Umwelt bezeichnet etwas, mit dem ein Lebewesen (oder etwas, das in Analogie zu einem Lebewesen behandelt wird) in kausalen Beziehungen steht. Der Umweltbegriff ist zu unterscheiden vom Begriff der Umgebung, der räumlich (und nicht kausal) definiert ist.Ludwig Trepl: Allgemeine Ökologie. Band 1: Organismus und Umwelt. Lang, Frankfurt am Main, S. 106 ff.; vgl. 1. Uexküll, Jakob von 1909: Umwelt und Innenwelt der Tiere. Springer, Berlin 2005.
Begriffsgeschichte mini|Auch assoziativ wird mit dem Begriff Umwelt die den Menschen umgebende Natur gemeint. Oft in idyllisierender Sichtweise.
Das Wort war ursprünglich eine seit 1800 belegte Lehnübersetzung aus dem Dänischen omverden mit der Bedeutung „umgebendes Land, umgebende Welt“.Baggesen: Poet. w. 2, zitiert nach In der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts wurde Umwelt zusätzlich ein Ersatzwort für das aus dem Französischen entlehnte Milieu.
Milieu war ursprünglich eine Bezeichnung für das (materielle oder immaterielle) Substrat oder Medium, innerhalb dessen Leben entsteht und stattfindet – eine Hypothese der seinerzeitigen Lebenswissenschaften, das im Ansatz dem Äther-Konzept der Physik nahestand: Die substanzielle Qualität dieses „Milieus“ aufzuklären, galt als zentrale Frage, um Theorien wie Urzeugung auch theoretisch zu widerlegen. Maßgeblich für die in den letzten Jahrzehnten dominierende Bedeutung „Die Umgebung eines Lebewesens, die auf dieses einwirkt und seine Lebensumstände beeinflusst“ war das 1909 von Jakob Johann von Uexküll veröffentlichte Buch Umwelt und Innenwelt der Tiere.
Der Referenzbezug auf das Individuum unterscheidet den Begriff inhaltlich von nahe liegenden Begriffen wie Ökosystem oder Natur.
Umwelt in der politisch-ökologischen Debatte
In der politischen Debatte seit Ende der 1960er Jahre ist der Begriff Umwelt – und seine Bedeutung – mit der Ökologiebewegung verknüpft. In der realen politischen Auseinandersetzung wird er oft synonym mit dem Wort Natur verwendet, manchmal auch dem Wort Ökologie. Dieser unterschiedliche Gebrauch macht ihn einerseits unscharf, andererseits rekurriert er damit auf die den Menschen umgebende Welt.
Erst spät setzte auch eine ethische Debatte darüber ein, welche moralischen Argumente für den Schutz der Umwelt gelten könnten.
Umwelt im Ökologiediskurs Seinen Ausgangspunkt hat der Umweltbegriff im politischen Kontext in Bezug menschengemachter Einflüsse auf die den Menschen umgebende Natur, die sich im Regelfall negativ darstellte. Deutlich war an diesem Umweltbegriff seine menschliche Perspektive (Anthropozentrismus): Im Wesentlichen sollte die menschliche Umwelt weiterhin lebenswert erhalten werden. mini|Die Lüneburger Heide ist ein Beispiel dafür, wie sich menschengemachte Umwelt (sie entstand im Neolithikum durch Überweidung weit verbreiteter Wälder) auch positiv darstellen kann.
Umwelt und die Nachhaltigkeitsdebatte Daran hat sich mit der Überführung in die Nachhaltigkeitsdebatte zunächst nichts geändert. Neben der Einbeziehung inter- und intragenerationeller Gerechtigkeitsüberlegungen und einer tragfähigen ökonomischen Perspektive geht es vor allem darum, den nachkommenden Generationen eine Umwelt zu hinterlassen, in der sie ähnlich leben können wie die heutige Generation. In diesem Zusammenhang kommt dem Umweltbegriff dennoch eine neue Bedeutung zu: Bei der Diskussion um die Verwundbarkeit (Vulnerability oder Vulnerabilität) von Menschen als Maßstab des Handelns, um beispielsweise den Klimawandel zu verhindern oder dessen Auswirkungen zu begrenzen. Die Verwundbarkeit spezifischer Menschengruppen ist eng an deren geografische und natürliche Umwelt – und die Auswirkungen, die beispielsweise der Klimawandel darauf haben wird – gekoppelt. Eine besondere Rolle spielt dabei die sozio-kulturelle Umwelt: Für Arme sind die Auswirkungen von Umweltzerstörungen in der Regel besonders drastisch.
