres. Es gab daneben weitere Verkehrsverbindungen nach Norden. Von Bandar Pahlawi gelangten die militärischen Ausrüstungsgüter per Schiff weiter nach Astrachan an der Mündung der Wolga in das Kaspische Meer und von dort aus mit Flussschiffen weiter nach Stalingrad. Der deutsche Angriff auf Stalingrad sollte 1942 den Weitertransport dieser Güter auf der Wolga nach Norden unterbrechen.

Hintergrund Nach der deutschen Invasion am 22. Juni 1941 wurden Großbritannien und die Sowjetunion Verbündete im Kampf gegen das Deutsche Reich unter Adolf Hitler. Reza Schahs Anstrengungen, mit Hilfe Deutschlands einen starken und unabhängigen Staat Iran aufzubauen, waren mit Beginn des Zweiten Weltkriegs ins Stocken geraten. Am 3. September 1939, dem Tag der Kriegserklärung Großbritanniens an das Deutsche Reich und zwei Tage nach dem deutschen Überfall auf Polen, erklärte Iran seine Neutralität.

Seit der Übernahme der Regentschaft durch Reza Schah am 15. Dezember 1925 hatte sich der Handel mit Deutschland zu Lasten Großbritanniens und der Sowjetunion vervielfacht. Das größte Projekt, das mit deutscher Hilfe in Angriff genommen worden war, war der Bau der Transiranischen Eisenbahn vom Kaspischen Meer im Nordosten bis zum Persischen Golf im Südwesten Irans. Darüber hinaus hatte man viele Bauprojekte zusammen mit den Deutschen geplant und realisiert. Dazu zählten die Hörsäle und Institutsgebäude der Universität Teheran, der Bau mehrerer Ministerien und des Zentralbahnhofs in Teheran. Seit Beginn des Krieges waren Warenlieferungen aus Deutschland nach Iran nur noch über die Sowjetunion möglich, da die Briten den Suezkanal kontrollierten und den Transport deutscher Güter durch den Kanal blockierten. Die Sowjetunion verzögerte ihrerseits Transporte aus Deutschland und lehnte Verhandlungen über ein Transitabkommen mit Iran ab. Der weitere Ausbau der Transiranischen Eisenbahn kam zum Erliegen.Cyrus Ghani: Iran and the rise of Reza Shah. I.B. Tauris 2009, S. 405.

Im April 1941 gab es im Irak einen Staatsstreich gegen die pro-britische Regierung. Der neue Machthaber, Raschid Ali al-Gailani, der bereits 1933 und 1940 für kurze Zeit Premierminister im Irak war, hatte 1940 mit dem deutschen Botschafter in der Türkei, Franz von Papen, Kontakt aufgenommen und eine enge Zusammenarbeit zwischen dem Irak und Deutschland vereinbart. Gailani forderte die britischen Streitkräfte umgehend auf, das Land zu verlassen. Auch Syrien war aufgrund der engen Beziehungen zu Vichy-Frankreich pro-deutsch. Mit dem Verlust des Irak und den pro-deutschen Regierungen in Damaskus und Teheran schien die britische Vorherrschaft im Nahen Osten dem Ende entgegenzugehen. Die in Basra stationierten britischen Truppen verließen den Irak jedoch nicht, sondern gingen noch im Mai gegen die irakischen Streitkräfte in die Offensive, marschierten nach Bagdad und setzten die Regierung Gailani ab. Die deutsche Luftwaffe versuchte, mit dem in den Irak verlegten Sonderkommando Junck (15 Heinkel 111 und 14 Messerschmitt 110, angeführt von Generalleutnant Werner Junck) die irakischen Truppen zu unterstützen, musste aber mangels Ersatzteilen und Flugbenzin aufgeben.

