mini|Lage des Kastells am DIRL (Rheinlinie) mini|Römischer Follis mit dem Porträt des Diokletian, geprägt in Treveri (Trier) um 300 n. Chr. (Classic Numismatic Group, Inc., CNG) mini|Blick aus West auf das linke Rheinufer. Rechts von der Brücke die Johanneskirche oder “Kirche Uf Burg” (Kastellareal), im Hintergrund das heutige Eschenz (Areal des Vicus) mini|Werdinseln vom Nordwesten aus gesehen mini|Lageskizze Kastelle, Vicus, Gräberfeld mini|Darstellung des Stadtteils Vorderbrugg auf einem Stich von Johann Jakob Mentzinger, 1662. Bei der Johanneskirche sind die Reste des römischen Kastells zu erkennen (rote Markierung) mini|Befundplan des Kastells
mini|Reste der Südmauer mini|Reste der Toranlage
mini|Befundskizze der Vicustherme von 1875 mini|Kloster St. Georgen in Stein am Rhein mini|Replik einer spätkeltischen Holzstatue, entdeckt 1977 in einem römischen Abwasserkanal des Kastellvicus, Datierung: ca. 9 v. Chr. ± 10 Jahre (vorarlberg museum, Bregenz) mini|„Jagdschale“ aus dem Gräberfeld „I de Hofwiese“, Grabbeigabe des 4. Jahrhunderts; zweifarbige Glasschale mit Darstellung einer Panther- und Bärenjagd bzw. Tierhetze im Zirkus mit griechischer Inschrift ΠΙΕ ΖΗΣΑΙΣ (“Trinke und lebe”). Museum zu Allerheiligen, Schaffhausen alternativtext=Goldbecher|mini|Endneolithischer Goldbecher von Eschenz, Alter: ca. 4400 Jahre
Tasgetium ist der Sammelbegriff für ein spätrömisches Grenzkastell des Donau-Iller-Rhein-Limes, ein Brückenkopfkastell, sowie für eine hochkaiserzeitliche und spätantike Zivilsiedlung. Sie befinden sich auf dem Gemeindegebiet von Eschenz (Stadtteil Vor der Brugg), Bezirk Frauenfeld, Kanton Thurgau und in Stein am Rhein (St. Georgs-Kloster), Kanton Schaffhausen, Schweiz.
Eine gleichnamige Zivilsiedlung bestand bereits seit dem 1. Jahrhundert, sie erstreckte sich entlang einer Römerstrasse 500 Meter östlich des Kastells in Eschenz. Archäologische Funde sowie eine fragmentarisch erhaltene Bauinschrift belegen, dass von den Römern in der beginnenden Spätantike am linken Rheinufer ein Kastell errichtet wurde, dessen Besatzung dort einen wichtigen Flussübergang sicherte. Rechts des Rheins stand zusätzlich ein kleines, befestigtes Brückenkopfkastell. Bei Grabungen wurde auch ein spätrömischer Friedhof entdeckt. Eine gewisse Siedlungskontinuität lässt sich bis ins Mittelalter nachweisen; so wurden mehrere mittelalterliche Gebäude auf den Fundamenten römischer Bauten errichtet. Im Zentrum des Kastellareals steht heute die Johanneskirche. Bedingt durch die reichen Funde rund um das Kastell, später auch am rechtsrheinischen Ufer im Kloster St. Georg, gehören Eschenz und Stein am Rhein zu den archäologisch bedeutendsten antiken Fundorten der Schweiz.
Name Tasgetius/Tazgetios war ursprünglich ein Männername, der laut Gaius Iulius Caesar unter anderem beim gallischen Stamm der Karnuten gebräuchlich war. Der antike Ortsname Tasg(a)etium wurde von den Römern nach Ansicht einiger Forscher von der keltischen Vorgängersiedlung übernommen, die vielleicht von einem Mann namens Tasgo gegründet worden sein könnte oder die lokalen Besitztümer des Tasgetios bezeichnete. Die Römer ersetzten nur die keltische Endung durch das lateinische Suffix -ium. Der römische Name des Ortes geriet später wieder in Vergessenheit. Die Bezeichnung „Burg“ für den Kastellhügel ist seit der Zeit Kaiser Ottos I. belegt.Hildegard Urner-Astholz 1939, S. 158–159, Gaius Iulius Caesar, bellum Gallicum, V, 25
Lage Das spätantike Kastell befindet sich am linken Ufer des Rheins auf einer Erhebung (Uf Burg) am Südufer des Ausflusses des Untersees (Bodensee bzw. Orkopf). Der Vicus lag im Umfeld eines kleinen Bachdeltas auf Höhe einer Flussinselgruppe. In römischer Zeit führten hier Holzbrücken über den Rhein, wobei die Ostspitze der Inselgruppe als Aufleger genutzt wurde. Der Gewässerübergang kanalisierte den Verkehr über Land vom südlichen Bodenseegebiet gegen Norden in den Hegau Richtung Limes und umgekehrt. In der Antike befand sich dort die Grenze der römischen Provinz Maxima Sequanorum, die um 297 n. Chr. aus der Germania superior (Obergermanien) hervorging. Der genaue Verlauf der Grenze zur Raetia I ist unbekannt. Tasgetium lag wohl noch auf raetischem Gebiet, im Süden verlief die Grenze zwischen Zürich- und Walensee. Die Linie Basel – St. Margrethen bildete in römischer Zeit zweimal die Reichsgrenze: Im 1. Jahrhundert n. Chr. bis zur Eroberung des Dekumatlandes und ab etwa 260 bis zum Anfang des 5. Jahrhunderts.Elisabeth Ettlinger 1959, S. 231–232, Benguerel/Leuzinger: 2017, S. 50ff.