Umwelt in der Pädagogik und Bildung Umweltbildung, die in den 1970er Jahren aufgrund der Umweltbewegung als Bildungsansatz eingeführt wurde, war der Vorläufer einer Bildung für nachhaltige Entwicklung. Sie wurde jedoch mit der Bildung für nachhaltige Entwicklung nicht überflüssig oder verdrängt, denn nach wie vor ermöglicht das Lernen im direkten Kontakt mit der Natur unmittelbare Lernerfolge. Moderne Natur- und Umweltbildung hat sich jedoch didaktisch weiterentwickelt und inhaltlich sowie methodisch den theoretischen Überlegungen systemischer Zusammenhänge angepasst. Insofern verwendet sie viele Elemente systemtheoretischen Denkens oder erlebnispädagogische Ansätze. Über solcherart praktische Übungen und persönliche Erfahrungen sollen komplexe Zusammenhänge erfahrbar gemacht werden, um handlungswirksam im Sinne des Schutzes der Umwelt zu werden.
Umwelt in den Geisteswissenschaften mini|Menschen können sich durch Technologien ihre Umwelt (bzw. deren Bedingungen) mitnehmen und so selbst in sonst lebensfeindlichen Umwelten, wie etwa dem Weltraum, leben.
Umwelt in der philosophischen Anthropologie Im Rahmen der philosophischen Anthropologie bekam der Umweltbezug durch Max Scheler einen wichtigen Impuls. Auf die generelle Frage nach dem Wesensunterschied von Menschen zu Tieren postulierte er mit der Sonderstellung des Menschen ein wichtiges Prinzip: Die (Um-)Weltoffenheit des Menschen. Als geistiges Wesen ist der Mensch nicht mehr „trieb und umweltgebunden, sondern „umweltfrei“ und, wie wir es nennen wollen, „weltoffen“: Ein solches Wesen hat „Welt““.Scheler: Die Stellung des Menschen im Kosmos. 2002, S. 38. Tiere, bzw. Lebewesen allgemein, sind in ihre jeweilige Umwelt eingebunden, da sie eine spezifisch lebenswichtige Umgebung darstellt. Die Entwicklung ist ein Wechselspiel der Anpassung der Lebewesen an ihre Umwelt, wie die Evolutionstheorie zu zeigen vermag. Tierisches Verhalten ist so in einem weiten Sinne von ihrer Umwelt vorgegeben. Menschen unterscheiden sich (auch) dadurch von Tieren, dass sie sehr viel weniger an die Umwelt zurückgebunden sind.„Die Form eines solchen Verhaltens ist die der „Weltoffenheit“, der prinzipiellen Abschüttelung des Umweltbannes […] Menschwerdung ist Erhebung zur Weltoffenheit kraft des Geistes“ (Scheler: Die Stellung des Menschen im Kosmos. 2002, S. 40.) Im Gegenteil: Menschen können sich ihre eigene Umwelt schaffen, zum Teil auch in lebensfeindlicher Umgebung (wie etwa die internationale Raumstation ISS zeigt). Und sie können sich durch ihren Verstand in die Lebens(um)welt von Tieren versetzen.
Im Laufe der wissenschaftlichen Debatte wurde der ursprünglich sehr enge Kontext der Umwelt erweitert. Neben der „psychologischen Umwelt“, als Summe der Eigenschaften und Merkmale, die Lebewesen zu artspezifischen Aktionen und Reaktionen veranlasst, wurde die „physische Umwelt“ (abiotische und kosmische Umwelt) und für Menschen die „sozio-kulturelle Umwelt“ (soziale, technologische, ökonomische und kulturelle Umwelt) hinzugefügt.C. George Boeree: Persönlichkeitstheorien bei Ludwig Binswanger (1881–1966). online, S. 9, 16 zu Stw. „persönliche Welt“, S. 16 zu Stw. „Eigenwelt, Mitwelt, Umwelt“.
Umwelt in der Psychologie Die Entwicklung der Persönlichkeit von Menschen ist dabei am stärksten von der sozio-kulturellen Umwelt, verstanden als Milieu, abhängig. Diesem Umstand widmet sich die Entwicklungspsychologie, indem sie davon ausgeht, dass Gegenstands- und Umweltbezug im Laufe des Alters beträchtlich wechseln.R. Oerter: Der ökologische Ansatz. In: R. Oerter, L. Montada (Hrsg.): Entwicklungspsychologie. Psychologie-Verlags-Union, Weinheim 1987, S. 87–128.„Das Kind verläßt den Lebensraum Familie und betritt die Umwelt Schule […] Der Eintritt ins Berufsleben bringt erneut einen Umweltwechsel großen Ausmaßes mit sich […]“ (R. Oerter: Der ökologische Ansatz. S. 88.) Der Begriff Lebensraum betont diese subjektive Komponente der Umwelt, während Setting, analog den Begriffen Natur oder Ökosystem, allgemein einen objektiveren Zugang darstellt. Die verhältnismäßig junge Disziplin der Umweltpsychologie befasst sich vor allem unter dem Aspekt der Wechselwirkung mit dem Handeln des Menschen sowie den Einstellungen von Menschen insbesondere zum Schutz der Umwelt.