Trotz der engen Bindungen zwischen Iran und Deutschland hielt man es in Teheran zu Beginn des Krieges für möglich, dass die Neutralität Irans von den kriegsführenden Staaten beachtet würde. Dies änderte sich schlagartig mit dem deutschen Angriff auf die Sowjetunion. Bereits in der zweiten Juliwoche 1941 beauftragte das britische Kabinett seine Militärs, einen Angriff auf Iran zu planen und bei der Sowjetunion um Unterstützung nachzufragen. Die Sowjetunion war jedoch durch den überraschenden Angriff der Deutschen militärisch derart in Bedrängnis geraten, dass sie einen Angriff auf Iran zunächst ablehnte, da sie für den von den USA zugesagten Nachschub über die Transiranische Eisenbahn keine Gefahr sah. Für die Briten ging es jedoch nicht nur um die militärische Unterstützung der Russen durch US-amerikanische Lieferungen von Waffen, Lastwagen, Flugzeugen u. s. w., sie wollten vor allem die Ölanlagen im Süden und Norden Irans gegen Sabotageakte sichern. So musste unter allen Umständen verhindert werden, dass die weltgrößte Ölraffinerie in Abadan, die im Besitz der Anglo-Iranian Oil Company war, mit einer Jahresproduktion von 8 Mio. Tonnen Öl (Stand 1940) bei einem militärischen Zusammenbruch der Sowjetunion in deutsche Hände fiel. Weitergehende Überlegungen liefen auf eine Ablösung Reza Schahs und die Wiedereinsetzung der Kadscharendynastie hinaus, mit denen sowohl das zaristische Russland als auch Großbritannien über Generationen hinweg sehr erfolgreich zusammengearbeitet hatten (→ siehe: Vertrag von Sankt Petersburg (1907)).Gholam Reza Afkhami: The life and times of the Shah. UC Press 2009, S. 69.

Nachdem die deutsche U-Bootflotte Nordmeergeleitzüge nach Murmansk erschwert hatte und die Türkei nicht bereit war, Militärtransporte der Briten zur Unterstützung der Sowjetunion durch die Dardanellen zuzulassen, wurden sich Großbritannien und die Sowjetunion am 23. Juli 1941 einig, Iran zu besetzen. Der sowjetische Botschafter in Großbritannien traf an diesem Tag den britischen Außenminister Anthony Eden und berichtete ihm, dass seine Regierung nun bereit sei, Iran zu besetzen (Operation Countenance). Bis zum 7. August 1941 hatte man dann detaillierte Pläne für den Angriff ausgearbeitet. Ziel war es, die iranischen Ölfelder zu sichern und eine sichere Nachschublinie durch Iran aufzubauen, die es erlauben würde, militärische Güter per Schiff aus den USA durch den Suezkanal zum persischen Golf und von dort über den Landweg in die Sowjetunion zu transportieren.

Die Anglo-sowjetische Invasion

Nachdem entschieden war, Iran anzugreifen, wurden von den Briten in Indien stationierte Truppen in den Irak verlegt. Die Sowjetunion mobilisierte ihre Truppen an der nördlichen Grenze Irans. Am 16. August 1941 übergaben der britische Botschafter in Iran, Bullard, zusammen mit dem sowjetischen Botschafter, Smirnow, dem iranischen Außenminister Ameri ein Ultimatum. Alle Deutschen seien binnen 48 Stunden aus Iran auszuweisen. Zu diesem Zeitpunkt befanden sich in Iran noch ca. 470 deutsche Ingenieure und Techniker. Am 22. August 1941 gab Reza Schah dem russisch/britischen Ultimatum nach und verfügte die Ausweisung aller Deutschen, die nicht unbedingt benötigt würden. Am 25. August 1941 marschierten 35.000 britische und 120.000 sowjetische Soldaten vom Norden, Süden und Westen in Iran ein.Gholam Reza Afkhami: The life and times of the Shah. UC Press 2009. S. 69 f.

Reza Schah hatte General Hadsch Ali Razmara mit den Vorbereitungen zur Landesverteidigung beauftragt. Die Sprengung von Brücken, Eisenbahnstationen oder die Durchführung von Sabotageakten durch Armeeeinheiten war untersagt worden. Rasht, Qazvin und Tabriz wurden von sowjetischen Flugzeugen bombardiert.Hassan Arfa: Under five Shahs. London 1964, S. 298. Da schnell klar wurde, dass militärisch gegen das britisch/sowjetische Invasionskorps wenig auszurichten war, erklärte Iran am 26. August 1941 einen einseitigen Waffenstillstand. Am 27. August trat Premierminister Ali Mansur zurück. Reza Schah ernannte Mohammad Ali Foroughi zum neuen Premierminister, der umgehend mit dem britischen und dem sowjetischen Botschafter zusammentraf. Sie forderten die sofortige Abdankung Reza Schahs und den Thronverzicht des Kronprinzen Mohammad Reza. Die Briten dachten zunächst an die Wiedereinsetzung eines Kadscharenprinzen, Mohammad Hassan, schlugen dann aber vor, dass ein von ihnen bestimmter Vizekönig die Regierungsgeschäfte übernehmen solle. Die Frage der Ablösung der Pahlavis durch einen Kadschar wurde von den Briten sowohl in den 1940er wie in den 1950er Jahren in Betracht gezogen. Als problematisch erwies sich allerdings, dass Hamid, der Sohn Mohammad Hassans, der ebenfalls als Thronprätendent in Frage kam, inzwischen den Nachnamen Drummond angenommen hatte, britischer Staatsbürger geworden war, in der britischen Handelsmarine diente und kein Wort Persisch sprach.Gholam Reza Afkhami: The life and times of the Shah. UC Press 2009, S. 67 und 75.

Am 30. August 1941 wurde Iran von der Sowjetunion und den Briten in drei Zonen geteilt. Die nördliche Zone fiel unter die Verwaltung der Sowjetunion und die südliche Zone mit den Ölgebieten unter die Großbritanniens. Nur ein schmaler Streifen in der Mitte des Landes rund um Teheran verblieb unter iranischer Kontrolle. Am 14. September forderten der britische und sowjetische Botschafter Reza Schah ultimativ auf, bis zum 17. September 12 Uhr zurückzutreten. Sollte dies nicht geschehen, würde Teheran besetzt, die Monarchie abgeschafft und eine Besatzungsverwaltung errichtet werden. Vorausgegangen war eine von Winston Churchill initiierte Propagandakampagne über einen im Irak stationierten britischen Radiosender. In den an das iranische Volk gerichteten Sendungen wurde Reza Schah vorgeworfen, dass er sein Volk schlecht regiere, es seit Jahren ausbeute und sich auf Kosten der hart arbeitenden iranischen Bevölkerung schamlos bereichere.Gerard de Villiers: Der Schah. 1975, S. 116.

Am Morgen des 16. September 1941 (25. Shahrivar 1320) unterzeichnete Reza Schah seine Abdankungserklärung zu Gunsten seines Sohnes Mohammad Reza. Um 9.30 Uhr stimmte das Parlament (Majlis) der Abdankung zu. Um zu verhindern, dass Mohammad Reza vor seiner Vereidigung als Schah von britischen oder sowjetischen Agenten festgesetzt wird, wurde er in Zivil in einem alten Chrysler zwischen Vorder- und Rücksitz versteckt über den Dienstboteneingang ins Parlament gebracht. Um 16 Uhr schwor er vor dem Parlament den Treueeid auf den Koran und übernahm ab dem 17. September 1941 die Regierungsgeschäfte als Schah.Gerard de Villiers: Der Schah. 1975, S. 122 f.

Das Dreimächteabkommen links|miniatur|hochkant=1.5|Karte der Hauptrouten der Hilfstransporte nach Russland Noch am 17. September 1941 marschierten die britischen und sowjetischen Truppen in Teheran ein. Rasch übernahmen britische und sowjetische Beamte die Kontrolle in allen Ministerien. Am 27. Oktober 1941 wurde Mohammad Reza Schah von den Botschaftern Großbritanniens und der Sowjetunion informiert, dass er nur noch repräsentative Funktionen wahrzunehmen habe. Der 22 Jahre alte Schah wehrte sich erfolgreich gegen seine Entmachtung. Am 29. Januar 1942 wurde vom iranischen Parlament das von Premierminister Forughi und den britischen und sowjetischen Botschaftern ausgehandelte Dreimächteabkommen ratifiziert, in dem die territoriale Integrität Irans und der Abzug der alliierten Truppen nach Ende des Zweiten Weltkriegs garantiert wurden. Im Gegenzug wurde den Alliierten die vollständige Kontrolle über alle Verkehrs- und Nachrichtenverbindungen, wie Eisenbahn, Straßennetz, Flugplätze, Häfen, Pipelines, Telefonnetz und Rundfunk, eingeräumt. Damit war der Transportweg vom Persischen Golf durch Iran zum Kaspischen Meer und dann weiter auf Schiffen nach Astrachan frei.

Der Beginn der Hilfslieferungen mini|150px|Harry Hopkins, 1941