Strassenverbindung Die Römerstrasse, in der Literatur „rätische Grenzstrasse“Friedrich Hertlein, Peter Goessler: 1930, S. 172–177. genannt, führte von Tasgetium über Rielasingen, Singen, Friedingen, Steisslingen, Orsingen, Vilsingen, Inzigkofen nach Laiz an eine Furt durch den Danubius (Donau). In Orsingen gab es eine Abzweigung nach Pfullendorf und Burgweiler. In der Gegend des Dürren Ast gibt es eine Abzweigung über Schweingruben und das Ablachtal nach Messkirch, Krauchenwies und Mengen-Ennetach. Es kann auch eine gut ausgebaute Strasse zwischen Vitudurum (Oberwinterthur) und Tasgetium vorausgesetzt werden.Hansjörg Schmid, Hans Eberhardt 1999, S. 101.
Forschungsgeschichte Das Kastell in Eschenz ist schon lange bekannt. Die Funde von Inschriften und die Brückenreste im Seegrund erregten ab dem 16. Jahrhundert das Interesse der Gelehrten. 1548 wurde in der Stumpf-Chronik das „… alte Kastell auf Burg bei Stein …“ erwähnt. Erste archäologische Forschungen setzten 1741 ein, als man beim Bau der Friedhofsmauer im Kastellinnern eine Weihinschrift für den Flussgott Rhenus entdeckte. Im 16. Jahrhundert fand man in der Johanneskirche auch die fragmentarische Bauinschrift des Kastells, die es datiert und die von Theodor Mommsen 1850 interpretiert wurde. Die römischen Brückenreste bei Eschenz wurden im 18. Jahrhundert auf Plänen eingetragen, auch die zahlreichen Münzfunde aus dem Rheinbett nahe den Brücken waren immer wieder eine Erwähnung wert. Im Bereich der Zivilsiedlung setzten Grabungen von Mitarbeitern des Rosgartenmuseums erst im späten 19. Jahrhundert ein. Grosse Aufmerksamkeit erregten 1874/1875 die Ausgrabungen von Bernhard Schenk in den Thermen der Zivilsiedlung auf der Dienerwiese. Die im Gebäudekomplex entdeckte Bauinschrift belegte, dass die Anlage von den besser gestellten vicani mit eigenen Mitteln saniert wurde. Noch bedeutender war die Entdeckung einer Steininschrift mit den Buchstaben „TASG“, die den Forschern den antiken Ortsnamen Tasgetium enthüllte, der nicht, wie irrtümlich angenommen, Gaunodurum lautete.
Von der Mitte des 20. Jahrhunderts an wurden auch die zum Teil noch sichtbaren Kastellmauern und ihre Innenbereiche archäologisch untersucht. Meistens waren es städtebauliche Veränderungen, die die Archäologen für Notgrabungen vor Ort nutzten. Dadurch konnten auch bald die meisten der Kastelle in der Umgebung von Eschenz lokalisiert werden, wie etwa Brigantium (Bregenz) und Arbor Felix (Arbon). In Constantia (Konstanz) gelang dies erst im Jahr 2003. In Tasgetium (Stein am Rhein) und Ad Fines (Pfyn) zeigten dagegen oberirdisch noch sichtbare Mauerreste an, wo die einstigen Kastelle gestanden hatten.
In den Jahren 1931 bis 1935 führte der erste thurgauische Kantonsarchäologe Karl Keller-Tarnuzzer (1891–1973), unterstützt durch Erzbischof Raymund Netzhammer (1862–1945), umfangreiche Grabungen auf der Insel Werd durch, wo zahlreiche Überreste von Pfahlbausiedlungen aus der Jungstein- und Bronzezeit entdeckt wurden. Bei diesen Untersuchungen kamen aber auch römische Funde zu Tage. Die Kunsthistorikerin Hildegard Urner-Astholz (1905–2001), die im Pfarrhof der Johanneskirche uf Burg lebte, begleitete einige Notgrabungen und publizierte 1942 eine Zusammenfassung der Ergebnisse, die für lange Zeit die einzige Beschreibung des römischen Vicus blieb. Ebenso wichtig waren die Feldbeobachtungen von Alfons Diener (1923–2006), der ab 1960 alle Bauvorhaben wie Leitungsgräben, Baugruben und sonstigen Bodeneingriffe überwachte und dabei unzählige Objekte bergen und so vor der Vernichtung oder dem Verschwinden bewahren konnte. Mutwillige Beschädigungen, wie das Ausreissen von römischen Brückenpfählen zu Beginn der 1970er-Jahre, setzten den Fundstellen zu. Erst nachdem Jost Bürgi als Kantonsarchäologe im Jahr 1973 eingesetzt worden war, gelang es, die während der Bauprojekte zum Vorschein gekommenen Funde und Befunde besser zu dokumentieren und allmählich wirksame Präventivmassnahmen für die Erhaltung der antiken Überreste zu erarbeiten. Zwischen 1971 und 1987 unternahm die Kantonsarchäologie Schaffhausen umfangreiche Grabungen im ehemaligen spätrömischen Kastell uf Burg. 1983 wurde der Verein für Dorfgeschichte gegründet, der in der umgebauten Liegenschaft „Blauer Aff“ 1991 ein Museum einrichtete.
Dank der stark grundwasserführenden Bodenschichten förderten die archäologischen Ausgrabungen in Unter-Eschenz in den letzten 100 Jahren sehr gut erhaltene Baustrukturen aus Holz sowie unter dem Luftsauerstoff-Abschluss erhaltenes organisches Fundmaterial (Leder, Holz, Samen und Früchte) ans Tageslicht. Bauteile aus Holz gaben nicht nur Auskunft über die damalige Zimmermannstechnik, sondern auch Holzartenauswahl und Waldwirtschaft. Dank der Dendrochronologie lassen sich die Gebäude oft sogar jahrgenau datieren. Nach 2000 fokussierten sich Grabungsarbeiten auf die Region Eschenz (Unter-Eschenz). Bei den Grabungskampagnen zwischen 2005 und 2006 wurde das Areal bei der 1738 abgebrochenen Vituskirche untersucht. Unter den Gräbern lagen wieder Schichten aus römischer Zeit zum grossen Teil in sehr feuchten Böden. An der Nordmauer des St.-Vitus-Friedhofs hatten sich deshalb auch organische Materialien über die Jahrhunderte, wie zum Beispiel Bauhölzer der Häuser und Bestandteile von Wegen oder Wasserkanälen aus den ersten zwei Jahrhunderten n. Chr., sehr gut erhalten. Durch die Jahresringanalyse war ihre exakte Datierung möglich. Andere Materialien wie Tierknochen und pflanzliche Speiseabfälle liessen Rückschlüsse auf die Ernährungsgewohnheiten der Bewohner zu. Neben unzähligen Keramikscherben konnten Gegenstände des täglichen Gebrauchs aus Leder und sogar Textilien geborgen werden. Diese Feuchtbodenerhaltung macht Eschenz zu einer der wichtigsten Quellen nördlich der Alpen für römische Alltagsgegenstände aus vergänglichen Materialien. 2009 fanden im Gewann Orkopf bei der Badi Eschenz Untersuchungen durch Taucher statt. Um den Grundriss der Vicustherme wieder genau einmessen zu können, aber auch um die bekannten Baustrukturen von Tasgetium zu ergänzen, führte das Thurgauer Amt für Archäologie im Herbst 2010 eine geophysikalische Prospektion auf der Dienerwiese durch.Benguerel/Leuzinger: 2017, S. 50ff.
Entwicklung Vorrömische Zeit Jungsteinzeitliche Bauten bezeugen eine sehr frühe Besiedlung der Insel Werd und des nahen Seeufers. Von dieser Zeit an war die Gegend kontinuierlich besiedelt. Dementsprechend wurden zahlreiche bemerkenswerte Funde gemacht, teilweise von überregionaler Bedeutung. Darunter befinden sich der berühmte Goldbecher von Eschenz (entstanden 2000 v. Chr.) und eine gallorömische Holzfigur (60–70 n. Chr.).Archeologie Kanton Thurgau: Gang durch die Geschichte von EschenzMuseum für Archäologie Thurgau
Zeitenwende bis 2. Jahrhundert