Ethik und Umwelt
mini|Mit dem ökologischen Fußabdruck soll eine Abschätzung der Folgen menschlichen Verhaltens auf die Umwelt anschaulich gemacht werden. Dies ist ein wichtiger Ansatz in der moralisch-ethischen, aber auch politischen Umweltdiskussion.
Der Vorwurf des Anthropozentrismus hat eine Diskussion innerhalb der ethischen Disziplinen über die Begründung einer Umweltethik entfacht, die bis heute andauert. Ausgehend vom Versuch Hans Jonas’, einen kategorischen Imperativ technologischer Gesellschaften (1984) gegenüber der Umwelt zu begründen, werden verschiedene Prinzipien moralischer Rechtfertigung, wie etwa die Leidensfähigkeit von Tieren (Pathozentrismus) oder ein abstraktes Lebensprinzip (Biozentrismus) diskutiert. Honnefelder (1993) verweist in diesem Zusammenhang auf das Problem, dass eine Ethik, die Umwelt nicht nur in Bezug auf den Menschen hin schützen soll, sondern Umwelt als einen eigenständigen Wert anerkennen will, vielleicht besser „ökologische Ethik“ genannt werden sollte. Doch die „Anthroporelativität aller Normen im Sinn eines Bezugs auf den Menschen als Normadressaten“,Honnefelder 1993, S. 259. sowie die Gestaltungsnotwendigkeit des Menschen gegenüber seiner Umwelt, lässt den Begriff Umweltethik weiterhin gerechtfertigt erscheinen.„Natur erscheint aber nicht nur als das Menschen Bedingende und Umgreifende, das in seiner allem Handeln voraufgehenden Eigengesetzlichkeit Schutz beansprucht, sondern auch als das vom Menschen Gemachte und Geformte, das in seiner Gestalt Schutz beansprucht, weil diese Gestalt Teil der Kultur ist, das heißt Teil des Entwurfs des gelingenden Lebens der jeweiligen Gesellschaft ist. In diesem Sinn gehört zu der zu schützenden Natur auch das Kulturdenkmal in der bebauten Natur.“ (Honnefelder 1993, S. 262) Und das nicht nur als sogenannte „Bindestrich-Ethik“ (wie etwa Unternehmensethik oder Institutionenethik), sondern – neben der Individual- und Sozialethik – als eigenständige Disziplin.
Zeit und Umwelt Es kristallisiert sich immer mehr heraus, dass Umwelt eine besondere Beziehung zur Zeit hat. Die zeitliche Komponente besteht zum einen darin, dass sich Umwelten für Menschen jeweils historisch unterschiedlich darstellen. Dies betrifft sowohl die reine Umgebung, die sich im Laufe der Zeiten ändern (können), als auch den Blick, den Menschen jeweils auf ihre Umwelten richten. Aber auch die vielfältigen Wechselbeziehungen, beispielsweise lebender Systeme zu ihrer Umwelt, unterliegen zeitlichen Veränderungen. Insofern ist eine wichtige Aufgabe, adäquate „Zeitmaße für die Umwelt“ zu finden. Eine „Ökologie der Zeit“ bedeutet dabei nicht, „ökologisch relevanten Fragestellungen nun auch noch Zeitaspekte ergänzend hinzuzufügen“. Das Verhältnis ist insofern grundlegender, als Umwelt und Zeit ein eigenständig zu erforschendes Thema darstellen und damit eine neue Aufgabenstellung entstanden ist.siehe hierzu vor allem Held 1993, S. 13 bzw. Held & Geißler 1993. Wenn ein konkreter Raumausschnitt als Umwelt in seiner Entwicklung über mehrere Jahrtausende betrachtet wird, treten die unterschiedlichen Ursachen zutage, die zu seiner Entwicklung führten. Außerdem werden die Rückwirkungen und Wechselwirkungen zwischen dem Wirken der menschlichen Gesellschaft, der Landschaft, der Artenvielfalt und dem Klimawandel deutlich.Thomas Kausch: Landschaften. Was sie uns über das Artensterben und den Klimawandel verraten. München 2024, ISBN 978-3-9872613-1-2.
Umwelt in der Soziologie In der soziologischen Debatte spielt Umwelt eine wichtige Rolle in verschiedenen Bereichen: